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Selbst-Wahl-Akte

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Selbst-Wahl-Akte

Zunächst ist die Mehrdeu­tigkeit in der Verwendung des Begriffes „selbst“ aufzuklären.

In den Begriffen „Selbst-Erhaltung“, „Selbst-Behauptung“ oder „Selbst-Überwindung“ bezeichnet „selbst“ die aus der Sorge um das eigene Dasein resultierenden Bestrebungen eines Menschen. Im Begriff „Werk seiner selbst“ ist hingegen gerade das Absehen von allen aus der Sorge um das eignen Dasein bedingten Anforderungen ausge­sprochen. Diesen „Selbstwahlakt“ (2. Bedeutung) des Absehens von allen Be­strebungen der „Selbst-Behauptung“ (1. Bedeutung) kann der Mensch nur selbst („persönlich“ d.h. kein anderer stellvertretend für ihn, 3. Bedeutung von „selbst“ ) leisten.

Es wird also dreifach vom Selbst ge­sprochen:

Zunächst ist da das „Selbst“, das anthropologisch noch un­frei ist ( Angst-motiviertes und Sorge-strukturiertes „Werk der Natur“ / „Werk der Gesellschaft“),

dann gibt es das Selbst, das durch Emporbildung anthropologisch frei wurde ( „Freiheit der Person“; „Werk seiner selbst“),

und schliesslich ist da jenes Selbst, das gleichsam als formale Grösse die jeweiligen Handlungen vollzieht.

Selbstwahl-Akte erscheinen vor diesem Hintergrund eben gerade nicht als Hand­lungen, in denen es dem jeweiligen Menschen zuerst um sich selbst geht, sondern in denen der Mensch durch die liebende Zuwendung zum anderen, also von sich selbst absehend, zu sich selbst kommt. Und wenn dazu „Selbstüberwindung“ nötig ist, so erhält diese ihren Wert einzig dadurch, dass unbedingte Ansprüche des Gewissens sie gebieten; während ohne diesen Beweggrund jede „Selbst­überwindung“ als Selbstzweck unweigerlich zu einer leibfeindlichen und/oder selbstzerstörerischen Askese entarten muss, da sie – so verstanden – letztlich wieder von Selbstsorge motiviert ist. Selbstsorge ist aber durch Selbstsorge nicht zu transzendieren. In so­weit erscheit es sinnvoll insbesondere vom Menschen als einem „Werk seiner selbst“ auch von einem Menschen als einem „Werk der Gnade“ zu sprechen.

Man kann aber darüber hinaus den Aspekt der Gnade, anthro­pologisch verstanden, auch schon in den ersten beiden Dimensionen des Bildungsprozesses sehen. So lässt sich bereits im Verständnis des Menschen als ein „Werk der Natur“ die Bildsamkeit des Menschen, seine Ausstattung mit geistigen Funktionsweisen als Geschenk, als Be­gabung (Gabe!) auffassen, die die Potentialität zu einem „geistig gegründeten Sein“, zu einem Leben aus den Ursprung der „Liebe“ enthält.

Ebenso erscheint die für ein Leben in der „Freiheit der Person“ unabdingbare Erfahrung im „Werk der Gesell­schaft“ selbst, geliebt zu werden, als Geschenk, das weder aufgrund bestimmter Leistungen eingefordert noch eigenmächtig „erzeugt“ oder gar „hergestellt“ werden kann.

Und schliesslich erlebt ein Mensch, der selbst Liebe erfahren hat, die Weckung, die Ent­deckung der Möglichkeit, selbst zur Liebe aufgerufen und fähig zu sein, noch einmal als eine Gabe, ein Geschenk, durch das, wenn er es verschenkt, er gleichzeitig zu sich selbst kommt, er „Werk seiner selbst“ wird. In diesem anthropologischen Sinne kann also der Begriff der „Gnade“ massgeblich zur Veran­schau­lichung des Phäno­mens beitragen. Der Sache nach sind hier, im Sinne Wilhelm Kamlahs, „geschenk­hafte“ Widerfahrnisse gemeint. Eine metaphysische bzw. christ­liche Deutung ist in der Geschichte der Prämoderne selbstverständlich gewesen. Und noch in der Moderne wurde diese Auslegung weiter tradiert. In der Sache ist das nicht notwendig. Eine rein anthropozentrische Auslegung dieses Geschenkcharakters ist möglich und dürfte das Denken in der Neomoderne kennzeichnen..

 Selbstwahlakte

Peter Kern







 


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