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Die Super-Klasse

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Nein, es geht nicht um eine besonders gute Schulklasse, es geht um ein gesellschaftliches Phänomen, das in bürgerlicher Sprache „Schicht“, Gesellschaftsschicht, heisst, in marxistischer Terminologie nannte man das einmal „Klasse“, Klassengesellschaft.

Nur, es passt alles so gar nicht zusammen. Wer hier von einer „Super-Klasse“ spricht, ist David Rothkopf, ehemaliger stellvertretender Staatssekretär der Clinton-Regierung. Und der steht nun wahrlich nicht im Verdacht, ein verschwiegener Marxist zu sein. Das Milieu, in dem sich Rothkopf tummelt, ist das der Reichen und Einflussreichen. Er gibt Bericht von einer Gruppe von Menschen, die unvorstellbar grosse Vermögenswerte besitzen, die über die exklusivsten Kontakte verfügen, die, über alle Kontinente verstreut, Netzwerke knüpfen, schlagkräftige Strukturen aufbauen und auch wieder zerschlagen können, die lokal, national und international Einfluss nehmen, wie es ihnen beliebt.

Wir haben es also mit einer internationalen Machtelite zu tun, die durch kein Parlament und durch keinen Staat legitimiert ist, die nur aus sich selbst heraus mit höchster Effizienz tätig wird. Diese Machtelite nimmt gezielt Einfluss auf die nationale und internationale Politik.

Einen Moment lang könnte man nun versucht sein anzunehmen, dass diese Super-Klasse der heute vorherrschenden Politik mit besten Absichten ins Handwerk pfuscht. Wo hat die offizielle Politik, sei sie demokratisch legitimiert oder auch nicht, energisch versucht, diese Welt zu bessern? Hat man mehr Gerechtigkeit, mehr Frieden, mehr Zukunftsfähigkeit erreicht? Nein, aufs Ganze gesehen, gab es, wenn überhaupt,  nur mässige Erfolge. So hofft man für einen Augenblick, dass einige Wenige, eben die Super-Reichen, Rothkopf schätzt sie auf  weltweit etwa 6000 Persönlichkeiten, das versuchen wollen, was Not tut: Umsteuern! Die Potenzen dazu hätten sie. Nicht nur reich und einflussreich sind sie, sondern zudem in aller Regel auch noch hoch intelligent, hervorragend ausgebildet, Absolventen der renommiertesten Eliteuniversitäten. Auch diese Angehörigen der Super-Klasse dürften erkannt haben, dass wir Menschen immer rasanter dabei sind, die eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören, und damit letztlich auch uns selbst. Also könne es, so denkt man,  für die solchermassen aufgeklärten Super-Reichen und Super-Einflussreichen nichts Wichtigeres geben, als möglichst schnell alles zu fördern, was geeignet ist, die selbst verursachten Gefahren abzuwenden.

Doch Rothkopf lässt keinen Zweifel daran, dass die Super-Klasse nicht das Gemeinwohl der breiten Bevölkerungsschichten und das Überleben der Menschheit im Blick hat, im Gegenteil. Dass der Einzelne, wo immer auf diesem Globus,  sein Leben in Würde führen kann, und dass das Überleben der Gattung Mensch und der diese tragenden Natur sichergestellt wird, gehört nicht zu den Visionen dieser  Machtelite. Sie ist in erster Linie auf ihr sehr privates Wohl bedacht. Und das manifestiert sich offensichtlich in  Millionen-Dollar-Salären, in immensem Luxus, im Besitz von 50-Millionen-Dollar teuren Privatjets, und in der Möglichkeit, mal eben rasch durch ein Telephonat Zutritt zu jedem noch so mächtigen Staatschef zu bekommen, um im Privatgespräch sicherzustellen, dass die politischen Strukturen zum Machterhalt der Super-Klasse nicht angetastet werden dürfen. Es sind die Leute der „Davos-Kultur“. Bono und der WWF sind da ein nur dürftiges Feigenblatt.

Diktiert mir der Neid, nicht teilzuhaben an dieser Macht, die letzten Sätze? Nein, wohl aber Wut und Zorn.

Wut darüber, wie sich eine winzige Minderheit Einflüsse anmasst, die durch nichts als Eigennutz legitimiert sind. Wir haben es hier nicht, wie Rothkopf urteilt, mit einer Super-„Klasse“ zu tun, wir haben eine „Clique“ vor uns, die längst überholt geglaubte Feudalstrukturen wieder aufleben lässt. Zu diesem Urteil komme ich als alteuropäischer Humanist und überzeugter Demokrat.

Und Zorn bestimmt mich, wenn ich zur Kenntnis nehmen muss, wie zynisch Massen im Elend gelassen werden und wie im Verfolgen egozentrischer Partikularinteressen die Zukunft dieser Erde leichtfertig verspielt wird, und das gerade von denen, die wirklich etwas ändern könnten.

Peter Kern


Literatur

David Rothkopf: Die Super-Klasse. Die Welt der internationalen Machtelite, 2008

Vg. meinen Tagebucheintrag vom 15.08.2011: "Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat."

Dieser Beitrag wurde von KRITISCHES-NETZWERK.DE übernommen.


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„Wer vor seinem dreissigsten Lebensjahr niemals Sozialist war,hat kein Herz.Wer nach seinem dreissigsten Lebensjahr noch Sozialist ist,hat keinen Verstand.“ Benedetto Croce.