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Wissenschaft braucht Vernunft

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Wissenschaft braucht Vernunft


Das Vertrauen schwindet. Überall. Man muss auf der Hut sein. Ringsum nur Opportunismus. Den Glauben an die Götter und an den einen Gott haben wir längst verloren. Aus Göttern wurden Götzen. Ganz oben steht heute das Geld. Nicht die Staatsform, die neuzeitliche Demokratie, macht frei, es ist allein die Höhe des Bankkontos, das die Grade der Handlungsfreiheit bestimmt. Erst als Millionär sei man Souverän, diktierte einst ein Liberaler den Journalisten in ihre Stenogrammblöcke.

Doch ein Glaube blieb dem aufgeklärten Bürger, der Glaube an die Wissenschaft. Sie schaffe doch objektive Erkenntnisse, diese seien intersubjektiv gültig, sie ermöglichten erst den ersehnten Fortschritt. Wissenschaft sei der rationale Fels in der Brandung der pluralen Meinungen. Im Rausch solcher Wissenschaftseuphorie rechnete man mit einer strahlenden Zukunft.

Plötzlich ist sie schon Gegenwart. Sellafield, Herrisburg, Tschernobyl, Fukushima. Das strahlende Erbe der Atombombentests nicht zu vergessen. Man hat sich im grossen Stil verrechnet.

Und jäh schlägt die euphorische Liebe zur Wissenschaft ins Gegenteil um. Die enttäuschten Bräute des berechnenden Denkens können nur noch eins: hassen. Fortan steht Wissenschaftsfeindlichkeit auf der Agenda. Man sucht sein Heil nicht länger in solide begründeter, wissenschaftsgestützter Aufklärung, nein, man sucht es im Irrationalen. Scharenweise folgen sie den Gauklern und Gurus windiger Heilsversprechen.

Aus Wissenschaftseuphorie wird Wissenschaftsfeindlichkeit. Ach, immer die Extreme! Schon Immanuel Kant wusste, was hier Not tut: Wissenschaftskritik.

Weder der blinde Glaube an die Wissenschaft noch die hasserfüllte Abwendung von ihr sind sachlich zu rechtfertigen. Die Wissenschaftseuphoriker überfordern die Wissenschaft. Sie hat ihre Grenzen. Sie kann im berechnenden Denken nur herausfinden, was richtig und was falsch ist, was unter welchen Bedingungen wie funktioniert. Sie gibt jedoch keine Ziele für das Leben vor. Sie kann nicht einmal normativ begründen, weshalb sie selbst sein soll. Dazu bedarf es des besinnenden Denkens. Das hat seinen Grund in der Vernunft, die uns sagt, was sein soll.

Nur vernunftorientierte Wissenschaftskritik zähmt die lebensfeindlichen Auswüchse der Wissenschaftseuphorie und der Wissenschaftsfeindlichkeit.

Wissenschaftskritik wusste deshalb schon immer, dass Atomenergie prinzipiell nicht beherrschbar ist, weder in ihrer so genannten friedlichen Nutzung noch in ihren militärischen Optionen.

Ob wir die Gunst der aktuellen Stunde von Fukushima erkennen und uns besinnen und das Notwendige tun – nämlich, wissenschaftskritisch gestützt, unsere zerstörerischen Lebensstile radikal ändern? Eine solche Metanoia würde uns eine gelingende Zukunft erschliessen.

Haben wir den Mut, dieses Wagnis einzugehen!

Peter Kern

Ergänzungstext: Verstand - Vernunft

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Wissenschaft-braucht-Vernunft







 


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