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Gewaltfreier Widerstand

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Gewaltfreier Widerstand


Gewaltfreier Widerstand ist angesichts militärischer Bedrohung, politischer Missstände und gesellschaftlicher Fehlentwicklungen bei sorgfältiger Analyse aller Risiken oft der letzte gangbare Weg in eine befriedetere und gerechtere Welt.

Wie dies im militärischen Bereich, also auf kollektiver Ebene aussehen müsste, z.B. im Konzept der sozialen Verteidigung, ist vielfach dargestellt worden, vgl. die übersichtsartige Zusammenfassung bei Peter Kern/Hans-Georg Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter, 1984 in 2., erw. Aufl., S.77-96. Dort wird auch zentral auf Gandhi verwiesen, bei dem zum Thema „Gewaltfreiheit” Grundlegendes zu lernen ist: z.B. die Unterscheidung von „Gewaltfreiheit” als Gewaltverzicht aufgrund einer inneren Haltung und ethischen Entscheidung und der „Gewaltlosigkeit” als Gewaltverzicht aus z.B. taktischen Gründen in einer bestimmten Situation. Oder die nähere Beschreibung des Gewaltbegriffs bei Gewaltfreiheit als „nonviolence”, als „nicht verletzende Gewalt”, also Gewaltverzicht gegenüber Leben. „Gewalt” gegen Sachen, also Sachbeschädigung (nach positivem Recht immer illegal) ist dagegen je nach Situation womöglich ein notwendiges Mittel und einem vernommenen ethischen Imperativ geschuldet. Aktionen des „zivilen Ungehorsams” unterliegen dieser prinzipiellen Unterscheidung.

Es wäre auf einige sehr engagierte Menschen, auf Aktionsgruppen und gewaltfreie Aktionen hinzuweisen, die man im besten Sinne alle als „Enkel Gandhis” und in dessen Tradition stehend bezeichnen könnte. Exemplarisch genannt seien hier jedoch lediglich die Gebrüder Berrigan aus den USA und die international zum Begriff gewordene Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen” ( Über deren Selbstverständnis und Aktivitäten informiert Wolfgang Sternstein (Hg.): Abrüstung von unten. Die Pflugscharbewegungen in den USA und in Europa. Stuttgart o.J.; mit einem Vorwort von Philip Berrigan ) sowie der hier in Deutschland lebende und sich engagierende Friedensforscher Wolfgang Sternstein und seine Aktionen der „EUCOMmunity”.  ( Der EUCOMmunity geht es um einen ersten Schritt in Richtung einer atomwaffenfreien Welt. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, durch Aufklärung, Demonstrationen und gewaltfreie Aktionen zivilen Ungehorsams den Abzug der amerikanischen Kommandozentrale EUCOM in Stuttgart einschliesslich der in Deutschland gelagerten rund 80 Atombomben mit einer Sprengkraft von über 600 Hiroshima-Bomben zu erwirken. Wolfgang Sternstein ist einer der Mitbegründer von EUCOMmunity und des Instituts für Umweltwissenschaft und Lebensrechte. Einige seiner Arbeiten seien hier angeführt: Wolfgang Sternstein: Überall ist Wyhl. Bürgerinitiativen gegen Atomanlagen. Frankfurt/M. 1978; mit einem Vorwort von Robert Jungk; ders.: Mahatma Gandhi. Für Pazifisten. Übersetzung und Nachwort von Wolfgang Sternstein. Münster 1996; ders. (Hg.): Atomwaffen abschaffen! Idstein 1998; mit einem Vorwort von Horst-Eberhard Richter. )

Gewaltfreiheit in diesem Sinne hat überhaupt nichts zu tun mit Feigheit, Schwäche, Angst oder Vermeidungsverhalten. Das Gegenteil von Gewaltfreiheit ist nicht Gewalt, sondern Feigheit, und in diesem Sinne rief Gandhi seine Mitmenschen immer wieder auf, nicht zurückzuschlagen, aber auch nicht zurückzuweichen. Er sah sich damit ganz dem Sokratischen Grundsatz verpflichtet, notfalls besser Gewalt zu erleiden, als Gewalt anzutun.

Sind solche Einsichten und Botschaften lediglich der Ausdruck einer hoffnungslos idealistischen, irrationalen und deshalb letztlich gefährlichen Ideologie und Folge eines pathologischen Realitätsverlustes?

Wie würde unsere Weltsituation derzeit aussehen, hätte der von dem Terroranschlag am 11. September 2001 getroffene, „zivilisierte” Westen in Gandhis Sinne reagiert, anstatt in einem gigantischen, internationalen Rachefeldzug die vermeintlichen Urheber und Terroristen in den so genannten „Schurkenstaaten” militärisch zu bestrafen? Eine geschichtlich ganz bemerkenswerte Chance zu einem radikalen Bewusstseinswandel hinsichtlich des Einsatzes politischer und militärischer Mittel wurde damit vertan. Und wieder einmal bestätigte sich die „Antiquiertheit” von uns „furchtgetriebenen und verstandgesteuerten” Menschen.

In solchen Situationen bräuchten wir den Primat einer ethischen Politik und keine ethisch-politischen Primaten.

(Zu diesem Thema ist angesichts des weltpolitischen Defizits der Erziehungswissenschaften viel zu lernen bei Autoren, die man nicht unbedingt in Verzeichnissen wissenschaftlicher Publikationen findet. Hier wiederum eine kleine Auswahl: Franz Alt: Frieden ist möglich. Die Politik der Bergpredigt. München 1983; ders.: Liebe ist möglich. Die Bergpredigt im Atomzeitalter. München 1985; Noam Chomsky: War Against People. Menschenrechte und Schurkenstaaten. Hamburg/Wien 2001; B. und H. Gressel: Widerstandsrecht und gewaltfreie Aktion. Literaturangaben zum Thema des zivilen Widerstands. In: Junge Kirche. (1983). Heft 5/6. S. 301-308; Martin Luther King: Kraft zum Lieben. Konstanz 1983; ders.: Schöpferischer Widerstand. Gütersloh 1983; ders.: Der Traum vom Frieden. Texte zur Orientierung. Gütersloh 1985; Michael Moore: Stupid White Men. 18. Aufl. München/Zürich 2003; Horst-Eberhard Richter (Hg.): Kultur des Friedens. Gießen 2001; Arundhati Roy: Die Politik der Macht. München 2002; Albert Schweitzer: Atomwaffen und Kultur? (1962) In: ders.: Menschlichkeit und Friede. Berlin 1991. S. 177-183; Wolfgang Sternstein (Hg.): Mahatma Gandhi: die Lehre vom Schwert und andere Aufsätze aus den Jahren 1919-1922. Zug 1990; C.-F. von Weizsäcker: Der ungesicherte Friede. Göttingen 1969; ders. (Hg.): Kriegsfolgen und Kriegsverhütung. München 1971; ders.: Fragen zur Weltpolitik. München 1975; ders.: Wege in der Gefahr. München 1976; ders.: Der bedrohte Friede. München 1981. )

Um zu gewaltfreiem Widerstand fähig zu sein oder in konfligierenden Situationen sich vernünftig solidarisch zu verhalten, ist „Zivilcourage” in einem hohen Masse erforderlich. Die Zivilcourage einer „freien Person” äussert sich in deren Einsatz für eine gerechte Sache (unter Berücksichtigung des Gesamtinteresses), notfalls allein und gegen eine Übermacht – vor allem aber gewaltfrei. Über zwei für die Befähigung zur Zivilcourage unerlässliche Voraussetzungen handelt die Dissertation von Peter Münster: Gewaltfreiheit und Wahrheit als Wurzeln der Erziehung. Die Bedeutung Mahatma Gandhis für die Pädagogik im Atomzeitalter. Hamburg 1995. S. 233-269.

Im Zusammenhang der aktuellen Proteste in Europa ( u.a. „Stuttgart 21“ ) bekommt das Thema „gewaltfreier Widerstand“ eine neue Aktualität.

Andrea Rothfelder

Einer der Väter des gewaltfreien Widerstandes, Gene Sharp, erhielt 2012 für sein Werk den "Alternativen Nobelpreis".








 


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Die heutigen Wissenschaftler sind zu sehr Techniker, zu wenig Schöngeister.