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Hochstapelei

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Einen solchen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Er ist ein abschreckendes Beispiel dafür, wie man etwas nicht zu Papier bringen soll:

„Ziel des Ethikunterrichts ist die Entfaltung der Kompetenz, über grundsätzliche moralische Probleme nachzudenken sowie auf der Grundlage ausgewiesener Begriffe, abgesicherter Informationen und argumentativ begründeter ethischer Grundsätze die Gestaltung einer eigenen sittlich qualifizierten Praxis anzustreben. Die moralische Autonomie der Schülerinnen und Schüler soll gestärkt, ihre ethische Argumentations- und Urteilsfähigkeit soll gefördert, handlungsorientierende Kompetenzen sollen entwickelt werden.“  

So steht es tatsächlich in den „Vorbemerkungen“ zum Ethikunterricht eines Bildungs-Planes des Landes Baden-Württemberg, Deutschland.

So oder ähnlich formuliert man auch in vielen anderen sogenannten Bildungs-Plänen, und das nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland.

Für die in Baden-Württemberg verhandelten 19 Lehrplaneinheiten sind insgesamt 189 ( einhundertneunundachtzig! ) sich nur kaum wiederholende Buch-Titel aufgeführt. Und was für Titel! Das Gewicht der Texte ist erdrückend, die abendländische Philosophiegeschichte wird vollmundig aufgefahren: Aristoteles, Descartes, Feuerbach, Herder, Hobbes, Hume, Kant, Marx, Nietzsche, Schleiermacher, Schopenhauer, Spinoza. Selbstredend wird zudem das aktuelle Ringen um die Ethik-Problematik  vielfältig dokumentiert. Auch hier wieder alles vom Feinsten: Günter Anders, Berger, Bieri, Birnbacher, Bloch, Dawkins, Durkheim, Eliade, Fromm, Jonas, Habermas, Hare, Höffe, Honneth, Koslowski, Levinas, Lyotard, Macintyre, Radbruch, Rawls, Rorty, Gerhard Roth, Sartre, Singer, Skinner, Spaemann, Taylor, Tugendhat, Michael Walzer.

Wie informiert sie doch sind, unsere Bildungs-Planer, die bestenfalls Ausbildungs-Planer sind.

Nein, das alles zeugt von Imponiergehabe, mehr nicht. Es ist pure Hochstapelei. Mit hydrantenhafter Geschwätzigkeit wird alles aufgeführt, was man in den einschlägigen Fachdebatten fand. Dass Bildungs-Pläne didaktisch aufbereitete Orientierungshilfen sein sollten, ist den Autoren fremd. Didaktik als Theorie, die darüber nachdenkt, was aus der hegelschen Sintflut des Wissens bildende Kraft für Schülerinnen und Schüler genau umgrenzter Ausbildungsphasen haben könnte, setzt pädagogische Urteilskraft voraus. An dieser mangelt es den Ausbildungs-Planern überall.

Nicht einmal logisch denken können sie, vom verschwiemelten Stil ganz zu schweigen.

Was ist nach ihrer Auffassung das Ziel des Ethikunterrichtes?

Zunächst: Die Kompetenz, über moralische Probleme nachdenken zu können.
Nein, nicht diese Kompetenz, dieses Können, ist das Ziel, sondern die Entfaltung der Kompetenz. Worum geht es nun, um ein Ziel – oder um einen Prozess?

Dann: Es wird eine sittliche Praxis angestrebt. Das Nachdenken über moralische Probleme soll  in Handeln überführt werden. Welch ein Anspruch! Da werden mal eben Abgründe des dialektisch hoch komplexen Ineinanders von Moral, Ethik und Sittlichkeit mit einem Ritt über den Bodensee gelöst. Was da steht, heisst im Klartext, dass die Ausbildungs-Planer die Auffassung vertreten, durch Aufklärung im Unterricht, durch Sprache also, könne man Menschen zum entsprechenden Handeln befähigen. Wenn das eine zutreffende pädagogische Konzeption wäre, dann müssten doch die Absolventen althumanistischer Gymnasien sophokleische Charaktere geworden sein, und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beispielsweise am evangelischen Religionsunterricht könnten sich in der Realwelt aus der Freiheit eines Christenmenschen bewähren.

Bestenfalls haben unsere Schulen Maulhelden und Maulchristen hervorgebracht, die ihr ethisches Wissen mitnichten in Praxis zu überführen vermochten. Und das nicht, weil sie in ihrem Personsein versagten, sondern weil das Nachdenken über ein Sollen methodisch unzureichend bleibt für den Transfer in die Praxis.
In alteuropäischer Terminologie: Tugend ist nicht lehrbar!

Ferner: Es soll die moralische Autonomie der Schülerinnen und Schüler gestärkt werden.

Was heisst hier moralische Autonomie?

Autonomie bedeutet, dass man sich die Gesetze selbst gibt. Sollen die jungen Menschen also dazu gebracht werden, je ihre eigene Ethik zu entwerfen und zu begründen? Ethikkonzepte im Kontext radikal konstruktivistischer Wissenschaftstheorie? Was sein soll, konstruiert sich halt jeder selbst.

Dann folgt in der angebotenen Zielformulierung etwas, was der Sache nach doch vor der Praxis steht: die ethische Argumentations- und Urteilsfähigkeit soll gefördert werden. Die Logik würde gebieten: Nachdenken über moralische Probleme, ethisch begründete Urteile fällen, dann erst handeln.

Und schliesslich heisst es noch, dass handlungsorientierende Kompetenzen entwickelt werden sollen. Was unterscheidet nun die Kompetenz, über moralische Probleme nachdenken zu können von den handlungsorientierenden Kompetenzen?

Die aufgeladene Zielformulierung verunklart den zur Diskussion stehenden Sachverhalt.  

Wer wagt es schon, die Autoren beim Wort zu nehmen, nachdem sie uns so eingeschüchtert haben mit ihrem name dropping aus der Philosophiegeschichte?   

Fallen wir nicht darauf herein.  Durch die Nennung prominenter Namen ist längst noch nicht der Nachweis erbracht, dass man die Theorien der genannten Autoritäten auch wirklich kennt und verstanden hat. Da fischt wieder einmal so mancher im Warenhaus der Universität im trüben.  

Haben wir den Mut, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen: Der zur Diskussion stehende Ausbildungs-Plan für den Ethikunterricht ist eine Zumutung.

Der Leserin, dem Leser wird schwindelig. Die Klage der seriösen Ethiklehrerinnen und Ethiklehrer, einem solchen Anspruch des Faches nicht gewachsen zu sein, ist unüberhörbar. Oder hatte Baden-Württemberg vor, die Universitätsordinarien für Philosophie mit dem Schwerpunkt Ethik in die Schulen zu schicken?

Die Kinder können einem leid tun. Die Lehrerinnen und Lehrer auch.

Peter Kern

Vgl. den TAGEBUCHEINTRAG vom 07.03.2017 "Kompetenzlosigkeitskompetenz."

Ergänzungstexte:

Audio

Hochstapelei


 


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