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Mit Raddatz Thomas Mann verstehen

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Mit Raddatz Thomas Mann verstehen,

um Raddatz zu verstehen.


Verstehen geht von Herz zu Herz. Die giftige Ablehnung der Tagebücher von Fritz J. Raddatz bleibt mir fremd. Wiewohl ich selbst kein Champus-Dandy bin, berührt mich die tiefe Humanität dieser Tagebücher. Humanität? –  So tönt es mir höhnisch entgegen. Widerlich selbstbezogene larmoyante Seiten habe er abgeliefert. Ein eitler Fatzke sei Raddatz, mehr nicht. Wirklich nicht mehr? Was lehnen sie in sich ab, wenn sie ihn ablehnen?


„Schreiben heisst, sein Herz waschen.“ Dieses Diktum von Thomas Mann wählt Fritz J. Raddatz 2006 zum Titel einer Sammlung schon vorher einzeln veröffentlichter  literarischer Essays. Dort finden sich hellsichtige und stilistisch hoch kongeniale Versuche zu Thomas Manns Tagebüchern. Indem ich sie lese, erschliesst sich mir durch Thomas Mann hindurch Fritz J. Raddatz. Ich zitiere schamlos und verändere die Notate geringfügig. Der Ertrag ist beachtlich.


Ich greife die Vorwürfe gegen die Tagebücher von Raddatz auf. Ist er nur ein zu Eis erstarrter Narziss? Ich behaupte, das genaue Gegenteil ist der Fall. Ein hoch-neurotischer, zwischen Selbstbeobachtung, Selbstmitleid und Selbstzweifeln schwankender Mensch hat eben wegen dieser oft ins Absurde gesteigerten, eitlen Empfindlichkeit die Fähigkeit des Mit-Leidens. Die psychologische Tiefe seiner scharf beobachteten und präzis beschriebenen Skizzen und Portraits sind allesamt mit dem Bös-Blick abgeguckte Spiegelbilder realer Menschen, heissen sie nun Adorno oder Augstein, Biermann oder Bucerius, Céline oder Cioran, Dönhoff, Enzensberger, Hubert Fichte, Max Frisch, Günter Grass, Hermlin, Hochhuth oder Walter Jens, Joachim Kaiser, Kempowski oder Heinrich Ledig-Rowohlt, Marcel Reich-Ranicki, Helmut Schmidt, Susan Sontag, Siegfried Unseld, Martin Walser oder Christa Wolff. Diese und viele mehr sind alle zugleich auch ein Teilchen von Fritz J. Raddatz. Er urteilt nicht leichthin von oben her über sie. Er lässt sie durch ihn hindurchgehen – und wundert sich immer wieder, über sie und über sich. Und hinter allem steht die ganz und gar bewundernswerte Haltung des Fritz J. Raddatz: Die Schärfe und Radikalität seines anthropologischen und darin auch politischen Blickes. Seine unerbittlichen Urteile über die Schwächen von uns Menschen, seine antifaschistischen, ja oft auch antideutschen Urteile verdanken sich dem Bewusstsein, dass auch er eben nur ein Mensch ist. Und die Urteile sitzen. Erst laufen sie den Nazis nach, dann passen sie sich der DDR an oder verschweigen ihre NS-Vergangenheit in der BRD: Werner Höfer, Hans Filbinger, Hermann Kant, Erich Kästner, Hans Mayer oder Heinz Rühmann. Die Liste ist leicht fortzusetzen.


So musste Raddatz zu einem deutschen Ärgernis werden. Was für ein mildes Wort für all das, was sich an Störung einfrass in ein äusserlich bis zur Bizarrerie gesteigertes luxuriöses Leben. Champagner und Luxus-Cabriolet, Kaviar und erlesene Diners, mal in Hamburg, mal in Kampen auf Sylt, dann wieder in Nizza.

Nur: Man kann, offenbar, teure Autos fahren, Dienstpersonal haben und im Hotel ausschliesslich Suiten bewohnen – und dennoch unkorrupt sein, Verbrechen, Verbrechen, Verrat Verrat und Schuld Schuld nennen.


Empörung, Bitterkeit über ewiges Beschönigen und Herum- und Herunterlügen prägt die Auseinandersetzung des Fritz J. Raddatz mit seinesgleichen, mit den Autoren und Journalistenkollegen, mit Zeitungsmachern und Buchverlegern, die ihm, solange er in Ämtern ist, devot-winselnde Ehrerbietungen zukommen lassen.

Doch wehe, er verliert die Macht, schon verliert er auch seine Freunde, die zur feixenden Bürgermaske mutieren. Keine gesittete Welt! Raddatz steht all dem so fassungslos wie angewidert gegenüber. Er spricht es ungeschönt aus.


Angesichts dieser Ernsthaftigkeit muss das leicht-lippige Diktum vom nur eitlen Raddatz verstummen. Er ist der viel geschmähte Intellektuelle, der einem längst verratenen Anstand Sprache leiht. Das allerdings mit voyeuristischer Erbarmungslosigkeit und eben doch zugleich auch liebevoller Anteilnahme.


Die Tagebuchaufzeichnungen von Fritz J. Raddatz geben Kunde von seinem zunehmenden Ekel vor der Dummheit und Gemeinheit der Menschen. Und seine Selbstzweifel sagen ihm: Ich bin einer von ihnen. Das ist Grösse.



Literatur


Fritz J. Raddatz: 1982 – 2001. Tagebücher. Reinbek bei Hamburg 2010

Fritz J. Raddatz: „Schreiben heisst, sein Herz waschen.“ Literarische Essays.Springe 2006

Fritz J. Raddatz


Peter Kern



Ergänzungstexte: Postmoderne

                        "Der Segen der Welt ist gebildete Menschlichkeit"



 


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Wir leben in bestandloser Zeit.