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Erfahrungen in einer Freimaurer-Familie

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Erfahrungen in einer Freimaurer-Familie

 

Ekkehard Wagler, ein Lehrer und Freimaurer, war Mitglied des Gemeinderates in dem kleinen Dorf Havelse in Niedersachsen. Dieses Dorf wurde auf  Waglers Initiative hin 1974  mit umliegenden anderen Gemeinden, beispielsweise Schloss-Ricklingen, zusammengelegt. Wagler war der erste Bürgermeister der so neu gegründeten Stadt vor den Toren Hannovers mit dem Namen Garbsen, einer Stadt, die heute 63 Tausend Einwohner zählt.

Im Folgenden wird ein Bericht aus einer Welt und über eine Lebenserfahrung gegeben, die für manchen aufgeschlossenen Geist heute undemokratisch und elitär, ja bis in die Sprache hinein, antiquiert erscheinen mag, die für mich jedoch von existenzieller Erfahrung war.

Ich erinnere mich, wie Ekkehard Wagler regelmässig in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts von Havelse nach Hannover in die Loge „Friedrich zum weissen Pferde“ fuhr, einer freimaurerischen Organisationsform. Als Logenmitglied war er dort Redner. Und als ich aufnahmebereit genug war, liess er mich an der Entstehung seiner freimaurerischen Reden, den „Zeichnungen“, wie die Freimaurer ihre Reden nennen, teilhaben. Auf diese Weise erhielt ich, ganz nebenbei, eine profunde Einführung in Grundgedanken des abendländischen Humanismus, und ich sollte auch konkret etwas von dieser Humanität erfahren.

Zunächst stand der Geist der europäischen Aufklärung im Zentrum der Gespräche. Das hing mit der „Johannisfreimaurerei“ zusammen, der Wagler angehörte. Sie heisst auch die „blaue Freimaurerei“ und kennt drei Grade, in die die Mitglieder einer Loge nacheinander eingeführt werden: „Lehrling“, „Geselle“, „Meister“. Der Leiter einer Freimaurerloge wird „Meister vom Stuhl“ genannt. Später kam bei Ekkehard Wagler noch der Humanitätsgedanke der klassischen Antike dazu. Das war zu der Zeit, als er in die „Hochgradfreimaurerei“ aufgenommen wurde. Diese Form der Freimaurerei heisst auch die „rote Maurerei“; sie hat 33 Grade.


Europäische Aufklärung

Zum ersten Mal hörte ich in der Familie Wagler von Immanuel Kants kleiner, aber wirkmächtiger Schrift „Was ist Aufklärung?“ In der grossen Bibliothek im Waglerschen Hause in der Waldstrasse Nummer 8 von Alt-Havelse, direkt am Marienwerder Forst, lag eines Abends die unscheinbare Ausgabe auf dem Tisch, aus schlechtem Papier, ich habe sie heute noch: Nr. 24. „Kant. Ausgewählte Schriften“. Es war eine Taschenbuchausgabe, mehr ein Heft als ein Buch, der „Philosophischen Bibliothek“ des Verlages von Felix Meiner. Es war ein Nachkriegswiederabdruck. In der damals üblichen pädagogischen Strenge hiess es, ich möge mir den Eröffnungsaufsatz vornehmen: „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ Unter dem Titel war der Erstdruck vermerkt: „Berlinische Monatsschrift 1784.12. Stück. Dezember, S. 481ff.“. Am Wochenende wolle man darüber sprechen. Man, das war ein kleiner Zirkel philosophisch interessierter Freunde des Hauses. Ich war mit Abstand der Jüngste unter ihnen. Also machte ich mich mit Eifer an die Arbeit.

Wie oft sollte ich später während meiner Studienzeit an der Pädagogischen Hochschule Hannover und während meines Zweitstudiums an der Universität in Göttingen den Eingangssatz wieder lesen: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Schon der nächste Satz wird seltener zitiert: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Die Laienphilosophenrunde las diese Sätze als das Selbstbefreiungsprogramm des Bürgers vom geistlichen und weltlichen Adel. In der Französischen Revolution sollten diese emanzipatorischen Gedanken politische Gestalt annehmen, noch unvollständig, gewiss. Aber ein Anfang zur Autonomie des sich selbst bestimmenden Demokraten war gemacht. Dass Deutschland, Helmut Plessners Diktum von der „verspäteten Nation“ auch auf die Nachkriegszeit anwendend, lange auf diese politische Mündigkeit warten musste, war jemandem wie Wagler inmitten der restaurativen Adenauer-Ära schmerzlich bewusst. Es waren zu viele Altnazis in Ämtern. Deshalb galt seine Sorge der geistigen Qualität der fünfziger Jahre. Nicht der Mangel an Verstand sei es, der erneut zur Unmündigkeit zu führen drohe, wohl aber der mangelnde Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Die Deutschen folgten einem neuen Übervater, Adenauer. So bekam das Kant-Wort sogleich eine nachvollziehbare, aktuelle politische Bedeutung: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ In der Auslegung wurde dieser Wahlspruch der Aufklärung durchsichtiger Anspruch auch an die damalige Gegenwart. Und der Pädagoge Wagler las dann genüsslich den nächsten Abschnitt aus Kants Schrift: „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so grosser Teil der Menschen…gern zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.“

Nun, ich begriff rasch, dass beides zu einem tauglichen Demokraten gehört, sowohl ein gründlich ausgebildeter Verstand, der mit Fleiss geübt sein will, als auch eine mutige Haltung, sich eigenständig dieses Verstandes zu bedienen. Vormünder entmündigen. Und wie viele Vormünder das Leben damals bestimmten! Da war der heute kaum mehr vorstellbare Einfluss der Kirchen, vor allem der katholischen Kirche, da war der Einfluss des, oft politisch belasteten, Besitzbürgertums, da war der Einfluss der aktuellen politischen Amtsinhaber, der Vorgesetzten aller Art, der Lehrerschaft bis hin zur uneingeschränkten Vormundschaft der Eltern gegenüber den Kindern. Da konnte es ganz schön gefährlich werden, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Kant war Dynamit. Und die aus dem Leseabend entstandene Freimaurerrede löste in der Loge „Friedrich zum weissen Pferde“ eine lebhafte und kontroverse Diskussion unter den „Logenbrüdern“ aus, wie sich die Mitglieder einer Loge nennen.

Es folgte ein weiterer Kant-Text. Wieder eine nur kleine Schrift. „Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf.“ In der Reclam-Ausgabe füllen der „Erste“ und „Zweite Abschnitt“ nur 32 Druckseiten; es kommen noch 20 Druckseiten hinzu, die Kant als „Anhang“ betitelt hat. 1795 erschien der Text in Königsberg bei Friedrich Nicolovius; 1796 gab es eine neue vermehrte Auflage.

Was für ein Programm, welche Wirkung!

Wenn wir heute von „Frieden“ sprechen, so geht die neuzeitliche Bedeutung dieses Begriffes auf Kants Überlegungen zurück, und noch in der „Charta der Vereinten Nationen“ finden sich deutliche Spuren dieser Friedensschrift.

Ekkehard Wagler erläuterte, dass dieses Alterswerk im Grunde die gesamte Kritische Philosophie Kants voraussetze, vor allem seine Ethik und darin die Begründung des „Kategorischen Imperativs“. Mir wurde schwindelig. Wie sollte ich junger Spund das geistige Gebirge Kants erklimmen? So viel begriff ich, Krieg und Frieden seien keine Naturzustände. Der Friede zwischen den Staaten sei eine Aufgabe der Menschen, sei eine Aufgabe ihrer Politik. Der Friede müsse gestiftet werden. Und das Mass für diese Stiftung entlehne Kant seiner Moralphilosophie. Damit kommen Gerechtigkeit und Vernunft ins Spiel. Vernunft, so hörte ich, war die Richtschnur aller Entscheidungen, nachdem die Aufklärung den geistlichen und weltlichen Adel entthront hatte. Vernunft ist nicht Verstand. Vernunft vernimmt, dass Frieden sein soll. Der Verstand begründet die Bedingungen dafür.

Kant formuliert diese Bedingungen in sechs Präliminarartikeln im „Ersten Abschnitt“ und in drei Definitivartikeln im „Zweiten Abschnitt“. Unter den Präliminarartikeln hatte es mir der dritte besonders angetan: „Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören.“ Besitzt ein Staat ein Heer, dann können sich andere Staaten durch dieses Heer bedroht fühlen. Um dieser Bedrohung zu begegnen, wird der sich bedroht fühlende Staat auch ein Heer haben wollen. Es kommt zum Rüstungswettlauf. Der Einzelne wird in diesem Wettlauf zum kriegerischen Werkzeug; er verliert seine Würde.

Wie aktuell angesichts des damaligen atomaren Wettrüstens in Ost und West, dachte ich, und zog meine Schlüsse daraus: Ich eröffnete der Philosophenrunde, dass ich, wenn ich eingezogen würde, nicht zur „Bundeswehr“ gehen werde. Und so geschah es auch. Das war damals zwar rechtlich möglich aber überhaupt nicht selbstverständlich und schon gar nicht üblich. Im Gegenteil, den Dienst mit der Waffe zu verweigern, war nicht selten mit Repressalien verbunden. Und auch einige der alten Herren in der Freimaurerloge „Friedrich zum weissen Pferde“ hatten Sozialisationen hinter sich, die ihnen meine Entscheidung, Zivildienst leisten zu wollen, als suspekt erscheinen liessen.

Die drei Definitivartikel sind Ausdruck bester Aufklärung. In der Formulierung Kants:

1. Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate solle republikanisch sein. 2. Das Völkerrecht solle auf einem Föderalismus freier Staaten gegründet sein. 3. Das Weltbürgerrecht solle auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalität gründen.

Während die ersten beiden aus sich selbst verständlich sind, sei zum dritten dieses erläuternd angeführt: Hospitalität, das heisst Wirtbarkeit. Es geht darum, dass jeder Fremde nach Ankunft auf dem Boden eines anderen Landes, nicht feindselig behandelt werde, dass er also ein Gastrecht habe.

Das leuchtete mir alles ein. Weniger verstand ich, weshalb es der Politik nicht gelingen wollte, diese klugen Orientierungen des Philosophen aus Königsberg für eine friedliche Welt auch praktisch umzusetzen. Fehlte es den Verantwortlichen an Mut? Es gab und gibt doch so viele Politiker, die auch Freimaurer waren und sind. Machten gar die Freimaurer aus den Aufklärungsidealen eine nur ästhetisch camouflierte Wellnessideologie, schön für die Arbeit im „Tempel“, untauglich für die  schmuddeligen Angelegenheiten in der alltäglichen „Wirklichkeit“? Ich verfolgte solche Gedanken zunächst nicht weiter. Sie sollten später noch Gewicht bekommen.

Zunächst ging meine Bildungsreise munter weiter.

Lessing stand auf dem Programm. Gotthold Ephrahim Lessing, dieser grosse Dichter und Denker der Aufklärung, ist eine Säule freimaurerischen Denkens, bis heute. Am 14. Oktober 1771 wurde Lessing in die Loge „Zu den drei Rosen" in Hamburg  von Baron von Rosenberg aufgenommen, zum Gesellen befördert und zum Meister erhoben. Keine Loge, in der nicht immer wieder eine Zeichnung, also eine freimaurerische Rede, zu diesem Urgestein aufklärerischer Humanität und Toleranz gehalten wird.

Auch Wagler bereitete sich immer wieder auf Lessing-Reden vor. Die Quellen sprudeln da kräftig; drei davon spiegeln unmittelbar Lessings Erfahrungen als Freimaurer: „Ernst und Falk - Gespräche für Freymäurer“, 1778 anonym erschienen; das fünfaktige Ideendrama „Nathan der Weise“ mit der weltberühmten Ringparabel, es wurde 1779 veröffentlicht und am 14. April 1783 in Berlin uraufgeführt; und schliesslich das religionsphilosophische Hauptwerk Lessings, 1777 erschienen: „Die Erziehung des Menschengeschlechts“.

Erstes Hineinschmecken in Texte, die für mich wahrlich schwere Kost waren. Wie Kant sollte Lessing später im Studium auf meinen Semesterplänen stehen. Was machten die Lektüre und die Gespräche damals mit mir? Woran erinnere ich mich heute noch? Was finde ich dazu in meinem, leider nicht konsequent genug geführten, Tagebuch?

Es nahmen erstmals in meinem Bewusstsein die Worte „Humanismus“ und „Humanität“ Gestalt an, sie wurden für mich zu  positiv konnotierten Begriffen. Anschaulich wurde mir dieser Humanitätsbegriff an einer  Nebensächlichkeit im Leben des jungen Lessing. Er wurde von seinen Mitschülern als „eigenwillig und keck“ wahrgenommen. Sie sahen in ihm einen Bewundernswerten, einen „Admirabilis“. Der Grund für diesen Ehrentitel: Er wagte es, dem Direktor zu widersprechen. Das kannte ich aus meiner eigenen Schulerfahrung. Der Autorität eines Gymnasialdirektors Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu widersprechen, das war frech und tollkühn zugleich. Solchen Autoritäten hatte man mit ehrerbietigem Gehorsam als Untertan an den Lippen zu hängen, leider auch noch in der sich gerade herausbildenden Demokratie der Bundesrepublik! Auch wenn im Rückblick mein damaliger Direktor am Goethegymnasium Hannover eine erfreulich aufgeklärte Person war, in der Schülersituation  erschien er mir eben doch wie jemand, der Willkürherrschaft wie die Fürsten zu Lessings Zeiten ausübte. Und dagegen musste doch opponiert werden! Gotthold Ephrahim Lessing bot mir dazu das theoretische Rüstzeug. Lessing stärkte mein bürgerliches Selbstbewusstsein. Schliesslich war der Bürger einmal ein Revolutionär.

Damit diese widersprechende Aufmüpfigkeit nicht zur machtförmigen inhaltsleeren Gegenautorität verkommt, musste sie begründet, musste sie ethisch legitimiert werden. Kritik war am Mass der „Vernunft“ und an der Idee der „Toleranz“ zu orientieren. Widerstand, der verletzt, der die Würde des Menschen angreift, der Macht nur durch Gegenmacht ersetzt, ist nicht human. Das lernte ich damals.

Und dann die Ringparabel! Die Ringparabel, aus Boccaccios „Decamerone" entlehnt, wird Lessing zum Sinnbild von Vernunft, Humanität und Toleranz. Nathan wird vom Sultan befragt, welche der drei monotheistischen Weltreligionen er für die wahre halte. Er antwortet mit der Parabel von den drei Ringen, die einander so stark gleichen, dass sie nach ihrem Wert nicht mehr zu unterscheiden sind. Welcher der „echte“ ist, man kann es den Ringen nicht ansehen. Nach diesem Gleichnis kann keiner der drei Religionen der Vorzug gegeben werden, denn auch vor Gott seien alle der Idee nach gleich viel wert. Den tatsächlichen Wert jedes Ringes sieht ein kluger Richter schliesslich nur im richtigen praktischen Gebrauch, im sittlich legitimierten Handeln. Nur im humanen Tun erhält der Ring seinen Wert. Folglich liegt es an jedem Einzelnen, seinen Ring zum „echten“ zu machen. „Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag zu legen!“

Da ist es, das Stichwort, das mich bis heute begleiten sollte: „Liebe“. Liebe nicht nur als Sexus, nicht nur als Erotik, sondern eben auch als jene Gestimmtheit, die unser Leben emporbildet, erhebt, befriedet und gelingen lässt. Liebe als, altgriechisch formuliert, Agape, in christlicher Terminologie als Caritas. Diese Liebe ist der Affekt, der uns Vernunft vernehmen lässt. Und diese vernehmende Vernunft ist Humanität.

Parallel zur Lessing-Lektüre hatte ich, wie es eben für einen getauften Lutheraner üblich war, den Konfirmandenunterricht besuchen müssen. Ich konnte mit diesen Veranstaltungen gar nichts anfangen. Alles sträubte sich in mir gegen die dort postulierten Dogmen und blind auswendig zu lernenden Religionstexte. Ich verweigerte mich. Und da ich an einen klugen Pfarrer geraten war, liess er mir meine Freiheit, „Nein“ zu sagen. Er forschte nach meinen Interessen, hörte, dass ich Lyrik mochte und schenkte mir das Taschenbuch „Kleine Versschule“ von Wolfgang Kayser. Am Konfirmandenunterricht musste ich nicht mehr teilnehmen. In unregelmässigen Abständen lud mich der milde und geduldige Religionsmann zu Gesprächen über Daktylus, Spondeus und Hexameter ein. Wir philosophierten fröhlich unbekümmert über Tod und Teufel. Zur öffentlichen Prüfung vor der Kirchengemeinde bat er mich zu kommen, nachdem er mich instruiert hatte, dass alle Prüflinge sich mit der rechten Hand zu melden hätten, wenn sie die Antwort wüssten, mit der Linken, wenn sie passen müssten. Und so war es dann auch. Nach jeder Frage rauschten die Arme nach oben. Und wenn alle einmal die Linke erhoben, lachte der Pfarrer und meinte in die Kirchengemeinde hinein, die Frage sei wohl zu einfach gewesen und stellte flugs eine neue. Welch ein Herz! Welch undogmatischer Umgang mit dem Glauben!

Diese Erfahrung aus dem Konfirmandenunterricht traf also auf meine Lessing-Lektüre. Meine Konsequenz: Dem dogmatischen Glauben musste ich entsagen. Christentum war fortan für mich nicht das Christentum der Christenheit, nicht das der Kirche, sondern das Christentum des Neuen Testamentes, also der Bergpredigt, der Liebe. Nicht der Streit um die dogmatischen Hüllen, sondern das Ernstnehmen im täglichen Tun aus dem Ursprung der Liebe sollte mein Leitstern werden. Später führte das zum Kirchenaustritt und zum Entwurf einer metaphysisch offenen Anthropologie, die ohne Offenbarungstheologie auskommt und dennoch nicht in ethischer Beliebigkeit versandet, wie das heute in postmoderner Zeit üblich ist.

Damit hatte ich selbst das Niveau der Aufklärung erreicht: Ich hatte mich befreit von der offenbarungstheologischen Enge der Prämoderne und suchte nicht länger theozentrisch, von Gott her, sondern anthropozentrisch, vom Menschen her, einen Halt im Vernunft-Begriff einer recht verstandenen Moderne. Später sollte ich lernen, dass dieser emphatisch gedachte Vernunftbegriff der Aufklärung halbiert wurde und als „instrumentelle Vernunft“ zum blossen Verstand verkam. Das Projekt Aufklärung musste so scheitern. Viele haben es heute ganz aufgegeben. Ich dagegen gehöre zu denen, die Gründe haben, das Projekt Aufklärung fortzuführen. Dieser Gedanke ist hier jetzt nicht weiter zu entfalten.

Was mir damals in meinem konkreten Leben widerfuhr, erhellte mir Lessings Werk von 1777: „Die Erziehung des Menschengeschlechtes“. Lessing lässt in diesem Text die Völker und Menschen drei Stadien durchlaufen, von der unmittelbaren sinnlichen Strafe und Belohnung über die Belohnung und Strafe im Jenseits hin zum dritten Stadium, in dem es keine Belohnungen und Strafen mehr geben muss, weil die menschliche Vernunft soweit entwickelt ist, dass die Menschen das Gute tun, weil es das Gute ist. Lessing nennt dieses Stadium das des „Ewigen Evangeliums“. Es geht also um den Prozess von der fremdgesteuerten Offenbarung durch einen ausserweltlichen Gott hin zu einer selbstgesteuerten Vernunft eines wie immer gedachten „innerweltlichen Gottes“. Also wieder Kant: Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Bestenfalls noch „Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft.“

Bei dieser rein sprachlichen Aufklärung sollte es nicht bleiben. Mein Bildungsprozess wurde um eine emotionale Dimension erweitert.

Ekkehard Wagler war am differenzierten Mittelbau, einem mutigen Schulversuch zur Integration auch von Arbeiterkindern für höhere Ausbildungsprozesse, also eine Art Vorläufer der integrierten Gesamtschulen, mein Musiklehrer. Seine musikalischen Fähigkeiten kannte ich privat von den Musikabenden in seinem Haus in der Waldstrasse in Havelse. Er spielte mehrere Instrumente vorzüglich. Und wenn er sich ans Klavier setzte und aus dem Stehgreif den Stil der Musikgeschichtsepochen  von der Pentatonik bis zur 12-Ton-Musik von Schönberg durchimprovisierte, war das jedes Mal eine Gaudi. Wir hatten zu raten, wen er wohl aus welcher Epoche gerade interpretiere. Höhepunkte solcher Abende waren seine Wagnerparodien. Der Wagnermusik unterlegte er rasch erdachte eigene Texte mit Alltagsbezügen, oft auch zu denen der anwesenden Gäste. Das gab dann heiter-musikalische Personenskizzen.

Und was bot dieser musikalische Freimaurer uns Schülerinnen und Schülern im differenzierten Mittelbau in Hannover-Linden in der Pestalozzi-Schule an? Selbstverständlich „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart, jenes Singspiel in zwei Aufzügen, das 1791 im Freihaustheater in Wien uraufgeführt wurde. Das Werk ist vom Geist der Freimaurerei durchdrungen. Mozart war selbst Freimaurer. Aufgenommen wurde er in der Wiener Loge „Zur Wohltätigkeit“ (später: „Zur neu gekrönten Hoffnung“) auf Veranlassung seines Freundes Otto Heinrich von Gemmingen-Hornberg. Danach besuchte Mozart regelmässig die Wiener Loge „Zur wahren Eintracht“. So kann man es heute u.a. bei Wikipedia nachlesen.

 

Für die Musikstunden verliessen wir Schüler unser viel zu kleines Klassenzimmer, preussisch korrekt möbliert, Bank hinter Bank, vorne neben der Tafel ein grosser Buller-Ofen, den der Hausmeister auch mitten im Unterricht mit Eierkohlen fütterte, so dass so manche Unterrichtsstunde mit poetischem Inhalt jäh in den Lärm des Alltags stürzte. Wir zogen um in die Aula, in der ein Flügel stand. An diesen setzte sich Ekkehard Wagler, entlockte ihm einige rasche Läufe, bis wir uns beruhigt und unsererseits Platz gefunden hatten. Dann begann das grosse Musiktheater. Sie alle wurden vor uns lebendig: Prinz Tamino, die Königin der Nacht, ihre Tochter Pamina, Fürst Sarastro, der Vogelfänger Papageno mit  Papagena, der Oberaufseher Monostatos. Das Libretto von Emanuel Schikaneder, übrigens auch er ein Freimaurer, riss uns nicht gerade von den Stühlen, wohl aber die Musik, die Wagler aus dem Flügel zauberte, erläuterte, interpretierte, in kleinen Sequenzen immer wieder wiederholte, um uns ins sachgemässe Hören zu verführen. Dazu gab es die freimaurerische Interpretation der Symbole, ohne dass das Wort Freimaurerei auch nur einmal fiel. Insbesondere die den Freimaurern so bedeutsame Zahl „Drei“ wurde im Gesamtkonzept als Konstruktionsprinzip herausgearbeitet. Eine freimaurerische Zeichnung charakterisiert die Oper so: In ihr verkörpere der Bund der Eingeweihten die Ziele der Freimaurerei: Humanität, sittliche Läuterung des Menschen, Wohltätigkeit. Der Kult der Götter „Isis und Osiris" entspreche im Prinzip den Ritualen der Freimaurer, sein Inhalt aber sei der Dienst an der Erziehung des Menschgeschlechts, ohne Unterschied des Standes oder der Hautfarbe, seine Heranbildung zu den höchsten Tugenden, zu Weisheit, Schönheit und Stärke.

Das war für Wagler nun wahrlich ein Programm für uns jungen Leute, dem er, entgegen aller Vorschriften des Lehrplanes, ein langes dreiviertel Jahr widmete. Nie wieder habe ich so viel über Musik gelernt, nie wieder bin ich so leidenschaftlich in die Möglichkeit und Notwendigkeit der Emporbildung des Menschen eingeführt worden.

 

Antiker Humanismus

Als Ekkehard Wagler später in die „Hochgradfreimaurerei“ berufen wurde, also zur „blauen“ die „rote Maurerei“ hinzukam, öffnete sich für ihn, und damit auch für mich, der Humanitätsbegriff hinein in die Antike. So wie die „blaue Maurerei“ seit 1974 ihre eigene Zeitschrift hat,  „humanität. Das deutsche FreimaurerMagazin“, so besitzt die „rote Maurerei“ schon seit 1952 ihr Organ: „Eleusis“. Es ist für die Freimaurer des „Alten und Angenommenen Schottischen Ritus (AASR)“ bestimmt. Der „AASR“ hat ein historisch überliefertes System von 33 Graden (im Unterschied zu den drei Graden der blauen Maurerei), das in fünf Abteilungen bearbeitet wird in den „Perfektionslogen“ (4. bis 14. Grad), den „Kapiteln“ (15. bis 18. Grad), den „Areopagen“ (19. bis 30. Grad), den „Konsistorien“ (31. und 32. Grad) und im „Obersten Rat“ (33. Grad). In jede dieser Abteilungen erfolgt eine rituelle Einführung. Das Lehrgebäude des „Alten und Angenommenen Schottischen Ritus“ endet mit dem 32. Grad. Der 33. und letzte Grad wird nur zur Wahrnehmung besonderer Aufgaben verliehen.

Wer das alles von aussen betrachtet, dem kommen Assoziationen einer elitären Hierarchie, die auch noch sektiererische Züge trägt. Mit Demokratie scheint das alles wenig zu tun zu haben. Von solcher Kritik kann sich die Freimaurerei nur befreien, wenn sie ihre hierarchische und undemokratische Organisationsform wirklich nur als den symbolischen Ausdruck der Vervollkommnung der einzelnen Person begreift. Tut sie das auch immer?

Nun, von alle dem erfuhr ich erst später. Über seine Erfahrungen in der Hochgradfreimaurerei im Blick auf Rituale und Symbole sprach Wagler sehr zurückhaltend. Er nahm die „Strikte Observanz“, den unbedingter Gehorsam und das Schweigegebot gerade auch im freimaurerischen Hochgradsystem sehr ernst. Die Leichtigkeit, mit der heute „Brüder“ gelegentlich in der Öffentlichkeit über die Freimaurerei plaudern, wäre ihm wie ein kleiner Verrat vorgekommen. Wie diese Dimension des Geheimen, Verschwiegenen mit der Offenheit demokratischer Selbstverwirklichungsprozesse in Einklang zu bringen ist, war und ist für mich schwer nachvollziehbar. Wohl aber sprach Wagler engagiert über die neuen kulturellen Hintergründe, die sich ihm erschlossen. Und daran durfte ich wieder teilhaben.

Schon der Titel der Zeitschrift für die „rote Maurerei“ öffnete den Horizont weit hinter die europäische Aufklärung zurück: „Eleusis“, Ankunft, verweist auf die Mysterien von Eleusis.

Bei Wikipedia kann man heute darüber lesen: Das waren Initiations- und Weiheriten, die vor allem mit der Gottheit Demeter in Verbindung standen, und die nach dem Demeterheiligtum in Eleusis bei Athen benannt wurden. Die Mysterien gehörten zum Staatskult der Athener. Bei Androhung der Todesstrafe wurde die vollkommene Geheimhaltung der Riten erzwungen, was dazu führte, dass die Eingeweihten sich als exklusiver Zirkel verstanden. Mit den Mysterien von Eleusis wurde Persephones Rückkehr in die Welt der Lebenden gefeiert, also der Frühlingsbeginn. Da sie während ihres Aufenthaltes in der Unterwelt Samen zu sich nahm, also ein Symbol des Lebens, steht ihre Wiedergeburt symbolisch für die Wiedergeburt alles pflanzlichen Lebens im Frühjahr und im grösseren Rahmen für die Wiedergeburt allen Lebens auf Erden.

Darin steckte für Ekkehard Wagler, im mythischen Gewande, die Grundidee der von ihm so verstandenen antiken Humanität: Das gute Leben zu ermöglichen. Das war damals noch gänzlich ohne ökologischen Bezug gedacht.

Die „Hochgradfreimaurerei“ geht also, in Ergänzung zur „Johannisfreimaurerei“, historisch zurück bis in die mythischen Phasen der europäischen Kultur.

Wir lasen die Vorsokratiker. Wagler holte drei gewichtige Bände aus dem Bücherregal: „Die Fragmente der Vorsokratiker. Griechisch und Deutsch“ von Hermann Diels. Es war für Band I die 5. Auflage von 1934, herausgegeben von Walther Kranz, mit dem edlen Lederrücken, während die Bände II und III nur noch in Leinen als 6. verbesserte Auflage vor uns lagen. Ich wunderte mich, wie im Laufe der Philosophiegeschichte aus solchen kurzen und oft nur kryptischen Fragmenten bücherdicke Theorien entstehen konnten.

Wir lasen das VII. Buch der „Politeia“ von Platon, also das weltberühmte „Höhlengleichnis“, das Wagler anthropologisch interpretierte. Diese Interpretation hatte er während seines Studiums bei Professor Hans Wittig gelernt, der mich, viele Jahre später, zu seinem Assistenten machte. Wir benutzten die schöne Schleiermacher-Übersetzung von „Platons Werken“ in der zweiten Auflage von 1862. Ohne meine heutigen Kenntnisse der Sekundärliteratur, der sich überstürzenden Flut blitzgescheiter Interpretationen, hatte der Text für mich damals etwas Ursprüngliches. Und damit war er in gewisser Weise für mich auch verständlich. Also: Wenn es schwer wird, zurück zu den Quellen!

Wir lasen den „Phaidros“ und interpretierten das so genannte „Wagenlenkergleichnis“. Hinzu nahmen wir noch aus dem IX. Buch der „Politeia“ das dort entworfene „Bildnis der Seele“ mit den drei Schichten der biologischen Begierden, des Löwenartig-Mutigen-Ehrliebenden und der eigentlich menschlichen Schicht, symbolisiert im Wagenlenker als dem Träger von Logos, von Vernunft.

Was war der Ertrag? Von heute her betrachtet ein ungetrübter Platonismus, noch ohne die Zersetzungen durch Nietzsche und seine Nachfolger. Der Mensch erscheint als ein anthropo-biologisches Naturgeschöpf, wird sogleich sozialisiert als historisch bedingtes Werk der Gesellschaft. Sowohl als Naturgeschöpf als auch als Produkt der Vergesellschaftung bleibt er anthropologisch unfrei, wird selbst- und fremdzerstörerisch.  Erst im Wecken des schlafenden Logos, im Vernehmen der Vernunft, erfährt er jenen Massstab, der es ihm erlaubt, das gute Leben zu führen. Aus dem wilden Pferd der Begierde und dem gestriegelten Pferd des Ehrliebenden ist durch den Logos, den Wagenlenker, der Mensch zu seiner Menschlichkeit gekommen, zur Humanität. Das Mittel, diese Humanität zu erreichen, ist Paideia, ist Bildung.

In die Sprache der Freimaurerei übersetzt heisst das: Die Aufgabe, die jeder einzelne Mensch in dieser Welt zu erfüllen hat, ist der „Bau des Tempels der Humanität“. Der Freimaurer begreift den Menschen zunächst als rauhen, unbehauenen Stein. Dieser naturhaften Basis des Menschen ist jedoch bereits die Idee der Humanität eingeschrieben. Der Logos ist schon als Bedingung der Möglichkeit seiner Ausformung gleichsam im unbehauenen Stein enthalten. So wie der David schon im weissen Marmor von Carrara schlummert, so schlummert gleichsam unsere Humanität in uns. Michelangelo muss den David nur aus dem Marmor befreien, so wie wir nur unsere Humanität aus den Fesseln der Natur und der Gesellschaft zu befreien haben. Freilich, dieses „nur“ hat es in sich. Es ist eine hohe Kunst, den David mit dem Meissel zu befreien, wie es eine mindestens so hohe Kunst ist, die Humanität durch Paideia, durch Bildung zu befreien. Mit blossen, und dann auch noch ökonomisch verkürzten, Ausbildungsprozessen, mit denen man heute die Jugend abspeist, ist eine grundlegende Bildung zur Humanität nicht zu erreichen.

Beim „Bau des Tempels der Humanität“, beim Aufstieg zur Humanität durch Emporbildung werden dem Freimaurer „Freiheit“, „Gleichheit“, „Brüderlichkeit“ und „Toleranz“ bedeutsam. Sie sind die lebendigen Elemente, durch die Humanität anschaulich wird.

Ich erfuhr also in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine klassische bildungsbürgerliche Sozialisation. Nun, ganz so klassisch war sie dann auch wieder nicht. Ekkehard Wagler, Sohn aus grossbürgerlichem Hause, hatte sich vom Schulterschluss zwischen klassisch-humanistischer Bildung und strukturkonservativem Bildungsbürgertum gelöst. Er war Sozialdemokrat geworden. Doch bald sollte ich spüren, dass Waglers politische Option für „Links“ vielen seiner Gesprächspartner Mühe bereitete. Das galt auch für so manchen seiner „Logenbrüder“, die Ärzte, Architekten, Manager, Banker, freie Unternehmer waren.

 

Freimaurerische Hilfe

Selbstverständlich weiss ich heute, nach langen Studien, dass dieses humanistische Bildungsideal ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ist. Humanistische Bildung, das ist in Zeiten einer zynisch gewordenen Postmoderne mega out. Und zweifelsohne ist es eine Tragödie dieser Humanität, dass sie von nur wenigen Einzelnen erreicht wurde und wird. Geschichtswirksam ist sie nicht, noch nicht geworden. Deshalb muss auch das „Projekt Aufklärung“ fortgeführt werden, wenn wir zukunftsfähig werden wollen. Unsere heutigen Lebensstile sind das nicht.

Die heutige Kritik am klassischen Humanitätsbegriff, er sei unrealistisch, idealistisch abgehoben, löscht jedoch nicht meine existentielle Erfahrung, dass ich in der Freimaurer-Familie Wagler die Einheit von humanistischer Theorie und humanistischer Praxis erfahren durfte. Ich spreche hier immer von Wagler, selbst heisse ich jedoch Kern. Ich wurde als Arbeiterkind in die Familie Wagler aufgenommen; ich war deren „Pflegekind“. Ohne dieses Engagement für mich wäre mein Leben anders verlaufen. Hätte ich Abitur machen können? Hätte ich studieren können? In der Restaurationsphase der Adenauer-Ära hatten Arbeiterkinder kaum eine Chance, eine höher qualifizierende Bildungskarriere zu machen.

Dieses karitative Tätigwerden gehört zur Freimaurerei. Es erfüllt sich wahrlich nicht immer und überall in der aufwändigen Übernahme eines Pflegekindes. Doch die Spende gehört am Ende zur „Tempelarbeit“, also jener freimaurerischen Sitzung, die dem „Behauen des rauhen Steines“ gewidmet ist. Diese Aufforderung ergeht dann an die Freimaurer: „Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt; kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken; seid wachsam auf euch selbst.“ Danach wird gespendet, je nach den individuellen Möglichkeiten des einzelnen Logenmitglieds.

Die Familie Wagler war finanziell nicht so gut gestellt, dass sie problemlos den zusätzlichen Esser in der Familie hätte schultern können. Lehrer verdienten damals noch nicht so gut wie heute, und die Mitarbeit der Frau stand auch noch nicht überall auf der Agenda. Kurz, Waglers brauchten ihrerseits Unterstützung. Und die gewährte die Freimaurerei. 1952 hatte der legendär gewordene Willy Täger das „Freimaurerische Hilfswerk“ gegründet. Ich habe ihm im deutschen FreimaurerMagazin „humanität“ 1977 einen Aufsatz gewidmet: „Selbstverwirklichung des Menschen“. Willy Täger war von 1956 bis 1964 der 38. „Meister vom Stuhl“ der Loge „Friedrich zum weissen Pferde.“

In einer freimaurerischen Selbstauskunft heisst es heute: „Das „Freimaurerische Hilfswerk“ (FHW) ist die karitative Einrichtung der „Vereinigten Grosslogen von Deutschland". Neben eigenen Stiftungen und Hilfsprogrammen der einzelnen Logen geniesst das „Freimaurerische Hilfswerk“ als übergeordnete Organisation aller deutschen Freimaurer den offiziellen Status anerkannter Gemeinnützigkeit. Einerseits unterstützt das „Freimaurerische Hilfswerk“ karitative Initiativen einzelner Logen, andererseits fördert es Hilfskonzepte bis hin zu Bedürftigen in Katastrophengebieten.“  Als Beispiele werden genannt: Unterstützung im Lebensunterhalt Einzelner, Familienhilfe, Hospiz-Einrichtungen, SOS- Kinderdorf, Kraftfahrzeuge und Sportgeräte für Behinderte, Krankenhaus in Bulgarien, Hilfsaktion Ein Dach für Kosovo, Lepra-Projekt in Afrika, Projekt Strassenkinder in Argentinien usw.

Als Anfang der 50er Jahre Familie Wagler vom „Freimaurerischen Hilfswerk“ finanzielle Hilfe bekam, gehörte ich mit zu den ersten, die von dieser freimaurerischen Einrichtung profitieren durften. Es gab nicht nur Geld, es gab auch Sachspenden. In meinem Fall hiess das, dass ich Kleiderspenden von US-amerikanischen Freimaurern bekam mit der pikanten Pointe, dass in Garbsen und Hannover ein Proletarierkind gelegentlich recht modisch daherkam.

 

Der de Molay Orden

Überhaupt: Das Verhältnis der amerikanischen zu den deutschen Freimaurern nach dem Zweiten Weltkriege ist ein eigenes Kapitel. Es soll jetzt nicht um die Geschichte der Verfolgung und des Verbotes der Freimaurer unter dem Nationalsozialismus gehen, auch nicht um die Geschichte des Wiederaufbaus der Freimaurerei in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg. Das haben Historiker aufgearbeitet. Nur soweit es meine damaligen Erfahrungen in der Familie Wagler berührt, soll davon erzählt werden.

Ekkehard Wagler gehörte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in der Loge „Friedrich zum weissen Pferde“ zu den jüngeren „Brüdern“. Die Logen waren arg gebeutelt worden. Von den etwa achtzigtausend Mitgliedern vor dem Krieg gab es nach 1945 nur noch gut fünftausend. Die Mitglieder waren überaltert. Es fehlte der Nachwuchs. Hinzu kam noch eine  Skepsis der US-amerikanischen „Brüder“ im Blick auf die Demokratiefestigkeit der deutschen „Brüder“. Die Anerkennung der deutschen Logen durch die amerikanischen Grosslogen blieb reserviert. Vor diesem historischen Hintergrund suchte man Lösungen, indem man die Jugend mobilisieren wollte.

In Amerika gibt es eine Jugendorganisation der Freimaurer, den „Internationalen de Molay Orden. Kansas City/USA“. Nach diesem Vorbild sollte ein deutscher de Molay Orden gegründet werden. (Jacques de Molay war der letzte Grossmeister des Tempelritterordens.)

Man ging recht pragmatisch zu Werke. In einigen Logen wie etwa in Hamburg, Heidelberg und eben auch in Hannover wurden einige junge Männer, Söhne von Freimaurern, angefragt, ob sie bereit seien, einen solchen Jugendorden zu implementieren. Mich hatten Willy Täger und Ekkehard Wagler gebeten, mitzumachen. Und so traf sich bald eine Schar neugierig-interessierter junger Männer, erst in den regionalen Logen dezentral, bald auch quer durch die Republik reisend, um einen deutschen de Molay Orden aus der Taufe zu heben. Aus den USA bekamen wir das Material des dortigen Ordens, Verbandzeitschriften, programmatische Aufsätze, Organisationsmodelle, Verfahrensregelungen, ein Handbuch für das Aufnahmeritual. Manches glitzerte recht marktschreierisch in Gold und Silber. Alles selbstverständlich in Englisch. Allein die Übersetzungsarbeit tat uns Pennälern gut.

Wir hatten nun die Aufgabe, diese Vorgaben in eine dem europäischen Denken und Fühlen gemässe Form zu übertragen. Das löste zum Teil heftige Debatten aus. Wir fragten, schön kantisch, eigenständig nach dem Sinn des ganzen Unternehmens, vertieften uns in die Geschichte der Freimaurerei insgesamt, diskutierten heftig das Für und Wider dieses Männerbundes, der damals in Deutschland noch keine Frauenlogen kannte, mit seiner, wie wir meinten, Geheimniskrämerei, lernten verstehen, welche Bedeutung ein Ritual für die Seelen verkopfter Menschen haben kann. Geduldig und kompetent begleiteten uns gestandene Freimaurer bei unserer Arbeit. Kurz, wir vertieften uns derart in das Thema „Freimaurerei“, so dass wir bald mehr über sie wussten als so mancher Durchschnittsmäurer. Schliesslich hatten wir, insbesondere in Hannover , unser Material beisammen: Organisation, Ritual, Kleidung – an alles hatten wir gedacht. Aufnahmeritual und die Rituale der Zusammenkünfte wurden im Logenhaus in Hannover geübt. Dann präsentierten wir das stolz bei einem überregionalen Treffen, um zu erfahren, dass wir uns zu weit vom amerikanischen Original entfernt hätten. Es begann das hartnäckige Ringen um Kompromisse, bis 1961 die ersten de Molay-Kapitel in Heidelberg offiziell gegründet werden konnten. Unsere Gruppe in Hannover war nicht bereit, sich der, wie sie es sah, grossen Bevormundung zu beugen. Wir stellten die Arbeit ein.

Insofern war bei uns das von den Freimaurern angestrebte Ziel, über die Jugendorganisation Nachwuchs heranzubilden, gescheitert. Wir haben unsere Mentoren gründlich enttäuscht. In Hannover hat sich später nur ein de Molay-Mitglied aufnehmen lassen. Ich selbst bin bewusst bis heute kein Freimaurer geworden.

 Die Verweigerung

Was waren unsere Gründe für die Verweigerung?

Neben der entmündigenden Bevormundung am Ende der Gründerphase des de Molay Ordens hatten wir grundsätzliche Bedenken.

Wir meinten, gerade vor dem Hintergrund unserer intimen Kenntnis des Freimaurerwesens, dass der subjektbezogene Ansatz der Tempelarbeit in Verbindung mit den karitativen Tätigkeiten kein zeitgemässer Ansatz sei. Wir sprachen schon damals, und ich sehe das auch heute noch so, der Freimaurerarbeit nicht ihre Berechtigung ab, mit welcher Begründung hätten wir das auch tun sollen. Ganz im Gegenteil. Wir bezeugten der  Freimaurerei unseren hohen Respekt. Wiewohl wir schon damals auch unser Unbehagen artikulierten im Blick auf das „Männerbündlerische“ der gesamten Organisationsform.

Vor allem aber wollten wir anders arbeiten, uns anders engagieren. Wir wollten nicht gleichsam die Scherben aufsammeln, also „Unrecht“, „Not“ und „Elend“ lindern helfen, wir wollten die Ursachen für diese Scherben beseitigen. Das bedeutete, dass wir bereit und willens waren, in das gesellschaftliche System selbst viel energischer einzugreifen.

Das war ein radikalerer Ansatz als der, den wir damals innerhalb der Freimaurerei erfuhren.

Insofern konnten wir den „alten Pflichten“ nicht folgen: Um in der Loge den „Frieden“ zu wahren, wurden damals nach den Regeln der Freimaurerei Konfession, Religion, Politik bis zu einem gewissen Grade tabuisiert. Wir urteilten deshalb: Damit werde dem Humanitätsbegriff der gesellschaftspolitische Stachel genommen. Logenarbeit erschien uns plötzlich nur noch, ich wiederhole mich,  als ästhetisch camouflierte Wellnessideologie.

Dieses Urteil jugendlicher Stürmer und Dränger erschien in den Augen mancher Freimaurer damals als zu scharf formuliert. Jedenfalls gelte es heute nicht mehr, so wurde ich aufgeklärt.  Zur Vorbereitung für den hier vorgelegten Text habe ich vom heutigen „Meister vom Stuhl“ der Loge „Friedrich zum weissen Pferde“ in Hannover, Herrn Dr. Siegfried Schildmacher, Auskünfte erbeten, die ich grosszügig und umfangreich erhielt. Auch hier meinen herzlichen Dank dafür. Im Zuge dieser Korrespondenz wurde mir erläutert, dass das Verhältnis von „Freimaurerei und Politik“ sich positiv gewandelt habe, und dass innerhalb der Loge heute sehr wohl über Politik diskutiert werde, und dass im mühsamen demokratischen Prozess der Mehrheitsbeschaffung so mancher Freimaurer dem Humanitätsgedanken in ganz praktischen Politikfeldern Realität zu verschaffen versuche. Gern habe ich das vernommen. Und dennoch. Angesichts der individuellen Miseren und der kollektiven Katastrophen in dieser Welt – bräuchte es nicht mehr? Überall auf diesem Globus ist die Würde des Einzelnen gefährdet, und das Überleben der Gattung mit der diese Menschheit tragenden Natur steht auf dem Spiel. Ich habe bisher noch von keiner Erklärung der Freimaurer gehört und gelesen, die hier wirkmächtig zur Umkehr aufruft, leider. Ein solcher aus humaner Empörung gespeister Aufruf zur Umkehr hätte dann allerdings auch die Systembedingungen unserer Gesellschaft infrage zu stellen. Ich vermute, dass das als „politische Erklärung“ zu gelten hätte, die ein Freimaurer auch heute nicht in der Loge abgeben darf. Dr. Siegfried Schildmacher: „Parteipolitische Themen werden nach wie vor nicht in den Logen diskutiert, und die Logen geben auch keine politischen Beschlüsse ab, weil dies jedem einzelnen überlassen bleibt.“ Ist damit die Chance für eine Lösungssuche nach wirklich zukunftsfähigen Lebensstilen in den Logen eröffnet? Auf jeden Fall weiss ich dieses: Wenn wir unsere Natur zerstörenden Lebensstile nicht radikal ändern, dann werden wir keine Zukunft haben. Die politischen Instrumente von heute sind völlig unzureichend, um die historischen Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, zu meistern. Wo sind hier die mutigen innovativen Impulse der Freimaurer?

Wie auch immer. Mein Bildungsprozess in der Freimaurer-Familie Wagler hat den Grund dafür gelegt, dass ich mich schon sehr früh in der Friedens- und Ökobewegung engagierte und heute noch engagiere. Mein ethischer Massstab deckt sich mit dem der Freimaurerei:  es ist die hohe Idee der Humanität. Für mich hat diese Humanität jedoch radikalere Konsequenzen, als sie, nach meiner Wahrnehmung, innerhalb der Freimaurerei bedacht und zugelassen werden. Ich gehe also nicht in den „Tempel“, ich protestiere schon mal auf der „Strasse“.

Eine für mich fruchtbare und für manchen Freimaurer zugleich paradoxe Situation.

Bei allem: Ich verdanke der Freimaurerei viel, und der Familie Wagler noch mehr. Dafür sage ich auch heute nochmals meinen Dank.

Ekkehard Wagler hat es verstanden, weshalb ich kein Freimaurer wurde. Eine schöne Probe des Toleranzgebotes.

 

Ausgearbeitete Fassung eines Vortrages: „Erfahrungen in einer Freimaurer-Familie". Neujahrsempfang der „Freimaurerloge Friedrich zur Eintracht", Schopfheim, am 09.01.2011.

Peter Kern








 


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