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Doktor, copy & paste

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Doktor, copy & paste

Die veröffentlichte Meinung ist voller Empörung: Wie können sie nur! Abgeschrieben haben sie, ohne die Quellen angegeben zu haben, einfach nur kopiert und eingefügt, copy & paste. Die wissenschaftliche Elite, sie schmückt sich mit fremden Federn. Plagiate, wohin man blickt: Erst Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg, und dann brach der Damm: Bernd Althusmann, Uwe Brinkmann, Jorgo Chatzimarkakis, Silvana Koch-Mehrin, Matthias Pröfrock, Veronika Saß. Man muss kein Prophet sein: Der Enttarnungsmarathon wird fröhlich weiter gehen.

Besitzer eines schmückenden Doktorhutes mutieren über Nacht vom Würdenträger zum, wie der Volksmund urteilt, charakterlosen Lumpen. Geistiger Diebstahl als Lebenshaltung. Das karrieregeleitete Interesse gepaart mit einem eitelkeitsgesteuerten Bewusstsein haben die alten wissenschaftlichen Tugenden von Sorgfalt, Transparenz und damit Nachvollziehbarkeit in den Mülleimer der Geschichte befördert.

Die Universität als Ort der Wahrheitssuche und der Wahrhaftigkeit ist zum Selbstbedienungsladen geworden, zu einem Selbstbedienungsladen für eine Prestige fördernde Namenserweiterung.

Zwei Buchstaben vor dem Familiennamen signalisieren unmissverständlich: Ich bin jetzt endgültig wer, ich bin Doktor. Titelhuberei als Statussymbol auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Dabei ging es ihnen nicht um eine selbst erarbeitete wissenschaftliche Erkenntnis, sondern nur um den von aussen zugetragenen Titel, den sie in ihren öffentlichen Geschäften als Machtinstrument und Einschüchterungswaffe nutzen wollten.

Die Überführten verstehen die Welt nicht mehr.

Wie kann man sie nur kritisieren? Die Universität als Ort der Wahrheitssuche und der Wahrhaftigkeit? So haben sie ihre Universität doch gar nicht erlebt. Sie haben erfahren, dass auch ihre Alma Mater nicht die nährend-gütige Mutter war, sondern eine Schlangengrube mit viel zu vielen Verstandesegoisten. Diese gehen mit ihrer ausgebildeten Intellektualität besonders raffiniert über jede Leiche, wenn es nur ihrer eigenen Karriere dient. Das kannten unsere Abschreiber schon aus dem Leben ausserhalb der Universität, vor allem auch aus ihrem politischen Umfeld.

Den Seriösen sind sie in ihrer Universität aus dem Wege gegangen oder sie haben diese geblendet und getäuscht. Insofern erlebten unsere Karrieristen den Wissenschaftsraum nicht als eine intellektuelle und moralische Herausforderung an ihre Person. Wie sollten sie auch. Die auf Sponsorengelder angewiesenen Hochschulen sind ja ihrerseits vielfach dem Mammonismus und der bedingungslosen Machtkonkurrenz verfallen. Was zählt ist also nicht die Wahrheit, schon gar nicht Charakterstärke und Wahrhaftigkeit, sondern bedingungslose Selbstbehauptung.

Bedenklicher noch als dieser kulturkritische Blick ins Warenhaus Universität ist heute ihr eigenes Selbstverständnis. Oder sollte ich nicht angemessener sagen: Selbstmissverständnis? Da weiss ganz offensichtlich die linke Hand nicht, was die rechte tut. Wieder ist nicht von seriösen Professorinnen und Professoren zu reden. Es ist eben auch an den Hochschulen das nachhinkende Mittelmass, das viele prägt.

Da wird dann die wissenschaftstheoretische Einsicht vermittelt, dass wir in unserer Wahrnehmung die Wirklichkeit nicht erkennen könnten; sie bleibe immer nur eine Konstruktion. Die Wahrheit der zu erkennenden Welt müssten wir unerkannt liegen lassen. So weit so gut. Indem man diese Grundeinsicht, die schon Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft formulierte, im postmodernen radikalen Konstruktivismus auch auf die Geisteswissenschaften überträgt, verschwindet Wahrheit überhaupt. Hatte Kant noch in seiner Kritik der praktischen Vernunft eine Ethik mit universalisierbarem Anspruch zu begründen versucht, so vermag der radikale Konstruktivist darin nur einen unzulässigen autoritären Oktroi zu sehen. Demgegenüber gelte die selbst konstruierte Verantwortung. Heinz von Foerster, ein Vordenker des radikalen Konstruktivismus, gibt seinen ethischen Imperativ preis: „Heinz, handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten grösser wird!“

Und das haben sie dann auch getan, unsere ins Kreuzfeuer der Kritik geratenen Doktoranden; sie haben die Wahlmöglichkeit, eine Doktorarbeit zu schreiben, vergrössert. Sie haben ihr die Option hinzugefügt, abzuschreiben, ohne zu zitieren. Auch das Abschreiben ohne Beleg ist ein Stück konstruierter Realität im Meer des Pluralen, eben neben der anderen Möglichkeit, korrekt zu zitieren. Beide Möglichkeiten stehen parataktisch nebeneinander. Es gibt für den radikalen Konstruktivisten kein Kriterium, das eine ethisch zu verdammen, das andere ethisch zu billigen. Jeder der inzwischen Erwischten hat doch nur seine je eigene Wahrheit, eine Doktorarbeit zu schreiben, konstruiert. Ganz so, wie sie es in ihren längst überholten wissenschaftstheoretischen Seminaren gelernt haben.

Doch plötzlich müssen die Dissertationskonstruktivisten erleben, dass ihre eigenen akademischen Lehrer sie im Namen von Wahrheit und Wahrhaftigkeit an den Pranger stellen und ihnen die Doktortitel wieder aberkennen.

Hoppla, das ist doppelte Buchführung, dürften sie denken.

Erst liquidiert man vor den Studierenden die Möglichkeit ethischer Verbindlichkeit, um dann empört festzustellen, dass sie sich an keine ethischen Massstäbe mehr halten. Da wird innerhalb der Wissenschaft subtil begründet, dass es keine Wahrheit gebe, auch nicht im Blick auf ein verbindliches Sollen, und dann wird eine solche verbindliche Wahrheit hinterrücks in der Lebenswelt wieder eingeführt – das ist schizophren und autoritär obendrein.

Zähneknirschend beugen sich die Gescholtenen der Macht der Öffentlichkeit und der Universität. Einsicht zeigen sie nicht. Von Reue keine Spur. Wie auch. Wer gelernt hat, dass es keine verbindliche Wahrheit gibt, dass auch ethisch anything goes, der hat zugleich gelernt, dass „wahr“ immer nur das ist, was sich durch Macht behaupten kann. Unsere Doktoren am Pranger haben verloren. Aber nicht, weil sie ein ethisch verbindliches Gebot verletzt haben, sondern nur, weil ihnen die Macht fehlt, ihre Wirklichkeitskonstruktion durchzusetzen.

Die Sache ist noch verzwickter. Die Überführten fühlen sich politisch dem Rechtsstaat verpflichtet. Ihnen ist Eigentum ein hohes Gut. Wer abschreibt, ohne zu zitieren, wird zum Dieb: Er stiehlt geistiges Eigentum. Die Zitierunwilligen verletzen also ihre eigenen lebensweltlichen und politischen Massstäbe. Damit wären wir wieder bei den charakterlosen Lumpen.

Peter Kern




 


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