• Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Kommunikation mit dem älteren Menschen

E-Mail Drucken PDF






Ältere Menschen mit Diabetes – „optimal betreuen“

 Fortbildung. Universitätsspital Zürich, 19. Mai 2011


Ein Schlüssel zum Erfolg: Die Kommunikation mit dem älteren Menschen

Das Thema verspricht zu viel: Die Ärztin, der Arzt, die Diabetesberaterin, der Diabetesberater, die Pflegerin, der Pfleger erhalten einen Schlüssel, der auf eine ganz genaue Weise ins Schloss passt, so dass die Kommunikation mit älteren Menschen zwangsläufig zum Erfolg führt. Mit anderen Worten: Sie bekommen ein Instrument in die Hand, mit dessen Hilfe Kommunikation erfolgreich wird.

Ist das nicht arg technisch gedacht? Verfehlen wir auf diese Weise nicht das Menschliche im Menschen?

Optimale Betreuung

Das Thema verspricht nicht nur zu viel, es verspricht eben auch das Falsche: Kommunikation wird als technischer Vorgang verstanden: Der Betreuer sendet, der ältere Mensch empfängt. Wenn das Sender-Empfänger-Modell funktioniert, dann wird der ältere Mensch „optimal betreut“.

Die leichthin gebrauchte Formel „optimale Betreuung“ ist jedoch voller unbedachter Fallstricke.

„Optimieren“ ist ein Vorgang aus der numerischen Mathematik. In berechenbaren Prozessen unter Berücksichtigung von Nebenbedingungen sucht man günstige Lösungen. Man spricht inzwischen auch von Optimierung bei der Effizienzsteigerung in der Programmierung. Und selbst in der Entscheidungsfindung geht es um Effizienz-Optimierung. Wenn etwas optimiert wird, will man es „verbessern“. Was aber lässt sich verbessern? Geräte und Apparate aller Art, gewiss. Alles Technische, dass Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen unterliegt, lässt sich optimieren. Gilt das auch für menschliche Phänomene? Sind Zuwendung, Respekt, Empathie, Liebe, Würde optimierbar wie ein technischer Vorgang?

Ältere Menschen optimal betreuen zu können, verweist also auf effiziente Instrumente, die der Betreuer beherrscht, um etwas an den Älteren und für sie „besser“ machen zu können. Berechenbare Ursachen-Wirkungs-Zusammenhänge werden stillschweigend vorausgesetzt. Es geht dann um eine quantitative Effizientoptimierung bei der Betreuung.

Worauf zielt das mit gedachte „etwas besser machen“?  Geht es um quantitative oder um qualitative Verbesserungen? Beispielsweise das Betreuungsgespräch zu optimieren, heisst in aller Regel, die vorgegebenen Ziele in kürzerer Zeit zu erreichen. Es muss also kritisch gefragt werden, ob auf diese Weise die Kommunikation mit älteren Menschen technisch instrumentalisiert, gar ökonomisch verrechnet wird?

Auch die Semantik von „betreuen“ verheisst nichts Gutes. Babys und Kinder werden betreut. Wenn Eltern pädagogisch scheitern, wird ihnen ein Betreuungshelfer zur Seite gestellt, das Betreuungsgesetz regelt die rechtliche Vertretung von unmündigen Volljährigen. Kommt man in seinem sozialen Umfeld nicht mehr zurecht, dann greift die psychosoziale Betreuung ein, man muss sich einer Soziotherapie unterziehen oder kommt in ein Haus des betreuten Wohnens.  Kurz: Betreuung ist kein partizipativer dialogischer Akt zwischen zwei oder mehreren erwachsenen mündigen Menschen. Betreuung konstituiert immer ein Gefälle: von oben nach unten, von stark zu schwach, von unabhängig zu abhängig, von mündig zu unmündig.

So ist es doch auch in der Praxis, höre ich. So werden sie wahrgenommen, die älteren Menschen: Sie sind körperlich schwächer als die Jungen, geistig nicht mehr so fit, sozial zunehmend behindert, sie zeigen sich je nach Grad des Alters in einem defizitären Status. Und schon sprechen wir mit ihnen von oben nach unten, herablassend, gönnerhaft, wie ein Patron, wie ein Vater zu seinen Kindern. Die Folgen dieser patronisierenden Kommunikation wirken wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Die infantilisierende Redeweise der Betreuer verstärkt beim älteren Menschen den Abbau erworbener Fähigkeiten. Die regressiven Tendenzen beschleunigen sich. Unselbständigkeit und Hilflosigkeit nehmen zu, denn die Kommunikation ist ein zirkulärer Prozess: Die Art und Weise, wie der Betreuer mit dem älteren Menschen kommuniziert, beeinflusst in hohem Grade das Fähigkeitspotential der Älteren. Betreuung, die sich am Modell der technischen Effizienzoptimierung orientiert, wird zu einer Spirale nach unten.

Die leichthin ausgesprochene Formel vom „optimalen Betreuen“ älterer Menschen kann also fatale Folgen nach sich ziehen. Will man das effizienzorientierte Optimieren des betreuenden Herrschaftsverhaltens vermeiden, dann ist man gut beraten, sich zu fragen, was „Kommunikation“ überhaupt bedeutet.

Kommunikation in der Es-Es-Relation und in der Ich-Es-Relation

Auf den ersten Blick scheint sich die technische und effizienzorientierte Dimension von „optimaler Betreuung“ im Begriff „Kommunikation“ zu wiederholen.

Wir erleben heutzutage eine Zunahme von Kommunikationstechniken. Hier wird Kommunikation verstanden als die Verbindung von Geräten im weitesten Sinne, die mit Hilfe von Signalübertragungen sich wechselseitig informieren und steuern. Man spricht auch von der Kommunikation zwischen Institutionen, Unternehmen, also von Systemkommunikation. In fragwürdiger Weise erscheint für manche auch die menschliche Person nur als ein System. Als Kommunikation gilt auch der Austausch von Informationen.

Signale und Informationen sind jedoch keine Wörter der menschlichen Sprache. Bei der technischen Signalübertragung und beim Informationsaustausch kann also nur in missverständlicher Weise von einer „Sprache“ gesprochen werden. Etwa Computersprachen mit menschlichen Sprachen gleichzusetzen, verletzt kategoriale Unterschiede zwischen technischen Geräten und menschlichen Personen.

Kommunizieren technische Geräte, Maschinen und Maschinensystemen mit Hilfe von Signalübertragungen miteinander, dann liegt der Kommunikation eine Es-Es-Relation zugrunde. Ein Ding kommuniziert mit einem anderen Ding. Wer auf dieser Ebene als Betreuer mit älteren Menschen kommuniziert, macht sich selbst und den älteren Menschen zum technischen Gerät, zur Maschine, zur Sache, zum Ding. Die Kommunikation ist ohne Teilhabe, ohne Empathie, sie ist kalt und herzlos. Bestenfalls ist sie optimal funktional. Als solche ist sie dann auch effizienter zu machen, zu optimieren. Deshalb favorisiert man heute in Zeiten knapper Kassen und enger Zeitressourcen die Betreuung älterer Menschen gern auf dieser inhumanen Es-Es-Relation. Diese verdinglichte Kommunikationsrelation ist anschaulicher Ausdruck der heute immer rascher sich vollziehenden Monetarisierung aller Lebensbereiche.

Kommunizieren dagegen Menschen mit Maschinen, dann liegt der Kommunikation eine Ich-Es-Relation zugrunde. Der kommunizierende Mensch verhält sich dem Gerät, der Maschine gegenüber als fühlendes und wertendes Individuum. Der im Subjekt verankerte Werthorizont bestimmt dann auch darüber, ob der Mensch Herr oder Knecht der Maschine ist.

Nimmt in einer Betreuungssituation das Ich des Betreuers den zu Betreuenden als Ding, als Menschen-Maschine wahr, dann haben wir es mit einer klassischen Ich-Es-Relation zu tun: Ich, das Subjekt des Betreuers, auf der einen Seite; getrennt davon auf der anderen Seite der ältere Mensch, das zu behandelte Objekt, das Es. In dieser Ich-Es-Relation wird der ältere Mensch nicht als Mensch in seiner Totalität wahrgenommen. Er zerfällt in der Wahrnehmung des Betreuers in Teile. Gesehen wird die Krankheit, die ungelenke Bewegung beim Aufstehen und Hinsetzen, gesehen wir das ungepflegte Äußere, gehört wird die schwächer werdende Stimme, wahrgenommen wird das schwindende Gedächtnis, registriert wird die klammernde Haltung des Älteren. Der ältere Mensch wird also zerlegt in seine Teile, die niemals durch Addition wieder ein Ganzes ergeben. Der Mensch als Mensch hat sich für den Betreuer verflüchtigt.  Der ältere Mensch ist kein Individuum mehr. Individuum, das heisst wörtlich: nicht teilbar. Der Betreuer hat aber in seiner Wahrnehmungsperspektive dieses Individuum geteilt – und damit als Person zerstört. Die Konsequenz, die sich aus dieser Ich-Es-Relation ergibt, ist, dass eine mit Würde ausgestatte Person zur Sache umdefiniert wird. Das berechnende Denken als abscheidendes Sezieren wird dem älteren Menschen nicht gerecht. Der kalte Beobachtungsstand des Betreuers mit der objektivierbaren Reduktion der Totalität des Menschen auf Mess- und Berechenbares geht in die Irre. Ein ethisch nicht zu legitimierendes Herrschaftsverhältnis entsteht mit allen negativen Folgen einer patronisierenden Kommunikation.

Kommunikation in der Ich-Du-Relation

In solchen Ich-Es-Relationen ist allerdings die ursprüngliche Bedeutung von „Kommunikation“ bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen worden. Kommunikation meinte ursprünglich immer eine Sozialhandlung zwischen zwei oder mehreren Menschen, die sich gegenseitig auch als Menschen wahrnehmen und respektieren. Das Wort „Kommunikation“ kommt aus dem Lateinischen „communicare“ und bedeutet „teilen, mitteilen, teilnehmen lassen; gemeinsam machen, vereinigen“. Ein wichtiger Aspekt dieser menschlichen Sozialhandlung ist die Teilhabe. In ihr entsteht etwas Neues, etwas Gemeinsames (lateinisch communio: „Gemeinschaft“, communis: „gemeinsam“).

Dieser ursprünglichen Form menschlicher Kommunikation liegt eine Ich-Du-Relation zugrunde. Das Wortpaar „Ich-Du“ stiftet eine neue, eigene Welt, die Welt einer zwischenmenschlichen Beziehung. In dieser Ich-Du-Beziehung begegnen sich zwei Menschen als Menschen in ihrer Totalität. In der konkreten Gesprächssituation zwischen beispielsweise der Diabetesberaterin, dem Diabetesberater und dem älteren Menschen mit Diabetes ereignet sich etwas Humanes. Die Ich-Du-Relation in der Kommunikation hebt die Subjekt-Objekt-Spaltung auf, in der ein machtförmiges Subjekt in der Rolle des Betreuers den älteren Menschen zum Objekt seiner Betreuungsabsichten macht. Die Totalität des Gegenübers wird gewahrt; der ältere Mensch wird nicht Opfer objektivierender Zerlegungsprozesse. Er schrumpft nicht zu berechenbaren Zahlenverhältnissen, in denen man seine altersbedingten Defizite misst. In der Ich-Du-Relation erscheint er nicht nur als Diabetiker, körperlich Ungelenker, Ungepflegter, stimmlich Geschwächter, geistig Nachlassender, psychisch Klammernder. In der Ich-Du-Relation wird der ältere Mensch zunächst und vor allem wahrgenommen als Mensch in seiner Ganzheit. Der Betreuer ist nicht länger der Betreuer von oben her, sondern der zugewandte Ratgebende, der im Du des Anderen sein eigenes Selbst wieder erkennt, mit der existenziellen Herausforderung der Antizipation seines eigenen Alters. Der ältere Mensch mit Diabetes ist für den Ratgebenden kein Ding unter Dingen, keine vernunftlose Sache, die bloss als Mittel gebraucht werden kann, sondern ein vernunftbegabtes Gegenüber, das ein Zweck an sich selbst ist, dem Würde zukommt und Achtung gebührt.

Kommunikation, so wird heute geurteilt, finde verbal und nonverbal statt, sprachlich und körperlich, man redet dann auch im übertragenen Sinne von Körpersprache, die etwas sagt, etwas ausdrückt.

Wieder kommt alles darauf an, wie wir „Sprache“ bzw. „Körperausdruck“ erfahren. Deuten wir sie im Horizont eines Sender-Empfänger-Modells, dann erscheinen Sprache bzw. Körper bloss als Mittel, um Informationen von A, dem Sender, zu B, dem Empfänger, zu transportieren. Versteht B, was A sagen bzw. ausdrücken wollte, dann verlief die Signalübertragung störungsfrei. Jedoch kommt es meistens zu mehr oder weniger schweren Störungen. Missverstehen ist die Folge.

Sprache und Körperausdruck so interpretiert, lassen sie im Horizont einer Es-Es-bzw. Ich-Es-Relation erscheinen. Sprache wird formalisiert. Die Mehrdeutigkeit der menschlichen Sprache auf der lexikalisch-semantischen Wortebene und die Mehrdeutigkeit auf der syntaktischen Satzebene werden durch eine formalisierte und kontextfreie Grammatik schrittweise reduziert, bis sie berechenbar werden. Wir haben es dann nicht mit einer ganzheitlich aufgefassten Sprache als „Haus des Seins“ (Heidegger) mit lebendigen Wörtern zu tun, sondern mit toten Instrumenten der Informationsübertragung, die in den Dienst der Betreuung älterer Menschen genommen werden. Entsprechend werden diese Menschen nicht als Personen wahrgenommen, sondern gleichsam als Empfangsgeräte, die keine Würde haben und denen keine Achtung zukommt. Eine sprachliche Entmündigung der älteren Menschen ist die Folge. Die Jüngeren reden mit den Älteren in einer sekundären Babysprache, sie verlangsamen die Sprechgeschwindigkeit, reduzieren den Wortschatz, vermeiden mehrsilbige Wörter, verkürzen die Satzbaupläne bis zu fragmentarischen Sätzen, und das auch dann, wenn die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten der alten Menschen ein qualitativ höheres Kommunikationsniveau zuliessen. Die Verhaltensweisen der älteren Menschen werden nicht in ihrer Individualität erkannt, sie geraten unter das Diktat der selektiven Wahrnehmung, dass ältere Menschen durchgehend defizitär seien.

Der Gipfel solcher Entmündigungsstrategien ist der Gebrauch des „Pluralis Maiestatis“: „Wie geht es uns heute? Waren wir schon spazieren?“  Das ist die Sprechweise in feudalen Gesellschaften. Die Wahl der Mehrzahl, des Plurals, war für die Majestäten, für die Monarchen, herrschaftlicher Ausdruck dafür, dass sie für ihre Untertanen beziehungsweise Untergebenen sprachen, von oben nach unten, statt mit ihnen von Angesicht zu Angesicht. Gleichzeitig erhöhte der Gebrauch des Pluralis Maiestatis die Bedeutung ihrer eigenen Person. Solche vordemokratischen Sprachformen machen in der Ich-Es-Relation durch den Betreuer aus dem älteren Menschen den unmündigen Untertan. Zugleich wird aus dem Betreuer eine Majestät. Der Betreuer als Herr: Für sozial schwache und personal instabile Betreuer ist das eine verführerische Perspektive. Endlich können auch sie einmal Macht ausüben, den Anderen zum Knecht degradieren. Im schlimmsten Fall haben wir im Betreuer den Sadisten vor uns. Abgründe tun sich auf. Der Betreuer muss sich folglich selbst entthronen als Herr und Besitzer der Betreuten, der er ja nicht ist, zugunsten eines bescheideneren, dafür aber humanen Ich-Du-Verhältnisses.

Das Herr-Knecht-Verhältnis dokumentiert sich auch in vielen anderen Umgangsformen. Neben dem Gebrauch des Pluralis Maiestatis werden ältere Menschen auch in anderen Anredeformen verkindlicht: „Gutes Mädchen“, „böser Junge“, „meine Liebe“, „na Oma“, „ach Opa“. Auch der Sprechakt selbst dient der Selbsterhöhung der Betreuer. Indem sie vermeintlich Zuwendung signalisieren wollen, verfestigen sie in Wirklichkeit inhumane Kommunikationsstrukturen durch zu lautes Ansprechen, durch übertriebene Betonung der einzelnen Wörter, durch gedehnt-langsames Sprechen und durch eine zu hohe Stimmlage. Das alles ist Ausdruck einer patronisierenden Kommunikation.

Entsprechendes gibt es im Horizont der nonverbalen Kommunikation mit älteren Menschen. Diese nonverbale Kommunikation misslingt, wenn sich der Betreuer körperlich vom Angesprochenen abwendet, wenn er herrschaftlich vor ihm die Hände in die Hüften stemmt, wenn er, Überlegenheit signalisierend, die Arme vor dem eigenen Körper verschränkt, wenn er den älteren Menschen nicht herzlich anlächelt, sondern distanziert belächelt. Wenn der Betreuer nicht als ganze Person empathisch anwesend ist, dann kann er den Anderen nicht wahrnehmen. Gelingt dem Betreuer auch in der nonverbalen Kommunikation nicht der Aufbau einer Ich-Du-Relation, dann können ältere Menschen beim Betreuer Aversionen und destruktive Aggressionen auslösen, die nicht nur zu seelischen, sondern in extremen Fällen auch zu körperlichen Misshandlungen der älteren Menschen führen.

Bei solchen scheiternden Gesprächssituationen haben wir es wieder mit einer Ich-Es-Relation in der Kommunikation zu tun. Der Betreuer nimmt dem älteren Menschen in dieser Ich-Es-Relation die Würde. Er bezeugt keine Achtung vor ihm. Er sieht in ihm eine sich immer rascher vervielfältigende Masse als Ergebnis des demographischen Wandels. Als Einzelner kommt der ältere Mensch in der Ich-Es-Relation nicht vor, schon gar nicht als Person. Er wird zum Fall, der abzuarbeiten ist.

Checklisten?

Vor diesem Hintergrund ist der Betreuer stets auf der Suche nach Arbeitserleichterung. Checklisten sind gefragt. Das kommt dem Evaluierungswahn entgegen, dem sich heute auch die Sozialberufe ausgesetzt sehen: Das berufliche Handeln muss messbar gemacht werden, damit es überprüfbar wird, damit es weiter optimiert werden kann. Effizienzsteigerung ist angesagt. Doch unversehens geraten Betreuer wie älterer Mensch aus dem Blick. Was als objektive Leistungskontrolle ausgegeben wird, ist längst unter die Herrschaft der Ökonomie geraten: Effizient ist, was Rendite bringt. Betreuer und älterer Mensch sind in dieser Optik der Wahrnehmung nur ärgerliche Kostenträger.

Angesichts solcher Einsichten sind Checklisten doppelt ambivalent. Sie können einerseits in der Betreuungssituation zur Renditeoptimierung missbraucht werden und andererseits als verlässliche Arbeitshilfen für die gestressten Betreuer von diesen missverstanden werden.

Checklisten: Sie haben inzwischen überall in unserem Leben Einzug gehalten. Es gibt Checklisten für technische Ablaufprozesse, für Managementprozesse, für Problemlösungstechniken, für Anforderungsprofile, für Sicherheitssysteme, ja auch für Reiseplanung und die Planung von Familienfeiern, für Hochzeit, Geburt und Beerdigung. Immer geht es darum, dass komplexe Abläufe, die von Menschen gesteuert werden müssen, in Teilprozesse zergliedert werden. Checklisten sind dann Arbeitshilfen, um sicherzustellen, dass keiner der Prozesselemente übersehen wird. Checklisten beantworten die Frage: Was muss beachtet werden, damit der intendierte Prozessablauf reibungslos und effizient funktioniert. Ein Merkmal von Checklisten: Ihre Elemente sind standardisiert, wiederholbar und gelten für alle vergleichbaren Situationen.

Worauf also haben die Betreuerin, der Betreuer in der Kommunikation mit älteren Menschen zu achten, wenn sie sich unter den Anspruch von Checklisten stellen? Schauen wir uns eine mögliche Checkliste an:

„Erstens. Die Kommunikationsfähigkeit des älteren Menschen feststellen: Ist eine ausreichende Hörfähigkeit vorhanden? Reicht die Gedächtnisfähigkeit aus, damit die Anweisungen durch den Betreuer aufgefasst und behalten werden? Kann der ältere Mensch noch so sprechen, dass der Betreuer ihn versteht?

Zweitens. Der Betreuer muss klar und deutlich sprechen. Die Wörter sind präzise zu artikulieren, kein Wort ist zu verschlucken oder mal eben rasch hinzunuscheln.

Drittens: Die Lautstärke der Sprache des Betreuers ist an das Hörvermögen des älteren Menschen anzupassen

Viertens: Die Sätze dürfen nicht zu lang sein. Es dürfen keine komplizierten Satzbaupläne verwendet werden. Der einzelne Gedanke ist ggf. des Öfteren zu wiederholen.

Fünftens: Der Betreuer muss sich seine Anweisungen durch den älteren Menschen wiederholen lassen. Kommt es zu Missverständnissen, dann ist die Anweisung laut zu wiederholen.

Sechstens: Bei Fragen ganz konkret fragen. Abstrakta vermeiden. Nicht fragen, ob der ältere Mensch Schmerzen habe, sondern genau; z.B. ob er Kopfschmerzen habe.

Siebtens: Für das Gespräch mit dem älteren Menschen eine angemessene Gesprächssituation wählen: ruhiges Zimmer. Störende Umgebungsgeräusche ausblenden, sie lenken ab.

Achtens: Zeigen Sie als Betreuerin, als Betreuer Empathie. Lächeln Sie. Strahlen Sie Ruhe aus.“

Wer möchte dem widersprechen? Und doch: Eine solche Liste, wie immer man sie auch weiter ausdifferenzieren würde, taugt wenig. Sie unterschlägt zu viele anthropologische Tatbestände. Zunächst geht sie von einer homogenen Gruppe aus. Doch den älteren Menschen gibt es gar nicht. Die Alternsforschung unterscheidet ein breites Spektrum älterer Menschen, vom rüstigen bis zum gebrechlichen Alten. Die Checkliste meint alle; sie differenziert nicht. Die oben skizzierte Checkliste geht vom überholten Defizitmodell des Alterns aus. Genauso wenig differenziert sie im Blick auf die individuelle Gesprächssituation. Diese ist immer einmalig. Verallgemeinerungen gehen auch hier auf Kosten der menschlich gebotenen Einfühlung gegenüber dem Gesprächspartner. Checklisten bleiben im Horizont von Ich-Es-Relationen mit allen damit verbundenen anthropologischen Reduktionen. Man müsste alle Variablen kennen, die eine komplexe Gesprächssituation konstituieren, in der ein je individueller Betreuer mit einem je individuellen älteren Menschen interagieren, um die Kommunikation sachangemessen technisch über Checklisten steuern zu können. Erkenntnistheoretische Einsichten versperren prinzipiell den Weg zu einem solchen Vorgehen.

Technische Steuerung von Kommunikation im Horizont einer Ich-Du-Relation ist prinzipiell nicht möglich. Technische Steuerung bleibt stets auf der Ebene der Ich-ES-Relation. Endgültig fragwürdig sind die Imperative „Zeigen Sie als Betreuerin, als Betreuer Empathie!“; „Lächeln Sie!“; „Strahlen Sie Ruhe aus!“. Wie wenn wir Menschen Empathie, Herzlichkeit und innere Ruhe durch kognitiven Selbstanspruch herbeizwingen könnten. Diese anthropologischen Phänomene gehorchen nicht dem Willen; sie sind das Ergebnis von gelungenen Bildungsprozessen und nicht steuerbaren Widerfahrnissen. Sie sind letztlich Ausdruck einer in Jahrzehnten erworbenen inneren Haltung.

Wo gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma, das menschlich Notwendige in der Kommunikation nicht technisch zu erzwingen?

Nach allem, was bisher ausgeführt wurde, liegt die Lösung in der Ich-Du-Relation der Kommunikation zwischen mündigem Ratgeber und mündigem älteren Menschen. Kommunikation ist wieder in ihrer ursprünglichen und damit geschichtlichen Bedeutung als „communicare“ zu verstehen. Es geht in der recht verstandenen Kommunikation nicht nur darum, dass etwas mitgeteilt wird, sondern darum, dass der Ratgebende den älteren Menschen teilnehmen lässt an der gemeinsamen Sache. Diese gemeinsame Sache hat nicht primär zum Ziel, technisch effizient  beispielsweise Diabetes zu beherrschen. Solch ein Versuch wird scheitern.

Vielmehr geht es um das gemeinsame Ringen, ein „gutes Leben“ zu ermöglichen. „Gutes Leben“ ist ein Leben aus dem Ursprung der Liebe, die, griechisch als Agape, christlich als Caritas verstanden, es ermöglicht, die den Menschen peinigende Angst zu überwinden. Aus solcher Liebe heraus vernimmt der Mensch Vernunft; er kreist nicht länger machtförmig und egoistisch um sich selbst. Er wird aus dieser Liebe heraus innerlich frei. Er wird nicht länger beherrscht von einer bedingungslosen Selbst-Sorge; er wird frei zur Du-Sorge, indem er von sich absehen kann und den Anderen in seiner Bedürftigkeit wahrnimmt.

Aus diesem „guten Leben“ heraus wird dann auch der sachangemessene Umgang mit der Krankheit möglich. In dieser Suche nach dem „guten Leben“ vereinigen sich Ratgeber und älterer Mensch, denn das „gute Leben“ geht sie beide gleichermassen etwas an.  In der communio, der Gemeinschaft zweier vernunftbegabter Menschen, begegnen sie sich.

Kommunikation wird Dialog. Das dialogische Verhältnis stiftet die gemeinsame Gesprächssituation als Ort der Du-Sorge. Kein herrschendes „Subjekt Betreuer“ kann Sorge für ein von ihm getrennt gedachtes „Objekt älterer Mensch“ übernehmen. Sobald die Fürsorge als beruflich angeleitetes Machen missverstanden wird, muss sie scheitern. Dagegen ist die von Empathie getragene ratende Rede der Diabetesberaterin, des Diabetesberaters der Versuch, den kranken älteren Menschen durch die Beanspruchung seiner Eigentätigkeit wieder einzuführen in sein früheres Leben, und das unter der Bedingung der Diabetes. Diese Form von Therapie erfüllt den Sinn des alten griechischen Wortes „therapeia“: Dienst. Das dialogische Verhältnis zwischen Berater und älterem Menschen wird zum Dienst am Leben. Es geht nicht primär darum, verbissen den verzweifelten Kampf um Gesundheit zu kämpfen. Es geht nicht um machtförmige Betreuung, um entmündigende Pflege. Es geht um das Sein-Lassen der älteren Menschen, um die Annahme und Akzeptanz ihrer spezifischen Lebenssituationen. Dienend zu helfen, das ist die Aufgabe der ratenden Rede des Dialogpartners.

Es ist die Hybris des modernen Menschen, anzunehmen, dass die Abwesenheit von Gesundheit beim älteren Menschen sogleich das Nicht-Sein ihres Menschseins bedeute. Kehren wir heim in die Wahrheit des Herzens: Wir alle sind Menschen, keine Objekte. Und als Menschen sind wir für den Anderen immer Mitmensch. So spricht uns auch der ältere Mensch als Mensch an. Primär als Mensch, dann erst als Kranker geht er uns etwas an, ja, er bewegt uns in unserem Inneren – weil wir als Menschen auch einmal alt sein werden und hochwahrscheinlich auch eine Krankheit tragen müssen.

Der Ertrag der Überlegungen und ein exemplarisches Beispiel in einer Extremsituation

Wir suchten den Schlüssel zum Erfolg in der Kommunikation mit älteren Menschen. Wir sahen, dass er auf der Ebene der Ich-Es-Relation der Kommunikation als technisches Verhalten nicht zu finden ist. Checklisten helfen auch nicht. Die Chance einer gelingenden Kommunikation wird eröffnet, wenn das dialogische Miteinander durch eine Ich-Du-Relation getragen wird. Ich-Du-Relationen werden nur möglich durch eine bestimmte Haltung der helfenden Person. Diese innere Haltung lässt sich beschreiben als die Fähigkeit zur Empathie, zur Einfühlung in das Sein des Anderen. Empathie ruht auf der Grunderfahrung einer existenztragenden Liebe. Durch eine solche Einfühlung wird die Würde der älteren Menschen gewahrt. Es kommt zu Begegnungen, die von Respekt getragen sind und die von Achtsamkeit erfüllt sind. Diese innere Haltung führt zu Handlungen, die nicht unter einem Nutzenaspekt verrechenbar sind. Sie ermöglichen die Erfahrung entschleunigter Kommunikation, die das Recht auf den eigenen Tag des älteren Menschen möglich macht. Es kommt in und durch die dialogische „communio“ zur gemeinschaftlichen Erfahrung erfüllter Augenblicke.

Wer aus dieser inneren Haltung der empathischen Gemeinsamkeit handelt, der braucht keine Fortbildung, die ihm von aussen sagt, dass patronisierende Kommunikation und infantilisierende Redeweisen das humane Moment der Kommunikation zerstören, der braucht schon gar nicht technisch zu handhabende Checklisten. Die innere Einstellung lässt den Helfer je nach individueller Anspruchssituation das sachlich Notwendige und damit Richtige tun.

Eine besondere Herausforderung empathiegetragener Kommunikation auf der Ich-Du-Ebene sind Menschen, die bereits in extremen Krankheitssituationen sind. Depression, Demenz, Alzheimer bringen das dialogische Verhältnis von Helfer und älterem Menschen aus dem Gleichgewicht. Das angesprochene Du ist in solchen Fällen beschädigt, gestört, ja manchmal schon zerstört. Die Bedeutung einer sprachbezogenen Kommunikation verflüchtigt sich ins Nichts. Diese besonderen Kommunikationssituationen wären gesondert zu erörtern.

Nur so viel, und das exemplarisch: Tilmann Jens hat mit seinem Buch „Demenz“ auch den Verlust der Sprachkompetenz seines Vaters, des ehemaligen Rhetorikprofessors Walter Jens, öffentlich gemacht. Dieser Bericht ist ein erschütterndes und zugleich aufschlussreiches Dokument darüber, dass die Würde des Menschen nicht an seine geistig-intellektuellen Fähigkeiten allein gekoppelt ist. Walter Jens, der in gesundem Zustand antizipierte, dass er als dementer Mensch kein „Ich“ mehr sei und damit kein „Du“ für den Anderen, sondern nur noch ein „Es“, kein „denkendes Wesen“ mehr, sondern nur noch ein „zuckendes Muskelpaket“ und deshalb „rechtzeitig“ sterben wollte, lebt heute als hochgradig dementer Mensch. Und gerade als dieser wird er für seinen Sohn zu einer herausfordernden Erfahrung: „Der Vater, den ich kannte, der ist lang schon gegangen…Aber jetzt, da er fort ist, habe ich einen ganz anderen Vater entdeckt, einen kreatürlichen Vater – einen Vater, der einfach nur lacht, wenn er mich sieht, der sehr viel weint und sich Minuten später über ein Stück Kuchen, ein Glas Kirschsaft freuen kann.“ Möglich wird dieses neue Leben des Walter Jens durch Frau Margit Hespler, eine, wie der Sohn schreibt, „robuste Bäuerin“, also keine ausgebildete Pflegerin. Als sie ins Haus der Familie Jens kommt, ereignet sich etwas Herausragendes. Der Sohn notiert: „Binnen weniger Tage ändert sich das Leben meines Vaters von Grund auf. Er hat nun einen höchst emotionalen Bezugspunkt. Eine Gefährtin, die nicht notgedrungen traurig ist, weil die vertrauten Gespräche, die Fundament einer langen Ehe waren, verstummt sind, sondern den Kerl, so wie er ist, ganz einfach gern hat. Sie führt ihn aus, sie gehen einkaufen, die beiden schaffen sich bald ihre eigenen Rituale. Ob er nun brav war oder sie wieder einmal beschimpft hat: Er weiss, am Ende des Tages wird es beim Metzger ein Wurstweckle geben. Sie hat keine Scheu, sie wäscht ihn, zieht ihn an, sie verwaltet seine Tabletten, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, auch wenn er tobt.“

Die Praxis, die Realität, so höre ich, lässt ein solches anspruchsvolles Arbeiten doch gar nicht zu. Angesichts der ökonomischen Sachzwänge sei eine von Empathie getragene entschleunigte Kommunikation pure Illusion. Der Zeitdruck zerstöre die guten Absichten, so heisst es.

Wenn dieser Einwand keine Entschuldigung gegenüber der eigenen Empathieunfähigkeit ist, dann werden die älteren Menschen immer durchspüren, dass sie als Menschen ernst genommen werden, auch unter den Bedingungen von Zeitdruck – und das ist schon sehr viel. Nur, das reicht nicht. Mehr ist möglich, wie gezeigt wurde.

Und so enthalten diese Überlegungen auch den Stachel politischer Mobilisierung: Wenn unsere kapitalistische Gesellschaft gerade denen den Raum zu angemessener beruflicher Arbeit beschneidet, die sich um den Menschen auch dann kümmern, wenn dieser als älterer und kranker Mensch nicht mehr der Gewinnmaximierung nutzt, so haben wir Widerstand zu leisten, und zwar energisch.

Heute sind es die älteren Menschen, die Opfer einer kapitalbesessenen Welt werden, morgen werden wir es sein. Dass wir alle als Jüngere nicht den Mut aufbrachten, eine zukunftsfähige und damit humanere Welt zu wollen, ist ein neues Thema.

Literaturhinweise:

M. Buber: Ich und Du, 1963

R. Fiehler: Sprache und Kommunikation im Alter, 1998

L. S. Geisler: Das Gespräch mit dem alten Patienten, 2007

T. Jens: Demenz, 2009

W. Weber: Wege zum helfenden Gespräch, 2006


Peter Kern








 


Zufällig ausgewählte Glosse

Mit der Fatalität des Wiederholungszwanges zerstören wir alles, was unser Leben trägt.