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Pestalozzi - Seine unterschlagene Aktualität

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Pestalozzi -

Seine unterschlagene Aktualität als anstößiger Erzieher


1. Eine Legende wird zerstört

Die „Neue Zürcher Zeitung“ titelte „250 Jahre Pesta­lozzi‑Mythos sind genug“ ‑ 1927 hieß es in dieser Zei­tung noch: „Die Schweiz gab der Welt einen Heiligen“. Es wird von der neuen Rezeptionsforschung erzählt: „Pestalozzi ‑ ein pädagogischer Kult“. Das meiste der bisherigen Pestalozzi‑Darstellungen und Pestalozzi‑Hul­digungen sei „Legende“, „Hagiographie“, „päd­agogischer Kult“; demgegenüber sei heute Entmytholo­gisierung oder kritische „Herologie“ angezeigt. Hartmut von Hentig hat dies vor Jahren für Pestalozzis Haupt­werk, die „Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts“, schon gründlich vorexerziert: „Einem heutigen Studenten einer Philosophischen Fakultät verspricht der Titel nichts, was er wissen möchte“. Bei Walter Jens hätte von Hentig 1976 dagegen über die „Nachforschungen“ lesen kön­nen: „Geschrieben vor 200 Jahren ‑ und heute aktueller als zur Zeit der Entstehung“.


2. Verharmloser und Phrasendrescher

Der Schweizer Lukas Hartmann, dem ich meinen Titel verdanke, notierte 1977 zum 150. Todestag: „Die Ver­harmloser und Phrasendrescher hatten alle Hände voll zu tun, damit unter den Unverbindlichkeiten, die sie anhäuften, nicht Pestalozzis wahres Antlitz erscheine. Die alten Klischees verfestigen und ja nicht tiefer schür­fen; der Mann könnte uns sonst gefährlich werden.“

Karl Jaspers erinnert in einem seiner Hauptwerke an Sokrates, Buddha, Konfuzius und Jesus. Ihrem Leben und Werk seien jeweils Maße zu entnehmen für ein gelingendes Leben, für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der uns tragenden Natur. Die durch solche Maße‑gebenden Menschen in Erinnerung gebrachten möglichen Erfahrungen eines Unbedingten haben wir Heutigen jedoch längst sophistischer Kritik ausgesetzt und uns folglich jedem Anspruch der Nachfolge entzo­gen. Diese großartigen Gestalten der Menschheits­geschichte ernstnehmen, hieße doch, dass wir unser eigenes Leben ändern müssten.

Wenn wir tiefer in Pestalozzis Leben und Werk ein­dringen, vernehmen wir dann nicht die Botschaft, unser Leben zu ändern? Fordert Pestalozzi nicht gerade dieses: Werde, der du sein kannst! Werde ein „ganzer“ Mensch in seiner vollen „Humanität“! So gelesen, wird dieser Mann wirklich gefährlich. Also verharmlosen wir ihn. Das ist der Leitfaden weiter Teile seiner offiziellen Rezeptionsgeschichte.


3. Pestalozzi doch aktuell?

Im Übrigen ist man sich innerhalb der pädagogischen Zunft gar nicht so einig, wie über Pestalozzi zu urteilen sei. Es ist noch nicht so lange her, da meldeten sich andere Pädagogen mit anderen Urteilen zu Wort: Pestalozzi „aktueller denn je“, gar das „Weltgewissen der Erziehung“. 1992 skizzierte Hedwig Ortmann im Rück­griff auf Pestalozzi „Grundzüge einer Pädagogik des Herzens“. Sie schlussfolgerte, „dass wir in der Ent­deckung einer Pädagogik, die zugleich ‚Herzensbildung‘ voraussetzt und erzeugt, Pestalozzi auf eine bestimmte Weise folgen müssen (sic!). Er gibt uns eine wichtige Orientierung in bezug auf das, was Volks‑ und Men­schenbildung sein kann.“ Und der Historiker Dejung urteilte, was gegen die aktuelle Historisierung Pestaloz­zis zu lesen ist: „Seit dem Zweiten Weltkrieg ist die ganze Welt durch eine Gefährdung der menschlichen Existenz stärker als je bedroht. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts registriert zugleich eine zunehmende Abkehr vom Staat, eine Kulturrevolution mit der Ver­neinung vieler bisheriger Einrichtungen, einen Negati­vismus mit Verzicht auf jedes überpersönliche Streben, damit einen vielfachen Rückfall in Egoismus und Bestia­lität. Pestalozzis Mahnung: ‚Lasst uns Menschen werden, damit wir wieder Bürger, damit wir wieder Staaten wer­den können‘!“

Ganz offensichtlich gibt es inzwischen eine Genera­tion, die diese Entdeckung gar nicht mehr will. Viele haben in fragwürdiger Weise im Namen der Post­moderne längst vor der entscheidenden pädagogischen Doppelfrage kapituliert: Was ist, auf die Substanz hin gesehen, überhaupt ein wesentlich menschliches Leben, eine menschliche Existenz? Welche ist die zureichend ursprünglich gefasste pädagogische Methode, die ermöglicht, dass wir als Menschen zu dieser unserer Bestimmung, zu unserer Humanität hinfinden? Beide Fragen sind von überdauernder Bedeutung: Was ist das Ziel von Erziehung und Unterricht, von Fremderziehung und Selbsterziehung, was ist letztlich Bildung, was eine im tieferen Sinne wirklich gebildete Person? Und wenn gilt, dass der Mensch das ens imperfectum ist, wenn er aber zugleich ausgestattet ist mit Bildsamkeit als Bedin­gung der Möglichkeit für einen Bildungsprozess, wie muss dann methodisch verfahren werden, um die Bestimmung des Menschen in seinem Menschsein zu erreichen? Dass beide Fragen heute höchst unterschied­lich beantwortet werden, ist bekannt. Zwar gibt es noch Aussagen wie diese: Bildung sei „Menschwerdung des Menschen“, Bildung sei die Befähigung zu „Widerspruch gegen Herrschaft“ und impliziere die „Entwicklung von Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung“. Doch die Rückfragen überstürzen sich sogleich: Was heißt „Menschwerdung“? Was meinen „Selbstbewusstsein“ und „Selbstbestimmung“? Gab es nicht auch das Selbst­bewusstsein und die Selbstbestimmung eines Hitler?


Historismus, Relativismus, unübersehbarer und unübersichtlicher Pluralismus, Destruktion des Subjekts: Gibt es wirklich keine bindende Orientierung mehr für den Menschen? Sind wirklich keine Unterschiede mehr wahrnehmbar zwischen Handlungen, in denen wir selbstsüchtig und angstmotiviert rücksichtslos dem Anderen seine Würde rauben und die uns tragende Natur plündern, ‑ und solchen Handlungen, in denen wir uns Du‑sorgend und liebesmotiviert um eine Kultur der Bescheidung bemühen, sowohl gegenüber dem Mit­menschen als auch gegenüber der Natur? In der inter­subjektiven argumentativen Auseinandersetzung, im rationalen Diskurs, gar im Versuch, für das Handeln Letztbegründungen zu finden, wird man wahrscheinlich immer so lange scheitern, wie dieser Diskurs selbst nicht aus der Grundhaltung der „Liebe“ erfolgt. So gilt, dass die Art und Weise, in der ich meinen eigenen Bildungs­prozess erfahren habe, darüber entscheidet, welche Gehalte meine „Bildung“ ausmachen. Die Konsequenz ist der neuzeitliche Pluralismus. Angesichts der individu­ellen Miseren und kollektiven Katastrophen wird jetzt jedoch die Frage bedeutsam, ob wir uns den Luxus der postmodernen Beliebigkeit noch länger ungestraft lei­sten können ‑ und müssen.


4. Pestalozzis existenztragende Wahrheit

Genau in dieser existentiellen Frage hilft Pestalozzi weiter. Pestalozzis Aktualität als anstößiger Erzieher ist eben noch für viele Zeitgenossen zu entdecken. Und diese Aktualität, so darf geurteilt werden, gilt nicht nur für unseren Kulturkreis. Sicher, Pestalozzis Sprache und seine Begründungszusammenhänge sind europäisch; der Gehalt seiner Aussagen aber gilt global. „Herzens“-­Bildung, gegründet in der Grundbefindlichkeit der „Liebe“, die Anlässe für individuelle Miseren und kollek­tive Katastrophen auflöst, ist ein pädagogisches Pro­gramm für ein „Weltethos“, das die Deutungs­zusammenhänge der regional gewachsenen Kulturen und Religionen respektiert und dennoch eine „Ver­einigungswahrheit“ ermöglicht, die evolutionsgeschicht­lich zur Bedingung der Möglichkeit des Fortbestandes der Menschheit als ganzer geworden ist. Wenn wir alle lernten, auf Pestalozzi zu hören, nicht im Blick auf zeit­bedingte Fragwürdigkeiten, sondern im Blick auf seine existenztragende Grundwahrheit, so könnte er in der Tat das „Weltgewissen“ der Erzieher werden, das die Päd­agogik endlich in den Rang heben würde, der ihr zur Entwicklung der Menschheit gebührt. Pestalozzi: „Anfang und Ende meiner Erziehung ist Politik, Anfang und Ende meiner Politik ist Erziehung“.

Was also ist seine existenztragende Grundwahrheit? Die Einsicht in das innere Gefüge des anthro­pologischen Dreischrittes. Pestalozzi macht die Erfah­rung: „Jeder Mensch ist ein ganzer Mensch oder kann es jedenfalls werden“. Demgegenüber sieht er allent­halben „diese Halbmenschen, von denen alle Ecken voll sind“ und die aus ihren Kindern auch nur wieder so halbe Menschen machen, wie sie selber sind. Dagegen urteilt Pestalozzi: Der „ganze Mensch“ ist möglich. Das ist ein pädagogisches Programm. Der „ganze Mensch“, das ist die Einheit von „Werk der Natur“ (anthropobiolo­gische Sicht auf den Menschen); „Werk der Gesell­schaft“ (historisch‑soziologische Sicht auf den Men­schen) und „Werk seiner selbst“ (die eigentlich mensch­liche Sicht auf den Menschen und seine Kultur). Und nur in der Selbstverwirklichung dieser Einheit der drei Dimensionen ein und desselben Bildungsprozesses wird der Mensch nicht zur „unversieglichen Quelle des Todes“. Bleibt er nur „Werk der Natur“ und „Werk der Gesellschaft“ dann erkennt er sich und die Welt nur aus der Selbstsucht; er entwirft dann Möglichkeiten seiner selbst die furchtgetrieben und verstandgesteuert ledig­lich seiner bedingungslosen Selbstbehauptung dienen, ohne zu sehen, dass er darin sich selbst, den Anderen und die uns alle tragende Natur irreversibel zerstört.


5. Das Elend der Lieblosigkeit

Der solchermaßen fragmentarisierte „Halbmensch“ treibt das überall wahrnehmbare „Elend der Lieblosig­keit“ hervor. Dieser „Halbmensch“ bleibt in anthro­pologischer Hinsicht „unfrei“, abhängig von der Selbst­sucht und der ihn peinigenden Angst und Gier. Pestalozzi erkennt dass der anthropologisch unfreie Mensch in der Vielzahl seiner Lebensbeziehungen letztlich zur „Quelle des Todes“ wird. Der unbekannt gebliebene Pestalozziforscher Hans Wittig veranschaulichte einmal an Texten Pestalozzis diese Einsicht:

Im Blick auf des Menschen Erkenntnisleistungen, seine Wissenschaften, gilt, dass sie dort, wo sie nicht um der Wahrheit willen betrieben werden, sondern in prag­matischer Absicht, also im Kampf aller gegen alle, den Menschen gefährden und zerstören. Im Blick auf das Besitzstreben, auf das Eigentum gilt, dass es zu „Pando­rens Büchse“ wird, „aus der alle Übel der Welt ent­springen“, wenn dieses Eigentum in der Hand anthro­pologisch unfreier Menschen ist, denn die „Reichen häu­fen täglich ihre Fonds“ auf eine Weise, „die die Welt mit elenden, tief verdorbenen Menschen voll macht“. Im Hinblick auf das Geltungsstreben, den „Trieb zur Aus­zeichnung“, gilt, dass dieser „Trieb“ den anthropologisch unfreien Menschen dahin führt, „dass er die Schleppe seines Kleides mehr achtet als sich selber“, dass er „für Branntwein Glaskorallen und Bänder sein eigen Geschlecht für einen jeden totschlägt“. Im Hinblick auf das Machtstreben gilt für den anthropologisch unfreien Menschen, dass er den Nächsten als bloßes „Mittel zur Befriedigung seines Tiersinnes“ ansieht. Im Hinblick auf das Recht, solange es das Ergebnis der Gesetzgebung anthropologisch unfreier Menschen ist, gilt, dass es „sich zu einer solchen Höhe geschwungen“ hat, dass es diesen Gesetzgebern „unmöglich ist, an die Menschen zu den­ken“, „sie besorgen den Staat, indessen ist der, so kei­nen Teil an der Welt hat, zum voraus von ihnen ver­gessen ‑ man steckt ihn unter das Militär ‑ oder erlaubt ihm, sich selber darunter zu stecken“. Und im Hinblick auf die Kirchen gilt, sofern auch ihre Diener anthro­pologisch unfreie Menschen sind, dass sie im Falle eines „Streites der Macht gegen das Volk“ oft „auf der Seite der ersteren“, also der Macht, stehen, denn „die Lehrer der Religion“ sind dann „in ihrem Inneren an die Vor­teile ihres Standes weit mehr als an den Geist ihres Standes gekettet“, denn „als Werk meiner verdorbenen Natur ist Religion Irrtum“, ja schärfer noch als später Marx urteilte, sagt Pestalozzi: „Betrug“. „Gott ist nicht da, und der Glaube an Gott ist nicht da, wenn das Unrechtleiden nicht aufhört.“

Müssen Gegenwartsbeispiele als Bestätigungen die­ser Einsichten Pestalozzis angeführt werden?


6. Der pädagogische Weg aus dem Elend: Emporbildung

Pestalozzi weist nun einen pädagogischen Ausweg aus diesem „Elend der Lieblosigkeit“. Durch „Erziehung“ könne der einzelne „emporgebildet“ werden, so dass er das, was er prinzipiell kann, zum Gesetz dessen macht, was er soll. Was ist es, das der Mensch kann?

Pestalozzi fragt damit nach dem Begriff der „Bil­dung“. Bildung ist für ihn „Emporbildung“. Bildung umfasst als Ergebnis nicht fragmentarisierter Bildungs­prozesse die Trias von Wissen („Kopf`“), Können („Hand“) und ethischem Wollen („Herz“). Wissen und Können ‑ Ertrag der jeweiligen Ausbildung ‑ sind darin bloßes Werkzeug vernünftiger Selbstbestimmung des Men­schen. Vernunft heißt Leben aus dem Ursprung der „Liebe“. „Gebildet“ ist demnach eine Person, wenn sie die Interessen und Ansprüche, von denen sie in ihrer anthropologischen Unfreiheit beherrscht wird, am Maß vernünftiger Existenz misst, sie von dort her billigt oder verwirft. Dieser Satz fixiert kein Nein gegen die Realität des Menschen als Werk der Natur und als Werk der Gesellschaft. Er fordert lediglich, dass diese Realität dem Maß vernünftiger Existenz untergeordnet wird. Öko­nomische und politische Interessen beispielsweise widersprechen im Prinzip dem Maß vernünftiger Exi­stenz nicht. Geraten sie aber zu diesem Maß in Wider­spruch, beginnen sie ‑ motiviert aus der Angst und Begehrlichkeit des anthropologisch unfreien Menschen ‑ ihrerseits den Menschen zu beherrschen, dann werden sie zum Ursprung unmenschlicher Existenz. Es kommt zu individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen. Pestalozzis Bildungs‑Begriff bewahrt als Substanz das worauf die überlieferten geschichtlichen Deutungen des Menschen und seiner inneren Freiheit verwiesen: Erin­nert sei an Sokrates, Buddha, Konfuzius, Jesus. Diese nur in ihren metaphysischen Fassungen fragwürdig gewordenen Deutungen wird man nicht bewahren kön­nen; verhängnisvoll ist es jedoch, mit diesen Deutungen zugleich die in ihnen bewahrte Substanz abzutun. Anthropologisch lässt diese Substanz sich fassen als die Erneuerung der „Freiheit“ des Menschen als „Werk sei­ner selbst“, als das Wagnis der menschlichen Person, die in ihr selbst wirksame geistige Aktivität aus der Dienst­barkeit gegenüber der seelischen Tiefe der vielstrebigen Begehrlichkeit und Angst zu befreien, die Ansprüche geistigen Ursprungs als solche d.h. als unbedingte, zu vernehmen und zu befolgen. Pestalozzi sprach in die­sem Zusammenhang vom möglichen und notwendigen „salto mortale“.


Die pädagogische Interpretation des Menschen erschöpft sich bei Pestalozzi also nicht in nur naturalisti­schen und positivistischen Aspekten. Der Mensch erscheint bei ihm nicht nur in der Realität als „Werk der Natur“ und „Werk der Gesellschaft“, sondern zu seiner ganzen Realität gehört auch die Möglichkeit, „Werk sei­ner selbst“ zu werden. Immer, wenn ich mich als dieses „Werk meiner selbst“ bewähre, gelingt mir ein verant­wortlicher Umgang mit meinem „Werk der Natur“ und eine vernünftige Gestaltung meines Daseins als „Werk der Gesellschaft“: Die individuellen Miseren und kollek­tiven Katastrophen werden zugunsten einer wirklich human gestalteten Welt überwunden.

Solcher Wahrheiten wegen ist Pestalozzis phi­losophisches Hauptwerk von 1797, die „Nach­forschungen“, ein wirklich geniales, bis heute zum Scha­den der Menschen und der sie tragenden Natur von der Pädagogik nicht zureichend respektiertes Buch.


7. Der politische Pestalozzi

Und der „politische Pestalozzi“? Er lehrt eine anthro­pologisch begründete Dialektik von „individueller“ und „kollektiver Existenz“. 1815, in seiner Spätzeit, veröffent­licht Pestalozzi ein Werk unter einem befremdlich erscheinenden Titel: „An die Unschuld, den Ernst und den Edelmut meines Zeitalters und meines Vater­landes“. In diesem Werk begegnet man wieder der origi­nalen, für Pestalozzi charakteristischen Lebens­philosophie. Die darin bestimmenden Kategorien sind die der Anthropologie von 1797, also der „Nach­forschungen“. Der geschichtliche Kontext ist bekannt. Die Schweiz muss sich ‑ wie andere Länder auch ‑ selbst neu formieren: Liberal‑demokratische und konservative Parteien begegnen sich in hartem Ringen um die neu zu bildende „Verfassung“ der Schweiz. Pestalozzi steht im 70. Lebensjahr. Er genießt ‑ weit über die Grenzen seines Landes hinaus ‑ große Achtung. Er verfügt über eine echte „Autorität“ im besten Sinne dieses Wortes. Die Frage ist, wie er sich in diesem Ringen um die Neu­ordnung des Lebens in der Schweiz stellen wird. Stellt er sich ‑ wie zur Zeit seiner Jugend, zur Zeit seiner Mit­gliedschaft in der „Gesellschaft zur Gerve“, und wie zur Zeit seiner Tätigkeit in Stans ‑ auf die Seite der „Libera­len“, der aufstrebenden demokratischen Bewegung in Europa; oder hat er ‑ wie schon zur Zeit seines Aufent­haltes in Paris ‑ die innere Problematik dieser „demokra­tischen“ Bewegung durchschaut; sieht er, dass auch sie nur um ihren Vorteil, um ihre Macht, um die Sicherung ihrer Ansprüche und Rechte kämpft?

Nun, Pestalozzis große Mahn‑Schrift hat nur wenig Verständnis und wenig Freunde gefunden!

Pestalozzi greift in ihr beide um die Macht kämpfen­den Gruppierungen an, beide seien sie nur „kollektive Existenzen“, beiden gehe es also nur um die Durch­setzung der je eigenen Ansprüche gegen die des anderen. Pestalozzis Urteil: Beide seien in einer Zeit der Neu­ordnung ‑ der nichts so sehr fehle wie eigentliche „Menschlichkeit“ und „Menschenweisheit“ ‑ von dem weit entfernt, was man für eine gelingende Gegenwart und Zukunft wirklich brauche. Diese Dialektik von nur „kollektiven Existenzen“, dieser Mangel an „individueller Existenz“, könne nur in einem großen Verhängnis enden, in einem Prozess gegenseitiger Vernichtung, ja in menschlicher „Selbstzerstörung“. In aller Radikalität sagt Pestalozzi seine Mahnung, und darin formuliert er seine auch pädagogische Forderung, an den „Men­schen“ zu denken, an die „individuelle Existenz“, an die „sittlich‑religiöse Existenz“ und auf sie hin das Leben in der Schweiz „neu“ zu formen. Er schreibt: „Es ist für den sittlich, geistig und bürgerlich gesunkenen Weltteil keine Rettung möglich, als durch die Erziehung, als durch die Bildung zur Menschlichkeit, als durch Men­schenbildung“.

Wir wissen heute, dass man den Ruf des „Weisen“ nicht hörte, nicht verstand. Man sah zu sehr nur sich selbst, die eigene „Partei“, die Sicherung des Vorteils und der Macht der je eigenen Gruppe im Staate. Man nahm nur egozentrisch die einem selbst nützlichen Par­tikularinteressen wahr. Vernunft als Wahrnehmung des Ganzen misslang. Es nützte auch nicht, dass Pestalozzi in kritischer Selbstbescheidung sich nur noch an die Hör­-Fähigen wandte, also an „Unschuld, Ernst und Edelmut“ in seinem Zeitalter und Vaterland. Die Mächtigen gin­gen an diesem Rat, an dieser eindringlichen Mahnung vorbei. Dies galt nicht nur für die Mächtigen in der Schweiz, heute gilt es global. Diese Mächtigen in Poli­tik, Wirtschaft, ja auch in der Wissenschaft schufen eben das, was Pestalozzi noch verhindern wollte und prophetisch voraussah: das Feld der „Selbstzerstörung“, das Feld der Dialektik der nur „kollektiven Existenzen“, eine Geschichtswirklichkeit, in der der Mensch nunmehr bereits seinen Gesamt‑Bestand in dieser Erdenwelt selbst radikal gefährdet. Kollektive Katastrophen sind jederzeit möglich; manche ereignen sich schon in dra­matischen Ausmaßen: Der atomare Holocaust wird als potentielle Drohung die gesamte weitere Menschheits­geschichte begleiten; die schleichende Zerstörung der uns tragenden Natur ist bereits längst in vollem Gange; das Elend der armen Länder ist erdrückend und empö­rend zugleich. Und die stattfindenden individuellen Miseren vergiften allenthalben das Leben: Lüge, Verrat, Feigheit, Herrschaft von Menschen über Menschen, Dis­kriminierung, Ausgrenzung, Gewalt sind Akte der Inhu­manität ‑ mit den Folgen unendlichen Leides.


8. Pestalozzis unvollendete Revolution

Hermann Levin Goldschmidt spricht von „Pestalozzis unvollendeter Revolution“. Dabei würdigt er Pestalozzi u.a. als den revolutionären Sozialkritiker, der radikaler noch als Marx in jedem „Armen“ den unverlierbaren „Menschenwert“ erblickt, so dass es gelte, die politi­schen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhält­nisse von Grund aus zu ändern. Ein solches Programm ist uns bekannt: Der Marxismus hat es versucht. Ohne Erfolg. Von Pestalozzi her gesehen überrascht dieses Scheitern nicht. In dieser Bewegung blieb zu wenig die Einsicht respektiert, dass der Mensch als bloßes „Werk der Gesellschaft“, also der anthropologisch unfreie Mensch, in seiner geschichtlichen Selbstverwirklichung Unheil stiftet. Die revolutionäre Veränderung der gesell­schaftlichen Situation kann nur gelingen, wenn sie aus der Grundhaltung der „Liebe“ erfolgt, wenn der einzelne sich in je konkreten Situationen als „Werk seiner selbst“ bewährt. Immer noch gilt Pestalozzis Satz: „Ich habe erfahren, dass alle Regierungsformen nichts taugen, wenn die Menschen nichts taugen“. Die heute weltweit zur Geltung gekommenen politischen, wirtschaftlichen und technischen Bedingungen der Völker sind, von Pestalozzi her betrachtet, inhuman. Sie bedürfen um der Menschen und der uns tragenden Natur willen einer revolutionären Veränderung. Eine solche Revolution darf aber nicht der gewaltsame Umsturz aus der Wahr­nehmung von Partikularinteressen sein. Das Gesamt­interesse ist zu beachten.

Befähigung zu gewaltfreiem Widerstand wäre des­halb ein Bildungsziel im Geiste Pestalozzis. Das hätte beispielsweise im Blick auf die Menschen in den armen Ländern dieser Welt für uns Reiche Konsequenzen, denen wir angstbesetzt ausweichen; im Blick auf die Bewahrung der uns tragenden Natur wäre, von Pestalozzi her gesehen, eine ökologische Selbstbegrenzung notwendig und möglich, eine Selbstbegrenzung, die heute noch von allzu vielen resigniert oder zynisch zurückgewiesen wird. Angesichts solcher Heraus­forderungen durch Person und Werk Pestalozzis wird verständlich, dass es bequemer ist, nur den selbst­geschaffenen „Mythos Pestalozzi“ zu destruieren; ein solches Vorgehen bleibt im Entscheidenden folgenlos. Auf die Verwirklichung von Pestalozzis „Pädagogik der Herzensbildung“ müssen wir also weiter warten.


Zum existenztragenden Pestalozzi sei wenigstens auf ein Buch ver­wiesen: Hermann Levin Goldschmidt: Pestalozzis unvollendete Revolution: Werkausgabe Bd. 8, Wien: Passagen Verlag, 1995


Der vorstehende Aufsatz von Peter Kern erschien 1996 in der

Zeitschrift „efficiency“, Basel, 37. Jg., S. 1-7

 


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