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Heidegger, Martin: Schwarze Hefte

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Eingeweihte raunten schon lange, nun liegen sie vor, die von Martin Heidegger selbst so genannten „Schwarzen Hefte“. In den Bänden 94, 95, 96 und 97 der Gesamtausgabe Martin Heideggers werden sie von Peter Trawny herausgegeben.

Band 94 ist bereits ausgeliefert. Er enthält die „Überlegungen II – VI aus den Jahren 1931 bis 1938. Der Verbleib von Heft I blieb für den Herausgeber ungeklärt, wie er im Nachwort zu Band 94 schreibt, bis sich jetzt ganz aktuell herausstellte, dass dieses Heft im Besitz von Silvio Vietta ist. In diesem Zusammenhang erfährt man eine weitere Drehung im turbulenten Liebesleben des weltberühmten Philosophen (vgl. Alexander Cammann und Adam Soboczynski: Martin Heidegger. „Es ist wieder da“, in: zeit.de/2014/05/martin-heidegger-schwarze-hefte)

Es sind „Denktagebücher“, die jetzt die Öffentlichkeit erreichen, keine Notizen für ein geplantes System. Es sind Besinnungen auf Heideggers Weg für ein wieder anfängliches Fragen. Alles dreht sich darum, das Wesen der Wahrheit und das Wesens des Seins neu zu denken.

Noch bevor das erste Buch den Verlag verließ, rauschte es schon kräftig im Blätterwald der intellektuellen Trendsetter und Meinungsmacher, erst in Frankreich, dann in Deutschland.

Peter Trawny hat das alles losgetreten, indem er vor den Buchveröffentlichungen wenige Textauszüge an französische Heidegger-Spezialisten verschickte, in der naiven Hoffnung, diese würden nicht vorzeitig in die Öffentlichkeit gezerrt. Sie wurde, und zwar heftig.

Jürg Altwegg berichtet in der FAZ vom 13.12.2013 darüber: „Antisemitismus bei Heidegger. Ein Debakel für Frankreichs Philosophie“. In der Wochenzeitung DIE ZEIT nimmt Trawny dazu selbst Stellung: „Eine neue Dimension“ (www.zeit.de/2014/01/heidegger-schwarze-hefte-herausgeber-peter-trawny). Die „neue Dimension“ sind Heideggers antisemitischen Äußerungen in den Schwarzen Heften, Äußerungen, die „schwer erträglich“ seien. Im Nachwort des Herausgebers zu Band 94 liest sich das alles weniger dramatisch (Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Bd.94, Frankfurt/M. 2014, S.529-536).

Am 18. Januar 2014 verteidigt in der Wochenzeitung DIE ZEIT der französische Philosoph Francois Fédier in einem Gespräch mit Georg Blume Martin Heidegger:


„Er ist der falsche Verdächtige“

„DIE ZEIT: Herr Fédier, Heidegger – ein Antisemit? Sie haben das immer bestritten, aber jetzt liegen Ihnen Auszüge aus den Schwarzen Heften des deutschen Philosophen vor, die sogar für den deutschen Heidegger-Herausgeber Peter Trawny die Zweifel an der antisemitischen Grundhaltung Heideggers auszuräumen scheinen. Ändern nun auch Sie Ihre Auffassung?

François Fédier: Natürlich können die jetzt bekannt gewordenen Aussagen Heideggers über das Judentum und "die Juden" aus heutiger Sicht schockierend erscheinen. Er selbst aber konnte sie in seiner Zeit nicht als monströs empfinden. Wenn ich heute etwas über "die Juden" sage, etwas über ihren Humor oder ihre Spiritualität – laufe ich dann nicht groteskerweise sofort Gefahr, als Antisemit zu gelten?

ZEIT: Aber Heidegger schreibt den Juden laut Trawny Attribute zu, wie es auch die Nazis taten.

Fédier: Hier geht Trawny zu weit. Er sagt, Heideggers Denken schließe an die Protokolle der Weisen von Zion an (ZEIT Nr. 1/14), eine antisemitische Hetzschrift, die von der Wahnvorstellung eines jüdischen Weltkomplotts ausgeht. Allein die Idee, dass Heidegger die Protokolle gelesen haben könnte, erstaunt mich. Er verlor keine Zeit mit solchem Unsinn.

ZEIT: Den Juden eine "zähe Geschicklichkeit des Rechnens und Schiebens" anzudichten – ist das nicht durchaus Unsinn, damals sogar sehr gefährlicher Unsinn?

Fédier: Das vollständige Zitat, das Heidegger nun zum Vorwurf gemacht wird, lautet: "Eine der verstecktesten Gestalten des Riesigen und vielleicht die älteste ist die zähe Geschicklichkeit des Rechnens und Schiebens und Durcheinandermischens, wodurch die Weltlosigkeit des Judentums gegründet wird." Das ist aber kein antisemitischer Satz. Das Konzept des Riesigen ist ja zentral für den Heidegger der dreißiger Jahre, es ist für ihn ein Charakteristikum der heutigen Welt, die er auch die Welt der Weltlosigkeit nennt. Wenn er nun davon spricht, wodurch schon ganz früh die Weltlosigkeit des Judentums entstand, sieht er das Judentum nur als erstes Opfer dieses Riesigen. Trawny interpretiert das umgekehrt: als wäre das Judentum der Grund des Riesigen. Das ist falsch.

ZEIT: Aber es bleibt der fatale Beigeschmack einer allgemeinen Verurteilung des Judentums. Und gilt das nicht erst recht für Heideggers Auslassungen über die jüdischen Propheten?

Fédier: Schauen wir noch einmal genau hin. Hier lautet die bisher unbekannte Textpassage aus Heideggers Schwarzen Heften: " 'Prophetie' ist die Technik der Abwehr des Geschicklichen der Geschichte. Sie ist ein Instrument des Willens zur Macht. Dass die großen Propheten Juden sind, ist eine Tatsache, deren Geheimes noch nicht gedacht worden ist." Diese Passage ergibt nur dann einen Sinn, wenn Prophetie nicht mit der Prophetie der großen Juden gleichgesetzt wird. Um welche Prophetie handelt es sich also? Ich kenne das Datum des Zitats nicht. Aber ich bin sicher, dass es nach dem 30. Januar 1939 liegt, dem Tag, als Hitler eine Rede hielt, in der er von sich selbst als Prophet sprach. Heidegger spricht hier also von der Prophetie im Sinne Hitlers, mithin von Hitlers Technik der "Abwehr des Geschicklichen der Geschichte". Diese Technik will die Geschichte unbedingt selbst bestimmen. Es geht also um Hitlers Willen zur Macht. Zumal das von Nietzsche stammende Konzept des Willens zur Macht erst am Ende der Geschichte der Metaphysik sinnfällig wird und nicht etwa zur Zeit der jüdischen Propheten. Heideggers Hinweis auf die großen Propheten der Juden ist deshalb als versteckte Kritik zu verstehen, dass Hitler kein großer Prophet ist.

ZEIT: Trotzdem entsteht der Eindruck, dass Heidegger so formuliert, dass ihn auch die Nazis verstehen können.

Fédier: Das sehe ich ganz anders. Er fügt seiner Aussage an dieser Stelle ja ausdrücklich die Bemerkung hinzu, dass dies mit Antisemitismus nichts zu tun habe. Diesen nennt er "töricht" und "verwerflich". Da ist er sehr präzise. In Heideggers Denken ist Antisemitismus wie überhaupt jede Antihaltung nicht integrierbar. Wenn ich mich zum Beispiel gegen den Kommunismus stellen will, kann ich das nicht als Antikommunist. Nietzsche war Antimetaphysiker. Deshalb konnte er aus Heideggers Sicht die Metaphysik nicht überwinden.

ZEIT: Umso lieber schmeißt Heidegger dafür Juden und Kommunisten in einen Topf, wie es die Nazis taten.

Fédier: Er tut dies in den mir bekannten Stellen der Schwarzen Hefte nur im Zusammenhang mit einer Kritik von jeglichem Dogmatismus. Trawny erhebt auch hier den Vorwurf des Antisemitismus. Mir scheint dabei, dass der Herausgeber Heideggers in Deutschland heute solche Angst hat, im Zusammenhang mit diesen Zitaten selbst als Antisemit zu erscheinen, dass er sich genötigt fühlt, bei jeder Erwähnung des Wortes Judentum den Antisemitismus-Vorwurf vorsorglich gleich selbst zu erheben. Dabei finde ich es ja gut, wenn man in Deutschland heute sehr sensibel auf alles reagiert, was in Richtung Antisemitismus führen könnte. Aber Heidegger ist der falsche Verdächtige. Der Antisemitismus, das ist der Judenhass. Bei Heidegger gibt es keine Spur von Hass. Er schreibt: "Die niedrigste, weil sich selbst erniedrigende Gesinnung ist der Hass: die vollendete Unfreiheit, die sich zur hohlen Überlegenheit aufspreizt." Heideggers Vorstellung vom Dasein lässt jede Form von Rassismus unmöglich erscheinen. Sein Daseinsbegriff lässt nicht zu, den Menschen als Rasse zu denken.

ZEIT: Doch er hat sich vom Nazismus und von dessen Judenhass nie ausdrücklich distanziert. Sogar Ihr Schüler Hadrien France-Lanord, Herausgeber eines französischen Heidegger-Lexikons, empfand die jüngsten Veröffentlichungen aus den Schwarzen Heften als zutiefst verstörend.

Fédier: France-Lanord entstammt der jungen Generation. Er glaubt, schon das Wort Judentum sei ein Schimpfwort. Ich bin vor dem Krieg geboren und halte es eher mit Hannah Arendt. Bevor sie nach dem Krieg zu Heidegger zurückkehrte, hat sie Antisemiten als "potenzielle Mörder" definiert. Auch Heidegger fiel für sie eine Weile in diese Kategorie, weil sie glaubte, er habe als Rektor der Universität Freiburg den jüdischen Philosophen Edmund Husserl verstoßen. Erst Karl Jaspers klärte Arendt auf, dass Heidegger in Wahrheit Husserl an seiner Universität reintegrierte, nachdem dieser ohne sein Zutun ausgeschlossen worden war. Jedenfalls traf dann für Arendt ihre Definition eines Antisemiten auf Heidegger nicht mehr zu. Warum halten wir uns heute nicht daran?

ZEIT: Was hätte Arendt wohl zu einem Heidegger-Satz wie diesem gesagt: "Die Juden leben bei ihrer betont rechnerischen Begabung am längsten schon nach dem Rasseprinzip."

Fédier: Dieser Satz von Heidegger grenzt ohne Zweifel an Dummheit, denn es ist ausgeschlossen, sich das Leben der Juden so vorzustellen. Er selbst hat von der Zeit seines Rektorats in Freiburg in den Jahren 1933/34 als seiner "größten Dummheit" gesprochen. Heidegger glaubte damals, unter Hitler etwas ausrichten zu können. Er las die demagogischen Reden Hitlers und fand in ihnen Einzelheiten, die er als vielversprechend empfand. Heideggers Dummheit war es, Demagogie und Tarnmanöver Hitlers nicht durchschaut zu haben.

ZEIT: Werden sich nun die Schwarzen Hefte als seine größte Dummheit entpuppen?

Fédier: Sicher nicht! Man wird in ihnen weitere erstaunliche Dinge finden, die er selbst nicht weitergedacht hat. Aber das alles wird die Bedeutung seines Werkes nicht schmälern.

ZEIT: Den Antisemitismus-Vorwurf wird er nun kaum wieder loswerden.

Fédier: Das liegt ganz an uns. Wir dürfen den Gerüchten nicht weiter freien Lauf lassen. Heideggers Denken befindet sich in einer immerwährenden Evolution. Seine Grundansichten treten mit der Zeit immer klarer hervor. Das Geschickliche der Geschichte – das hat er als Erster gesehen. Das Geschickliche ist das aller Geschichte Innewohnende. Dieser Denkansatz überwindet die Kritische Theorie und die Kantsche Philosophie. Er entspricht einer weiterführenden Radikalisierung des kritischen Denkens und führt zu der Vorstellung von der Endlichkeit des Seins und des Daseins. Kant sagte: Es ist uns nicht möglich, etwas anderes als diese Welt zu kennen. Heidegger denkt auf das Rätselhafte dieser menschlichen Beschränkung hin.“


Den Nationalsozialisten ging es um die Ermächtigung in der Politik, Martin Heidegger um die Ermächtigung des Seins.

Wer aus dem Gebrauch einzelner NS-Begriffe auf die braune Gesinnung Heideggers schließt, hat der ihn verstanden? Zweifel sind angebracht.

Sein Nationalsozialismus war ein Hypernationalsozialismus, der nichts mit dem realen Nationalsozialismus des Dritten Reiches zu tun hatte, so wie sich hinter Heideggers Kritik an der Anthropologie eine Hyperanthropologie verbirgt, die bessere Menschen für eine bessere Welt will.

Diese Urteile verdanke ich einem Gespräch mit dem Philosophen Julius Schaaf, der einen bedenkenswerten Vortrag zum Thema „Heidegger und die Ökologie“ hielt, der in meinen ERGÄNZUNGSTEXTEN nachzulesen ist.


Einige Zitate aus

Martin Heidegger. Gesamtausgabe. IV. Abteilung: Hinweise und Aufzeichnungen. Band 94: Überlegungen II-VI (Schwarze Hefte 1931-1938). Herausgegeben von Peter Trawny. Frankfurt am Main 2014. 536 Seiten:

Die Ermächtigung des Seins! Und nur diese gilt es. Und diese nicht darstellen durch Ontologie und dergleichen, sondern allein durch die bildende Prägung des Seinswesens selbst. Kann das der Mensch? Er muß es. Anders geht er an seiner Gleichgültigkeit gegen das Dasein zugrunde – d.h. aber: es geht so weiter.“ S.36

„Seinsermächtigung – nicht nachträglich in Begriffe einfangen und aufspannen, was wir ohnehin schon haben, sondern erst das  Erwirken, was noch nicht west. Deshalb hat die Philosophie wesensmäßig keinen Gegenstand.“ S.39

„Die Vielen, die jetzt über Rasse und Bodenständigkeit reden, und in jedem Wort und in jeder Handlung und Unterlassung ihrer selbst spotten und beweisen, daß sie von all dem nicht nur nichts haben, geschweige denn von Grund aus rassig und bodenständig sind.“ S.173

„Wir stehen noch ganz außerhalb der neuen Bereiche der großen geistigen Entscheidungen:

  1. die Auseinandersetzung und klare Haltung zum Christentum und der ganzen Abendländischen Philosophie;
  2. die Auseinandersetzung mit Nietzsche;
  3. das schöpferische – nicht nur organisierende Verhältnis zur Technik;
  4. die neue Europäische Welt;
  5. die Welt der Erde als solche.

Alle fünf Entscheidungen sind die eine des Seyns, die damit in sich zugleich die mit der ganzen abendländischen Geschichte ist. Der Entscheidungsbereich muß erst noch geschaffen werden.“ S.178f.

„Inwiefern der Nationalsozialismus niemals Prinzip einer Philosophie sein kann, sondern immer nur unter die Philosophie als Prinzip gestellt werden muß.

Inwiefern dagegen der Nationalsozialismus wohl bestimmte Stellungen beziehen kann und so eine neue Grundstellung zum Seyn miterwirken kann!

Dieses aber auch nur unter der Voraussetzung, daß er sich selbst in seinen Grenzen erkennt – d.h. begreift, daß er nur wahr ist, wenn er imstande ist, in den Stand kommt, eine ursprüngliche Wahrheit freizugeben und vorzubereiten.“ S.190

„Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“ oder – das kleine Zwischenspiel eines großen Irrtums.

Denn seit Jahrzehnten hat sich vorbereitet, was in sein Ziel will:

Die Naturwissenschaften werden völlig technisiert. Die Geisteswissenschaften werden zu politisch-weltanschaulichen Instrumenten. Die Rechtswissenschaft wird überflüssig. Die Medizin wird auch als biologische zur Technik. Die Theologie wird sinnlos.

Und die Universität? Nicht einmal mehr ein schlechtes Feigenblatt für die Blöße dieses unaufhaltbaren Auseinanderfalls; eine traurige Gelegenheit für zu spät gekommene Wichtigtuer.“ S.198f.

„…Und das läßt sich dann in seiner Kläglichkeit weltanschaulich bestätigen durch die kümmerlichen Falschmünzereien der Bauemler, Krieck und Konsorten.“ … S.180

„Was politisch im Recht und groß ist, das Volk zu sich selbst zurückzubringen, das wird weltanschaulich willkürlich und klein – zu einer Vergötzung des Volkes, das nun als etwas Vorhandenes gepriesen wird, indem alles vorhanden und organisch gebildet ist und aus dem alles ebenso bequem und von selbst herauskommt, wenn man nur den Instinkt hat. Diese völkische Vertierung und Mechanisierung des Volkes sieht nicht, daß das Volk nur ist auf dem Grunde des Da-seins, in dessen Wahrheit erst Natur und Geschichte – überhaupt eine Welt ins Offene kommt und die Erde zu ihrer Verschlossenheit befreit.

Und erst dieses Da-sein ist die mögliche Stätte der Not – in der die Flucht der Götter erfahrbar und das Erharren der Kommenden vollziehbar wird.“ S.223


Martin Heidegger und der Nationalsozialismus – das ist eine nicht endende Geschichte. Einen ausführlichen Überblick vermittelt der Artikel „Heidegger und der Nationalsozialismus“ bei Wikipedia. Allerdings heißt es dort gleich zu Beginn, dass die Neutralität dieses Artikels umstritten sei.


Dieter Thomä sieht, grob orientierend, acht Zugänge zum Verhältnis

„Heidegger und der Nationalsozialismus“ :


  1. Die erste Position vollzieht eine strikte Trennung von Person und Werk: Heideggers philosophisches Werk und seine Unterstützung des Nationalsozialismus werden unabhängig voneinander betrachtet. (Rorty,[201] Arendt,[202] Lyotard[203])
  2. Heidegger wird als Vertreter der deutschen Intelligenz gesehen, der aufgrund der soziologischen und historischen Umstände dem Nationalsozialismus zugeneigt war (Palmier,[204] Sluga[205]).
  3. Heideggers Philosophie war zu jeder Zeit mit dem Nationalsozialismus unverträglich, da er einen imaginären „Privatnationalsozialismus“ vertreten habe, bzw. steht in direktem Gegensatz zur NS-Ideologie. Es gibt allenfalls äußere Ähnlichkeiten, wie Gegnerschaft zu Bolschewismus und Liberalismus. (Young,[206] Pöggeler,[207] Fédier[208]).
  4. Es existiert eine Nähe zwischen Heideggers Denken und dem Nationalsozialismus, jedoch muss diese in Abwägung der Zeit um 1933 und danach untersucht werden. Hierbei wird das Problem der Heterogenität von Heideggers Werk betont. Heideggers Werk ist somit 'Steinbruch': einiges davon ist produktiv und kann aufgegriffen werden (Steiner,[209] Schwan[210]).
  5. Das NS-Engagement Heideggers ist einer bestimmten Phase seines Denkens zuzuordnen, die der in „Sein und Zeit“ noch nicht gänzlich überwundenen Philosophie des Subjekts geschuldet ist. (Derrida[211] Köchler[212]) Eine Überwindung wird erst im Spätwerk geleistet. Von hier aus lesend, lässt sich Heideggers Philosophie als exklusiver Beitrag zur Analyse des Nationalsozialismus nutzen: von Bedeutung sind dabei Heideggers Brief über den »Humanismus« und der Vortrag „Die Frage nach der Technik“ (Lacoue-Labarthe[213]). Jürgen Habermas sieht im Werk vor 1933 eher Potentiale für antifaschistischen Widerstand. Derrida hielt hingegen die Schriften nach 1945 aufgrund ihrer radikalen Lösung von der traditionellen Metaphysik für antifaschistisch. Trotz allem kritisierte er Heidegger harsch, nicht ohne die Notwendigkeit zu betonen, ihn zu lesen.
  6. Nach dieser Lesart kann Heideggers „Sein und Zeit“ gegen die NS-Ideologie gewendet werden, seine späten Texte seien hingegen an seine Äußerungen in der Zeit des Nationalsozialismus angelehnt (Franzen,[214] Habermas[215]). Die Abwendung vom Subjekt im Spätwerk wird kritisch beurteilt, da Heidegger nunmehr eine blinde Hingabe an „Geschick“ mit einer Abkehr vom Wahrheitsbezug verbindet (Tugendhat[216]) und sich dabei auch nach dem Krieg nicht von seinem nationalistisch-rassistischen Denken gelöst hat (Marten[217]).
  7. Es besteht ein starker Bezug von „Sein und Zeit“ und auch der späten Schriften zum NS-Engagement. Das Nachdenken über Heidegger als Philosoph muss die Analyse seines NS-Engagements einbeziehen (Rockmore[218]). Ebenso in diesem Zusammenhang wird Heidegger als Grundmotiv „Hass auf die Moderne“ unterstellt (Ferry/Renaut[219]).
  8. Schließlich äußerst zugespitzt: Heideggers Philosophie ist „bis in ihre innersten Zellen faschistisch“ (Adorno[220]) und lässt sich nur von der NS-Verstrickung her verstehen (Farias[221]), (Faye[222]), dabei ist Heidegger stets Philosoph und Nazi (Lévy[223]).

Dieter Thomä (Hrsg.): Heidegger Handbuch, Stuttgart 2003, S. 159.


Nachtrag:

Oswin Haas (osos1009) schreibt am 14.03.2014 einen Kommentar zu

Jürgen Kaube:

„Die Endschlacht der planetarischen Verbrecherbanden“ in: faz.net vom 12.03.2014:

„Was mich an all dem Heidegger-Bashing stört ...

Die Hässlichkeiten, die man an Heidegger zunehmend zu entdecken glaubt, von Feigheit und Ruhmessucht bis zur Anbiederung an das etablierte System (in seinem Fall das NS-Regime), kann man wohl bei den meisten Menschen feststellen, auch bei sehr berühmten, auch bei "moralischen Größen". Selbst Jesus sagte über sich selbst zu einem "Bewunderer": „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut als nur einer, Gott."

Mich stört an diesem Heidegger-Bashing, dass all die über Heidegger Empörten scheinbar keine EMPÖRUNG über das empfinden, was UNS ALLE wirklich empören sollte und WAS aber HEIDEGGER offenbar zutiefst empörte: die TATSÄCHLICHEN "zivilisatorischen Hohlheiten" der westlichen Kultur, ihr TATSÄCHLICH "unangemessenes Verhalten zur Welt als Ganzes", die TATSÄCHLICHE Unmöglichkeit des "bürgerlichen Kulturbegriffes". Die globale Profit-, Konkurrenz- und Konsum-"Kultur" ist dabei, die Welt in jeder Hinsicht in den Abgrund zu stoßen und diese Heidegger-"Kritiker" scheint DAS kaum zu BERÜHREN.“







 


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