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Donnerstag, 07 März 2013
Der Gegenlauf PDF Drucken E-Mail schreiben
Donnerstag, den 07. März 2013 um 09:11 Uhr

Ein schmales aber starkes Bändchen ist anzuzeigen, es umfasst gerade einmal 103 Druckseiten. Das Umschlagbild verführt in Kindergartenzeiten: Es zeigt Hans-Guck-in-die-Luft aus dem Struwwelpeter. Wohlgemut vor sich hin pfeifend guckt Hans in den Himmel, ohne wahrzunehmen, dass er beim nächsten Schritt den sicheren Boden unter den Füßen verlieren wird und ins Wasser plumpsen muss.

Friedrich Gaede, Dr. phil., Professor Emeritus, parallelisiert diese Szene mit dem Ikarosschicksal im griechischen Mythos, mit dem Sturz des Philosophen Thales in den Brunnen, begleitet vom Lachen einer thrakischen Magd, mit dem mythischen Modell für den Hochmut, der im Absturz Luzifers, des gefallenen Engels, endet.

Es sind die Verstand-gesteuerten Hochstrebenden, die tief fallen. Die These des materialreichen Büchleins: Der überspitzte Verstand führt im „Gegenlauf“ in die Katastrophe, wenn er nicht durch Vernunft gezähmt wird. Verstand ohne Vernunft ist geistige Blindheit. „Wenn geistige Blindheit den automatischen Gegenlauf geschehen läßt, treten Hass, Hochmut und Zerstörung an die Stelle von Einklang oder Liebe, Demut und Schöpfung, so daß es ebenso zu individuellen wie auch zu politischen und anderen sozialen Folgen kommt, die katastrophal sind.“ (S.26)

Friedrich Gaede gelingt eine überzeugende und glänzende Analyse unserer Zeit mit ihren individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen, vom Irrsinn der Kriege über den Wahnsinn der Atomtechnik bis zum Unsinn der heutigen Finanzwirtschaft. Die  Überwindung dieser Gefährdungen sieht Gaede in einer Rehabilitierung der Vernunft. Kein leichtes Unterfangen, wie auch er weiss. „Der Vernunftbegriff, der in der griechischen und mittelalterlichen Philosophie sein Fundament hat und der in der mit Leibniz beginnenden großen deutschen Metaphysik seine Entfaltung findet, ist heute das am meisten unterschätzte Grundelement im geistigen und damit auch politischen Potenzial Europas.“ (S.97)

Wer sich nun müde-überlegen postmodern von dem angezeigten Buch „Der Gegenlauf“ abwendet, bevor er es studiert hat, verwirkt jedes Recht, seine blasse Vernunftkritik weiter in die Welt hinaus zu posaunen.

Friedrich Gaede: Der Gegenlauf. Das „grausame Gesetz“ der Geschichte. Würzburg 2012

www.friedrichgaede.de

Eine aktuelle Ergänzung:

Das neuzeitliche Postulat von der Autonomie des Verstandes führt zur gegenläufigen Selbstzerstörung. Nachdem Mythos und Religion ihren Schutzwall gegen die Hybris des berechnenden Denkens eingebüßt haben, und nachdem die Vernunft sie bisher nicht zu ersetzen vermochte, treiben die maßlosen Titanen unserer Zeit auf den Eisberg zu. Vorboten der großen Katastrophe waren die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert, waren die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, waren die Nuklearkatastrophen mit Jahrhunderte andauernden Langzeitfolgen von Tschernobyl und Fukushima.

Wie sehr die Weltöffentlichkeit von der internationalen Atomlobby und von der japanischen Regierung belogen und betrogen wurde, dokumentierte am 06.03.2013 auf 3sat die Sendung:

Fukushima und die Wahrheit hinter dem Super-Gau.

Vgl. auch den Tagebucheintrag:  Fukushima - eine Erzählung in nationalen Geschichten?

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