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Benedikt XVI.: Weiss er wirklich nicht, was er versäumt?

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Benedikt XVI.: Weiss er wirklich nicht, was er versäumt?

 

In Zeiten des Traditionsabbruches steht er für eine zweitausendjährige Geschichte. Als Vicarius Iesu Christi, als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden und als Nachfolger des Apostels Petrus, wie es die religiösen Fundamente des Papst-Amtes behaupten, ist er, soziologisch gesprochen, Chef der grössten und ältesten Institution der Welt. Es ist die Rede von Papst Benedikt XVI., dem  Santo Padre, dem Heiligen Vater, der bis 2013l das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche war. Die nachfolgenden Überlegungen wurden noch während der Amtszeit von Papst Benedikt XVI. geschrieben.

In postmodernen Zeiten ist der Papst zuständig für die knappe Ressource Sinn, die er, seinem Glauben folgend, metaphysisch in Gott findet. Damit bringt er das Andere ins allzu Innerweltliche. Er erinnert unermüdlich daran, dass wir Menschen ausgezeichnete Geschöpfe Gottes seien, wie die geoffenbarte Wahrheit der Bibel es postuliere. Die Menschheit sei nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen ( Imago Dei ). Solche prämodernen Gewissheiten erlauben es ihm dann auch zu versuchen, einen theologischen und kirchenpolitischen Damm gegen den Relativismus der Postmoderne zu errichten.

Doch statt dem Liebesgebot der Bergpredigt zu folgen und an den einzelnen Menschen und die uns alle tragende Natur zu denken, hat dieser Papst vorrangig nur die Sicherung seiner Kirche im Blick. Sein furchtgetriebener Eiferglaube irritiert. So verliert er in Europa immer mehr seine „Schafe“, die zu „hüten“ ihm aufgetragen ist.

Alle geistigen Entwicklungen nach Augustinus und Thomas von Aquin sind diesem Papst suspekt; er betrachtet sie mit Misstrauen. Martin Luther und dann vor allem die Aufklärer hätten die heutige „Diktatur des Relativismus“ ermöglicht. Davor habe sich eine starke Kirche mit allen Mitteln zu schützen. Benedikt XVI. macht die römisch-katholische Kirche zur Mauerkirche, zum Bollwerk des Dogmatischen. Er konserviert, bewahrt in seinem Handeln nicht das Liebesgebot einer zweitausendjährigen Tradition, um dadurch dem orientierungslosen Zeitgenossen ein zukunftsfähiges Sinnangebot zu machen. Stattdessen wird er zum Restaurator einer absterbenden Vergangenheit: Er wertet die alte tridentinische Messe auf, und er nimmt die Exkommunikation der traditionalistischen Pius-Bischöfe zurück. Einen Holocaust-Leugner wieder in die Kirche integriert zu haben, und das auch noch als Deutscher, wird angesichts  des angestrebten Machterhalts der Kirche für diesen Papst bedeutungslos, wiewohl er sich in dieser Causa kirchenrechtlich korrekt verhielt. Auch als Papa Theologicus, als Theologenpapst,  macht Benedikt XVI. keine gute Figur. Um es vorsichtig zu sagen: Er formuliert missverständlich, wenn er sich, wie in seiner Regensburger Rede, zum Verhältnis von Glaube und Vernunft äussert, oder wenn er über den Dialog der Religionen nachdenkt und Juden und Protestanten gleichermassen düpiert. Dieser Papst lebt noch ganz in der mittelalterlich-gegenreformatorisch-antimodernen Konstellation von Kirche und Gesellschaft.

Dabei hätte die Heilige Schrift als ein Depositum jahrtausendealter Grenzerfahrungen dem Menschen in der Postmoderne sehr wohl etwas Positives zu sagen, und das nicht nur dem Gläubigen. Etwas von dieser Zukunft erschliessenden Substanz wird in der ersten Enzyklika von Benedikt XVI. sichtbar: „Deus Caritas est“. Darin ist von einer „Liebe Gottes“ die Rede, die es möglich macht, die Leben zerstörenden Prozesse innerhalb unserer Gesellschaften und gegenüber der uns alle tragenden Natur zu überwinden. Sicher, diese „Liebe“ wird in der Enzyklika katholisch-metaphysisch gedeutet als Funken vom Licht Gottes, doch in ihrer innerweltlichen Kraft bewirkt sie jenes Gute, das im Umkreis postmoderner Beliebigkeit nicht zu finden ist. Entkleidet man diese „Liebe“ ihrer metaphysischen Deutung, formuliert man sie neomodern, dann wird sie auch für Nicht-Gläubige attraktiv. Doch bevor eine solche „Liebe“ ihre Wirkung entfalten kann, verliert sie an Bedeutung durch das konkrete Tun und Nicht-Tun des Papstes.

Dialog auf Augenhöhe mit der säkularen Welt? Aufwertung der Rolle der Frau in seiner Kirche? Überzeugende Öffnung gegenüber anderen Religionen und Kirchen? Neujustierung der Moral, auch und vor allem der Sexualmoral? Nichts davon. Stattdessen ein beispielloser Missbrauchskandal an Kindern, die der Kirche in Treu und Glauben anvertraut wurden. Hier wie auch sonst immer nur Abgrenzung, Brüskierung, Verdrängung und Leugnung, ja Verurteilung im eilfertigen Suchen nach Sündenböcken.

Papst Benedikt XVI. nimmt vorrangig nur die Partikularinteressen seiner Kirchen- Institution wahr; er will bedingungslos ihre Macht erhalten. Damit reiht er sich ein in die furchtgetriebenen und machtgesteuerten Händel dieser, ach so irdischen, Welt. Seine Kirche wird zu einer innerweltlichen Institution wie jede andere auch – und verliert genau jene Kraft, die es möglich machen könnte, die zänkischen Partikularinteressen zugunsten eines überlebensnotwendigen Gesamtinteresses zu überwinden: die „Liebe“, von der Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Deus Caritas est“ so anrührend und überzeugend schrieb.

Das Ganze der Welt hat dieser Papst nicht im Blick. Was nützt die bedingungslose Daseinssicherung der katholischen Kirche, wenn man sich an der Schonung und Rettung der uns alle tragenden Natur nur halbherzig beteiligt? Harter Widerstand gegen die Leben zerstörenden Kräfte wäre notwendig. Denn ohne eine lebendige und gesunde Natur wird es auch keine Zukunft der Institution katholische Kirche geben. Der Papst hätte vorrangig tatkräftig und energisch an der Bewahrung der Schöpfung mitzuwirken. Ross und Reiter müssten benannt werden. Doch im Klein-Klein der Alltagsgeschäfte übersieht man im Vatikan das Grundsätzliche.

Benedikt XVI. ist nach einer nunmehr fünfjährigen Amtszeit endgültig zum Vollstrecker alt- und neokonservativer Mächte im Vatikan geworden. Man hat dort nicht den Mut, Gottes grossartige Schöpfung dem Frass des Kapitals zu entreissen. Bestenfalls kann man sich Benedikt XVI. als eine tragische Gestalt vorstellen. Der aus dem Liebesgebot des Neuen Testamentes mögliche und überlebensnotwendige Aufbruch in ein zukunftsfähiges Leben wird bestenfalls in schönen Worten angemahnt. Das ist heute zu wenig. Habe ich das energische Wort aus Rom zu Fukushima überhört? Dort wird gerade Gottes Schöpfung, die doch Glaubensgrundlage des Papstes ist, zerstört.

Weiss auch dieser Papst nicht, was er versäumt? Oder kritisiere ich aus einer tiefen Enttäuschung heraus in ungerechter Weise? Wer, wenn nicht die mächtige katholische Kirche könnte mit ihren vielen Millionen Gläubigen ökologisch Zukunftsfähiges vorleben? Metanoia, Umkehr, bitte!


Literatur

Benedikt XVI.: Licht der Welt. Ein Gespräch mit Peter Seewald, 2010

David Berger: Der heilige Schein, 2010

Alan Posener: Benedikts Kreuzzug,  2009

Hans Küng: Denkwege, 2008

Hans Küng: Ist die Kirche noch zu retten? 2011


Peter Kern

Ergänzungstext: Denn sie wissen nicht, was sie glauben

Audio

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