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Ach, die Bildung

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Sind Sie gebildet? Bin ich gebildet?

Beim letzten Fernsehquiz wäre ich bald rausgeflogen; ich wusste zu wenig. Und auf der Party neulich gab es einen fröhlichen Streit: zwei warfen sich gegenseitig vor, ungebildet zu sein. Dabei waren sie ganz schön informiert. Der eine wusste verdammt viel über Literatur, Kunst, Musik, Philosophie, der andere über Mathematik, Physik, Chemie und Biologie. Der erste Typ redete dabei etwas verächtlich von den Naturwissenschaften, woraufhin der zweite sehr gereizt reagierte. Sie gerieten mächtig aneinander. Wie zwei Kampfhähne gingen sie aufeinander los. Jeder wollte Sieger sein. Dabei war ihnen jedes Mittel recht: Redegewandt, wie sie waren, übertrumpften sie sich gegenseitig mit Bergen von Wissen. Eitel waren sie, viel Imponiergehabe, noch mehr Machthunger. Sie wurden immer verbissener. Am Ende hatten sie die Stimmung der ganzen Party versaut.

Erst als sie frustriert gingen, fühlten wir Zurückgebliebenen uns wieder wohl. Da meinte ein Jüngerer: Die hatten keine Ahnung. Gebildet ist doch nur derjenige, der mit der Zeit gehen kann. Über die neue Internetwelt hätte man beide nicht fragen dürfen. Da hätten sie passen müssen. Ich kenne sie. Und ein anderer: Wer so miteinander umgeht, der ist nicht gebildet.

Was also ist Bildung?

Alle reden heutzutage davon. Begriffe wie „Bildungs-Politik“, „Bildungs-Reform“, „Bildungs-Forschung“, „Bildungs-Karriere“ haben hohe Konjunktur.

Was besagt dieses Wort „Bildung“?

Ich habe den Eindruck, keiner weiss das heutzutage so genau. Da berichtet die NZZ am 1. September 2009 auf einer ganzen Seite über ein 40-seitiges Weissbuch des „Verbundes Akademien der Wissenschaften Schweiz“: Es geht um die Vorstellung zur „Zukunft Bildung Schweiz“. Nirgends aber wird gesagt, was man unter „Bildung“ verstehen will. Viel ist von internationaler Wettbewerbsfähigkeit und von Wirtschaft die Rede. Man ahnt, dass es in diesem Umfeld um viel Wissen und viel Können gehen soll, damit der hohe Wohlstand aufrechterhalten werden kann.

Bin ich gebildet, wenn ich viel weiss und viel kann? Und welches Wissen und Können zählt dann zur Bildung? Dietrich Schwanitz schreibt ein Buch mit dem Titel „Bildung“. Darin listet er „alles“ auf, „was man wissen muss“. Es ist eine Kulturgeschichte Europas, ohne die Naturwissenschaften. Deshalb fordert erzürnt Ernst-Peter Fischer „Die andere Bildung: Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte.“

Aber wenn man sich mit dieser „Bildung“ bis zur aggressiven Feindschaft streitet, was taugt sie dann?

Ist man möglicherweise gebildet, wenn man nichts weiss? „Ich weiss, dass ich nichts weiss!“
ist ein geflügeltes Wort, das als verfälschende Verkürzung eines Zitats aus Platons „Apologie“ dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschrieben wird. Das Zitat steht bei Platon für die Entwicklung der eigenen Erkenntnis von der Entlarvung des Scheinwissens über das bewusste Nichtwissen hin zur Weisheit als Wissen um das Gute.

Gebildet ist also der „Weise“? Was ist dann Weisheit?

Es ist die Fähigkeit, möglichst unverzerrt das Ganze wahrzunehmen, von dem ich selbst immer nur ein Teil bin. Wahrnehmung des Ganzen setzt die Aufhe­bung der je eigenen Partikularinteressen, also das Freiwerden von Ich-­Befangenheit, voraus. Schon die Umgangssprache weist in diese Richtung: Wenn ich an jemanden appelliere, „Vernunft anzunehmen“, aus der Sack­gasse herauszukommen, in die er sich verrannt hat, meine ich, dass er versuchen sollte, Selbstdistanz, Gelöstheit zu gewinnen.

Diese Gelöstheit hatten unsere Party-Streithähne nicht. Also zeigten sie sich - trotz ihres fulminanten Wissens und Könnens – zumindest in der Kampfsituation als Ungebildete. Trotz hoher Ausbildung in den Bereichen von Wissen und Können fehlte ihnen die ethische Grundbildung, schlicht und altmodisch formuliert: die Herzens-Bildung. ( Selbstredend kommt die auch im Weissbuch zur Roadmap der Bildungspolitik in der Schweiz nicht vor. )

Das Herz galt früher als der metaphorische Sitz der „Liebe“. Ein Leben aus dem Ursprung der Liebe wäre dann Ausdruck von Bildung, freilich nur, wenn diese Liebe, etwa als altgriechische Agape, eine befreiende und Leben fördernde Liebe ist.

Sind unsere sogenannten Prominenten in diesem Sinne Gebildete? Schärfer noch sei gefragt: Sind all die Bildungspolitiker und Erziehungswissenschaftler gebildete Menschen, diejenigen also, die darüber befinden, was heute und künftig Bildung zu sein habe?

Sind Sie gebildet, bin ich es?

Angesichts der Rolle, die wir jetzt schon als hoch ausgebildete Menschen in dieser Welt spielen, sind Zweifel angebracht.

Wer den Planeten plündert – kann der gebildet sein?

Bildung

Peter Kern


Literatur


Fuhrmann, Manfred: Bildung. Europas kulturelle Identität, 2002
Fuhrmann, Manfred: Der europäische Bildungskanon des bürgerlichen Zeitalters, 1999
Schwanitz, Dietrich: Bildung. Alles, was man wissen muss, 1999
Fischer, Ernst-Peter: Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, 2001
Wittig, Hans: Bildung, in: Pädagogische Rundschau, 1982, S. 277-302
von Hentig, Hartmut: Bildung, 1996
Kern, Peter / Wittig, Hans-Georg: Notwendige Bildung, 1985
Großmann, Michael: Wertrationalität und notwendige Bildung, 2003
Huber, Karl-Heinz: Bildung für eine gelingende Zukunft?, 2004
www.satw.ch/publikationen/schriften/Weissbuch.pdf

Ergänzungstexte:

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