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Es ist zu spät

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Er war der Erste, der Fluorchlorkohlenwasserstoffe in der Atmosphäre mass, jene berühmt berüchtigten von Menschen gemachten FCKWs, die für das Ozonloch über der Antarktis verantwortlich waren und es immer noch sind. Er ist gelernter Chemiker, also ein Wissenschaftler der harten Fakten, zugleich aber auch der Vordenker der Gaia-Hypothese, welche die Gesamtheit allen Lebens auf der Erde einschliesslich der Litho- und Atmosphäre als einen ganzheitlich wahrzunehmenden sich selbst regulierenden Gross-Organismus sieht.

Diesem ganzheitlichen lebendigen Super-Organismus würden wir Menschen mit unserem Denken, Forschen und Handeln in gar keiner Weise gerecht – wir zerstören Gaia, doch diese rächt sich, wie James Lovelock 2006 in seinem düsteren Buch „The Revenge of Gaia“ zeigte.

Nun, 2009, hat Lovelock noch einmal seine Stimme erhoben: „The Vanishing Face of Gaia“. Er gibt dem neuen und noch bedrückenderen Buch den Untertitel „A Final Warning“. Das lässt vermuten, dass Lovelock auf eine Umkehr hofft, man müsse nur die „letzte Warnung“ beherzigen und umdenken, anders und anderes erforschen und dann eben zukunftsfähiger leben. Doch diese Vermutung geht in die Irre. Sein Urteil ist eindeutig: „Es ist zu spät“!

Lovelock hält die ohnehin schon düsteren Prognosen des Weltklimarates, des Intergovernmental Planel of Climate Change ( IPCC ), für viel zu optimistisch. Versuche, das Klima zu retten, erscheinen ihm illusorisch. Was uns bleibt, sei die Annahme des Unausweichlichen: Wir hätten uns auf den Kollaps vorzubereiten, wie er im Kapitel „Consequences and Survival“ ausführt.

Es dürfte an Phantasie fehlen, uns auszumalen, was da auf uns zukommt. Wenn Nahrung und Ressourcen schwinden, wenn ganze Regionen unbewohnbar geworden sind, dann wird es nie dagewesene Verwerfungen geben, Gewaltkonflikte, Bürgerkriege, gigantische Flüchtlingsströme, brutale Verteilungskämpfe, bis schliesslich vielleicht nur noch 100 Millionen, höchstens eine Milliarde Menschen am Ende des 21. Jahrhunderts leben können. James Lovelock sieht Gaia nicht sterben. „No, Gaia is a tough bitch“, sie ist ein zähes Luder, vertraute er dem Journalisten Karl Hübner an, der ihn in seinem Haus in Südengland besuchte. Sie befreit sich nur vom schlechten Mitspieler Mensch.

Solche Gedanken sind nicht neu.

Schon Ulrich Horstmann hatte den Menschen als „Untier“ bestimmt, dessen Verschwinden vom Globus als Chance begriffen werden müsse. Bei Horstmann blieb diese Reflexion eine nur herausfordernde Spekulation, allerdings eine zutiefst verstörende. Der Erde könne nichts besseres widerfahren als die Rückkehr der Menschheit ins Anorganische: "Vermonden wir unseren stoffwechselsiechen Planeten! Denn nicht bevor sich die Sichel des Trabanten hienieden in tausend Kraterseen spiegelt, nicht bevor Vor- und Nachbild, Mond und Welt, ununterscheidbar geworden sind und Quarzkristalle über den Abgrund einander zublinzeln im Sternenlicht, nicht bevor die letzte Oase verödet , der letzte Seufzer verklungen, der letzte Keim verdorrt ist, wird wieder Frieden sein auf Erden."

Durch James Lovelock bekommt eine solche Todes-Vision reichlich Nahrung: „Vielleicht ist es jetzt auch einfach mal nötig, dass der Superorganismus einschreitet, weil ein Vertreter des Lebens auf diesem Planeten über die Stränge schlägt“, lässt uns Karl Hübner in seinem Interview mit Lovelock wissen.


Sind wir auf diesen Kollaps vorbereitet? Bereiten wir uns auf ihn vor? Wie könnte man sich auf ihn vorbereiten?

Schwierige Fragen. Man geht ihnen am besten dadurch aus dem Wege, indem man den Kollaps als eine völlig irreale These zurückweist. James Lovelock könnte zwar Recht haben, doch was er sagt, das mögen wir nicht. Wir lassen es nicht an uns heran. Im übrigen haben wir längst unseren nächsten Fernurlaub gebucht, einen nachhaltigen, wie das Reisebüro versichert, und in der Firma liegt inzwischen Ökopapier im Drucker.

Es ändert sich doch was.

Peter Kern


Literatur

James Lovelock: The Revenge of Gaia;  Gaias Rache. Warum die Erde sich wehrt (Gebundene Ausgabe:2007. Taschenbuchausgabe: 2008)
James Lovelock: The Vanishing Face of Gaia. A Final Warning,  2009
Ulrich Horstmann: Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschenflucht. 1983; (Neudruck 2004)
Karl Hübner: „Es ist zu spät“, in: DIE ZEIT, 7.6.2009, Nr.23, S. 59

Ergänzungstexte:

Audio

Es ist zu spät


 


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Sie sprechen über Nichtigkeiten mit einem solchen Ernst, so dass ihnen die ernsten Angelegenheiten dieser Welt gar nicht mehr in den Blick kommen.