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Bildung zur Zukunftsfähigkeit?

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Die „Akademien der Wissenschaften Schweiz“ legen ein Weissbuch vor: „Zukunft Bildung Schweiz“. Die Leitung dieser Arbeitsgemeinschaft hatte ein hoch angesehener Philosoph, Prof. Dr. Dr. h.c. Walther Christoph Zimmerli. Doch: Was das Weissbuch verspricht, Zukunft in Wohlstand zu ermöglichen, kann es mit seinem Denkansatz und seiner Roadmap prinzipiell nicht erreichen.

Völlig ungeklärt bleibt der Grundbegriff des ganzen Unternehmens. Was hier unter „Bildung“ verstanden werden soll, muss der Leser sich aus abenteuerlichen Konnotationen selbst zusammenreimen: Bildung als strategische Investition, als Rohstoff, als breite und gute Bildung, die sich durch Kreativität und Wirtschaftsnähe auszuzeichnen habe. Der Ertrag: Es geht nicht um „Bildung“, sondern um „Ausbildung“. Es soll Wissen effizient optimiert und es soll Können vorrangig für ökonomische Zwecke perfektioniert werden. Man ist umgetrieben von der Sorge, die Schweiz könne ihren Wohlstand im internationalen Kampf um Macht und Geltung verlieren. Das sei nur zu verhindern, wenn „Bildung“ in den Dienst von Ökonomisierung, Pluralisierung, Technologisierung und Virtualisierung genommen werde. Flankiert werden diese Ziele durch die als allgemeinbildend gekennzeichnete Verbreitung des Wissenschafts- und Technikverständnisses.

„Bildung“ als „Ausbildung“ wird so zur Magd des Marktes. Dagegen wäre gar nichts einzuwenden, wenn damit das Ziel des Weissbuches erreichbar wäre: Zukunft in Wohlstand. Doch dieses Ziel selbst ist gar nicht zukunftsfähig. In einer endlichen Welt ist der auf quantitativem Wirtschaftswachstum aufbauende Wohlstand von heute prinzipiell nicht haltbar. Während man sich andernorts längst auf die Suche nach neuen qualitativ gegründeten Wohlstandsmodellen begeben hat, bietet man hier genau jene Ausbildung an, die immer wieder zu individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen führt.

Die internationale Bankenkrise wurde von hoch ausgebildeten Leuten verursacht. Sie verfügen über all das, was das Weissbuch für möglichst alle anstrebt – und dennoch, oder gerade deswegen, sind die Banker kläglich gescheitert. Sie sind nicht gebildet. So einfach ist das. Während Ausbildung zum Mittel lebensfeindlicher Ziele missbraucht werden kann, würde eine wirklich gebildete Persönlichkeit ihr Wissen und Können in ethisch legitimierte zukunftsfähige Projekte lenken. Das setzt einen radikalen Bewusstseinswandel voraus von der furchtgetriebenen und verstandgesteuerten Machtkonkurrenz zu vernunftgeleiteter Solidarität im globalen Mass-Stab.

Dazu bedarf es einer Grundbildung, die in allen heute angepriesenen Reformen von Schule und Hochschule gar nicht mehr vorkommt. Grundbildung meint Persönlichkeitsbildung, meint, ein schreckliches Wort in postmodernen Zeiten, Charakterbildung. Der grosse Schweizer Philosoph und Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi nannte das einfach „Herzensbildung“.

So etwas lässt sich aber nicht effizient in Modulen vermitteln, evaluieren und in Rankingskalen eintragen. Also weg mit solchem altmodischen Plunder! ( Auch die theorietrunkene neue Ausbildung der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz geht diesen modischen Weg – und macht sich schuldig an der Lebenswelt sowohl der Kinder als auch der der Lehrer und Lehrerinnen.)

Für das, was einmal „Herzensbildung“ meinte, ist kein Platz im Reformrausch heutiger Bildungspolitiker und der sie beratenden dienstbaren Wissenschaftler. Wenn viel gelingt, dann treibt die angestrebte Ausbildungsreform noch mehr Experten hervor, die bestenfalls für ein weiterhin krankmachendes Krisenmanagement taugen.

Sollen noch mehr Verstandesegoisten noch mehr Unheil anrichten?

Die innovativen und damit Zukunft erschliessenden Entwürfe für eine „sustainable society“ kamen bisher von solchen Experten nicht, und sie werden auch künftig nicht von ihnen kommen. Diese Experten denken falsch. Durch ihre Ausbildung werden sie zum Ausdruck eines menschlichen Dilemmas, das im Missverhältnis zwischen Macht und Weisheit anschaulich wird.

Die im Weissbuch verfolgten Ziele dokumentieren das weltpolitische Defizit der offiziellen Bildungspolitik: Man verkürzt die Ziele auf das Ökonomische und Funktionale und verfehlt die überlebensnotwendigen Inhalte. Hier helfen auch die einseitigen Verweise auf das Thema „Nachhaltigkeit“ im Weissbuch nicht wirklich weiter. So bleibt beispielsweise das Bildungsziel „Einübung in ökologische Selbstbegrenzung“ völlig unbedacht. Erst durch dessen Wirksamwerden könnten wir aus der Falle des todbringenden quantitativen Wirtschaftswachstums herausfinden.

Die Experten des Weissbuches sind demgegenüber wie vernarrt in das tradierte berechnende Denken. Dass dieses nur berechnende Denken einer um die Vernunft-Dimension halbierten Rationalität immer wieder zur unversieglichen Quelle von Elend und Tod wird, ist schmerzlich an seinem weltweiten „Siegeszug“ abzulesen. Eine aus diesem Denken allein abgeleitete  "Bildungs"-Politik verschärft nur die Miseren und Katastrophen auf unserem Globus.

Wie sähen wohl die Vorschläge im Weissbuch aus, wenn Professor Zimmerli zur immer auch nötigen Ausbildung tragfähige Bildungs-Einsichten zugelassen hätte, wie sie 1988 auf der Tagung „Geist und Natur“ in Hannover formuliert wurden? „Es sieht so aus, als gehe mit zunehmendem wissenschaftlich-technischen Wissen über das Sein ein Verschwinden der Orientierung über den Sinn Hand in Hand“ – so Zimmerli damals.

Heute unzeitgemäss?

Wie wäre es mit dem Gedanken, dass das Unzeitgemässe das Zeitgemässe zu sein habe?

Was Not täte, eine Bildungs-Politik des Herzens, bleibt dem Weissbuch fremd.
Das Weissbuch „Zukunft Bildung Schweiz“ erschliesst  langfristig keine Zukunft; es verbaut sie.

Peter Kern


Literatur


Hans-Peter Dürr/Walter Ch.Zimmerli (Hg.): Geist und Natur. Über den Widerspruch zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und philosophischer Welterfahrung,1989, S. 9f.

www.satw.ch/publikationen/schriften/Weissbuch.pdf

Michael Hardt / Antonio Negri: Commonwealth. Das Ende des Eigentums, 2010


Peter Kern

Ergänzungstexte:

Audio

Bildung zur Zukunftsfähigkeit













 


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