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Hilfe, ich bin hässlich!

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Sie war empört, mehr noch, sie war wütend. Sie schimpfte. Auf einer Lehrerfortbildung war sie gewesen. Ethik stand auf dem Programm. Voller Hoffnung und Neugierde war sie in die noble Tagungsstätte in schöner Landschaft gefahren. Dort wurde sie von zwei smarten Trainern empfangen, jung und dynamisch. Wie es sich heute gehört, Wirbelwinde der Präsentationskunst: Beamer, selbstverständlich, Metaplan, selbstredend, und Folien vom Feinsten wurden ausgeteilt.

Man stieg gleich ein, praxisorientiert: Sollen sich junge Mädchen Schönheitsoperationen unterziehen? Ein wichtiges und ernstes Thema, fürwahr. Ein Thema auch der Medizinethik. Zu dieser gab es freilich keine Einführung; von den Anwesenden hatte niemand die Kompetenz, qualifiziert mitzureden. Kein Grund zur Panik, hiess es. Fehlendes Experten-Wissen werde heutzutage demokratisiert, nach dem Motto: Wir sind doch alle Experten. Und schon wandte man sich der Metaplanwand zu und befestigte schwungvoll den farbigen Trailer mit der Problemstellung, als These formuliert: „Wer sich nicht operieren lässt, hat schon verloren". Dann wurde gepunktet: In vier Kästchen konnte man zu der These Stellung beziehen: Stimme voll zu, stimme zu; stimme nicht zu, stimme überhaupt nicht zu. Man hätte meinen sollen, dass die anwesenden Lehrerinnen und Lehrer ausnahmslos die These verworfen hätten. Dem war aber gar nicht so. Jetzt suchte man, unabhängig von der eigenen Position, nach Begründungen zu den vier Gewichtungen. Diese Argumente wurden stichwortartig in die vier Rubriken eingetragen. Im tollkühnen Schluss durch die Moderatoren hiess es dann, dass die Frage, ob sich junge Mädchen einer Schönheitsoperation unterziehen sollten, hiermit pluralistisch beantwortet worden sei, will heissen, eine ethisch verbindliche Antwort gibt es nicht.

Wer einen Vergleich mit dem Ziel eines verbindlichen Werturteils anmahnte, wurde mitleidig belächelt. Wer pädagogisch dachte, nicht verstanden.

Wenigstens insistierte man aus dem Teilnehmerkreis darauf, zu präzisieren: Welche Schönheitsoperationen gibt es denn überhaupt? Eine zweite Pinwand wurde gebraucht. Infoposter dokumentierten folgendes Wissen: Als Schönheitsoperationen werden bezeichnet u.a. Bruststraffung, Brustvergrößerung, Fettabsaugungen, etwa im Gesicht, an den Hüften, am Bauch, an Oberschenkeln, Unterschenkeln; Nasenkorrekturen, Facelifting, Faltenglättung, Lippenkorrekturen, ja, auch Schamlippenkorrekturen.


Und was ist eine Schönheitsoperation? Es folgte eine weitere Wissenseingabe: Eine Schönheitsoperation oder kosmetische Operation ist ein chirurgischer Eingriff ohne medizinische Indikation. Die Schönheitsoperation dient damit einer oft nur subjektiv wahrgenommenen Verbesserung des menschlichen Körpers.


Es folgte ein vertiefendes Gespräch im Plenum, in dem man auf Motivsuche ging. Weshalb unterziehen sich schon junge Mädchen solchen „Schönheits“-Operationen? Rasch kam man zu der Einsicht, dass die jungen Damen ihren öffentlich präsentierten Idolen folgen. Es sind zunächst vor allem sogenannte Prominente, die sich operieren lassen. Diese setzen die Mass-Stäbe. Was als schöner Körper zu gelten hat, sieht man im Film, im Fernsehen, in den Hochglanzbroschüren der Printmedien, im Internet. Und immer wieder in der Werbung.

Man lässt sich operieren, um sich dem in den Medien aktuell vorherrschenden Schönheitsideal anzupassen. Wer also sein Selbstwertgefühl stabilisieren muss, der folgt dem Trend der „Verbesserung“ des eigenen Körpers, denn wer sich nicht operieren lässt, hat schon verloren.


Ist die „Schönheits“-Operation damit ethisch geboten?

Berechtigter Zweifel kam auf. Die Antwort der beiden Trainer dagegen war eindeutig. Es gäbe kein ethisches Argument, das Schönheitsoperationen in frage stellen könnte. Wer das behaupte, mache sich einer autoritären Setzung schuldig. Wer achtzehn Jahre alt ist, ist mündig. Folglich darf er dann auch frei über seinen Körper verfügen und ohne medizinische Indikation Schönheitsoperationen vornehmen lassen. Mit dieser Antwort waren die Trainer der Differenz zwischen legaler Handlung und moralisch geltendem Anspruch ausgewichen, denn was legal ist muss längst noch nicht moralisch sein, und eine juristische Mündigkeit muss sich längst nicht mit einer personalen Mündigkeit einhergehen.

Nun wurde es unruhig im Saal. Bei diesem postmodernen Pluralismus mochten sich die anwesenden Pädagogen doch nicht beruhigen. So mache man es sich zu einfach, hiess es. Da sei noch gar nichts wirklich geklärt. Was heisst hier „Schönheit“, was „Verbesserung“ des eigenen Körpers?

Welche Ethik liegt dem Urteil der Trainer zugrunde?

Solche Grundlagen wollten diese nun gar nicht diskutieren. Stattdessen verwiesen sie auf das Ergebnis der Metaplanarbeit: Da hätte die Gruppe doch empirisch selbst erhoben, dass es einen Pluralismus der Meinungen gebe.

Damit verkannten die Moderatoren, dass jetzt erst die ethische Argumentation zu beginnen habe. Und als aus dem Teilnehmerkreis an Namen der Ethikdiskussion erinnert wurde, die hier möglicherweise hilfreich sein könnten, bügelten die Moderatoren solche Hinweise arrogant ab: Kant. Der habe sich doch mit seinem „kategorischen Imperativ“ blamiert, das könne man an seiner Auffassung, man dürfe prinzipiell nicht lügen, ablesen. Den müsse man gar nicht mehr studieren. Albert Schweitzer. Sein Massstab „Ehrfurcht vor dem Leben“ tauge auch nichts; schon durch den Umstand, dass wir essen müssen, zerstören wir Leben. Und Hans Jonas mit seinem Konzept einer „Ethik für das technische Zeitalter“ fand auch keine Gnade vor den hemdsärmeligen Postmodernen: Damals gab es in diesem Ausmass ja noch keine Schönheitsoperationen.

Wahrlich, bemerkenswerte Urteile. Kant und Schweitzer nicht verstanden, und wenn die Zurückweisung von Jonas stichhaltig wäre, dann könnte man die gesamte Ethik-Tradition auf den Müllhaufen der Geschichte werfen. Nicht einmal die simpelsten Grundlagen zur Ethik kannten diese ungeistigen Vorturner. Dass in normativer Hinsicht genetisch ältere, also längst vergangene Reflexionen eine höhere Geltung haben können als der aktuellste Entwurf einer Ethik, die nur mit heisser Nadel gestrickt wurde, ging ihnen nicht auf. Die Differenz von Genese und Geltung war ihnen ein Buch mit sieben Siegeln.


Der Versuch einiger Pädagogen im Blick auf die Ausgangsfrage, ob sich junge Mädchen Schönheitsoperationen unterziehen sollen, verbindlich zu beantworten, stiess auf den heftigsten Widerstand der Moderatoren. Nur kein verallgemeinerbares Urteil! Nur nicht festlegen! Das war ihr Credo. Dass sie sich damit in einem performativen Selbstwiderspruch verfangen hatten, verstanden sie nicht. Ihr Satz, es solle keine verbindliche Festlegung geben, war mit dem Anspruch von Verbindlichkeit gesprochen, die sie gerade erst abgelehnt hatten!

Im übrigen: Mediziner und Psychologen wissen, dass der Drang zur Operation eine Störung der Selbstwahrnehmung ist: Dysmorphophobie, d.h. Angst vor Missgestaltung: Hilfe, ich bin hässlich! Diese Selbstwahrnehmung ist zu ändern. Das ist eine pädagogische und eine psychotherapeutische Aufgabe, jedoch keine des Operateurs.


So miserabel kann Fortbildung in Deutschland sein.

Peter Kern


Literatur

Angelica Ensel: Nach seinem Bilde. Schönheitschirurgie und Schöpfungsphantasien in der westlichen Medizin,1996

Ergänzungstexte:

Audio

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