• Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Vom Reichtum der Dichtung

E-Mail Drucken PDF

Litterae sunt divitiae!

Wer liest schon in Zeiten der Effizienzoptimierung Lyrik, Erzählungen, Romane gar? Auf hunderten von Seiten passiert nahezu nichts. Als Theodor Fontane seinem Verleger das Manuskript des „Stechlin“ schickte, merkte er an, dass auf den 500 Seiten ein Alter sterbe und zwei Junge heiraten würden, mehr geschehe nicht (1). An so etwas Langatmiges seine kostbare Lebenszeit zu verschwenden sei heutzutage nun wahrlich nicht zu verantworten, hört man. Solche Lektüre könnten sich bestenfalls Pensionäre und weltfremde Träumer leisten.

Wer im Geschäftsleben steht und wer auf der nächsten Party mitreden will, der wird sich rasch bei „Perlentaucher“ informieren, dort findet er zusammengefasst Rezensionen über die einschlägige Literatur. Abstracts sind gefragt, nach dem Motto, was steht in Goethes Faust I ? Ein grüblerischer Intellektueller verführt ein junges Mädchen und lässt es sitzen. Fertig.

Im Übrigen wusste schon Platon, dass Dichtung nichts Reales ist. Sie sei, so wird der antike Philosoph zitiert, ein großer Schwindel. In der Polis müsse Dichtung verboten werden (2).

Nun, verboten wurde sie nicht. Heute taugt sie für immer weniger Menschen zur Zerstreuung während der Ferienzeit. Zur Vergessen machenden Entspannung und zur Ablenkung liest man Dichtung. Man? Es sind nicht mehr viele. Die aber lesen im Bewusstsein, etwas Erhabenes zu tun. Im unverbindlichen Plätschern in süßen Gefühlen sehen sie sich als Schöngeister. Sie schwelgen im Kunst-Genuss.

Die Masse liest ohnehin keine Dichtung. Sie sucht den Kick bei Sex and Crime. Statt die „Wahlverwandtschaften“ oder den „Stechlin“ doch lieber „Shades of Grey“ oder die „Feuchtgebiete“.

Was ist das überhaupt, Dichtung?

Verbreitet ist die Auffassung, es handele sich bei ihr um ein unverbindliches Spiel der Einbildungskraft, um etwas schön Geschriebenes für Empfindsame. Dichtung, so heißt es, sei Hochliteratur, die subjektive Erlebnisse ausdrücke: Erlebnis und Dichtung gehörten zusammen (3).

Das Bellen eines Hundes ist nun allerdings auch ein Erlebnis-Ausdruck. So niedrig denkt man von der Dichtung, dass man sie psychologisch im Horizont von Individualerlebnissen auslegt. In der Dichtung wird dann das Wirkliche übersehen. Statt zu wirken, leitet sie nur an zum Träumen.

Damit verfehlt man das, was Dichtung genannt wird, gründlich.

Dichtung ist ein urdeutsches Wort. Im angelsächsischen Sprachraum wird nicht von Dichtung gesprochen. Dort ist der Terminus „Poesie“ gebräuchlich. In diesem Substantiv verbirgt sich das Altgriechische poiesis: machen, verfertigen, erschaffen, hervorbringen. Der Poet ist dann derjenige, der etwas hervorbringt, das vorher noch verborgen war. Verborgenes ins Unverborgene bringen, heißt, es zur Wahrheit führen. Wahrheit, gr. aletheia, ist Unverborgenheit (4). Oder wie Maxim Biller in einem ZEIT-Aufsatz schreibt: „Denn Wahrheit ist ein anderes Wort für Poesie, und den Schmerz, den sie beim Autor und bei den Lesern auslöst, verwandelt überhaupt erst die Worte in Literatur“ (5).

Dichtung als Wahrheit schaffender Vorgang verbleibt dann nicht länger im Horizont der unwirklichen Einbildungskraft. Sie stellt unerbittlich ernst die Frage nach der Wahrheit der Dinge und nach der Wahrheit des Menschen.

Was also ist beispielsweise die Wahrheit einer Wiese?

In einer ökonomischen Betrachtungsweise kommt der Marktwert der Wiese in den Blick, ihr monetärer Preis: Was kostet sie? Für den Bodenmakler ist sie ein Grundstück, mit dem er spekuliert, um später erhöhte Gewinne zu erzielen.

In der politischen Betrachtungsweise erscheint die Wiese als verfügbare Masse im politischen Poker um ihre Nutzung. Sie wird  zum Zankapfel der Parteien im Stadtrat; die einen wollen sie als stadtnahe Grünzone erhalten, die anderen in den Bebauungsplan aufnehmen und damit zerstören. Wer hat die größte Macht, über die Wiese zu verfügen?

In der sozial-rechtlichen Betrachtungsweise erscheint die Wiese unter den Bedingungen von Besitz und Eigentum. So kann sie Thema bei Erbstreitigkeiten werden: Wem gehört sie?

In der theoretischen Betrachtungsweise wird die Wiese zum Objekt der Forschung. Unter physikalischen Gesichtspunkten ist die Wiese ein kosmischer Reigen von Teilchen und Austauschteilchen. Unter kybernetischen Gesichtspunkten ist die Wiese ein vernetztes System, das seinerseits in eine umfassendere Vernetzung integriert ist. Das schließt die biologischen Einsichten in Bodenbeschaffenheit, Pflanzenbewuchs, Tierpopulation und ökologische Kreisläufe ein. Unter biologisch-darwinistischer Sicht ist die Wiese ein Schlachtfeld: Die Natur kämpft hier ihren erbarmungslosen „Kampf ums Dasein“.

In der der ästhetischen Betrachtungsweise wird die Wiese Thema der Kunst, Albrecht Dürer  malt das „Kleine Rasenstück“. Was ist das Naturschöne an ihm? Was macht das Bild von der Wiese sichtbar, das wir ohne die künstlerische Gestaltung nicht wahrnahmen?

In der ethischen Betrachtungsweise spricht uns die Wiese unmittelbar an und fragt: Wie soll ich Mensch mit ihr umgehen, sie vernichten, indem ich sie zubetoniere oder hegen und pflegen, indem ich sie in ihrem Eigenrecht belasse?

In der religiösen Betrachtungsweise, unabhängig von jeder konfessionellen Religiosität, bleibt die anthropologische Einsicht, dass kein Mensch eine Wiese „gemacht“ hat. Keine Blume, kein Grashalm, kein Käfer und kein Wurm sind das Produkt menschlicher Leistungen. Welchen, jeden Materialismus überschreitenden, Raum eröffnet diese Einsicht? Erfahren wir hier ein heiteres Entsagen vom nachstellenden Machtwillen des neuzeitlichen Herren und Besitzers der Natur?

Wissen wir nun, was die Wahrheit der Wiese ist? Nein. Die Summe aller Wahrnehmungsperspektiven addiert sich nicht zur Wahrheit des Ganzen.

Letztlich können wir von der Wiese nur tautologisch sprechen. Eine Wiese ist eine Wiese. Punkt. Nur im tautologischen Sprechen können wir das Phänomen „Wiese“ bei sich selbst lassen, es Sein-Lassen, ohne es durch unseren Willen zur Macht zu deformieren und schlussendlich gar zu zerstören.

Eine Rose ist eine Rose, ist eine Rose, ist eine Rose, sie blühet ohne Wenn und Aber (Gertrude Stein/Angelus Silesius). Die Dinge sind nicht nur das, was das heute vorherrschende berechnende und verfügende Denken an ihnen erkennt, sondern auch und vor allem das, was ein nicht-verfügendendes, was ein besinnendes Denken entbirgt (6).

Solche Wahrheit vermag uns Dichtung zu geben.

Dichtung verflüssigt die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit. Das uns Selbstverständliche, das uns Vertraute löst sich in der Dichtung auf, wird fragwürdig, umgeschichtet, neu zusammengestellt. Dichtung schärft unseren Möglichkeitssinn (Robert Musil). Insofern taugt Dichtung nicht zur Vergessen machenden Entspannung, nicht zur Flucht in die Idylle. Sie ist nichts Spielerisches, nichts Unverbindliches.

Dichtung ist Erweckung der Wahrheit der Dinge und des eigentlichen Wesens von uns Menschen.

Hölderlin: „Voll Verdienst, doch dichterisch wohnet der Mensch auf Erden.“ Durch Dichtung werden wir betroffen von der Wesensnähe der Dinge, von ihrem „anwesen“, anwesen als Verb, nicht als Substantiv verstanden. Wir Lesenden werden betroffen von dem, wie die Dinge von sich aus im Wort der Dichtung sich zeigen. „Was bleibt aber, stiften die Dichter“. Dichten ist Maß-Nahme der Sterblichen, die ihren Tod vermögen (7).

Dichtung geht gegen jeden ontologischen und anthropologischen Reduktionismus.

Dichtung opponiert dagegen, wenn der Mensch im Horizont eines wiederbelebten Biologismus heruntergewürgt wird auf die Funktionsweise von Lurchen. Dichtung opponiert dagegen, wenn der freie Wille im Kontext des berechnenden Denkens neuzeitlicher Naturwissenschaften eliminiert wird. Dichtung opponiert dagegen, wenn alle Lebensbereiche unter das Diktat des Kapitals geraten, wenn Bildung zur bloßen Ausbildung verkommt. Dichtung opponiert dagegen, wenn aus Werten nur noch Waren werden. Dichtung opponiert dagegen, wenn das umgreifende Phänomen der Liebe auf puren Sex schrumpft.

Dagegen eröffnet Dichtung Wahrheitsräume, in denen der Mensch als das ens imperfectum im anthropologischen Dreischritt erscheint als Werk der Natur (anthropo-biologische Betrachtungsweise) und als Werk der Gesellschaft (historisch-soziologische Betrachtungsweise) und als Werk seiner selbst (eigentlich menschliche Betrachtungsweise).

Dann wird „Liebe“ unter das Gesetz einer Periechontologie gestellt. Sexus, Eros und Agape/Caritas sind dann eine Einheit. Und das nicht nur im additiven indifferenten Nebeneinander, sondern unter der metaphysikfreien Vertikalspannung einer Werthierarchie. Die Lust-Erfahrung des Sexus ist Realität; die Glücks-Erfahrung des Eros eine höhere, und die Liebes-Erfahrung von Agape/Caritas die höchste.

Oder will immer noch jemand postmodern behaupten, diese drei Wahrheiten seien parataktisch nebeneinander zu stellen, sie seien relativ? Die Aussage, dass Agape die wertranghöchste Erfahrung des Umgreifenden der Liebe ist, sei ein willkürlicher autoritärer Oktroi, ist nicht zu halten. Wer behauptet, es gäbe keine verbindliche Wahrheit, der verstrickt sich in einen performativen Selbstwiderspruch. Seine Behauptung, die die Allgemeingültigkeit negiert wird doch gerade mit dem Anspruch von Allgemeingültigkeit vorgetragen.

Der Reichtum der Dichtung besteht also darin, dass der Dichter auf das Wort hört und durch das Wort sinnvolle Bezüge sichtbar macht. Auf diese Weise fordert uns Dichtung existenziell heraus.

Im Werk der Natur gibt sie Kunde vom körperlichen Reichtum. Von physischer Gesundheit, von Vitalität, ebenso wie von Krankheit und Siechtum. Sie kämpft gegen metaphysisch verordnete Leibfeindlichkeit genauso wie sie die Verwahrlosung der Sinnlichkeit und der Sexualität im Horizont der ökonomischen Marktgesetze anprangert.

Im Werk der Gesellschaft gestaltet Dichtung die Phänomene von Vermögensreichtum, Einkommensreichtum und Prestigereichtum. Darin lässt sie uns teilhaben an der existenziellen Grundfrage nach einer gerechten Gesellschaft: Wieviel Haben bekommt uns Menschen und der uns tragenden Natur?

Im Werk seiner selbst fragt Dichtung nach geistigem, moralischem und ästhetischem Reichtum. Dabei ist das Klassische an der Dichtung nicht, dass ein Werk zu einem literarischen Kanon gerechnet wird. Das Klassische an der Dichtung ist, antik gedacht, die Frage nach der gelingenden Existenzweise des Menschen. Als ens imperfectum verfehlen wir uns, wenn wir Halbmenschen bleiben, die mit ihrer Furcht-getriebenen und Verstand-gesteuerten Machtkonkurrenz zur unversieglichen Quelle des Todes werden.

Wir sind zoon logon echon, das mit Logos begabte Wesen, das Tier, das Sprache hat. Dichtung vermag im sprachlich gestalteten Auslegen des Logos die Wahrheit der Dinge und des Menschen zu zeigen. Dichter werden dadurch zu Befreiern von uns Gefesselten in der Höhle Platons.

Das ist eine äußerst ernste Angelegenheit. Spätesten jetzt wird deutlich, dass Dichtung alles andere ist, als das unverbindliche Spiel der Einbildungskraft.

Dichtung ruft uns zu „Du musst dein Leben ändern!“ (Rilke) (8) Wir haben die Leben zerstörende Furcht-getriebene und Verstand-gesteuerte Machtkonkurrenz zu überwinden. Wir haben uns einzuüben in ein Leben, das aus der Grundbefindlichkeit der umgreifend gedachten „Liebe“ geführt wird.

Noch zur Goethezeit war das eine Herausforderung nur für Europa. Goethes Begriff „Weltliteratur“ bezog sich im Wesentlichen auf den europäischen Raum.

Der Begriff der Weltliteratur ist in unserer heutigen globalisierten Welt auf den ganzen Erdball auszuweiten (9). Wir leben heute unter den Bedingungen kultureller Mischformen. Hybridität und Mehrfach-Identitäten suchen nach einer neuen Einheit. Die Migrantenliteratur fragt, ob Migration Selbst-Verlust oder Selbst-Erweiterung ist. Diese Dichtung ist dabei, Getrenntes durch neue Bezüge zu überwinden.

Dabei hilft uns diese Dichtung die Erfahrung zu machen, dass wir das Fremde nicht im Anderen suchen müssen, es ist in uns, in jedem Einzelnen von uns. Das lässt uns voller Erstaunen und voller Verwunderung nachdenken. Es macht uns schwindelig. Dieser Schwindel des Möglichen bereitet mental das vor, was zunehmend unter dem Schlagwort „Die Große Transformation“ diskutiert wird.

Anmerkungen

(1)  Theodor Fontane: Der Stechlin. Roman. Erste Buchausgabe 1899

(2)  Vgl. Günter Figal: Die Wahrheit und die schöne Täuschung. Zum Verhältnis von Dichtung und Philosophie im Platonischen Denken. In: Philosophisches Jahrbuch Nr.107, 2002, S.3001-315

(3)   Vgl. Wilhelm Dilthey: Das Erlebnis und die Dichtung. 1906

(4)   Vgl. Martin Heidegger: Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung. Frankfurt/M. 1981 in 5. durchgesehener Auflage und Martin Heidegger: Hölderlins Hymnen „Germania“ und „Der Rhein“. Gesamtausgabe Bd.39, herausgegeben von Susanne Ziegler. Frankfurt/M. 1980

(5)  Maxim Biller: Letzte Ausfahrt Uckermark. In: DIE ZEIT Nr. 9 vom 20.02.2014, S.46

(6)  Vgl. Hanspeter Padrutt: Der epochale Winter. Zürich 1984

(7)  Martin Heidegger: „…dichterisch wohnet der Mensch…“ in: ders.: Vorträge und Aufsätze. Pfullingen 1978 in 4. Auflage, S.181-198

(8)  Rainer Maria Rilke: Archaischer Torso Apollos. Der neuen Gedichte anderer Teil.1908

(9)  Vgl. Sigrid Löffler: Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler. München 2013


Eine Romanempfehlung:

Rafael Chirbes: Krematorium. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Antje Kunstmann Verlag. München 2008


Vgl. die Glossen etc. zum Thema "Kunst".




 


Zufällig ausgewählte Glosse

Immer wieder notwendig: Consideratio, Umsicht, Tiefblick, Schau auf das Ganze. Kurz: Besinnung. Vita contemplativa. Dies alles ist auch möglich ohne den Glauben an den einen Gott.