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Pfui Teufel, wie hässlich!

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Pfui Teufel, wie hässlich!


Pfui Teufel, wie hässlich! Von Dämmstoffen entstellte Altbauten mit Solarbeulen auf den Dächern, triste von Energiesparlampen beleuchtete Wohnzimmer, durch Windräder verschandelte Landschaften. Alles nicht schön, alles ein Graus für das Auge.

Dr. Ulf Poschardt, stellvertretender Chefredakteur der WELT AM SONNTAG, argwöhnt, dass eine „Umweltkatastrophe“ heraufziehe. Die, wie er urteilt, „Öko-Tyrannei“ schaffe eine „hässliche Welt“. Tief besorgt fragt er sich in seiner Zeitung am 24. April 2011, ob es sich lohne, „in einer hässlichen Welt möglichst lange gesund und munter zu sein?“. In der, wie er es wahrnimmt, „Umerziehung“ der Deutschen durch die Grünen zu einer nachhaltigen Lebensweise sieht er „Ökomanichäer“ am Werke.

Da muss man erst einmal darauf kommen: Gut einen Monat nach den epochalen Ereignissen in Japan das „Hässliche“ als „Umweltkatastrophe“ auszurufen, Die Japaner würden jubilieren, wenn sie nur die Schönheitssorgen dieses Redakteurs hätten. Angesichts der Leben zerstörenden Katastrophe in Japan ist die Formel von der „Umweltkatastrophe des Hässlichen“ eine Geschmacklosigkeit.

Darüber hinaus sind dem Autor die elementarsten Massstäbe für eine vernünftige Urteilsbildung verrutscht. Windräder, Solardächer und Energiesparlampen, auch Tempolimit und die wohlbegründete Kritik an der heute noch vorherrschenden Form der Automobilität insgesamt, zielen doch darauf, mit zu helfen, dass wir zukunftsfähige, also nachhaltige Lebensstile einüben lernen.

Es geht, zu Ende gedacht, um Überlebensfragen der Menschheit und der diese Menschheit tragenden Natur. Ich höre schon den Ästheten Poschardt „Pathos“ zischen. Ja, Pathos, Mitleidensfähigkeit! Es geht um nichts Geringeres als die Mitleidensfähigkeit mit den Opfern unserer  Lebensstile. Ein Beispiel gefällig? Man möge nur das neu aufgelegte Buch von Swetlana Alexijewitsch lesen: „Tschernobyl“. Susanne Mayer notierte am 28. April 2011 in der Wochenzeitung DIE ZEIT: „Dante würde weinen. Diese Lektüre führt in die Hölle.“ Von der Hölle in Fukushima werden wir noch zu lesen bekommen.

Wer angesichts solcher Folgen unserer luxurierenden Art zu leben, die Ästhetik über die Ethik stellt, der ist entweder ein Dandy oder ein Zyniker oder beides in eins. Um es unmissverständlich zu formulieren: Ontologisch steht die Ethik des Überlebens über der Ästhetik des subjektiven Geschmacks eines Redakteurs.

Den Menschen von Tschernobyl und von Fukushima hat sich nicht die Frage gestellt, ob sie in einer hässlichen Welt voller Windräder, Solardächer und Energiesparlampen „möglichst lange gesund und munter“ leben wollen. Sie wurden grausam Opfer genau jener Welt, die der Ästhet Dr. Poschardt nicht bereit ist, radikal nachhaltig umzubauen, und das auch unter Bedingungen, die nicht immer gleich Schönes ermöglichen.


Peter Kern


Ergänzungstexte:

Der "Lernbericht" des Club of Rome

Gelöstheit als Grundlage gelingenden Lebens


 


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„Der Zweck der Wissenschaft ist Weltvernichtung.“ Friedrich Nietzsche: Die Geburt der Tragödie.