• Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Management by Love

E-Mail Drucken PDF

Management by Love -

Ein Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung?

 

Francis Bacon (1561 ‑ 1626) schrieb in seinem bedeutenden Buch „Novum Organon“, Wissen sei Macht, und Unwissen sei die Ursache von Misserfolg. Im Blick auf ständig steigende Herausforderungen in unseren modernen In­formationsgesellschaften kommt diesem machtvollen Wissen eine besondere Bedeutung zu.

Wer aber verfügt über Wissen? Schärfer gefragt: Wer bestimmt, welches Wissen Macht verleiht und welches nicht?

 In einer theozentrischen Weltordnung wie der von Antike und Christentum, also in der kulturgeschichtlichen Phase der Prämoderne, war diese Frage rasch beantwortet: In ihnen galt der Einheitssinn von anti­kem Humanismus bzw. christlicher Offenbarungstheologie. Seit dem Ende des Mittelalters ist dieser Einheitssinn des Wissens einer irreversiblen Skep­sis ausgesetzt worden und schliesslich im Prozess der Profanisierung verlo­rengegangen. Die neuzeitliche Weltordnung wird anthropozentrisch. Jetzt erst erhält Bacons Diktum seine Bedeutung: Wissen ist Macht. Der Mensch steht fortan im Mittelpunkt, und alles Gewusste wird von diesem Subjekt aus zum Objekt. Im Kontext der neuen Naturwissenschaften wird mit die­sem neuen Wissen der Moderne Herrschaft ausgeübt. Angesichts des möglich gewordenen atomaren Holocaust und im Blick auf die vielfältigen Gefährdungen alles Le­bendigen ist diese neuzeitliche machtförmige (Natur‑) Wissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Ist das berechnende, quantifizierende Denken dieser Naturwissenschaften möglicherweise einer der ganz entscheidenden Gründe dafür, dass wir heu­te so viele Miseren und Katastrophen zu beklagen haben, weil wir nicht zukunftsfähig, nicht nachhaltig leben?

 Hier setzte im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts das Neue Denken des Trainers für das Top‑Manage­ment, des „Weltbildkorrektors für die Chefetagen“, Gerd Gerken, ein.

 Gerken wollte mitwirken an einer Transformation des Denkstiles in der Wirtschaft. Im Zentrum für Trendforschung in Worpswede bei Bremen ent­standen seine News Letters „Radar für Trends“; dort forderte er auch seine renommierten Kunden heraus: das Management führender deutscher Auto­mobilkonzerne genauso wie das der Deutschen Bank oder das des Chemie­konzerns Hoechst. Einer breiteren Öffentlichkeit machte sich Gerken damals bekannt durch in rascher Folge veröffentlichte Bücher wie: „Der neue Manager“, „New-­Age‑Management“, „Die Geburt der neuen Kultur: New Light Management“, „Trends für das Jahr 2000“. 1990 erschien sein 464‑Seiten‑Buch: „Manage­ment by Love. Mehr Erfolg durch Menschlichkeit“. Econ Verlag, Düsseldorf.

 Alle seine Anstrengungen dienten nach eigenem Bekunden dem Ziel, „Mit­initiator von Bewusstseinssprüngen“ zu sein; Gerken verstand sich als „Unternehmensberater für Zukunft und solche Bewusstseinssprünge“.

 Welcher Art sind diese damals proklamierten Bewusstseinssprünge? Grob orientie­rend sind sie zu charakterisieren als die Transformation des berechnenden und darin machtförmigen Denkens in ein besinnendes, und darin emphati­sches Denken, das, wie es der Untertitel des Love‑Buches verspricht, „Er­folg durch mehr Menschlichkeit“ erhofft. Insofern arbeitete Gerken mit im Konzert der Avantgarde jener Denker, die eine neue Wissenschaft implemen­tieren wollten unter Themen wie: Dynamischer Holismus, Theorie der morphogeneti­schen Felder, Chaostheorien, Theorie der Synergetik, Selbstorganisations­dynamik des Universums. Mit aus diesem Wissen abgeleiteten Denken glaubte Gerken, in Sitzungen mit acht bis zwölf Vorständen Bewusstseinssprünge zu erwirken, die zu tiefgreifenden Einstellungsveränderungen der Beteilig­ten führen: Abkehr von der Kaderdisziplin, Partizipation statt Repression und natürliche Autorität statt kalter Macht seien das Ergebnis. Gerd Gerken vollmundig: „Das hält oft mehrere Jahre“.

 Am weitesten wagte sich Gerken in seinem Buch „Management by Love“ vor. Ausgehend von einem weltweit wirksam werdenden „Tao‑Pro­jekt“ sah er einen „Wertewandel“, der den „Weg zu Ethik und Liebe“ mar­kiere. Das sei möglich, weil das Management die „Selbstorganisation“ ent­decke, ein Grundprinzip des „New‑Age‑Denkens“. Daraus entstehe ein „helles Management“: „Die Spiritualität zieht ins Business ein.“ Das Ergeb­nis sei „innerer Friede“, die „Entmachtung der Macht“ und dementspre­chend ein „partizipatives Management“. Gerkens Ausblick: Die Wirtschaft sei „auf dem Wege zur Cultured Corporation“.

 Das waren alles starke Worte. Wer die Rolle der internationalen Wirtschaft in den letzten beiden Jahrzehnten seit Erscheinen des Love-Buches aufmerksam verfolgte, den beschleichen begründete Zweifel, ob der Weg in die Cultured Corporation wirklich eingeschlagen wurde. Das Gegenteil trat ein. Statt „helles Management“ ist ein Raubtierkapitalismus mit äusserst inhumanen Folgen zu beklagen. Nun könnte geurteilt werden: Gerkens Konzept habe sich noch nicht wirklich durchgesetzt. Man müsse zu Beginn des 21. Jahrhunderts eben dort wieder anknüpfen.

Die Frage, die sich dann allerdings stellt, lautet: Trägt der Ansatz selbst?

Der Text ist, wie stets bei Gerken, rasch hingeschrieben, voller Wiederholungen, redundant. Die Sache selbst ist selten präzis ins Wort gesetzt. Wer sich dem Einfluss des New Age aussetzt und dann hastig alle neuen Trends zusammenrührt, der läuft Gefahr, einen schlechten Mythos zu produzieren, ja er wird in vielem irrational. Die heute oft gesuchte Integration von tragfähigem Mythos und Naturwissenschaft, darf, wenn sie eine gelingende Zukunft erschliessen helfen will, nicht selbst zum Neuen Irrationalismus werden. Das aber ist bei Gerken der Fall.

Wie sehr sich der Autor von „Management by Love“ selbst missversteht, wird deutlich an der kontraproduktiven Verwendung des Schlüsselbegriffes „Liebe“. Gerken: „Liebe ist effizient und rentabel“. „Im Grunde ist Manage­ment vorprogrammierte Liebe zum Zwecke von Effizienz und Gewinn“. Wer so redet, für den gibt es dann auch den „Nutzen der Liebe“. Der grosse Begriff der Liebe wird so pragmatisch verkürzt, positivistisch zurechtge­stutzt und instrumentalisiert für Zwecke, die längst nicht mehr im Kontext eines ganzheitlichen Liebesbegriffes liegen, sondern auf „Haben“ gestimmt sind. Wer im Sinne Gerkens „liebt“, der „hat“ (ökonomischen) Erfolg.

Liebe wird so zu einem „altruistischen Egoismus“: Das Gute ohne Eigennutz zu tun, ist in diesem Denken nicht vorgesehen; es ist Ausdruck höchster Dummheit. Damit ist Gerd Gerken unversehens im machtförmigen naturalisti­schen und positivistischen Menschenbild der sich selbst missverstehenden Moderne gelandet, also genau da, von wo er sich eigentlich wegbewegen wollte, und das sogar mit kühnen Bewusstseinssprüngen. „Die gewöhnliche Form des Bösen ist, dass das Gute gewollt wird, aber unter der Bedingung, dass es dem Eigenda­sein dient“ ‑ diesen Satz schrieb schon Karl Jaspers den weltanschaulichen Reduktionisten ins Stammbuch. Gerken wiederholt ihn ungerührt: Ich liebe, tue also das Gute, aber nur unter der Bedingung, dass es dem Ei­gendasein dient.

Das ist gerade nicht das weltweit gesuchte Neue Denken für zukunftsfähige Lebensstile!

Die Differenzierungen des Liebesbegriffes in Sex, Eros und Agape bleiben bei Gerken aus. Das hat Konsequenzen. Sein Liebesbegriff wird instrumen­talisiert; Liebe steht plötzlich im Dienste furchtgetriebener und machtgesteu­erter Haben‑Mentalität. Statt mit „Liebe“ das Neue Denken zu fördern, zerrt Gerken die hohe Liebe in die Niederungen konkurrierender Auseinan­dersetzungen: Mit Liebe bist du, Manager, noch erfolgreicher!

Bezieht man dieses theoretische Urteil auf ein Prüfthema, wie es der Titel dieser Anmerkungen verspricht, dann wird rasch anschaulich, was die Sub­stanz der hier vorgetragenen Kritik am konkreten Beispiel ausmacht.

Nachhaltige Entwicklung, eine sustainable society ist heute ein wichtiges Thema, auch und gerade in der Wirt­schaft. Wer nun Nachhaltigkeit im Sinne von „Management by Love“ be­treibt, wird rasch gewahr, dass er es aus zwei Motiven heraus tun kann, je nachdem, welche Bedeutung er dem Begriff „Liebe“ zuschreibt. Betreibe ich Nachhaltigkeit aus „altruistischem Egoismus“, wie es Gerken empfiehlt, dann regiert mich eine bedingungslose Selbstsorge, letztlich die Angst; dann schütze ich die Natur, weil ich überleben will, nicht aber, weil ich die Natur „liebe“. Überwinde ich meine Selbstsorge, meine mich peinigen­de Angst, dann erst werde ich innerlich frei zur „Liebe“ im Sinne von Agape; dann lässt mich die „Liebe zur Natur“ im Sinne einer Tiefenökologie aktiv werden. Beide Motive führen zu höchst unterschiedlichen Engagements!

Gerkens Liebesbegriff bleibt also in einem pragmatisch‑positivistischen Ansatz stecken: „Management by Love“ ist nicht „Management by Agape“, bestenfalls ist es „Management durch aufgeklärte Eigenliebe“. Diese aber bleibt unzureichend zur Lösung der uns heute aufgegebenen Weltprobleme. In inhaltlicher Hinsicht erreicht Gerkens Buch nicht das heute notwendige Niveau des wirklich Neuen Denkens.

Gerd Gerken hat ohne Zweifel das richtige Thema gewählt: Liebe im empha­tischen Sinne könnte tatsächlich der Grund sein für die überlebensnotwen­dige Gestaltung einer befriedeteren und gerechteren Zukunft. So ist in der Tat heute auch vom Management ein radikaler Bewusstseinswandel gefor­dert: Vom berechnenden zum besinnenden Denken, vom Haben zum Sein, von der Angst zur Liebe.

Sowenig Gerken die inhaltliche Bestimmung des Liebesbegriffes gelang, so­wenig gelang ihm auch die Konzeption der Methode für den geforderten Be­wusstseinssprung. In wenigen Sitzungen ist dieser Bewusstseinssprung, dieser radikale Bewusstseinswandel, nicht zu erzwingen. „Liebe“ ist nicht lehrbar; Liebe ist noch nie anders als durch Liebe erweckt worden. Dazu bedarf es existenzieller Begegnungssituationen im Feld originaler Lebenser­fahrungen und nicht im Spiel unverbindlicher Trainingssituationen.

Fazit: „Management by Love“ war, leider, eine vertane Chance. Das richti­ge und wichtige Thema ist also neu und vertieft aufzugreifen.


Peter Kern: Management by Love: Ein Beitrag zum Umweltschutz? Anmerkungen zum Buch von Gerd Gerken, in: Studiengesellschaft für Personalfragen Basel und Umgebung, Sonderdruck, Basel 1991

Für das „haus-des-verstehens“ neu eingerichtet von Peter Kern.

Wissenschaft braucht Vernunft

 


Zufällig ausgewählte Glosse

Bereits Honoré de Balzac wusste, dass im Kapitalismus die Menschen entweder Kassierer oder Defraudanten, also ausgebeutete Dummköpfe oder Schurken, würden.