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Kosmische Globalisierung

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Zur kosmischen bzw. spirituellen Globalisierung

Die Kosmotheologie der Kugel: Von den Anfängen der Globalisierung bei den Griechen[1]



Ausgangspunkt aller Reflexionen zum Ursprung der Idee einer kosmischen Globalisierung ist der Vorsokratiker Parmenides[2]. In seinem „Lehrgedicht“[3] thematisiert er die Maße der wohlgerundeten Kugel, des Kosmos, dessen Herz der Wahrheit das „es ist“ ist, die ungewordene und unvergängliche Einheit des Seins. Das mit dieser Einheit korrespondierende Seiende hat Attribute, die wir heute nur noch denken können, die für uns aber, von wenigen Ausnahmen abgesehen[4], keinen Realitätsgehalt mehr haben. Nach Parmenides ist alles Seiende unentstanden, unvergänglich, unbeweglich, zeitlos, eines, ganzheitlich. Diese Auffassung steht ganz im Gegensatz zu Heraklit[5], dem anderen grossen Vorsokratiker: Alles fliesst, panta rhei, und nichts bleibt. Man kann nicht zweimal in den denselben Fluss steigen.[6]


Parmenides schreibt der Kugel des Seienden sieben Eigenschaften zu.

Sie sei das Älteste, presbýton: Sie war von Anfang an schon immer da.

Sie sei das Schönste, kálliston: Sie war und ist immer schön und gut zugleich.

Sie sei das Grösste, mégiston: Sie umfasst alles im Sinne einer Periechontologie.

Sie sei das Weiseste, sophótaton: Sie erlaubt genügend Abstand zu halten, um das Ganze wahrzunehmen.

Sie sei das Schnellste, táchiston: Sie hat einen Mittelpunkt, von dem aus man zu allem gleich schnell ( gut ) gelangt; noch ist kein Verlust der Mitte zu beklagen.

Sie sei das Stärkste, ischyrótaton: Sie lebt nicht aus einem Willen zur Macht, sondern aus einer inneren Kraft.

Sie sei einfach das „Göttliche“, theion: Sie kennt den „Gott der Philosophen“.

Was meint Parmenides mit der wohlgerundeten Kugel noch? Sie ist das Symbol des Kosmós: Wir Menschen in ihr „sind“,  und die Wahrheit des „Ist“ lautet: Wir Menschen sind in dieser Kugel unversehrbar. Unversehrbar heisst griechisch asylon: Asyl. Es ist die Freistätte, wo man in Ruhe gelassen wird, wo man nicht beraubt wird. Nur tautologisch können wir uns dem hier Gemeinten zuwenden: Wir sind als dieses Selbige in diesem Selbigen für uns im Kosmos ruhend als Eins. Ruhe meint hier nicht quietistisches Nichtstun, keinen Stillstand, sondern ruhende Bewegung.

Das Ist der Kugel darf nicht in einem neuzeitlichen Raumverständnis begriffen werden. Bei Parmenides wird Raum als Spiel der Orte einer Gegend verstanden. Insofern gibt es auch keinen Standpunkt ausserhalb der Kugel. Der Mensch steht der Kugel nicht gegenübr, sondern er ist immer schon in ihr, in sie hineingefügt. Der Kosmos, in dem wir sind, ist voll-endet in seiner Sphäre der grossen Zusammengehörigkeit. Sphära heisst griechisch Ball, Kugel. Es geht also um eine kosmische Sphärenharmonie. Zwar sehen wir immer nur eine Hemi-Sphäre, eine Halb-Kugel, aber wir sind immer schon im Ganzen dieser Kugel. Kurz: Es gibt im Selbigen von Gewahren und Sein keine Subjekt-Objekt-Spaltung! Wir können die Eingliedrigkeit des Ist nicht von aussen betrachten. Der Kosmos, der immer schon ist, die Kugel des Parmenides, ist die Fülle und Einheit der Sphären von Gewahren und Sein, ausserhalb dessen es nichts gibt.

Die Antike, zumindest die der Vorsokratiker, kannte noch nicht das Diktat des Satzes „Nichts ist ohne Grund“. Die wohlgerundete Kugel „ist“. Ist heisst griechisch „estim“. Mit ihm bildet man die sogenannten unpersönlichen Sätze wie „Es regnet“. Es regnet: Regen geschieht. Es ist: Sein geschieht. Wie geschieht Sein? Nicht durch pfeilschnelles berechnendes Denken, sondern durch kreisendes, besinnendes Denken. Sein geschieht: das fordert ein uns völlig fremdes und anderes Denken. „Wenn Sein geschieht, dann sind Sätze, die über einen Satzgegenstand eine Aussage machen, im Grunde genommen irreführend. Der Tag ( Satzgegenstand ) ist anwesend ( Satzaussage ). Der Satz suggeriert, dass es einen Tag für sich gibt, der einmal anwesend ist und ein andermal nicht. Aber wo ist der Tag für sich, wenn er nicht anwesend ist? ‚Der Tag ist anwesend’: das ist nicht eine zusätzliche Aussage über einen für sich bestehenden Tag, sondern das nennt ein einheitliches Geschehen, wofür wir eigentlich besser ein Zeitwort verwenden würden: ‚tagt“.[7] Der Tag tagt: Da ist es wieder, das tautologische Denken. Oder: Eine Wiese ist eine Wiese. Jede attribuierende Zuschreibung würde bereits etwas über die Wiese aussagen, dass sie selbst gar nicht mehr ist. Es wäre bereits ein bemächtigendes Denken.

Das Sein des Parmenides ist das hörend-gestimmte Entsprechen. Wir bemächtigen uns dann nicht der Phänomene. Wir vermögen aus dieser Grundgestimmtheit heraus die Menschen und die Dinge und die Erde sein zu lassen. In diesem gelösten Sein-Lassen schonen wir sie zugleich. Dieses schonende Sein-Lassen ist also jene Grundhaltung, die heute Nachhaltigkeit überhaupt erst ermöglichen könnte.

Diese Kosmo-Theologie der Kugel repräsentiert die erste Globalisierung.

Es ist eine spirituelle Globalisierung. Sie umgreift alles Seiende des Kosmos in einer Haltung weiser Gelassenheit, die die Schonung der Menschen, der Tiere, der Pflanzen, der Dinge, ja der Erde insgesamt denkmöglich macht. Insofern steckt im „Schonen“ dieser spirituellen Globalisierung zugleich auch ein immer noch gültiger Anspruch an uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ja mehr noch: ein überlebensnotwendiger Anspruch angesichts des modernen und postmodernen Willens zur Macht.


vgl. Terrestrische Globalisierung

vgl. Ökonomische Globalisierung


Arbeitspapier, noch nicht zitierfähig

Peter Kern



[1] Im Folgenden paraphrasiere ich Aussagen von Peter Sloterdijk, zum Teil sind sie wörtlich übernomen: Spären II: Globen, 1999; vgl. Terrestrische Globalisierung

[2] Parmenides, gr. Philosoph, wird zu den Vorsokratikern gezählt, lebte um 500 v. Chr. in Elea.

[3] Das Gedicht, griechisch und deutsch in der Übersetzung von Hanspeter Padrutt, in: ders.: Und sie bewegt sich doch nicht, Zürich 1991, S. 640ff.

[4] vgl. Hanspeter Padrutt: Und sie bewegt sich doch nicht. Parmenides im epochalen Winter, Zürich 1991, S. 597: „Der Wandel vom autonomen Mobilismus zur neuen Ruhe ist antkopernikanisch, weil die kopernokanische Wende in die Fortschrittsrichtung des autonomen Mobilismus führte.“ „So zum Beispiel kann das Zeichen akineton, ‚unbewegt’, in einem weiten Sinn verstanden, vom autonomen Mobilismus zu einer neuen Ruhe geleiten.“

[5] Heraklit, ebenfalls Vorsokratiker; philosophischer Gegenpol zu Parmenides.

[6] Vgl. Peter Eisenhardt/Dan Kurth/Horst Stiehl: Du steigst nicht zweimal in denselben Fluss. Die Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnis, Reinbek 1988

[7] Hanspeter Padrutt a.a.O., S. 123










 


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