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Freiheit des Menschen

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Im Haus-des-Verstehens werden drei Freiheitsbegriffe unterschieden:

Freiheit des Menschen

Freiheit des Bürgers

Freiheit der Person


Hier: Freiheit des "Menschen"



Diese Auffassung von Freiheit als "Freiheit des Menschen" wird fasslich, wenn man den „Menschen“ vergleichend vom „Tier“ abhebt. Das Tier - so hat man in einer für unsere Orientierung zureichenden Abgrenzung formuliert - lebt nicht eigentlich „selbst“, vielmehr wird es „von der Natur gelebt“. ( Gewiss soll hier - im Hinblick auf die derzeitigen Bemühungen der Forschung, die für einzelne Tierarten sehr unterschiedlichen Grenzen in dieser Gegenüberstellung zu präzisieren - nicht einer die Phänomene leichtsinnig überfliegenden Ontologie das Wort geredet werden. Doch wird man - wie auch immer diese Grenze im einzelnen zu differenzieren sein wird - die Grenze als solche nicht aus dem Blick verlieren dürfen. ) Das Tier bleibt in seinem Lebensprozess eingebunden in bestimmte, von der Natur für die jeweilige Tierart fixierte Modelle des Verhaltens; auf bestimmte Reize hin erfolgen jeweils bestimmte Reaktionen. In solcher inneren strukturellen Fixiertheit bleibt das Tier in seinen je artspezifischen Möglichkeiten des Merkens und Wirkens auf bestimmte Reize bezogen in einer Art von Unmittelbarkeit, die ein geistiges Gegenüber des Tieres zur Welt nicht aufkommen lässt.

Der Mensch dagegen ist anders strukturiert; er ist das von der Natur nicht „festgestellte“ Geschöpf, das animal rationale. Sein Lebensprozess ist undenkbar ohne den Atem des Geistes - ein Gefüge sich wechselseitig bedingender und ergänzender Funktionen geistiger Art. Der Mensch kann in stets zunehmender Welt-Offenheit das ihm je Begegnende gegenständlich auffassen, deuten, erkennen, es sprachlich fixieren, es in einer Vielzahl logischer Operationen bedenken; er kann reflektieren, Gegenstand eigenen Erkennens werden, sich selbst erkennen; er kann Möglichkeiten seiner Existenz entwerfen, unter solchen Möglichkeiten wählen, sich entscheiden und Entscheidungen in Akten persönlicher Selbstverwirklichung realisieren.

In eben diesem geistigen Atem gründet die Freiheit des „Menschen“: Er wird nicht mehr nur gelebt, sondern er lebt auch selbst; er ist in seiner Existenz auf sich selbst verwiesen und sich selbst überantwortet; er ist das im eigentlichen Sinne geschichtliche Geschöpf, Ursprung seiner Kulturen bzw. Zivilisationen; er ist ein „Mittelding zwischen Tier und Engel“: nie mehr nur Tier - soviel in seiner seelischen Tiefenschicht an das Tier noch erinnern mag -, weil es in geistigen Möglichkeiten lebt, in diesen Möglichkeiten seine Existenz selbst wählt, in der Wahl seiner Selbstverwirklichung schuldig werden kann gegenüber seinen eigenen Möglichkeiten, für diese Wahl verantwortlich ist.

Andererseits ist dieses „Mittelding“ nie auch nur "Engel", geistiges Wesen ohne Physis; denn selbst in seinen höchsten Existenzmöglichkeiten sind die seelischen Tiefenantriebe noch wirksam als etwas, das zu überwinden ist. Der Mensch ist - in mancherlei Varianten bestimmt dieser Begriff die anthropologischen Theorien  - ein polares Spannungsgefüge, in dem als in einer Einheit zwei Pole bzw. Zentren einander zugeordnet sind: ein an das Tier noch erinnerndes, in der Tiefe der Seele wirkendes Antriebszentrum, in dem Antriebe wie Hunger und Durst, Sexualität, Streben nach Macht und Geltung aufweisbar sind und - in Situationen radikaler Gefährdung - die Angst; zum andern ein durch die Zeit hin mit sich identisches Zentrum geistiger Aktivität, der Ursprung unserer Deutungen und Erkenntnisse, unserer Sprache unseres Denkens, unserer Entwürfe und Entscheidungen, unserer - die Unfreiheit des Tieres sprengenden - freien Selbstverwirklichung.

Auf die Frage nach der Substanz dieser ersten Freiheitskonzeption, der Freiheit des „Menschen“, ist zu antworten: Diese Freiheit dokumentiert sich in der besonderen - von der vormenschlichen Lebensform des Tieres her gesehen - neuartigen Existenzweise, in der besonderen Art der Selbstverwirklichung und darin Selbstbestimmung eben des „Menschen“.

Diese in der Existenz des „Menschen“ aufweisbare Freiheit hat man wieder und wieder als etwas Positives gedeutet. Herder begrüsst sie geradezu als den Ursprung einer „zweiten Genesis“, als den Ursprung einer „Schöpfung in der Schöpfung“; und noch Bergson feiert sie als den „großen Wurf der Natur“. Heute bedrängen uns nicht zufällig - in früheren Zeiten arglos übersehene - Deutungen dieser Freiheit, in denen sie nicht nur als positive Chance, sondern zugleich auch als Ursprung radikaler Selbstgefährdung des „Menschen“ aufgefasst wird.

Analysiert man die Weisen der Selbstverwirklichung des Menschen, seine geschichtlichen Versuche, das eigene Leben in dieser Welt selbst zu begründen und aufzubauen, so trifft man in der Motivation dieses „Mitteldinges“ eine elementare Sorge, eine zyklische Selbstsorge, in der dieses hinsichtlich seiner Existenz auf sich selbst verwiesene Geschöpf um das Grundthema seiner selbst kreist: sein je eigenes Leben Können, seinen Daseinsbestand und Daseinsgenuss möglichst zu sichern. Dieses Geschöpf „Mensch“ ist von der Erfahrung und - aus solcher Erfahrung heraus - von der Erkenntnis bestimmt, dass es in seiner Welt zugrunde geht, wenn es das eigene Dasein nicht selbst ermöglicht. Der peinigende Antrieb der Angst vor dem Daseinsverlust, vor dem Tod, lässt diese Sorge, diese die innere Struktur des „Menschen“ bestimmende Selbstsorge kaum je verstummen. In dieser Selbstsorge hält der Antrieb - mehr oder weniger bewusster - Angst das dienstbare Zentrum geistiger Aktivität in Atem, insbesondere die Reflexions-  und Entwurfsfunktion. Das gilt im Prinzip von den frühesten Formen menschlicher Selbstbehauptung in der Welt - einfachsten Formen der Ernährung, Bekleidung, Behausung, Verteidigung - bis hin zu den modernsten Anstrengungen im Bereich der Wirtschaft, des Rechts, der Politik.

Was sonst lässt uns bereit sein, diesen Anstrengungsbereichen uns selbst einzuordnen, wenn nicht die zur Struktur unserer selbst gewordene Sorge, das zu unserer Selbstbehauptung in der Welt Notwendige zu tun?

In der Wirtschaft: zur Sicherung nicht nur der elementarsten Daseinsnotwendigkeiten, sondern eines möglichst hohen genussreichen Lebensstandards;
im Recht: zur Ermöglichung einer „gesellschaftlichen“, einer je geschichtlichen Gruppenexistenz, zur Vermeidung all der Gefährdungen, die ein rechtloser Zustand, ein „Krieg aller gegen alle“, täglich erfahren lassen würde;
in der Politik: zur Abwehr gefährlicher sinnwidriger Einbrüche anderer geschichtlicher Gruppen, anderer Mächte, in den je eigenen Daseinsbereich.

In dieser Auffassung vom „Menschen“ und seiner Freiheit erschöpfen wir uns heute weithin – gerade auch in unserem Kapitalismus. Unsere Idole sind deshalb nicht zufällig „Lebensstandard“ und „Lebenssicherheit“. Nichts erscheint uns in unserer gegenwärtigen Zivilisation selbstverständlicher als der Primat von Wirtschaft ( Kapital ) und Politik ( Macht ). Das aber besagt, dass wir in unserer Freiheit - der Freiheit des „Menschen“ - noch tief unfrei sind: befangen im Zirkel unserer Selbstsorge.

Freiheit

Hans Wittig

Eingerichtet für das Haus-des-Verstehens von Peter Kern.



 


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Er hatte eine Spontaneität, die dem dressierten Bürger nur peinlich war.