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Selbst Schuld, liebe Haitianer!

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Man kann von ihm Erstaunliches vernehmen. Er greift Linke, Feministinnen, Homosexuelle und Muslime unerbittlich an. Er kämpft für die Aufhebung der laizistischen Trennung von Staat und Kirche. Und wenn ihm in seinem fundamentalistischen Wahn jemand nicht passt, dann bringt er auch mal seinen Wunsch ins Gespräch, solch eine Person möge ermordet werden; 2005 traf es den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez. Das neueste Votum unseres theologisch Verirrten : Für das schwere Erdbeben in Haiti sei die Bevölkerung selbst verantwortlich. Haiti habe "vor langer Zeit einen Pakt mit dem Teufel geschlossen", um sich der französischen Kolonialherrschaft zu entledigen, und sei daher seitdem „verflucht“.

Man könnte versucht sein, solche aberwitzigen Urteile als die Ausgeburt eines kranken Einzelnen abzutun. Doch so einfach ist das nicht. Wir reden nämlich von Pat Robertson. Auf diesen Mann hören Millionen Amerikaner. Er moderiert die US-Fernsehsendung „The 700 Club“. Das im Jahre 1960 von ihm ins Leben gerufene „Christian Broadcasting Network“ sendet heute in 180 Ländern und in 71 Sprachen. Er hat also immensen Einfluss, auch und gerade auf die Politik in den Vereinigten Staaten.

Marion Gordon „Pat“ Robertson ist der Gründer der fundamentalistischen „Christian Coaltion of America“ und der „Regent University“, die er auch präsidiert. Politisch wird er aktiv durch sein  „American Center for Law and Justice“, einer Anwaltskanzlei und Lobby-Gruppe, die die Rechte religiöser US-Amerikaner verteidigt. Er unterstützt die Republikaner, und er nahm im Wahlkampf energisch Partei für George W. Bush.

Vor diesem Hintergrund ist Pat Robertson nicht als irregeleitete Einzelperson zu übergehen. Das alles ist schlimm genug. Ganz schlimm aber wird es, wenn der Vatikan in bedenkliche Nähe zu diesem Fundamentalisten  gerät.

Am 13. Mai 2007 hören viele tausend Gläubige sowie etwa zweihundert Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe in der Basilika von Aparecide, zwischen Rio de Janeiro und Sáo Paulo gelegen, von Benedikt XVI. dieses: „Der christliche Glaube beseelt seit mehr als fünf  Jahrhunderten das Leben und die Kultur der indianischen Völker dieser Länder…Tatsächlich hat die Verkündigung Jesu und seines Evangeliums zu keiner Zeit eine Entfremdung der präkolumbischen Kulturen mit sich gebracht und war auch nicht die Auferlegung einer fremden Kultur.“

Verwundert reibt sich der Kenner der Geschichte die Augen: Spricht der Papst hier wirklich vom Zeitalter der Kolonialisierung? Ja, so ist es, unfassbar. Jean Ziegler kommentiert: „Selten ist eine historische Lüge mit so viel Kaltblütigkeit verkündet worden.“

Was geschah denn wirklich nach Kolumbus?

Welt-Umsegler, Welt-Kaufleute, Konquistadoren und christliche Missionare fielen mit einem nie da gewesenen Willen zur Macht, mit einem brutalen Willen zum Beherrschen und Ausbeuten über die präkolumbischen Kulturen her. Der  ausgreifende Europäer war in permanenter Offensive: terrestrische Globalisierung.  Jeder Punkt der Erde wurde zu einer potentiellen Adresse für das Kapital. Und der merkantile Appetit war gross. ( Und heute, in Zeiten der ökonomischen Globalisierung, ist dieser Appetit nicht minder gross. ) Durch pures Nehmen wurden die Europäer zu Besitzern. Den Zumutungen des gerechten Tausches entzogen sie sich. Bestenfalls galt das „Recht des ausgezeichneten Augenblicks“, so war es schon 1492, so sollte es lange, sehr lange bleiben. Man sprach sich frei angesichts missionarischen Eifers. Was in normalen Zeiten schlicht als Plünderung gegolten hätte, wurde in der historischen Phase der Kolonialisierung als Pioniertat gefeiert. Tausch und gegenseitige Anerkennung kamen, wenn überhaupt, später, und dann auch nur halbherzig. Also: Kolonialisierung und Christianisierung waren mit unvorstellbarer Brutalität  gepaart. Von wegen, es habe keine „Auferlegung“ durch die fremde „europäische Kultur“ gegeben! Dem Papst ist als Lektüre dringend zu empfehlen: Noam Chomsky: Wirtschaft und Gewalt. Dort sind die Ergebnisse einer kritischen Geschichtsschreibung für die 500 Jahre Kolonialisierung seit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus zusammen gefasst; es wird Bericht gegeben vom grossen Werk der Eroberung, der Unterwerfung, der Ausbeutung und der grausamsten Vernichtung. Davon profitiert der Westen bis heute.

Und Haiti? Chomsky erzählt die Geschichte von „Haitis Tragödie“.


Die Einwohner des späteren Haiti waren Opfer der Kolonialisierung, und das in jeder Hinsicht. Sie wurden ihres Landes und seines Reichtums beraubt, sie wurden zu Sklaven degradiert, unterdrückt, gequält und misshandelt, getötet. Aber sie wagten den Aufstand gegen ihre europäischen Herrenmenschen und Ausbeuter.

Dem Sklavenaufstand von 1802 folgte 1804 die Vertreibung der hochgerüsteten Expeditionstruppen Napoleons, die die alte Herrschaft wieder herstellen sollten.1814 kam es zur Hinrichtung eines französischen Unterhändlers. Daraufhin verfügte Paris ein Embargo, dem sich die anderen Kolonialmächte Europas anschlossen. Das zwang Haiti 1825 schliesslich in die Knie. Die französischen Sklavenhalter erhielten eine vertraglich vereinbarte „Entschädigung“ in Höhe von – damals gigantischen – 150 Millionen Goldfranken. Über ein halbes Jahrhundert hindurch wurde das Geld in Haiti der Bevölkerung abgepresst, bis es endlich vollständig an Frankreich bezahlt war. Das ist bis heute eine der Ursachen für die anhaltende Armut in Haiti. Als 2001 auf der internationalen Konferenz im südafrikanischen Durban die Vertreter Haitis von Paris eine Entschädigungszahlung für jene „Zwangskompensation“ verlangten, ernteten sie vom immer noch arroganten Westen nur Hohn und Spott.

Die Geschichte geht also ihren alten menschenverachtenden Weg weiter. Und legitimiert wird sie von Leuten wie Pat Robertson. Dagegen hilft nur Aufklärung, immer wieder Aufklärung und nochmals Aufklärung, damit wir Profiteure des Westens uns nicht noch länger hinter einem gefälschten Geschichtsbild in Behaglichkeit verstecken können. Erzwingt das Erdbeben von 2010 verspätete Gerechtigkeit?

Peter Kern

Literatur

Noam Chomsky: Wirtschaft und Gewalt, dt.1993
Peter Sloterdijk: Globen. Sphären II, 1999
Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen, 2009

Michael Hardt / Antonio Negri: Common Wealth. Das Ende des Eigentums, 2010, S. 90f.

Ergänzungstexte:

Audio

Selbst Schuld liebe Haitianer!


 


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