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Göttinger Gladiatorenkämpfe

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Göttinger Gladiatorenkämpfe

Wie auch im letzten Jahr fand die adh-Open Rugby in Göttingen statt. Insgesamt ist die DHM/adh-Open die größte 7er-Rugby-Veranstaltung in Deutschland. Sechzehn Damen- und 32 Herrenteams trafen sich dort am Wochenende vom 27. bis 29. Juni 2014. Es ging um die Deutschen Hochschulmeisterschaften.

Freiburger Studentinnen und Studenten nahmen auch daran teil. Auf der Homepage „Allgemeiner Hochschulsport. Albert-Ludwig-Universität Freiburg“ berichten sie über das Sportereignis.

Die Damen schwärmen von „schönen Spielen“ und von „guter Organisation“. Die Herren halten stolz fest, dass es „sowohl ein sportliches als auch persönliches einzigartiges Erlebnis gewesen“ sei. Auch sie loben: „Die Organisation seitens des ADH (Allgemeiner Deutscher Hochschulverband) war super und bot alles was das Rugbyherz an Verpflegungen und Unterhaltungen begehrte. Wir danken der Uni für die reibungslose Organisation und freuen uns auf die nächste Hochschulmeisterschaft!“

Die schönen Spiele zu Göttingen in den letzten Junitagen waren so schön dann doch wohl nicht.

Einzigartig dürfte die Anzahl der Verletzten und Schwerverletzten gewesen sein. Die Zahl schwankt in der Presse. Auf jeden Fall mussten über 80 junge Leute ins Krankenhaus gebracht werden. Die Art der Verletzungen ergibt einen erschreckend bunten Strauß: gestauchte Finger, Platzwunden an Köpfen, Kapselrisse, Kreuzbandrisse, Knochenbrüche (Schultergelenksfrakturen, Innenknöchelbrüche, Unterschenkelbrüche, Wadenbeinbrüche, überhaupt: Mehrfragmentfrakturen). Einige der Verletzten mussten aufwändig mehrstündig operiert werden. Glück im Unglück hatten diejenigen, die schon in der Aufwärmphase dem brutalen Einsatz der Sport treibenden Intelligenzelite zum Opfer fielen; sie kamen noch problemlos in die Notaufnahme der Göttinger Universitätsmedizin (UMG). Pech für diejenigen, die später krankenhausreif misshandelt wurden. Wer mit einer Unterschenkelfraktur mit nachfolgendem Kompartmentsyndrom zehn (!) Stunden auf die dringend notwendige Operation warten muss, hat keine guten Karten mehr.

Schon bald war die unfallchirurgische Notaufnahme in Göttingen überlastet, man wich in die Weender Klinik aus. Die ungewöhnlich hohe Zahl der Verletzten veranlasste die Ärzte, sich mit dem  Allgemeinen Deutschen Hochschulverband (ADH) in Verbindung zu setzen, um sich nach der Art der Veranstaltung zu erkundigen: Rugby. Da wird schon mal gehobelt, und es fallen Späne. Aber so viele Verletzte? So viele Schwerverletzte?

Schließlich appellierte der diensthabende Arzt an die Verantwortlichkeit des Veranstalters und forderte ihn auf, dafür zu sorgen, dass es im Laufe des Turniers nicht mehr zu so vielen Verletzungen kommt. Zu spät und vergeblich.

Die gute Organisation der schönen Spiele hat das Drama nicht verhindern können.

Warum sich so viele junge, gesunde Menschen zum Teil so schwer verletzten, darauf hat der Veranstalter keine Antwort. ADH-Vorstandsmitglied Felix Arnold äußerte gegenüber dem NDR1 Niedersachsen, die Schiris hätten aufmerksam gepfiffen, der Rasen sei gut bespielbar gewesen, die Schwerverletzten seien nicht Opfer brutaler Gewalt geworden. Kurz: Viele seien ohne Einwirkung des Gegners einfach beim Sprint umgeknickt.

So viel Abwiegelungstaktik macht schlicht sprachlos.

Wer trägt die Verantwortung für den skandalösen Vorfall in Göttingen? Natürlich die Spieler selbst. Das spart der Haftpflichtversicherung des Allgemeinen Deutschen Hochschulverbandes Kosten. Gaben die Verletzten in ihrem ersten Schock nicht selbst an, übermüdet und unkonzentriert gewesen zu sein? Ach ja, und dann könnte eine Unfallursache doch der durchnässte Rasen gewesen sein, sagten die Opfer. Was verlautete noch der Veranstalter: Der Rasen sei gut bespielbar gewesen.

Wie wird es weitergehen?

Selbstredend wird man die Göttinger Gladiatorenkämpfe nicht aufgeben. Brot und Spiele müssen sein. Ein paar Vorsichtsmaßnahmen will man treffen, also die ach so gute Organisation verbessern. Im Vorfeld soll es mit den Göttinger Kliniken Absprachen geben, damit nicht wieder die Notaufnahmen blockiert werden. Und das Weender Krankenhaus wünscht sich nach Angaben eines Sprechers, dass eine solche Veranstaltung "mit genügend zeitlichem Vorlauf beim Krankenhaus angemeldet wird, damit man sich personell darauf einstellen kann".

Der kritische Beobachter versteht: Lahmgelegte Notaufnahmen sind zu verhindern, krankenhausreife Opfer des Turniers nicht.

The show must go on!

Und damit die Akteure nicht doch noch auf dumme Gedanken kommen können, die letztlich die einzig vernünftigen wären, nämlich solchen Unsinn generell zu lassen, üben sie sich in selektiver Wahrnehmung: Die Freiburger Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Sportschlacht  erwähnen die vielen Verletzten auf der Uni-Homepage mit keinem einzigen Wort.

Diese Jungakademiker haben eben gelernt, das Unangenehme auszublenden. Was für ein tolles Ergebnis ihrer Bologna-Studiengänge! Später als Verantwortliche in Führungspositionen werden sie auch alles Unangenehme unter den Teppich kehren. Und wer dennoch Kritik übt, der wird zynisch abgebürstet, so wie es die Mehrzahl der Kommentatoren zur NDR-Berichterstattung machten. Die Journalisten hätten es eben nur bis zum Boulevardniveau gebracht: Alles sei übertrieben worden. Das mögen diese Selbstherrlichen den Schwerverletzten Kommilitoninnen und Kommilitonen, bitteschön, persönlich ins Gesicht sagen. Aber auch hier üben sich unsere künftigen Führungskräfte schon nüchtern in ihre Berufsarbeit ein: Schreibtischentscheidungen unter Ausschluss der Betroffenen kommen ohne Empathie aus. Und die stört bei den Gladiatorenkämpfen auf den globalisierten Märkten. Insofern war Göttingen eine gelungene Einübung für die Markttauglichkeit unserer Eliten. Chapeau!

Ein Hoch auf die taffen akademischen Damen und Herren des Rugby-Sports! Ein Hoch auf ihre Funktionäre!

Wären meine Kinder betroffen, ich würde die Verantwortlichen vor den Kadi zerren, mit den besten Anwälten, die es gibt.

Übrigens: 7er-Rugby war die Idee eines Metzgers.


Vgl. den Bericht über die Wettkämpfe in Göttingen auf der Freiburger Uni-Seite "Allgemeiner Hochschulsport".

Vgl. NDR-Berichterstattung: "Rugby-Turnier legt Notaufnahmenn lahm".

Zur Bologna-reform vgl. den ERGÄNZUNGSTEXT "Epochenwechsel im universitären Bildungs-System".

Peter Kern

www.haus-des-verstehens.ch

 


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