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Anthropologie

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Anthropologie



Oft müssen wir Umwege gehen, um unsere Ziele zu erreichen. Erfahren wir sie als Zeitverschwendung, machen sie uns unglücklich. Können wir sie als Einübung in Gelassenheit lesen, machen sie uns menschlich.


Die Freiheit des Flusses besteht darin, dem Meer entgegenzuströmen. Und die Freiheit des Menschen, worin besteht diese?


Eine grosse Not der Gegenwart ist, dass die so genannten Eliten keine Not kennen. Sie leben in Notlosigkeit. Wie sollen sie dann etwas ändern wollen?


Menschliche Wahrheiten widersprechen nicht selten den Ordnungen des Rechts. Dann werden die Falschen verurteilt und eingesperrt. Das gilt nicht nur für Diktaturen.


Wenn Wahrheit mit anderen Wahrheiten in Widerspruch gerät, ist nicht die eine wahr und die andere unwahr. Wir haben uns nur in der Ebene geirrt, in der die jeweilige Wahrheit gilt. Das Haus der Wahrheit hat eben mehrere Wahrheitsetagen und viele Wahrheitsräume. Diese Einsicht ist kein Plädoyer für einen Wahrheitsrelativismus, denn alle Wahrheiten zusammen ermöglichen erst das Haus. Karl Jaspers: Periechontologie.

 
Im Tal streiten sie gegeneinander. Und sie alle sind im Recht. Doch dort unten wissen sie das noch nicht. Steigen sie hoch genug auf die Berge, dann lernen sie, dass nicht nur sie selbst Recht haben, sondern die Anderen auch. Jetzt erst kann der vernünftige Dialog beginnen, der nicht im faulen Kompromiss endet.


Wissensgesellschaft: Das systematische Verdummen durch zu viele Informationen.


Nicht Universitäten führen zu prosperierenden Gesellschaften, sondern prosperierende Gesellschaften unterhalten Universitäten. Terence Kealeys.


Liebe, Glück und Angst sind keine Gegenstände, die wir erkennen. Sie sind der jeweilige Horizont, in dem uns alles Erkannte unter diese wechselnden Beleuchtungen vom Innenleben her sichtbar wird. Liebe, Glück und Angst stimmen uns a priori darauf ein, wie wir die Welt wahrnehmen.


Nur wer den Tod zulässt, ist für das Leben empfänglich.


In menschlichen Dingen kommt es nicht darauf an, was gesagt wird, sondern von wem.


Immanuel Kant sagte, der Mensch sei aus krummem Holz geschnitzt. Nehmen wir also ein vernünftiges Mass und richten es.


Gelehrte: Sie gaffen fremde Leben an, die sie nie zu leben wagten. Sie sind nur Zuschauer. Dafür urteilen sie gnadenlos.


Wer von den Dingen lebt, muss sie zerstören, wer dagegen vom Sinn der Dinge lebt, wird ihre Dauer sicherstellen. Erst wenn wir im Korn wahrnehmen, was nicht vom Bauern ist, werden wir das Brot achten.



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Was bleibt, stiften die Denker. Kaum. - Was bleibt, stiften die Dichter. Schon eher. - Was bleibt, stiften die Liebenden. Ja.

Der Mensch unterscheide sich kaum vom Tier, sagt der moderne Naturwissenschaftler. Hat er schon einmal versucht, einem Affen ein Gedicht verständlich zu machen?

Kann eine Welt sinnlos sein, die einen Platon, Dante, Kant hervorbrachte? Kann eine Welt sinnlos sein, in der wir Shakespeare, Goethe, Balzac oder Proust lesen dürfen? Kann eine Welt sinnlos sein, in der wir Bilder von Michelangelo, Rembrandt oder Picasso sehen? Kann eine Welt sinnlos sein, in der die Musik eines Beethoven und Mozart erklingt?

Lieben sie, oder täuschen sie Liebe nur vor? Woher nehmen wir die Gewissheit für die eine wie für die andere Vermutung?

Ohne Empfindsamkeit vernimmt die Vernunft nichts, und der Verstand regiert ohne Mass.

Die Fähigkeit des Menschen zu denken, gestattet ihm auch den Irrtum. Mit ihm ist immer zu rechnen.

Geburt, Knospung ins Mögliche. Tod, Bilanz des Wirklichen. Dazwischen, welch eine Brache, in der viel zu wenig gelebt wurde.

Es gibt Zeit, die verrinnt und solche, die vollendet.

Das Gebot, alle zu lieben, schliesst die Notwendigkeit ein, einige zu verachten.

Wenn die Sprache das einzige Medium unserer Leidenschaften ist, dann haben wir bald keine Leidenschaften mehr.

Das Leben wird vorwärts gelebt, und, wenn es gut geht, rückwärts verstanden.

Wer sich nicht angenommen hat, kann sich auch nicht finden. Man muss schon jemand sein, um etwas aus sich machen zu können.

Mut ohne Kühnheit ist kraftlos.

Er behauptet, sein Blick ginge in die Tiefe. Nein, sein raffendes Auge bleibt an der Oberfläche. Er sieht nur, er schaut nicht. Seinem hastigen Blick fehlt das achtsame Hören.

Ohne Einfühlung wird der Mensch zum Monster. Alles ist ihm fremd. Er ist in Kälte getaucht, und sein Handeln ist Ausdruck furchteinflössender Brutalität, die er als Stärke missversteht.

Zärtlichkeit ist nicht Verzärtelung.

Wer seine Identität nur aus seinem Einkommen bezieht, hat keine.

Wir haben keine Zeit, um achtsam zu sein. Die Verletzungen sind gross.

Das Singuläre ist kostbar.

Antizyklisch leben. Wo alle sind, ist keine Ruhe zur Besinnung; was alle denken, muss nicht wahr sein.

Was bleibt von einem langen Leben? Diffuse Erinnerungen und der Blick ins Auge der Geliebten.

Das menschenlebenszeitliche Mass greift zu kurz, um die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima zu verstehen. Der Massstab der Kernenergie trägt eine Skala in Jahrtausenden. Das überfordert uns Menschen.

Jahrzehntelang haben sie an den Gefahren der Kernenergie vorbeigedacht; auch eine Leistung, nur eine mit fatalen Folgen.

Der Frost des Egoismus macht aus mitfühlenden Herzen Eis.

Je reiner der Lebensklang eines Einzelnen, desto harmonischer die Weltmelodie, je unsauberer, desto dissonanter.

Der mutige Verstand endet in Hochmut, das mutige Herz in Demut.

Wenn die aufsteigenden sexuellen Leidenschaften sogleich das Gehirn verstopfen, wird der Mensch zum Triebbündel. Dieses taugt nicht für öffentliche Ämter.

Nur Wenigen ist es vergönnt, im Fliehen auf dem Weg zu sich selbst zu sein.

Nur in der Liebe, die mehr ist als Sexualität, sind die Verwundungen durch das Leben zu ertragen

Es gibt Menschen, die beugen ihren Kopf vor dem Anderen, so dass man meinen könnte, sie bezeugen dem Gegenüber Respekt. In Wahrheit suchen sie nur ihren eigenen Nabel.

Wenn uns Menschen und Dinge nichts mehr sagen, dann überfällt uns die Langeweile. Sie lässt uns leer zurück.

Erst im Weggegebensein auf ein Anderes können wir auf uns selbst zurückkommen. Für ein gelingendes Leben ist es folglich notwendig, dass wir uns an etwas verlieren können, in dem wir ganz aufgehen. Woran wir uns verlieren, sagt etwas über unser sittliches Niveau.

Wir Menschen sind nur dann da, wenn wir ganz sind. Ganz sind wir, wenn wir vernehmen, dass wir mehr sind als Natur und Gesellschaft aus uns zu machen imstande sind. Also: Das "Werk seiner selbst" im anthropologischen Dreischritt beachten!

Selbsteinwendungen gegen die eigene Position haben immer schon ihre Widerlegung antizipiert. Man bleibt Gefangener im eigenen Gehäuse.

Wer fragt, was ist der Mensch, hat seine Antwort schon mit der Frage gegeben. Was: ein Ding, eine Sache, bestenfalls eine Art Tier, animal rationale. Fragt man dagegen, wer der Mensch sei, so eröffnen sich ganz andere Dimensionen der Antwort. In der Was-Frage wird der Mensch im Horizont nur des berechnenden Denkens erklärt; mit der Wer-Frage besinnen wir uns auf das je Einmalige des Menschen, auf seine Würde. Diese ist prinzipiell kein Gegenstand objektivierender Erkenntnis.

Stimmung ist nicht Gefühl, nicht Leidenschaft. Affectus und Pathos verfehlen die massgebende Kraft der Stimmung als Grundbefindlichkeit, auf die hin wir gestimmt sind: Angst, Glück, Liebe.

Worte sind mehr und anderes als Informationen. Sprache ist mehr als ein Funktionssystem. Man kann im Worte wohnen und in der Sprache zu Hause sein. Sprache ist das Haus des Seins. Martin Heidegger.

Menschliche Freiheit ist keine Naturtatsache. Insofern ist sie auch kein Gegenstand der Erfahrung, der empirisch zu erforschen wäre. Sie ist die a priorische Voraussetzung für die praktische Vernunft. Erst deren Taten sind wieder Gegenstand der Empirie, und zwar einer existenziellen Empirie.

Unser Wahrnehmen und Handeln sind Ausdruck unserer Gestimmtheiten: Angst, Glück, Liebe sagen uns, wer wir in je konkreten Situationen sind.

Die platonische Liebe gibt durch die Negation des Körperlichen der Sexualität eine Wichtigkeit, der sie gerade entgehen will.

Männerargumente in konfligierenden Paarbeziehungen: Die Frauen sind geschlagen, aber nicht überzeugt.

Sie schlittern aus subjektiver Neigung in die Ehe, ohne zu wissen, was diese sein könnte: existenztragender Grund einer intersubjektiven Dauerbeziehung.

Denken, wollen, fühlen finden ihre Entsprechungen in der Logik, Ethik und Ästhetik. Wenn diese Dreieinheit gelingt, gipfelt sie im Religiösen als dem Heiligen. Mit Amtskirchen hat das herzlich wenig zu tun.

Wer kennt es, das gespannte Streben, sich nicht zu verlieren?

Was bewirkt schon ein Einzelner? Wäre es nicht besser zu schweigen? Die Andersdenkenden werden diese Anfechtung lauthals bejahen.

Sein Auftreten hat durchaus Stil, sein Denken schon weniger, sein  Handeln überhaupt nicht.

Sie sitzen freundschaftlich zusammen, ohne ernsthaftes Interesse an dem zu haben, was dem je Anderen bedeutsam ist.

Tragik: Unwissentlich zu seiner eigenen Katastrophe beitragen. Ödipus. Folglich leben wir in keinem tragischen Zeitalter, denn wir wissen um unseren Beitrag zur Zerstörung der Natur.

Nachdem wir den Dingen und dem Menschen die Essenz geraubt haben, kann in freier Willkür über sie verfügt werden. Die traurigen Resultate solcher Hybris sind überall zu besichtigen.

Ist unser Leben wirklich nur das, was wir aus ihm machen? Wer so urteilt, übersieht die Widerfahrnisse des Lebens.

Der Anfang, die Geburt, ist ein Diktat. Das Ende, der Tod, kann ein Akt meines freien Willens sein.

Nur der Mensch verweigert seine Natur, und so enttäuscht er sich selbst und alle Kreatur.

Das Leben, eine sich dehnende Übung, die nicht gelingen will.

Weiss die Blume um ihr Verwelken? Weiss der Löwe um seinen Tod?

Die festhaltende Umarmung täuscht Liebe vor. Längst ist sie ins Besitzenwollen gekippt.

Suizidäre Theorien müssen nicht im Freitod enden. Siehe Cioran.

Leidet ein Tier an sich selbst? An seiner Art? Am Menschsein zu leiden, ist jedem von uns aufgegeben, denn wir bleiben weit hinter unseren Möglichkeiten zurück. Das Tier vollendet das Leben, den Menschen der Mensch, und das immer nur annäherungsweise. Wir sind  bestenfalls Halbmenschen, mehr noch nicht.

Die Klagen über das Scheitern von uns Menschen rechtfertigen sich nur, wenn sie Vorbereitung sind für das hohe Ziel möglicher Humanität.

Wir leben ungenau. Es fehlt die Sorgfalt.

Der Ehrgeizige hasst Vergleiche. Es könnten Zuviele noch vor ihm sein.

Das Wichtige im Plauderton sagen.

Als Einsichtiger am Leben zu bleiben, dazu gehört Mut.

In der Liebe schlägt die Angst um in die offene Freiheit der Geborgenheit.

Einkaufsräusche: das protzige Füllen von Leere.

Je besser ich die Menschen kennen lernte, umso schöner wurden die Begegnungen mit Tieren und Pflanzen. Erst wenn ich die Steine lieben kann, werde ich wieder glücklich sein.

Was ich ganz verstanden habe, kann ich nicht lieben. Es hat kein Geheimnis mehr.

Wir sind nicht stark genug. Wir folgen zu rasch dem Druck von Konformität.

Kampfleser: Sie setzen ihre Lektüre dazu ein, andere zu beeindrucken.

Grossherzige Menschen blenden nicht, sie wirken, und das oft im Stillen.

Es gibt Zuneigungen ohne Herz: Rationale Zärtlichkeit als Kalkül.

Zeit als die in Augenblicke auseinanderfallende Ewigkeit, lässt sich physikalisch nicht denken.

"Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel." Paul Watzlawick. Ich assoziiere: Wer als Erkenntnisinstrument nur die Naturwissenschaften hat, für den ist alles ein berechenbares Ding.

Alle reden, und keiner kommt zu Wort.

Kann man dem Hass, der Gründe hat, sein Recht streitig machen?

Wenn uns zölibatäre Priester und kinderlose Feministinnen die Welt auslegen, dann bleibt zuviel auf der Strecke.

Die philosophische Krankheit des berechnenden Denkens im Abendland: Das Ranghöhere als Äusserung eines Rangniederen zu verstehen, bis es am Schluss keine Unterschiede mehr gibt. 10 hoch 28 Moleküle oder ein Mensch, gleich viel.

Wer überreden will, entmündigt den Anderen.

Präsent sein für die Anderen: Den Raum einnehmen, ohne aufdringlich zu sein.

Was muten wir uns zu? Was ist uns zuzumuten?

"Der Mensch ist das Tier, das knoten kann." Adriano Sofri: Der Knoten und der Nagel. Ein Buch zur linken Hand.

"Die Kunst des Knotenknüpfens, Gipfel sowohl der geistigen Abstraktion wie der Fingerfertigkeit, könnte gerade zu als Hauptmerkmal des Menschen betrachtet werden, vielleicht noch mehr als die Sprache." Italo Calvino.

Wenn es uns je gelingen sollte, diese Welt friedlicher, gerechter und zukunftsfähiger einzurichten, dann haben wir immer noch nicht das Paradies auf Erden. Es bleibt der Skandal von Krankheit, Alter, Tod.

Reversibilität als anthropologischer Tatbestand. Wir haben die Möglichkeit, umkehren zu können. Doch Dummheit und Stolz hindern uns, das jeweils Notwendige zu tun.

Sein eiferndes Dabei-Sein-Müssen macht ihn nur lächerlich.

Freundschaft aus Vorteilssucht missversteht sich selbst.

Übereinstimmung in der Freundschaft erträgt heiter jeden Widerspruch.

Beleidigungen haben keine aufklärende Wirkung. Sie führen zu keinem Erkenntnisfortschritt. Sie wirken kurzfristig entlastend, und langfristig hat man einen Feind mehr.

Er beschloss, die Unruhe in ihm selbst ernst zu nehmen: Auszeit zum Meditieren.

Vieles wurde entdeckt, manches wieder vergessen, anderes ging verloren – aber das Entscheidende haben wir immer noch nicht alle gefunden: Wie wir leben sollen und wie wir leben können.

Es gibt diese versteckte Flucht am Leben vorbei. Für Georges Bernanos ist es ein Leben ohne Gott. Für mich ist es schon ein Leben ohne Vernunft und Liebe.

Der Alltag ist überall banal. Der Tourist kann eine solche Einsicht nicht zulassen. Er hat in seine Flucht zu viel investiert.

Grundgestimmtheiten erschaffen die Welt für uns. Im Lichte von Angst, Glück oder Liebe erscheint sie jeweils anders.

Wer zerstört, was er liebt, hat nicht geliebt – oder ist krank.

Mit niederschmetternder Entschlossenheit scheitert er immer wieder an sich selbst.

Identität verdankt sich der Abspaltung vom Anderen. Ist sie deshalb nicht mehr erstrebenswert?

Heuchelei: Praktisch begehren wir Dinge, die wir theoretisch verdammen.

Der Mensch ist weder gut noch böse. Er ist das verwirrte verdorbene Mittelding zwischen diesen beiden möglichen Polen.

„Ungeheuer (ta deiná)  ist viel, doch nichts ist ungeheurer (deinotéron) als der Mensch.“ Das zugrunde liegende altgriechische Adjektiv deinós kann sowohl mit "furchtbar", "schrecklich" als auch mit "ausserordentlich", "tüchtig", "gewaltig" oder "unerhört" übersetzt werden. Was also sagt uns Sophokles im Chorlied der Antigone? Der Mensch ist von Natur aus weder gut noch böse. Das ist gegen alle gesprochen, die immer noch wie Rousseau oder Titus Maccius / Thomas Hobbes urteilen, und es ist zugleich eine Aufforderung zur Emporbildung, die uns immer noch nicht gelungen ist.

Tief im Meer, tief in der Geschichte, tief in der Seele – tief verborgen, was wir suchen.

Das Nachdenken über den Menschen reicht heute bestenfalls für die metaphysische Wellness.

Die Vorsokratiker hätten für uns heute nichts Ansteckendes mehr. Welch ein Irrtum! Man lese Hanspeter Padrutt: Und sie bewegt sich doch nicht.

Überwucherungen, nur noch von unten: Ökonomie, Politik, also Kapital und Macht bestimmen das Leben. Religion und Ethik haben sich längst verflüchtigt ins metaphysische Nichts.

Wer alles im Griff hat, der tötet.

Härte und Weichlichkeit: Quellen menschlichen Elends.

Die Verwechslung von heroisch und herrisch: NietzscheErnst Jünger.

Das Leben will gewagt werden. Die Deutschen scheint ein Hochsicherheitsgen daran zu hindern.

Sanftheit nie mit Dünnlippigkeit verwechseln.

Die Sehnsucht, nie geboren worden zu sein. E. M. Cioran.

Die Feier pränatalen Nichts: Ach, wären wir doch nicht geboren! Lichtenberg, Brecht, Cioran.

„O wärt ihr doch im Schoss eurer Mütter geblieben.“ Bertholt Brecht.

Wenn Zusagen beschwerlich werden, mutiert die Zeit zum Organ der Dementis.

Sie denken nicht, also leben sie auch nicht. Sie werden nur gelebt.

Die sorglose Aneinanderreihung von Gemeinplätzen ergibt noch keine eigenen Gedanken. Wie viele das jetzt wohl auf diese Notizen hier anwenden? Sorglos? Gemeinplätze?

Die fiebrig Erhitzten verglühen schnell.

Sein Auftritt hatte eine einzige Funktion: Eindruck zu machen. Er war zu peinlicher Subjektlosigkeit ausgeblasen. Ein Blender.

Der Dandy Oscar Wilde landete im Zuchthaus. Der Snob Ernst Jünger tafelte mit Helmut Kohl.

Wir sind zu berechnend. Das ist unser Unglück.

Nur noch berechnendes Denken: Wir berauben uns der Worte, die bannen könnten.

Wer entscheidet noch freudig?

Selbstmitleid: Er ertrinkt im eigenen Melancholie-Parlando.

Wird der Arme plötzlich reich, dann wird er selig, doch nur für kurze Zeit.

Auch der ärmste Mensch hat seinen verborgenen Schatz, und seien es die Erinnerungen an bessere Tage oder die Hoffnung auf solche.

Wahrheit wird nicht kognitiv bewiesen, sie wird gelebt.

Wahrheit – das ist der Stil einer ganzen Persönlichkeit. Le style c’est l’homme. Leclerc de Buffon.

„Nicht die Meinung ist interessant, sondern die Wahrheit.“ Dolf Sternberger.

Der Mensch ist allenthalben auch sein eigener Feind.

Ohne schwesterliche und brüderliche Scheu vor dem Anderssein des anderen wird es keinen Frieden geben.

Das konkret Universelle: Es gibt nur eine Menschheit. Claude Lanzmann.

Freunde, die nicht rechtzeitig warnen, sind schlechte Freunde. Hat Israel  keine guten Freunde?

Es ist immer ein schlechtes Zeichen, wenn man den Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit allzu deutlich spürt. Also sind heute die meisten Menschen Opfer ihrer Lohnabhängigkeit.

Wir alle sind Satan inmitten einer zerfliessenden Wüstenei: ohne Raum, ohne Zeit, ruhelos umherirrend. Daniel Defoe.

Das lächerliche Pech des Einzelnen ist in Wahrheit ein gesamtgesellschaftlich verhängtes menschliches Ungemach. Es wäre änderbar. Schicksalsschläge bleiben dann noch genug.

Wer redet schon mit unerbittlicher Härte von sich selbst?

Viele haben die blinde Kraft der Sieger. Wenige den sicheren Blick der Verrückten. Ich habe weder das eine noch das andere. Fernando Pessoa.

Auch wenn sie ihre Zungen beherrschen, ihre Augen verraten alles.

Wir sollten mehr auf den Tonfall der Stimmen achten.

Wer sich sucht, ist nicht immer darüber erfreut, was er findet.

Idealisten ohne Fähigkeiten, sind gefährlich. Fähigkeiten ohne Idealismus wirken tödlich.

Ein anthropologisches Gesetz: Wir müssen nicht immer Sieger sein.

Autonomie ist eine Illusion. Alles verdankt sich allem.

Ein feiner Unterschied: homozentrisch – anthropozentrisch.

Der Zukurz-Gekommene stellt sich auf seine Zehenspitzen; wer ernsthaft denkt, vergisst sich selbst. Armer Sarkozy.

Den Dummen und Ehrgeizigen kann man noch so viele Brücken zur Menschlichkeit bauen, sie wollen sie einfach nicht betreten.

Wer meint, dass Extrapolieren im Leben zu tragfähigen Vorhersagen führt, der irrt.

Werden Gedanken besser, wenn sie lange liegen?

Das Ende der Aufrichtigkeit und die Tyrannei der Authentizität: Wie fühlst Du Dich? Ach, ich bin heute gar nicht gut drauf. Lionel Trilling.

Furcht ohne vernünftige Ursache ist Angst.

Grenzen sind fiktiv. Es gibt nur Übergänge.

Auch liebe Männer vergewaltigen. Eine Tragödie.

Je wohlklingender die Rede, desto wachsamer sollten wir werden. Hinter jedem Satz lauert die Lüge.

Wir sind zu selten aufrichtig gegen uns selbst.

Menschen: Ein Sammelsurium vieler Verwunderungen und Verwundungen und der grossen Verletzungen.

Sobald wir andere nur an unseren Leistungen messen, unterschätzen wir sie schon.

Opfer seiner eigenen Perfektion werden: Den Neid der anderen heraufbeschwören. Das perfekte Gewebe sollte immer einen Fehler enthalten, einen Faden, an dem der andere anknüpfen kann. Pallas Athene - Arachne.

Wir empören uns viel zu oft über Nebensächliches.

Vom Souterrain aus ist der Mensch in seinen spezifisch menschlichen Möglichkeiten nur sehr verzerrt wahrzunehmen.

Sobald wir unser Leben nur noch mit Erinnerungen schmücken, sollten wir von ihm Abschied nehmen.

Schämen. Mitschämen. Fremdschämen.

Wenn Wenige die Massen blenden, dann kann man nur noch Satiren schreiben.

Folter verwandelt den Gefolterten in einen Leichnam oder in einen Verräter. Bleibt er in übermenschlicher Anstrengung gegenüber seinen Prinzipien Sieger, hat er dennoch für sich verloren. Jean Améry: Hand an sich legen.

Die gedrittelte Leistungsgesellschaft: Wir leisten viel für unsere körperliche Ertüchtigung. Wir leisten noch mehr im gesellschaftlichen Krieg aller gegen alle. Was aber leisten wir für unsere Seele?

Der Ehrentod enthüllt und maskiert menschliche Dummheit auf eine grausame Weise.

Beflissenheit und die tiefe Furcht, den Anschluss zu verpassen, macht aus Menschen Mitläufer.

So viele politische Irrtümer wären zu vermeiden, wenn die Akteure weniger eitel wären.

Die Idee des quantitativen Fortschritts auf das Humane anzuwenden, ist eine unverzeihliche Dummheit.

Pubertät: Das Erwachen der Sinne, unserer künftigen Tyrannen.

Ausweglosigkeit? Dem Menschen Leidenschaften geben und ihm zugleich verbieten, sie auszuleben.

Wir sind Überflieger der Wahrnehmung. Wir leiden an einem Mangel an Sensibilität.

Sex, Eros und Liebe werden, wenn sie isoliert auftreten, zum Laster.

Heideggers Lehre vom Menschen, seine Analytik des Daseins, kommt ohne Sexualtheorie aus. Bemerkenswert. Während er den Menschen phänomenologisch zu verstehen versuchte, schlief er mit seiner Ehefrau Elfriede  ("Mein liebes Seelchen") und liebte seine Schülerin Hannah Ahrendt.

Der Liebesakt: Akrobatische Exerzitien, Technik statt Liebe.

Wer schweigt, macht sich verdächtig.

Der Vorwurf, der Schweiger habe nichts zu sagen, schlägt nicht selten auf den Schwätzer zurück.

Kulturen sterben von innen, und das lange unmerklich.

Menschen ohne Ideale töten. Ideale ohne gebildete Menschen auch.

Alle interessanten Geister haben ihren Tic. Nicht alle, die einen Tic haben, sind interessante Geister.

Ein müder Verstand kommt zu falschen Einsichten; eine müde Vernunft schafft Unheil.

Sie sind habgierig und hart. Das macht sie zu fürchterlichen Feinden des Lebens.

Den menschlichen Willen als Mass aller Dinge zu nehmen, unterschlägt mindestens die Abhängigkeit von der Natur.

Anstand als Zufall: Jede Verbrecherkarriere könnte auch bei mir ihren Anfang genommen haben. Schon Sokrates wusste, dass er sich im Verbrecher widerspiegele.

Wenn Schamlosigkeit zur Pflicht wird, kennt man den Stolz nicht mehr.

Wir denken nicht radikal genug.

Sentimentalität: Mit dem Kopf fühlen.

Brutalität: Ohne Herz zu denken.

Während der Trauer halten wir uns in der Nähe des Todes auf. Wer diese Trauer überspielt, verspielt sein Leben.

Nicht nur Diktatoren lassen Mausoleen der Eitelkeit errichten. So mancher Tote wetteifert mit posthumem Prunk.

Wenn man uns schon jede Scham ausgetrieben hat, warum schämen wir uns dann angesichts ehrbarer Gefühle?

Der Anthropologe zerrüttet die Anthropologie, wenn er sie ausschliesslich in Wissenschaft verwandelt

Auf die Couch, um angstfrei zu werden, nein! Das führt nur zur Apokalypseblindheit. Alfred Kubin: „Um Himmels willen, Doktor, nehmen sie mir meine Angst nicht, sie ist mein grösstes Kapital!“ Furcht dagegen kann gefahrlos therapiert werden.

Wer Hierarchien schleift, entfesselt Gelüste.

Wie erträgt man Besucher, wenn man die Einsamkeit liebt?

Wer nur pausenlos vor sich hinplappert, dem dient Sprache nicht zur Aneignung von Welt. Im Gegenteil: Er erstickt sie unter einer immer grösser werdenden Schicht von Wortmüll.

Dringend erforderlich: Eine Diätetik für die Gesundheit des Verstandes.

Eine falsche Betonung kann alles zunichte machen.

Missachtung, Unterdrückung, Ausbeutung: Warum lassen wir uns so viel gefallen?

Kleine Geister suchen die kleinen Fehler, grosse Geister sagen etwas zum Ganzen. Und das Genie tadelt nicht.

Von dem, was der Mensch sein könnte und damit sein sollte, wissen sie nichts mehr: Anthropologische Amnesie.

Es gibt viele Gründe für Verrat: Eitelkeit, Geld, Rache, Angst.

Respekt gegenüber dem anderen ohne Selbstrespekt erniedrigt beide.

Aus Selbsthass laut werden, ist das der Grund für den Lärm in der Welt?

Gehirnerweichung wird zur Volksseuche. Herzenserweichung ist noch verbreiteter. Sie führt zur Sentimentalität statt zum zukunftsfähigen Engagement.

Vergessen wir nicht, es gibt auch eine Authentizität der Dummheit.

Das Lächerliche schläft so dicht neben dem Erhabenen wie die junge Mutter neben ihrem Säugling.

Anbiederung: Mit armseliger Prahlerei versuchen, Eindruck zu schinden.

Francisco de Goya: El sueño de la razón produce monstruos. Sueño kann sowohl "Schlaf" als auch "Traum" bedeuten. Erste Übersetzung: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Ohne Vernunft – das Elend der Lieblosigkeit. Zweite Übersetzung: „Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer.“ Zuviel Vernunft – tödliche Globalutopien.

Die Leidenschaften bedingungslos auszuleben, macht uns zu falschen Herren über das Leben.

Wer wir Menschen sein sollen, wissen auch die klügsten Köpfe nicht. Wer wir sind, lässt sich an jedem Dummkopf studieren.

Weshalb geht der Prozess der Verdummung ungleich schneller vonstatten als der Zuwachs von Klarheit und Einsicht?

Wer nur das Notwendige sagen möchte, sollte schweigen. In seiner rhetorischen Verknappung würde er nur beleidigen.

„Nur den Verrückten erscheint das Leben als ein Gut.“ Hegesius, kyrenischer Philosoph.

Der Mensch ist perfekt zur Korruption veranlagt. Das macht seine Bildsamkeit zum Guten wie eben auch zum Bösen.

Die Ehrgeizigen wollen gross herauskommen. Es wäre viel gewonnen, wenn man am Ende ihres Lebens sagen könnte, dass sie brauchbare und gute Menschen wurden.

Man kann gegen Schmutz ankämpfen, vernichten kann man ihn nicht.

Kränklichkeiten sind Verzerrungen der Seele. Verzerrungen der Seele sind Krankheiten dieser Welt.

Steigerung: Ding-Welt; Wörter-Welt; Bilder-Welt; keine Welt.

Zunahme: Die unheimliche Gleichgültigkeit des Menschen gegenüber dem Menschen.


Peter Kern


 


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Die textimmanente Interpretation an bundesdeutschen Universitäten war nach 1945 Flucht vor der politischen Verantwortung. Wolfgang Kayser.