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Anschauung

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Anschauung


Das Phänomen der „Anschauung“ bedarf einer besonders sorgfältigen Unterscheidung. Im geistigen Atem ist „anschauen“ die erste und elementarste geistige Funktionsweise. „Anschauen ist immer ein intentionaler geistiger Akt, nicht eine Leistung nur der Sinnesorgane, wie der englische Sensualismus vor Kant meinte. Sinnesempfindungen und Sinneswahrnehmung sind zu unterscheiden; Anschauung ist etwas Komplexes, ein zugleich sinnlich-geistiges Geschehen... In der Sinneswahrnehmung, in der Anschauung steckt eine Griff-Funktion des Geistes: etwas anschaulich auffassen, begreifen, erfassen. Ist das eine (!) geistige Zentrum der Person entweder nicht aktiv (dösen / traumloser Schlaf) oder intensiv beansprucht (Lektüre, Grübelei usf.), so kommt keine Wahrnehmung, keine Anschauung zustande. Man hört gesunden Ohres die Uhr nicht schlagen, man sieht gesunden Auges das Realfeld nicht. Deshalb Kant, hinweisend auf die Notwendigkeit beider Momente: "Sinnesempfindungen (Anschauungen) ohne Begriffe sind blind"; "Begriffe ohne Sinnesempfindungen (Anschauungen) sind leer."

Also: Anschauung resultiert aus der komplexen Verknüpfung beider Funktionsweisen, der der Sinnesorgane und der des geistigen Zugriffs. Im Akt des Anschauens (momentan) sind wir gleichsam ausser uns selbst: ganz bei der Sache. Sich in eine Sache vertiefen, versenken (bei der Lektüre, im Theater, in ein Naturgeschehen) lässt dieses Ausser-sich-Sein, diese Selbstverlorenheit eventuell über längere Zeit erleben. Wenn wir wirklich ganz bei der Sache sind - etwa auch im Verstehen, in der Rekonstruktion der Lebenserfahrung eines anderen Menschen aus uns selbst - dann kehren wir aus dem Akt der Erkenntnis der jeweiligen Sache zu uns selbst in unserer Betrachter-Situation wieder zurück...

Alles, was wir anschaulich erkennen, Gegenstände aller Art, also auch andere Menschen und Geschehnisse, ist für uns als Auffassende nur da, hat für uns als auffassende Personen nur ein Sein, weil wir es - geistig - aus uns selbst erschaffen, rekonstruieren, weil wir ihm für Momente unser Sein leihen, deshalb im Akt, im Moment der Erkenntnis nicht wir selbst sind, sondern selbstverloren, gleichsam ausser uns selbst, bei der jeweiligen Sache. Das jeweilige Etwas  ... ist in der Erkenntnis, ist im Akt schon der einfachen Anschauung je für uns ein Gegenstand, weil wir die seltsame geistige Fähigkeit haben, es aus uns selbst strukturell nachzuschaffen, ihm auf diese Weise ein Sein für uns zu ermöglichen - was im Hinblick auf das Verstehen des Mitmenschen jedem leicht fasslich ist, dass wir nämlich das jeweilige Du zutreffend rekonstruieren müssen aus uns selbst, aus dem Baumaterial eigener Seins-Erfahrung, und dass wir das jeweilige Du missverstehen - überschätzen oder unterschätzen -, wenn wir je ein zu hohes oder geringes Rekonstruktionsmaterial unserer Selbst einsetzen. Das gilt entsprechend bereits für die einfachsten Akte des Anschauens. Jedes Gegenüber, jeder Gegenstand ist für uns selbst nur da, weil wir ihm im Moment der Erkenntnis unser Person-Sein, unser Subjekt-Sein schenken. Könnten wir das nicht, gäbe es für uns Menschen keine Gegenstände der Erkenntnis. Wir würden dann nicht der sog. Welt offen, erschlossen gegenüberstehen, sondern eingesperrt bleiben in uns selbst - nichts wissend von der Welt und uns selbst, gesteuert durch blosse Instinkt-Regelungen ...

Dieses Verständnis der Weltoffenheit eben des Menschen, der Erschlossenheit des menschlichen Daseins (Heidegger), dieses Verständnis also der Tatsache, dass es für uns als menschliche Personen Gegenstände aller Art nur gibt, weil wir sie - ihnen unser Sein für Erkenntnis-Momente schenkend - aus uns selbst rekonstruieren, bestätigt sich sofort in den simplen Feststellungen der sog. Entwicklungspsychologie, dass der Mensch - in den Phasen der Kindheit und Jugend und darüber hinaus - alles ihm Begegnende anthropomorph auffasst, und zwar je nach seinem Stand im Bildungsprozess ...

Von hier aus wird zudem fasslich, dass alles Anschauen anthropomorph bleibt, dass Objektivität der Erkenntnis zwar ein Forschungsprinzip ist, aber ein philosophisch noch immer tief fragwürdiger Anspruch (vgl. Kant: Ding an sich - Erscheinung; Karl Jaspers: Vieldeutigkeit jedes Faktums, Alles Tatsächliche ist schon Theorie, Kein gewusstes Sein ist das Sein.) Dieselbe Realität - Natur, Geschichte, Mensch-Sein, Welt - wird von verschiedenen Personen strukturell verschiedenartig aufgefasst, erscheint ihnen verschiedenartig.

Es gibt nur den Plural, trotz aller objektiven Forschung, in bezug auf die Geschichte die Vielzahl der Gechichts-Anschauungen, in bezug auf die Welt die Vielzahl der Welt-Anschauungen, in bezug auf den Menschen selbst die Vielzahl anthropologischer Anschauungen. Die Korrelation der erkennenden, der anschauenden Personen und der von diesen Personen jeweils erfassten Gegenstände erweist sich schon beim Anschauen als ebenso fragwürdig wie auch interessant. Naive Selbstverständlichkeiten werden immer wieder fragwürdig“, vgl. Hans Wittig, V, WS, 1956/57, MS,S.25ff..

Bedenkt man noch, dass das in der Anschauung jeweils Erfasste bewahrt bleibt, so bilden sich mit der Zeit gleichsam inhaltliche Erkenntnisstrukturen heraus. Wir apperzipieren dann mit Hilfe dieser vorweg schon gebildeten Auffassungsformen. Damit erhält auch der Satz, die „Anschauung sei das Fundament aller Erkenntnis“ eine neue Deutung. Hans Wittig schreibt: „Dieser von Pestalozzi erneuerte Satz der Reformpädagogik des 17. Jahrhunderts formuliert nur eine bruchstückhafte Wahrheit. Er gilt nur - und war auch von Pestalozzi so nur gemeint - im Hinblick auf sog. Elementar-Strukturen unserer Erkenntnis. Wird dieser Sachbereich verlassen, etwa in der Anschauung eines komplexen technischen Apparates oder in der Anschauung komplexer Gestalten der Natur, Kunst, Sprache usf., dann gilt umgekehrt: das Wissen, die differenzierte Durchbildung des geistigen Zugriffs, ermöglicht erst die zutreffende Anschauung“, vgl. Hans Wittig, V, WS, 1956/57, MS, S.33.


Zitiert wurde aus nicht veröffentlichten Vorlesungen ( V ) von Hans Wittig.

Hans Wittig / Peter Kern





 


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