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Kunst

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Kunst





Gibt es ein ästhetisches Missbehagen a priori?

Wer Adjektive häuft, ist in aller Regel literarisch impotent.


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"Ich traue keinem Roman mehr, der meinen Ehrgeiz, alles zu verstehen, voll befriedigt." Susan Sontag.

Mit Plattheiten hohe Auflagen erzielen, verschafft dem Autor Wohlstand und erspart dem Leser das Nachdenken.

Der Autor als gesellschaftlicher Paria ruft: Ich bin nicht verantwortlich! Doch, denn es gibt auch unter ihnen Schreibtischtäter.

Angesichts der erbärmlichen Weltlage hätten wir keine Zeit mehr für Ästhetik, sagen die einen. Und die anderen: Nur die Kunst könne uns noch retten. Wem wollen Sie mit welchen Argumenten folgen?

Mit Zynismus imprägnierte Rezensenten suchen den Kick, nicht das gute Buch.

Dicke Romane sind nur dann dick, wenn sie langweilig sind.

Es gibt Bücher, die muss man mit dem Herzen lesen, der Verstand erreicht sie nicht.

Das literarische Kunstwerk hat es mit Gegenständen zu tun, die keine unmittelbare Realitätsentsprechung haben. Ontologisch: Quasirealität, oder, wie es Ingarden nannte "Seinsheteronomie". Roman Ingarden: Das sprachliche Kunstwerk.

Politisches Theater: Sie verwechseln Kunst mit Agitation. Ihre Inszenierungen sind fad. Sie haben nicht verstanden, dass jeder Klassiker, texttreu aufgeführt, ein Revolutionär ist.

Modernes Regietheater: Schreckensinszenierungen, an denen man sich verletzt.

Wo finden wir den Sinn einer Dichtung? Im Werk selbst, oder tragen wir ihn als Leser hinein?

Was der Dichter anruft, sehen wir klarer und heller und tiefer: Die steigenden und fallenden Wasser der römischen Fontänen, den kleinen weissen Elephanten auf dem Kinderkarussell im Jardin du Luxembourg, den Apfelbaum von Borguly-Gaard; die schweren grossen Rosen mit ihrem "Äussersten von Sein und Neigen". Rainer Maria Rilke.

Indem sie der Metapher misstrauen, verachten sie die Sprache des Herzens. Sie verstehen sich nur noch technisch.

Wir sollten sehen lernen. Sobald wir das vermögen, geht der Blick nicht nur hinter die Dinge, er geht auch tiefer. Lehrmeisterin für ein solches Sehen ist die Kunst.

Dichter überzeugen nicht mit Gründen und durch Systeme. Mit ihren Worten berühren sie unser Herz und bereiten so die Umkehr vor.

Regietheater: Sich konformistisch für vermeintlich avantgard zu halten.

"L'art, c'est faire quelques chose de rien."  Racine.

Gestaltung setzt zu Gestaltendes voraus; ohne dieses ist jene substanzlos.

Kunstwerke aus vergangenen Zeiten bieten uns Erfahrungen an, die unsere Gegenwart nicht mehr bereitstellen kann.

Kunst, nicht nur als Ausdruck verletzter Individuen, sondern auch als Aufschrei, um andere auf ihr Menschsein hin zu wecken.

Kunst, das ist ein Weg zur Freiheit. Rainer Maria Rilke: Florenzer Tagebuch.

Wir gehen schludrig mit unserer Sprache um: Grundlos aus der Grammatik rutschen.

Kunst kennt keinen Fortschritt.

Kunst als blosse Widerspiegelung des Vorhandenen ist keine Kunst. Es fehlt das Geheimnis.

Ohne ästhetische Empfindung, kein ethisches Werturteil.

Kunst hat nicht moralisch zu sein, wohl aber perfekt. Und indem sie perfekt ist, kann sie moralisch wirken.

Ohne den Mantel der Ästhetik, macht der klügste Gedanke frösteln.

Asiatische Tempelbauten: Klassik verwittert zu abstrakter Schönheit.

Sakrale Baukunst: Verletzte Steine, beschädigte Reliefs, zerstörte Skulpturen. Und doch alles voller Spiritualität.

Bankhäuser: Architektur der Machtförmigkeit. Schaut her und gehorcht.

Mich hat noch kein Grund überzeugt, weshalb grosse Dichtung nicht lehrreich sein sollte.

Literatur als Therapie. Adolf Muschg.

Goethe: „Gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide.“

Die Ästhetisierung der Gefahr: Challanger-Explosion – Zwillingstürme 9/11/2001. Nur der ultimative Atompilz ist noch Vision. Dessen Wahrnehmung wird dann das Ende der menschlichen Geschichte sein.

F.J. Raddatz über Josef Beuys: „Halte das alles ausnahmslos für ideologisch aufgetakelte Scharlatanerie.“

Regietheater: Woher nehmen diese Namenlosen das Recht, Shakespeare, Schiller oder Brecht bearbeiten zu dürfen?

Romantik ist keine Stilepoche, sie ist eine Geisteshaltung.

L’art pour l’art: Die politische Taubheit der Wortsüchtigen.

Die Literaturszene: Leben aus dem Hinterhalt – verlogenes Lob und giftige Häme.

Literarischer Darwinismus, bei Nicolás Gómez Dávila gefunden: „Sobald in Vergessenheit gerät, was die Zeitgenossen lasen, bleibt die Literatur der Epoche übrig.“

Meisterhaft rezensiert und doch nicht gelesen: Der Drahtseilakt der miserabel bezahlten Schreibknechte des Feuilletons.

Eine Literaturkritikerin: Ihr Geschmack wechselt zwischen der Buchveröffentlichung und der Verleihung des Nobelpreises. Erst taugt der Roman nichts, dann ist er Weltliteratur.

Literaturkritiker: Hysterische Menschen, die hysterische Texte schreiben.

Die Literaturkritikerin verwechselt wild gestikulierend ihre Rolle mit der Leistung des Autors: Peinlich.

Das Vulgäre erfreut das Herz der Rezensentin.

Ein Literaturverlag, der auf sich hält, kauft amerikanische Titel ein.

Hermeneutischer Fortschritt: Von der klassischen Textanalyse zur „strukturalistischen Enthirnung“. Claude Lanzmann.

Sich von Kunst berühren zu lassen, ohne das Gehabe modischer Kulturäffchen.

Herrschaft des Kapitals: Wenn die Auflagenhöhe den schrumpfenden Kulturteil kompensiert.

Wer seine Rezension unter Erektionen konzipiert, schreibt einen Verriss.

Gibt es ihn doch, den Penisneid? Einige Literaturkritikerinnen lassen das vermuten.

Die emanzipierte Rezensentin rächt sich am Autor als Mann.

Wer nur Rezensionen konsumiert, behauptet bald, die Originalliteratur gelesen zu haben.

Nicht jeder Klassiker hält, was man ihm zuspricht.

Worte, die nur sich selbst meinen, taugen nicht zur Poesie.

Man liest nicht mehr, man vergleicht nicht mehr, man argumentiert nicht mehr – man verurteilt nur noch.

Wer findet das noch? In Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz faltet Franz Biberkopf kurz nach der Armamputation die Hände.

Originell schreiben: Der untaugliche Versuch, mehr sagen zu wollen, als man weiss.

Journalismus: Es geht nicht um Niveau, es geht um Auflage. Warum lesen wir dann überhaupt noch Zeitungen?

Aufgeblasene Feuilletonbeiträge, nicht selten in ihren Informationen ärmer als Wikipedia, als Literatur unerheblich und misslungen, und gedanklich auch noch leer.

Es gab ihn, den hellsichtigen, schneidenden und mutigen Journalismus: Karl Kraus, Kurt Tucholsky, Fritz J. Raddatz.

Allzu viele Journalisten haben sich schon hinabstufen lassen zu blossen Unterhaltungsanimateuren.

Sie verwechseln: Unterhaltungsjournalismus und unterhaltenden Journalismus.

Auch in den klügsten Köpfen nistet die Möglichkeit, Unsinn von sich zu geben.

„Das verunsicherte journalistische Milieu ändert im Minutentakt seine Meinung.“ Frank Schirrmacher.

Zum „Kotz-Beruf“ Journalismus und zu deren Protagonisten: „Diese Leute, die die Welt von Stil bis Globalisierung belehren, tagaus, tagein, sind ja selber Früchtchen.“ F.J.Raddatz. Er muss es wissen, er kennt sie aus nächster Nähe.

Manche Nachrichten beanspruchen viel Platz und haben wenig Wert.

Bei Jörg Schöller gelesen: "Macht ein Master of Arts auch Master-Art?".

Zeitgenössische Architektur: Keine Monumente, nur noch Gigantomanie.

Die Architektur verrät alles. Wir vegetieren in ausdruckslosen seriellen Massenkisten oder protzen mit gigantomanischen Prunkbauten, denen gegenüber der Turmbau zu Babel noch als geschmackvoll zu gelten hätte.

Zärtliche Erinnerungen an mittelalterliche Städte. Freilich, das gilt nur für ihre Architektur.

Sie können keine Städte mehr bauen. Am Mass-Stab des Marktplatzes von Lucca scheitern alle.

Wo Schönheit ist, flieht das Böse.

Lichtenberg urteilte, dass zu seiner Zeit drei Pointen und eine Lüge einen Schriftsteller machten. Heutzutage sind diese Zutaten zu potenzieren und um mindestens einen peinlichen Skandal zu erweitern.

Romane von Rang: In der Literatur Wirklichkeit geniessen lernen.

Ophelia spricht wahr, weil sie irre ist. Shakespeare.

Deutscher Schwulst wird erst beim Übersetzen ins Englische so richtig anschaulich.

Ein Roman, und sei es ein weltberühmter wie La Nausée, hat gegenüber einem sterbenden Kind kein Gewicht. J.-P.Sartre.

Friedrich Dürrenmatt über Jean-Paul Sartre: „Menschlich ist er einer der integersten.“

Romane, die sich zusammenfassen lassen, sollten gleich als Sachbuch geschrieben werden.

Die Sprache des Essayisten benennt die Welt und bleibt ohne Geheimnis. Die Sprache der Poesie ergründet die Welt und ist voller Geheimnis.

Die gefährlichsten Bücher sind die, über die alle reden, ohne sie gelesen zu haben. Thilo Sarrazin.

Er empfindet vor der Hässlichkeit Widerwillen, ohne eine besonders klare Vorstellung vom Schönen zu haben. Georges Bernanos.

Wer ein Gemälde unter dem Mikroskop betrachtet, der findet Chemie, nicht Kunst.

Man blickt am berühmten Gesicht vorbei und sucht gierig das noch berühmtere: Eine Vernissage.

Franz-Marc-Anekdote. Eine Ausstellungsbesucherin: „Pferde sind aber nicht blau.“ Die Replik des Künstlers: „Dies sind auch keine Pferde, dies ist ein Bild.“

Plagiatsvorwürfen begegnet man heutzutage mit der Hegemann-Debatte: Absolution durch das Literaturfeuilleton. Wenn es um wissenschaftliche Texte geht, erteilt eine Kanzlerin die Absolution. Karl-Theodor zu Guttenberg: Plagiatsaffäre.

Auch die Kunst wird demokratisch. Sie verliert ihre Rangordnung.

Die Nachwelt wird die literarischen Heldinnen von heute aus den Feuilletons ins Lehrbuch der Psychiatrie übertragen: Werden Charlotte Roche und Helene Hegemann die ersten sein?

Über Windkrafträder in der Landschaft können sie sich mehr empören als über Tschernobyl. Ein tödliches Verständnis von Schönheit.

Es wird nicht mehr gelesen, es wird durchgeblättert. Damit verliert das Vorwort für den Leser seinen Sinn. Man sollte deshalb künftig Vorblicke für Durchblätterer schreiben.

Die deutsche Sprache spekuliert mit der Zweideutigkeit. Ist sie deshalb gut fürs Philosophieren? Heidegger: Im Deutschen griechisch denken. Bedenklich?

Wo sich die Flecken der Hässlichkeit ausbreiten, sucht man Moral vergeblich.

Die zeitgenössische Kunst ist die Kunst, Kunstsurrogate auf dem Kunstmarkt kunstvoll zu verkaufen.

Wirkliche Kunst gibt der Welt Gewicht. Wie viele Luftballons fliegen heute in der Kunstszene herum?

Mich überzeugen die Gründe nicht, dass die antike Idee der Einheit von Schönheit und Gutsein ( Kalokagathia ) bedeutungslos geworden sei. Verwechselt man nicht wieder Genese und Geltung?

Verblüht: Kalokagathia. In postmodernen Zeiten sind Moral und Ästhetik weit auseinander gefallen. Das ist kein Naturgesetz.

Schönheit ist der Kokon, der das Gute umschliesst.

Störfall Tschernobyl: Alles vergiftet, auch unsere kulturelle Erinnerung. „Wie herrlich leuchtet mir die Natur“. Diese Poesie hat ihre Unschuld für immer verloren.


Peter Kern

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