• Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Religiöse Aspekte des Prinzips Nachhaltigkeit

E-Mail Drucken PDF






Religiöse Aspekte des Prinzips Nachhaltigkeit

(Sustainability)

von Hans-Georg Wittig


1.Zum thematischen Horizont


1.1

Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen ist im Atomzeitalter nicht möglich ohne Frieden und dieser nicht ohne ein Mindestmass an sozialer Gerechtigkeit weltweit. Es geht beim Thema „Nachhaltigkeit“ um Naturverträglichkeit, Sozialverträglichkeit und Personverträglichkeit.


1.2

Die hiermit verbundenen religiösen Aspekte sind am besten in historischer Perspektive zu begreifen. Erst eine weit gespannte historische Perspektive kann die Einzigartigkeit unserer weltgeschichtlichen Situation verdeutlichen. Es geht um die Abfolge von neolithischer Revolution, Entstehung der grossen Zivilisationen, „Achsenzeit“ (Karl Jaspers), d.h. in unserem Kulturkreis Entstehung der antiken Philosophie und der jüdisch-christlichen Tradition, dann Entstehung neuzeitlicher Wissenschaft, Technik, Industrie, Finanzmärkte und deren Globalisierung.


1.3

Schon früh wird die Gefahr wahrgenommen, dass das „Mängelwesen“ Mensch mittels seines von Eigeninteressen gesteuerten Verstandes seine Mängel überkompensiert und die es tragende Natur unterwirft, sie ausbeutet und am Ende zerstört: Es bedarf einer prinzipiell anderen Einstellung zu den Mitmenschen, zum aussermenschlichen Leben, ja zur „Materie“ insgesamt, deren kosmische Entwicklung, die schliesslich so Unglaubliches wie „Seele“ und „Geist“ aufleuchten lässt, als „Schöpfung“ durch „Gott“ verstanden wird.


1.4

Für den rechten Umgang mit dieser Schöpfung werden – neben Ansätzen in der sokratischen Philosophie, aber auch z.B. im Buddhismus – in der Tradition der Bergpredigt zwei religiöse Aspekte ethisch relevant: erstens die Unbedingtheit ethischer Ansprüche an die Person, eine Unbedingtheit, die sich zwar jederzeit Dialogen öffnen und bereit sein muss, ihre Normen vernünftig zu legitimieren, sich aber hinsichtlich der Verwirklichung dieser Normen nicht davon beirren lässt, wie viele Mitmenschen sich an dieser Verwirklichung beteiligen; zweitens die Ergänzung des normativen Aspekts durch den (im ursprünglichen Sinne) „eudämonistischen“ der „Seligpreisungen“, d.h. der – von jeglichem „innerweltlichen“ Erfolg unabhängigen – „Verheissung“ sinnerfüllten und in diesem Sinne glücklichen Lebens.


1.5

Das Christentum hat sich bis heute lebendig erhalten durch die Spannung zwischen der zähen Durchschnittlichkeit unseres gewöhnlichen Lebensstils und der Radikalität dieser „Ansprüche“ und „Zusprüche“. Immer neue Aufbrüche folgen einander: Mönchsbewegungen, Reformation, Pietismus, Innere Mission, Religiöser Sozialismus, Einzelgestalten wie Albert Schweitzer und Martin Luther King, der „Konziliare Prozess“ für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung mit seinen vielfältigen Vernetzungen, die prinzipielle Kritik neoliberaler Globalisierung durch den christlichen Glauben, vor allem aus der Sicht der Kirchen der südlichen Hemisphäre...



2. Zur Literatur


2.1

Einführende Thesen von H.-G.Wittig: Zukunftsfähige Bildung gesucht – Was müssen wir in einer aus den Fugen geratenden Welt lernen? (Unveröff. Ms., 7 S., 2007).

Dazu :

H.-G. Wittig: Zukunftsfähige Bildung – Herausforderung und Chance. In: Perspektive PH Freiburg, hg. vom Rektor der Pädagogischen Hochschule Freiburg (Red. M.Klant und H.Uhl), Freiburg i.Br. 2002, S.37-40

Ders.: Education for Sustainable Development. In: Riga Teacher Training and Educational Management Academy (RPIVA), Zinatniskie Raksti/Scientific Articles IV, Riga 2004, S.100-108


2.2

Zur anthropologischen Verortung und sprachkritischen Klärung der skizzierten Horizonte ist zurückzugreifen auf Wilhelm Kamlahs Philosophische Anthropologie, Mannheim 1972.

Dazu:

H.-G. Wittig: Philosophische Anthropologie – wirklich unzeitgemäss? In: Zeitschrift für philosophische Forschung, 28. Band 1974, S.408-417

Ders.: Pädagogische Anthropologie – Krise und möglicher Neuanfang. In: E.König/H.Ramsenthaler (Hg.), Diskussion Pädagogische Anthropologie, München 1980, S.237-266


2.3

Unverzichtbar ist hierzu die religionsphilosophische Vertiefung durch den nach wie vor grundlegenden Klassiker Immanuel Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft (1793), z.B. in ders.: Werke in 6 Bänden, hg. von W.Weischedel, Darmstadt 1956 ff, Bd.IV, S.645-879.

Dazu:

H.-G. Wittig: Wiedergeburt als radikaler Gesinnungswandel. Über den Zusammenhang von Theologie, Anthropologie und Pädagogik bei Rousseau, Kant und Pestalozzi, Heidelberg 1970, insbesondere S.66-106


2.4

Bedeutsame theologische Ergänzungen erfahren diese Aspekte durch die Werke von Albert Schweitzer und Paul Tillich.

Dazu:

H.-G. Wittig: Mitgeschöpflichkeit – grundlegende Beiträge Albert Schweitzers zu Selbstverständnis und Bildung des Menschen. In: Beiträge Pädagogischer Arbeit, 33. Jg.1990, H.II, S.44-70

Ders.: Von der Aussichtslosigkeit des Reichtums. In: karlsruher pädagogische beiträge, Jg.1990, S.106-116

Ders.: Geben weckt. Zum anthropologischen Verständnis der Pädagogik Albert Schweitzers. In: Evangelische Akademie in Baden (Hg.), Albert Schweitzer. Leben zwischen Mystik und Ethik, Karlsruhe 1998 (Herrenalber Forum. 21), S.55-81

P.Tillich: Wesen und Wandel des Glaubens (The Dynamics of Faith), Frankfurt a.M. 1961

W.Schüssler/E.Sturm: Paul Tillich. Leben – Werk – Wirkung, Darmstadt 2007


2.5

Die angestrebte universalhistorische Perspektive bietet besonders kompetent und für den Aspekt der Religion besonders aufschlussreich das zusammenfassende Schlusswerk von Carl Friedrich von Weizsäcker: Der Mensch in seiner Geschichte, München 1991.

Dazu:

P. Kern/H.-G. Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter, Freiburg i.Br. 2.Aufl. 1984

Dies.: Notwendige Bildung, Frankfurt a.M. u.a. 1985

H.-G. Wittig: Bildung zur „Heilighaltung des Lebens“. Jean Paul als Klassiker einer Pädagogik im Widerstand gegen die Zerstörung des Lebens. In: Pädagogische Rundschau, 48. Jg.1994, S.727-747

Ders.: Vernünftige Ethik für eine aus den Fugen geratende Welt. In: B.Goebel/M.Wetzel (Hg.), Eine moralische Politik? Vittorio Hösles Politische Ethik in der Diskussion, Würzburg 2001, S.267-287


2.6

Ausgeweitet zum interreligiösen Dialog werden die bisherigen Ansätze durch das Werk von Hans Küng und seine Diskussion.

Dazu:

H.Küng/K.-J-Kuschel (Hg.): Erklärung zum Weltethos, München/Zürich 1993

Dies. (Hg.): Wissenschaft und Weltethos, München/Zürich 1998

H.-G. Wittig: Verbindliche Menschenrechte – verbindliche Menschenpflichten. In: Interkulturell (hg.  von der Forschungsstelle Migration und Integration an der Pädagogischen Hochschule Freiburg), Jg.1990, H.1/2, S.36-54


2.7

Die vielfältigen religiösen Initiativen, die sich auf diesen Fundamenten für eine nachhaltige Entwicklung einsetzen, lassen sich zusammenfassen unter dem Begriff des Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (Justice, Peace and the Integrity of Creation: JPIC).

Dazu:

C.F.v.Weizsäcker: Die Zeit drängt, München 1986

H.-G. Wittig: Zum Streit um das „Konzil des Friedens“. In: Deutsches Pfarrerblatt. 88. Jg.1988, S.144-147

L.Coenen u.a. (Hg.): Unterwegs in Sachen Zukunft, Stuttgart/München 1990

H.-G. Wittig: Religiöses Opium oder biblisches Dynamit? Leonhard Ragaz als theologischer und pädagogischer Vorkämpfer des Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, In: Beiträge Pädagogischer Arbeit, 35. Jg.1992, H.I, S.24-53


2.8

Heute findet dieser Konziliare Prozess eine Zuspitzung in ökumenischer Kritik kapitalistischer Globalisierung – vor allem aus den Kirchen des Südens – und im Streben nach einer alternativen Wirtschaft im Dienst des Lebens.

Dazu:

U.Duchrow u.a.: Solidarisch Mensch werden, Hamburg/Oberursel 2006

Kairos Europa (Heidelberg)(Hg.): Schriftenreihe „Wirtschaft(en) im Dienst des Lebens“

H.-G. Wittig: Provokationen vernünftiger Ethik in einer aus den Fugen geratenden Welt – 80 Jahre nach Leonard Nelson (11 S., im Erscheinen)


Hans-Georg Wittig


Die hier vorgelegte Orientierung religiöser Aspekte des Prinzips „Nachhaltigkeit / Sustainability“ verweist auf eine religiöse Dimension innerhalb des Konzeptes der „metaphysisch offenen integrierenden Pädagogischen Anthropologie (1)“ wie sie von Peter Kern und Hans-Georg Wittig vertreten wird.





 


Zufällig ausgewählte Glosse

Die Heraufkunft des neuen Irrationalismus: Sie denken nicht mehr, sie empfinden nur noch.