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Samstag, 23 Dezember 2017
Uffizien PDF Drucken E-Mail schreiben
Samstag, den 23. Dezember 2017 um 06:38 Uhr

"Sooft ich aus den Uffizien komme, setzt mir auf der Terrasse eines Cafés an der Piazza delle Signoria der Ober einen giftig dampfenden Schwarzen vor; ich empfinde Ekel...

Den Ekel löst die Empfindung aus, daß ich in einer Welt leben muß, in der man Kunst zu nennen wagt, was nichts anderes ist als eine perverse Leugnung , Zersetzung, Verzerrung all dessen, was Menschen jemals ersonnen und geschaffen haben.

Ekel, daß ich in einer Welt lebe, in der die Uffizien und ähnliche Säle zwar noch Beweise für den hohen Energiegrad des schöpferischen Geistes hüten, aber gleichzeitig maschineller Krach, den man Musik nennt, durch die Welt kreischt, statt Bildern überdrehte oder hämische Schmierereien ausgestellt werden und überaus gelehrte Bücher uns mit ernster Miene weismachen wollen, das sei Kunst.

Ich empfinde Ekel, weil mich empört, daß dies alles möglich ist, weil eine ganze Generation duldet, daß Pfuscher und Markthändler den Geist und die Kunst durch bauernfängerischen Unsinn ersetzen, daß sie denen, die vor dem Terror des Konformismus und Nihilismus fliehen, die letzte verblieben Zuflucht, die Kunst, verschandeln, wie Schopenhauer es vor hundert Jahren ausdrückte.

Sooft ich aus den Uffizien trete und die Stufen des Palazzo hinabsteige, schäme ich mich, Zeitgenosse zu sein."


Das schrieb immerhin ein Nobelpreisträger der Literatur,

Sándor Márai: Tagebücher 4. 1968-1975. Ausgewählt und aus dem Ungarischen übersetzt von Hans Skirecki. Herausgegeben von Siegfried Heinrichs. Oberbaum Verlag Berlin/St.Petersburg 2001, S.168


"...Uffizien und ähnliche Säle...": Prado, Louvre, Borghese, Barberini, Capodimonte, das Brüsseler Museum, das New Yorker Metropolitan, die Sammlung Frick, das Washingtoner National. Mit den Uffizien verglichen ist das, für Sándor Márai, alles "ärmlich", S.167


Vgl. auch Jules Romains: Offener Brief gegen eine weltweite Verschwörung. Aus dem Französischen übersetzt von Alfred Stolz-Dorlawall. Molden Verlag Wien/München/Zürich, dt. 1970

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Jules Romains

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