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Zur terrestrischen Globalisierung

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Zur terrestrischen Globalisierung

Von der meditativen Kugelspekulation zur realen Kugelerfahrung[1]


War die kosmische Globalisierung eine Angelegenheit von Philosophen, so wird sie in der terrestrischen Globalisierung eine Angelegenheit von Geographen und Abenteurern. Nicht länger haben Metaphysiker das Wort, sondern Welt-Umsegler, Welt-Kaufleute, Konquistadoren, christliche Missionare und heute ihr Nachtrab aus Entwicklungshelfern und Touristen. Wir sind im Zeitalter der Entdeckungen und Eroberungen, das wir Älteren als Schüler im Unterricht noch so positiv gezeichnet bekamen, alles Machtförmige und Ausbeuterische des weissen europäischen Mannes unterdrückend.

Das Ganze ist jetzt nicht mehr der Kosmós, sondern nur noch die Erde. Ein neues Erd-Bild entsteht. Erde ist fortan das Zu-Umrundende, das Zu-Entdeckende, das Zu-Erfassende und das Zu-Erobernde.

Während die Kosmoskugel Geborgenheit, ja im metaphysischen Sinne „Heimat“ war mit ihrer Topologie des Seins, geht es jetzt nur noch transzendental um den Selbstbezug der denkend-berechnenden Subjekte ohne Transzendenz: Wille zur Macht, Wille zum Beherrschen, Wille zum Ausbeuten.

Im umrundeten Raum der Erde gelten plötzlich alle Punkte gleich viel. Die hierarchische Ordnung der Engel ist zerbrochen. Die mittelalterliche Bildwelt von Himmel, Erde und Hölle verblasst. Die Welt erscheint jetzt in der Fluchtpunktperspektive: Vom neuzeitlichen Ich aus wird wahrgenommen. Die Folge ist eine metaphysische Neutralisierung des Raumes. Fest gefügte Lebenswelten werden zu blossen Standorten mit ihren ökonomisch bewerteten Standortvorteilen oder eben Standortnachteilen.

Der nun in den Raum der Erde ausgreifende und vorrückende Europäer ist in permanenter Offensive: Entdeckungen, Eroberungen, Erschliessungen, Benennungen. In einer nie da gewesenen kulturellen und topographischen Westung wird die europäische Rationalität planetarisch. Heute hat sie den letzten Winkel dieser Erde erreicht. Die Menschen erfahren sich nicht mehr geborgen im Kosmos, sondern ungesichert an der empirischen Aussenhaut des Globus. Dieser wird jetzt von aussen wahrgenommen. Das Subjekt stellt diese Erde, diesen Globus vor sich hin, stellt ihn sich vor: Der neuzeitliche Mensch ist in der Subjekt-Objekt-Spaltung angekommen. Eine Raumrevolution ins Aussen hat stattgefunden. Die Konsequenz: Vor-stellendes und her-stellendes Denken unter dem Diktat des Willens zur Macht.

Alle Raumpunkte werden jetzt zu Durchgangspunkten für Waren, Geld, für Texte, Bilder, und heute auch für Prominente.[2] Vor allem: Jeder Punkt der Erde wird zu einer potentiellen Adresse für das Kapital. Und der merkantile Appetit war und ist gross. Die europäische Welteroberung war einmalig in der Geschichte. Gepaart mit einer neuen Mobilität kam es zu einem Personen-Verkehr und Waren-Verkehr im Dienste profitstrategischer Ziele. Es gab Zeiten, in denen die Handelnden, sprich Abenteurer, schneller waren als das Recht. Durch pures Nehmen wurden die Europäer zu Besitzern. Den Zumutungen des gerechten Tausches entzogen sie sich. Bestenfalls galt das „Recht“ des ausgezeichneten Augenblicks, so war es schon 1492, so sollte es, in kleinerem Massstab, 1989 wieder sein.[3] Man sprach sich frei aufgrund ausserordentlicher Umstände. Was in normalen Zeiten schlicht als Plünderung gegolten hätte, wurde in der historischen Lücke als Pioniertat gefeiert. Also: Kolonialisierung, Christianisierung,  ( und heute McDonaldisierung ). Tausch und gegenseitige Anerkennung kamen später, und dann auch nur halbherzig.

Wir sind im Zeitalter der terrestrischen Globalisierung angekommen. Von der Idee der kosmischen Globalisierung war nichts mehr übriggeblieben. Im Gegenteil. Was nicht europäisch war, wurde zur Ware. So organisierten beispielsweise Menschenhändler transnationale Humanviehtransporte zwischen Afrika und dem brutal eroberten Amerika; bedauerlicherweise war gelegentlich ein Drittel der Ware bei Ankunft verdorben.

Terrestrische Globalisierung und monetäre Spekulation gehören von Anfang an zusammen. Die Eroberung der Erde war ein Wettlauf um verhüllte Kapital- und damit Machtchancen auf undurchsichtigen fernen Märkten. Cecil Rhodes: Ausdehnung ist alles! Es ging vorrangig darum, im entgrenzten Erdraum sich Vorteile zu verschaffen:  die spanisch-portugiesischen Eroberungszüge mit ihrem innenpolitischen Gegenstück, der Vertreibung der Juden aus Spanien, die vereinigte Ostindische Kompanie der Holländer mit ihren Raubzügen bewaffneter Händler und Plünderer, Indonesien, Indien, Brasilien, Karibik, alles war in ihren Händen, Grossbritannien mit seiner British-East-Indien-Company, das zum Handelsmonopol im Osten führte, später insgesamt das Commonwealth – die Liste ist lang. Die Eroberung der Neuen Welt, heute USA, gründet auf zwei demographischen Katastrophen: der substanzielle Vernichtung der Indianer samt ihrer Kultur und dem Sklavenhandel mit allen sich daraus ergebenden Verwüstungen Afrikas.

Dabei sind die Entdeckungen ein Sonderfall ökonomischer Investitionen. Man ging Risiken ein, man übte sich im Risikohandeln als Unternehmer, der zur Schlüsselfigur des neuen Zeitalters wurde. Er nahm Kredite auf, finanzierte damit seine terrestrischen Beutezüge, um, wenn er erfolgreich war, umso höhere Renditen einzufahren. Oft zehrten diese Unternehmer von öffentlichen Subventionen, die sie zu privaten Gewinnen umdefinierten, was in den Mutterländern zu einer Oberschicht mit ungeheurem Reichtum führte, während die unterworfenen Gesellschaften zerstört wurden. Adam Smith, der ja nicht nur Ökonom war, sondern auch Ethiker, sprach vom abscheulichen Wahlspruch der Herrschenden: Alles für uns, nichts für die anderen!

In den Lehrbüchern ist zu lesen, dass wir uns durch Kopernikus vom platonischen Weltbild lösten, und dass das kopernikanische Weltbild das grosse Zeichen der neuen Zeit sei. Mit ebenso grosser Plausibilität kann geurteilt werden, dass die Haupttatsache der terrestrischen Globalisierung nicht der Tatbestand ist, dass sich die Erde um die Sonne dreht, sondern dass erstmals in globalem Ausmass das Geld um die Erde läuft. Daraus resultiert eine Kultur der Gewalt. Auch die Handelskriege, also Kriege um Märkte, sind eine Erfindung der Europäer.

Kurz: Die europäische Vormachtstellung in der Welt beruhte in der Zeit der terrestrischen Globalisierung auf dem fortgesetzten Einsatz von Gewalt. Militärische Überlegenheit und nicht irgendwelche sozialen, moralischen oder natürlichen Vorteile führten dazu, dass die weissen Völker der Welt in der Lage waren, diese globale Hegemonie hervorzubringen. Man kann, durch unzählige Quellen gestützt, davon ausgehen, dass es für gewöhnlich die Europäer waren, die gewaltsam in vordem relativ friedliche Handelssysteme eindrangen.

Zum 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus legte Noam Chomsky seine für Europäer überhaupt nicht schmeichelhafte Studie vor: Wirtschaft und Gewalt.[4] Und mit dem Untertitel weist er darauf hin, dass dieses vernichtende Urteil heute insgesamt für den Westen gilt: Vom Kolonialismus zur neuen Weltordnung: „Die grundlegenden Muster der frühen Eroberungszüge bestehen bis zum heutigen Tage fort.“[5]

Es ist also zur Substitution des alles bewirkenden Gottes der kosmischen Globalisierung durch das alles umwälzende Kapital gekommen; und genau das ist auch die Grundfigur der Moderne, die sich in der Postmoderne nur noch verschärft hat. Im Übergang von der kosmischen zur terrestrischen Globalisierung haben wir den Sinneswandel von einer metaphysisch gedachten „Schuld“ zu nur noch ökonomisch zu bestimmenden „Schulden“ zu beschreiben. Es ist die Geburt der unternehmerischen Subjektivität aus dem Geist der buchhalterischen Zurückzahlungspflicht: Wo früher Sühne eingeklagt wurde, ist jetzt nur noch das investierte Kapital mit Gewinn zu returnieren. Fortschritt ist nicht mehr Emporbildung in kosmischer Geborgenheit, sondern die Emigration in die Zeit, die sich beschleunigen muss.


vgl. Kosmische bzw. spirituelle Globalisierung

vgl. Ökonomische Globalisierung

Arbeitspapier, noch nicht zitierfähig




[1] Auch hier folge ich wieder in vielen Partien wörtlich Aussagen von Sloterdijk aus Sphären II: Globen a.a.O. vgl. Kosmische Globalisierung

[2] vgl. Thomas Macho: Das programmierte Gesicht. Notizen zur Politisierung der Sichtbarkeit, 1998

[3] vgl. Günter Grass: Ein Schnäppchen namens  DDR, Frankfurt/M. 1990

[4] vgl. Noam Chomsky: Wirtschaft und Gewalt. Vom Kolonialismus zur neuen Weltordnung, dt. Lüneburg 1991

[5] Noam Chomsky a.a.O., S. 62

Peter Kern





 


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