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Dávila - metaphysikfrei reloaded









Nicolás Gómez Dávila


Nicolás Gómez Dávila wurde als Sohn wohlhabender kolumbianischer Grundbesitzer geboren und lebte, abgesehen von seinen Pariser Jugendjahren und einer Reise durch Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, in einer Villa am Stadtrand von Santa Fe de Bogotá. Der Stil seines Werkes ist essayistisch-aphoristisch geprägt und damit zwischen Literatur und Philosophie einzuordnen. In seinen Büchern (Notas, Textos, Escolios a un texto implícíto etc.), die zunächst in kleinen Verlagen und Privatdrucken erschienen und erst spät ins Deutsche übersetzt wurden, haben Begriffe wie „konservativ“ und „Reaktionär“ eine positive Bedeutung. Nicolás Gómez Dávila verstand sich als Kritiker des Marxismus, der Demokratie, des radikalen Liberalismus, des ideologischen Faschismus und eines blinden Fortschrittglaubens. Sein Denken wurde in den letzten Jahren vor allem in Deutschland rezipiert und beeinflusste u.a. Botho Strauß, Martin Mosebach, den aus Rumänien stammenden Schriftsteller Richard Wagner und Gerd-Klaus Kaltenbrunner. ( Quelle: Wikipedia )



Der Reaktionär Nicolás Gómez Dávila will kein Konservativer sein. Er buchstabiert den Terminus Reaktionär positiv.  Dann wäre Dávila weder ein Wertkonservativer noch ein Strukturkonservativer. Doch er lebte von seinem ererbten Besitz. Und er dachte im Horizont der  Prämoderne. Beides für mich bedenklich – und doch eine anziehend-abstossende Nähe. Geht es mir wie Gabriel García Márquez? „Wäre ich nicht Kommunist, ich dächte ganz wie Gómez Dávila." Nun, ich bin auch kein Kommunist, und dennoch.


„Was nicht vererbt wurde erscheint immer mehr oder weniger gestohlen.“ Obacht, lieber Meister Dávila: Jede nennenswerte Erbfolge begann mit einem Diebstahl, nicht selten mit einem sehr veritablen. Im Sinn der „ersten Akkumulation“ des Karl Marx hatten die Dönhoff oder Rockefeller einst auch alles mal gestohlen. Generationen sind eine gute Geldwaschanlage. F.J. Raddatz.


Nicolás Gómez Dàvila ins Stammbuch geschrieben: Die Privilegien der Geburt zu geniessen, ist keine Rechtfertigung dafür, die Besitzverhältnisse unangetastet zu lassen.


Dávila: „Die Aristokratien sind die normalen, die Demokratien die Fehlgeburten der Geschichte.“ So spricht die Arroganz der Privilegierten. Hat nicht das Versagen der Aristokraten erst die Demokraten hervorgebracht?


Dávila: „Bei den demokratischen Wahlen wird darüber entschieden, wen zu unterdrücken statthaft ist.“ Gut beobachtet. Nur reicht das schon aus, die Demokratie zu verteufeln?


Dávila: „Der Reaktionär schreibt nicht, um zu überzeugen. Er hinterlässt lediglich seinen zukünftigen Komplicen die Akten zu einem heiligen Rechtsstreit.“  Die Zeit drängt. Wenn wir nicht tätig werden, wird es keine Zukunft mehr für diesen heiligen Rechtsstreit geben.


„Wer bewahren will, äussert sich nicht, um zu überzeugen. Er versucht nur, die Kette der Erinnerungen nicht abreissen zu lassen“. Lieber Meister Dávila, und doch bleibt die Hoffnung auf Veränderung, wenn auch nur immer eine klitzekleine.


Dávila: „Der Preis für industriellen Wohlstand ist die geistige Misere.“ Erst nur ein europäisches, jetzt ein globales Menetekel. Und was folgt daraus? Nur das Nachdenken in Bogotá?


Dávila: „Der Kapitalismus ist abscheulich, weil er den widerlichen Wohlstand bewirkt, den der Sozialismus, der ihn hasst, vergebens versprochen hat.“ Wir brauchen also gleichermassen eine Sozialismus- wie eine Kapitalismuskritik. So urteilte bereits Carl Friedrich von Weizsäcker.


Dávila: „Der Halbgebildete ist das gefundene Fressen für den Marktschreier der Kultur.“

Und wer ermöglicht den Halbgebildeten? Die besitzenden Eliten, die die Bildung, nicht die Ausbildung, der Massen verhindern, weil sie selbst zunehmend ohne Bildung sind.


„Aufrichtigkeit ist geschmacklos“. Wird das zutreffend verstanden, Meister Dávila?


Eine reizvolle Aufgabe wäre zu klären, wie Nicolás Gómez Dávila zu den Ruhestandsdissidenten wie Erwin Chargaff, Noam Chomsky oder Joseph Weizenbaum steht. Wirklich völlig unvereinbar?


Dávila: „Die titanischen Revolten gegen Gott enden in wöchentlichen Besuchen im Bordell um die Ecke.“ Nur dort? Kann man sich nicht auch ohne Gott der Herkulesaufgabe widmen, die sinkende Welt menschlicher und zukunftsfähiger zu machen? Die Revolte gegen Gott endet dann beim hungernden Kind um die Ecke.


Dávila: „Der Atheismus ist das Vorspiel zur Vergöttlichung des Menschen.“ Könnte es sein, dass im dritten Akt doch eine Vernunft ohne Gott siegt? Bitte, nicht Verstand und Vernunft verwechseln! Über den Prozess der Aufklärung ist noch nicht das letzte Wort gesprochen worden.


Dávila: „Die Ethik begeistert die Ungläubigen, während der Gläubige sich mit der Moral bloss abfindet.“ Ach, wenn doch Ungläubige wie Gläubige die Ethik ohne metaphysische Spekulationen ernst nähmen. Das Mehr der Gläubigen stiftete dann auf Erden weniger Unheil.


„Disziplin, Ordnung und Hierarchie sind ästhetische Werte“. Ich füge hinzu: Ohne die Kardinaltugenden können diese Werte zum Instrument der Unterdrückung werden. Das feine Benehmen am Tisch des Geburtsadels macht die Welt noch nicht wirklich besser.

Lieber Meister Dávila, die Unterdrückten finden die Unterdrückung nicht wirklich schön.


„Das Gewicht dieser Welt lässt sich nur tragen, wenn man niederkniet.“ Lieber Meister Dávila, dieser Akt der Demut setzt nicht zwingend die Metaphysik und Offenbarungstheologie des Katholizismus voraus. Innerweltlich erfahrene und gelebte Empathie reichen schon. Willy Brandt.


Dávila: „Der Kniefall des Gleichgültigen ist die allergrösste Schmach.“ Der Kniefall des Betroffenen ein allerhöchster Akt der Demut. Nochmals exemplarisch Willy Brandt.


Dávila: „Der Fremdling macht dem Einheimischen keine Konzessionen.“ Aber nur, weil der Einheimische seine eigene Kultur längst aufgegeben hat.


„In aristokratischen Zeiten hat, was Wert hat, keinen Preis; in demokratischen Zeiten hat, was keinen Preis hat, keinen Wert.“  Obacht, Meister Dávila: Es gibt selbst in demokratischen Zeiten Aristokraten des Geistes. Zugegeben, sie haben es schwer.


Dávila: „Der Betrug besteht nicht darin, dass wir mehr behaupten als wir beweisen können, sondern dass wir dort zu beweisen suchen, wo kein Beweis möglich ist.“ Das ist die Hybris des berechnenden Denkens in den heutigen Wissenschaften. Daraus folgt keine Wissenschaftsfeindlichkeit, sondern Wissenschaftskritik.


Dávila: „Der Technikwahn ist das Syndrom satanischen Irrsinns.“ Dieser Satz gilt auch dann, wenn „Satan“ nur als Metapher erscheint.


„Die Distanzen zwischen Nationen, Gesellschaftsklassen, Kulturen und Rassen sind nur geringfügig. Die tiefe Kluft verläuft zwischen der plebejischen und der patrizischen Gesinnung.“  Lieber Meister Dávila, das ist gegen Ihre allgemeine Demokratieschelte zu lesen: Es gibt sie doch auch, die Patrizier des Geistes in der Demokratie. Und sie, und nur sie lassen hoffen.


Dávila: „Warum sollen wir uns etwas vormachen? – Die Wissenschaft hat keine einzige wichtige Frage beantwortet.“ Sie kann nicht einmal den Sinn ihrer eigenen Existenz aus sich selbst begründen. Muss man deshalb gleich in die Offenbarungstheologie flüchten?


Dávila: „Die grossen Dummheiten kommen nicht aus dem Volk. Zuerst haben sie die klugen Männer irregeführt.“ Sie wissen, lieber Meister Dávila, dass das gegen Ihre eigene Kaste gesprochen ist.


„Ich vertraue weniger den Argumenten der Vernunft als den Antipathien des Verstandes.“ Lieber Meister Dávila: Vernunft argumentiert nicht. Vernunft ist Liebe, die den Verstand in den Dienst der guten Tat nimmt.


Dávila: „Um die Dummheit desjenigen, der ein Thema behandelt, erkennen zu können, ist es nicht immer nötig, sich im Thema auszukennen.“ Nahezu jede Talkshow bestätigt dieses Urteil. Nur, was ist zu tun, um gegen zu steuern? Emporbildung aller tut Not!


Dávila: „Der Hass auf die Vergangenheit ist eindeutiges Symptom einer Gesellschaft, die verpöbelt.“  Wenn das gilt, dann wimmelt es in der Postmoderne nur so von pöbelnden Intellektuellen. Man lese Fritz J. Raddatz: Tagebücher 1981 – 2010, und es fällt einem wie Schuppen von den Augen: Die Intellektuellen haben des Kaisers Kleider an, sie sind erschreckend nackt.


Dávila: „Die Bewunderung, die griechische Literatur und griechische Kunst erwecken, hat der Nachwelt den Blick auf den griechischen Menschen verstellt: neidisch, illoyal, sportbegeistert, demokratisch und homosexuell.“ Diese Mahnung an Graecophile ist ihrerseits wieder zu differenzieren! Die Antike hatte noch eine Idee vom Menschen, an der sie dann scheitern konnte, in der Postmoderne heute scheitern die Menschen gleich, ohne auch nur einen Hauch eines Mass-Stabes zur Emporbildung zu haben.


Dávila: „Der höchste Aristokrat ist nicht der Feudalherr auf seinem Schloss, sondern der kontemplative Mönch in seiner Zelle.“ Es geht also nicht um den Geburtsadel, sondern um den Geistesadel. Bitte, nicht unterschlagen: Der humane Geist dieses Adels ist in so mancher Mönchszelle kräftig mit Füssen getreten worden.


Dávila: „Die Zivilisation des Abendlandes war das Resultat einer Allianz zwischen Grossgrundbesitzern und Bischöfen.“ Weshalb es dringend der Aufklärung und der Französischen Revolution bedurfte. Doch diesem Urteil stimmen Sie nicht zu, im Gegenteil.


Dávila: „Meine Brüder? Ja. – Meinesgleichen? Nein. Denn es gibt Geringere und Grössere.“ Erst wenn beide Seiten solche Sätze ohne beleidigt zu sein und ohne arrogant zu werden akzeptieren, dürfen sie ausgesprochen werden. Grösser heisst hier höher emporgebildet. Von einer solchen Zeit sind wir noch weit entfernt.


Dávila: „Ende der Ideologien ist der Titel, mit dem sie den Triumph einer bestimmten Ideologie feiern.“  Das Diktum vom Ende der Geschichte ist ein schönes Beispiel dafür.


Dávila: „Der Akt, durch den ein Individuum seiner Güter beraubt wird, heisst Raub, wenn ein anderes Individuum ihn begeht. Und soziale Gerechtigkeit, wenn eine ganze Gruppe es plündert.“  Lieber Meister Dávila, die Gruppe der Besitzenden hat vorher selbst schon geraubt. Die Sache ist verzwickter.


Dávila: „Die Paläste verbrennen nicht immer, wenn die Hütten in Brand gesteckt werden, aber das Feuer, das Paläste verzehrt, ergreift Hütten.“ Wie wäre es mit dem Bau zukunftsfähiger Wohnungen, die weder Paläste noch Hütten sind? Das bedeutet bei Leibe nicht Gleichmacherei.


Dávila: „Solange wir Gleichheit nicht in ein Dogma verwandeln, können wir einander als Gleiche behandeln.“ Ja, denn nicht alle haben sich zum Adel des Herzens emporgebildet, doch alle haben prinzipiell die Möglichkeit dazu. Das macht ihre Würde aus.


Dávila: „Der Schriftsteller, der seine Sätze nicht gefoltert hat, foltert den Leser.“ Mit dem Wort Folter sollte man nicht spielen, weder ästhetisch noch geistreich. Es nimmt die Gefolterten nicht ernst. Man lese Jean Améry.


Dávila: „Der Reichtum erleichtert das Leben, die Armut die Rhetorik.“ Weshalb hören die Reichen dann so wenig auf die flehenden Worte der Armen?


Dávila: „Der Linke zahlt nur mit vorausdatierten Schecks.“ Und der Rechte befindet sich längst in der moralischen Insolvenz.


Dávila: „Ein christlicher Humanist? Ja. Ein christlicher Humanismus? Nein.“ Gut so. Christentum ist nur eine mögliche Auslegung der menschlichen Humanität, die zu leben jedem Menschen offen steht, auch dem Atheisten.


Dávila: „Jede Revolution verschärft die Übelstände, gegen die sie ausbricht.“ Das gilt für gesellschaftlich-politische Revolutionen. Nur die Revolution der Denkungsart löst die Übel mit dem Herzen auf. Erst so wird aus gesellschaftlichen Revolutionen ein evolutiver Prozess hin zu einer besseren Zukunft.


Dávila: „Worauf steuert die Welt zu? Auf dieselbe Vergänglichkeit, aus der sie kommt.“ Das kann doch nicht bedeuten, die Welt bis dahin so zu belassen wie sie ist. Das kann nur einer sagen, der auf der Sonnenseite geboren wurde.


Dávila: „Das Fehlen des kontemplativen Lebens verwandelt das tätige Leben in ein Getümmel pestilenzialischer Ratten.“ Sie werden es sein, die die Menschen überleben. Günter Grass: Die Rättin. Ein Autor und ein Buch, das, lieber Meister Dávila, Ihnen nicht gefallen dürfte.


Dávila: „Wenn der Begriff der Pflicht den der Berufung vertreibt, bevölkert sich die Gesellschaft mit verstümmelten Seelen.“ So ist es. Wer das ändern will, muss gesellschaftliche und persönliche Bedingungen schaffen, damit Berufung möglich wird.


Dávila: „Unsere Zeitgenossen schwärzen die Vergangenheit an, um sich nicht vor Scham und Nostalgie umzubringen.“ Zur Meisterschaft im Anschwärzen der Vergangenheit haben es die postmodernen Dekonstruktivisten Frankreichs gebracht, denen man dann kopflos folgte. Wir haben also wieder zu lernen, die Stimme der Vernunft zu vernehmen.


Dávila: „Die vulgäre Epistemologie der Naturwissenschaften ist ein burlesker Idealismus, in dem das Gehirn die Rolle des Ich übernimmt.“ Das Ergebnis: Man behauptet, die Freiheit des Willens wissenschaftlich-empirisch widerlegt zu haben. Welch ein Kategorienfehler im Denken!


Dávila: „Nichts Selteneres heute als ein Literaturkritiker, der an der Literatur Gefallen findet.“ Wie auch, fehlt ihm doch im ökonomisierten Feuilletonbetrieb die Musse, von der schamlos niedrigen Bezahlung ganz zu schweigen. In der ökonomisch abgesicherten Hacienda am Stadtrand von Santa Fe de Bogotá ist das wohl schwer wahrzunehmen gewesen.


Dávila: „Kunstwerk ist heute jedes Ding, das sich teuer verkauft.“ Das ist ein weiterer Beweis für die Monetarisierung aller Lebensbereiche. Es sind die Besitzenden, die solchen Unsinn ins Werk setzen.


„Der Mensch ist gemacht worden, um als wohlhabender Bauer zu leben. Nicht als gut bezahlter Fachmann noch als reicher Industrieller.“ Lieber Meister Dávila, welche praktischen Konsequenzen sind aus solchen Einsichten zu ziehen? Zurück zur Natur, auf die Bäume ihr Affen? Rousseau. Hans. A. Pestalozzi.


Dávila: „Die Zivilisation geht ihrem Ende zu, wenn die Landwirtschaft aufhört, eine Lebensform zu sein und zur Industrie wird.“ Das hatte die Moderne schon bei Heidegger nicht verstanden. Friedrich Dessauer. Jürgen Habermas.


Dávila: „In einer ehrwürdigen Universität müsste die blosse Erwähnung eines zeitgenössischen Problems verboten sein.“ Auf diese Weise könnte das ernsthafte Gespräch mit der kulturellen Vergangenheit wieder gelingen. Was für eine Vision! Und wie weit entfernt von der heutigen Universität als Zulieferbetrieb für die Wirtschaft.


Dávila: „Die Mehrheit der Menschen einer Gesellschaft besitzt eine bestimmte Mentalität, weil die Gesellschaft eine bestimmte Struktur besitzt, doch die Gesellschaft besitzt eine bestimmte Struktur, weil eine Minderheit eine bestimmte Mentalität besitzt.“ Deshalb ist die Unbildung heutiger Eliten so verheerend.


Dávila: „Die moderne Welt wird nicht bestraft werden. Sie ist die Strafe.“ Also doch Jean-Paul Sartre: „Schwefel, Scheiterhaufen, Bratrost … Ach, ein Witz! Kein Rost erforderlich, die Hölle, das sind die anderen.“ Unerbittlich, hier und heute.


Dávila: „Die moderne Pädagogik kultiviert weder noch erzieht sie, sie übermittelt bloss Begriffe.“ Die übermittelten Begriffe erreichen nicht das Herz der Menschen. So sind ihre Schulen längst zu abendländisch-christlichen Komödienhäusern geworden. Leider wahr.


Dávila: „Das Problem ist weder die sexuelle Repression noch die sexuelle Befreiung, sondern der Sexus.“  Wer die hierarchische Ordnung von Sexualität, Eros und Agape nie erfahren hat, kann nur scheitern.


„Die Liebe unschuldig? Vielleicht wie eine hungrige Raubkatze.“ Lieber Meister Dávila, hier reden sie nur vom Sex, nicht von der Liebe auch als Eros und Agape. Das ist zu kurz gesprungen.


„Gefühlsduselei, Wohlwollen, Menschenliebe sind Brutstätten der grossen demokratischen Gemetzel.“ Lieber Dávila, hier bleiben sie hinter sich selbst zurück. Mehr Sorgfalt im Denken, bitte. Wer Gefühlsduselei und Menschenliebe kategorial auf einer Ebene abhandelt, den muss man nicht mehr weiter studieren.


„Die Militärakademien sind die letzten Bastionen, in denen noch etwas gelehrt wird, in denen nicht nur technische Rezepte vermittelt werden. Die Zivilgesellschaft dürstet nach Herren.“ Lieber Dávila, wollen Sie wirklich den Ungeist des Pentagon zum Richtmass in dieser Welt machen? Aus heutigen Militärakademien kommen keine Herren, sondern technisch versierte Schlächter mit dem Heiligenschein von Kollateralschäden.


„Der Bürger spendet nicht dem Beifall, den er bewundert, sondern dem, den er fürchtet.“ Ach, lieber Dávila, da haben im Verlauf der Geschichte schon ganz andere vor Thronen gezittert.


Dávila: „Eine Literatur, die schreit, verletzt auf nicht wieder gutzumachende Weise die literarische Sensibilität ihrer Leser.“ Damit ist alles über das Meiste von heute gesagt. Schreien Ihre Scholien auch?


„Die linken Ideologien sind die Strategie, mit der das Kleinbürgertum sich der Welt bemächtigt.“ Nein, lieber Meister Dávila. Der Kleinbürger ist nach wie vor Kleinbürger. Weltbemächtigung ist ausschliesslich das Geschäft des Kapitals. Und dem dienen nahezu alle. Auch und vor allem die Aristokraten des Besitzes.


Wandele ich einen Satz Dávilas ab, dann liest er sich so: Die Postmoderne erträgt mit blinder Begeisterung jede anonyme Knechtschaft. Zum Beispiel den System-Despotismus des Kapitalismus. Zustimmung.


Dávila: „Der Philosoph beweist nicht, er weist vor. Nichts sagt er dem, der nicht sehen kann.“ Also erst die Lebenserfahrung, das Sehen, auch das Sehen der Tugend, dann die philosophische Reflexion über die vorweg gemachte Erfahrung. Statt nur kognitiver Ausbildung auch die Grunderfahrung der Liebe.


So gilt auch dieser Satz Dávilas, dass wir uns über eine ethische Wahrheit nicht einigen, indem wir diskutieren, sondern nur, indem wir reifer werden: Emporbildung! Dazu ist, lieber Meister Dávila, Ihr Katholizismus nicht notwendig, im Gegenteil.


Dávila: „Die Wahrheiten widersprechen einander nur, wenn sie in Unordnung geraten.“ Karl Jaspers: Es gibt hierarchisch geordnete Wahrheitsräume – Periechontologie, ja.


Wandele ich wieder einen Satz Dávilas ab: Der einzig nachhaltige „Fortschritt“, ist der „innere Fortschritt“ jedes Einzelnen. Dieser Wandel innerhalb der Person vom Haben zum Sein bedarf  jedoch keiner theozentrischen Deutung. Es reichen solide anthropologische Analysen, um diesen überlebensnotwendigen Prozess zu verstehen: Metaphysisch offene integrierende pädagogische Anthropologie.


Dávila: „Marx war der einzige Marxist, den der Marxismus nicht verdummt hat.“ Richtig. Aber genauso gilt: Jesus Christus war der einzige Christ, den das Christentum nicht verdummt hat.


Dávila: „Der Luxus empört mich nur in unwürdigen Händen.“ Würdig wären sie, wenn aus den gierig raffenden Händen schenkende würden.


Die Tragik der Ulrike Meinhof, gespiegelt in einem Satz von Nicolás Gómez Dávila: „Wer nicht bereit ist, unter bestimmten Umständen lieber zu scheitern, begeht früher oder später die Verbrechen, die er anprangert.“


Dávila: „Der Pöbel glaubt, die edlen Dinge in seine Reichweite bringen zu können, indem er sie erniedrigt.“ Sollte man „Pöbel“ mit „Empiriker“ ersetzen?


Dávila: „Ab einem bestimmten Punkt wird der industrielle Fortschritt von der Notwendigkeit vorangetrieben, die wachsenden Probleme zu lösen, die er verursacht.“ Das nennt man weiterhin krankmachendes Krisenmanagement. Das aber greift prinzipiell zu kurz.


Dávila: „Der Amateur, den die Fachleute auf der Rennbahn zulassen, gewinnt gewöhnlich das Rennen.“ Ein notwendiges Diktum gegen die Expertokratie.


„Das Lächeln ist göttlich, das Lachen menschlich, das Gelächter tierisch.“ Fein beobachtet, lieber Dávila. Allerdings ein metaphorischer Satz, der an der Realität zerschellt: Lachen und Weinen bei Tieren? Helmuth Plessner.


„Die pompösen öffentlichen Ankläger sind gewöhnlich nichts weiter als Verteidiger heimlicher Verbrechen.“ Und das vom reaktionären Katholiken Dávila. Respekt!


Dávila: „Gegenwärtig sollte man die ästhetische Sensibilität des Kunstsammlers ebenso anzweifeln wie die Herkunft seines Reichtums.“ Man liest von ihnen im Wirtschaftsteil und auf den Politikseiten überregionaler Zeitungen, nicht im Feuilleton.


Dávila: „Nicht jeder Professor ist dumm, aber jeder Dummkopf ist Professor.“ Fast jede Expertenrunde und Talkshow liefert reichhaltiges Anschauungsmaterial. Hier hilft nur Abschalten oder die Flucht ins Fremdschämen. Die gelingende Zukunft wird nicht in den Universitäten vorbereitet.


Dávila: „Jede Gesellschaft zerbirst schliesslich mit der Ausdehnung der Habgier.“ Diese wirkt heute global. Also zerbirst am Ende die ganze Welt.


Dávila: „Wenn man sieht, wie durch die Arbeit die Welt ausgeschlachtet und dem Erdboden gleichgemacht wird, erscheint einem die Faulheit als die Mutter der Tugenden.“ Ja! Wie bringen wir das nur unseren effizienztrunkenen Bildungspolitikern bei?


Dávila: „Theoretische Nachsichtigkeit gegenüber dem Laster ist kein Beweis von Liberalität und Geschmack, sondern von Niederträchtigkeit.“ Weshalb fällt mir jetzt spontan Michel Foucault ein?


Dávila: „Die Wahrheit bedarf nicht der Zustimmung der Menschen, um gewiss zu sein.“ Wohl aber bewährt sie sich durch den Menschen.


Dávila: „Den Menschen befreien, heisst, ihn unter das Joch von Habgier und Sex zwingen.“ Lieber Meister Dávila. Dieser Freiheitsbegriff springt zu kurz. Befreiung vom geistlichen und weltlichen Adel macht den Bürger nur dann zur Bestie, wenn die Freiheit der Person fehlt, verstanden als Bindung an Vernunft, deren Gestimmtheit Liebe im Sinne von Agape ist.


Dávila: „Heutzutage muss der Einzelne in sich selbst das zivilisierte Universum wiederaufbauen, das ringsum im Verschwinden begriffen ist.“ Eine Herkulesaufgabe, auf die wir nicht vorbereitet werden, am allerwenigsten durch unsere Schulen und Hochschulen. Auch die Kirchen sind hier wenig hilfreich.


Dávila: „Das Neo-Gestammel der zeitgenössischen Kunst ist das Todesröcheln ihres Zerfalls.“ Also der Spiegel unserer Zeit. Ist sie insofern nicht doch gross?


Dávila: „Von einem Laster heilt zuweilen der Ekel.“ Wenn jedoch der Ekel zur Tugend erhoben wird, hilft nicht einmal der mehr.


Dávila: „Die Qualitäten eines Landes sind auf Minderheiten zurückzuführen, seine Mängel auf Mehrheiten.“ Deshalb ist es abwegig, Kritik an den USA als Antiamerikanismus zu diffamieren.


Dávila: „Der Herbst des Mittelalters dauert fort bis ins 19. Jahrhundert. Dann nimmt der Winter des Abendlandes seinen Anfang.“ Ich empfehle: Hans-Peter Padrutt: Der epochale Winter.


Dávila: „Die ethische Norm, die vollkommen erfüllt werden könnte, verdirbt.“ Sie verdirbt, weil sie das je Einmalige von Mensch und Situation negiert.


Dávila: „Der lautere Reaktionär ist kein Träumer von vergangenen Zeiten, sondern Jäger heiliger Schatten auf den ewigen Hügeln.“ Was er einfängt, könnte uns retten: Athen, Golgatha, Rom.


Dávila: „Der Mensch überschreitet die Bestie, indem er seine Instinkte hierarchisiert.“ Insofern kann man auch sagen, gebildet ist, wer in sich Ordnung geschaffen hat. Wer aber bestimmt über den Mass-Stab bei der Hierarchisierung der Instinkte?


Meister Dávilas Formel für eine nachhaltige, also zukunftsfähige Bildung: „Den Menschen neu erziehen würde darin bestehen, ihn aufs Neue zu lehren, die Dinge richtig zu bewerten, das heisst: weniger zu benötigen.“ Volle Zustimmung!


Dávila: „Wozu es heute Mut braucht, ist, nicht zur Verschmutzung beizutragen.“ Das gilt gleichermassen für die Aussenraumverschmutzung der Natur wie auch für die Innenraumverschmutzung unserer Seele.


Zusammengestellt und kommentiert: Peter Kern

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