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Erziehung und Unterricht in der Postmoderne

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Erziehung und Unterricht in der Postmoderne


Was ist das Ziel von Erziehung und Unterricht, von Fremderziehung und Selbsterziehung, was ist letztlich Bildung, was eine im tieferen Sinne wirklich gebildete Person?

Und wenn gilt, dass der Mensch das ens imperfectum ist, wenn er aber zugleich ausgestattet ist mit Bildsamkeit als der Bedingung der Möglichkeit für einen Bildungsprozess, wie muss dann methodisch verfahren werden, um die Bestimmung des Menschen in seinem Menschsein zu erreichen?

Dass beide Fragen heute, in der geschichtlichen Phase der Postmoderne, höchst unterschiedlich beantwortet werden, ist bekannt. Zwar gibt es noch Aussagen wie diese: Bildung sei „Menschwerdung des Menschen“ (H.-E. Tenorth, 1986, S.14), Bildung sei die Befähigung zu „Widerspruch gegen Herrschaft“ und impliziere die „Entwicklung von Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung“ (A. Scherr, 1992, S.108).

Doch die Rückfragen überstürzen sich sogleich: Was heisst „Menschwerdung“? Was meinen „Selbstbewusstsein“ und „Selbstbestimmung“?

Und dann: Wird nicht eine Ich-Instanz vorausgesetzt, „die vom Gehalt ihrer Intentionen, Gedanken und Empfindungen verschieden ist, die frei ist und verantwortlich“ (T. Meiffert, 1992, S.269)? Wie auch immer: Ist nicht das transzendental verankerte Subjekt in solchem Reden vorausgesetzt, das nach der sprachphilosophischen Wende und den Diagnosen der Postmoderne ausser Kraft gesetzt erscheint?

Überzeugen dagegen die Versuche, das „Projekt Moderne“ als philosophischen Diskurs (Jürgen Habermas, 1986) zu retten und fortzuführen als „nachmetaphysisches Denken“ (J. Habermas, 1988), wenn das als nicht-metaphysisch geglaubte moderne Streben nach Ich-Identität mit Lyotard als Metaphysik der grossen Emanzipationserzählung entlarvt wird (J.-F. Lyotard, 1989, 1993)? Oder lässt sich Bildung nur noch als „Ethos der Differenz“ entwerfen, wie es Roland Reichenbach in seinem Vortrag während der Tagung der „Kommission Bildungs- und Erziehungsphilosophie der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft“ am 3. März 1995 in Köln versuchte (R. Reichenbach, 1995)?

Historismus, Relativismus, unübersichtlicher Pluralismus, Destruktion des Subjekts...Gibt es wirklich keine bindende Orientierung mehr für den Menschen? Sind wirklich keine Unterschiede mehr wahrnehmbar zwischen einem egomanischen Hedonisten, der angstmotiviert um der eigenen Selbstsucht willen rücksichtslos die uns tragende Natur plündert, und einem altruistischen Eudämonisten, der liebesmotiviert sich in der Kultur der Bescheidung versucht, um dem Leben überhaupt noch eine Chance zu geben? In der inter-subjektiven argumentativen Auseinandersetzung, im rationalen Diskurs, gar im Versuch, für das Handeln Letztbegründungen zu finden, wird man wahrscheinlich immer scheitern. Die Beantwortung der Frage nach der Bildung und dem ihr inhärenten Erziehungsziel ist unmittelbar an die Frage nach der Methode rückverwiesen: Die Art und Weise, in der ich meinen eigenen Bildungsprozess erfahren habe, bestimmt über die Gehalte meiner Bildung. Das führt zunächst zur beliebigen Pluralität. Angesichts der individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen wird jetzt jedoch die Frage bedeutsam, ob wir uns den Luxus der postmodernen Beliebigkeit noch länger ungestraft leisten können - und müssen.


Peter Kern








 


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Erst werden sie klein geredet, dann klein geschrieben. Erst werden sie ihrer Würde beraubt, dann ihres Lebens: Fremde.