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An die Gebildeten unter meinen Verächtern

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An die Gebildeten unter meinen Verächtern



Hartmut von Hentig hat sich zum sexuellen Missbrauch in der Odenwaldschule nochmals geäußert, ausführlicher denn je – und wieder lässt er den Leser peinlich berührt zurück. Mit beeindruckendem philologischen Wissen und Können stilisiert er sich jetzt zum Verfolgten

( HvH: Ist Bildung nützlich? In: Akzente, Heft 1, 2011 ).

Wir hofften hingegen, von dem einflussreichen Pädagogen und Bildungsbürger Hartmut von Hentig Folgendes zu lesen – damit er durch fortgesetztes verleugnendes Schweigen sein Ansehen als Person nicht weiter beschädigt und sein imponierendes Lebenswerk nicht gefährdet:


„Sie erwarten ein klärendes Wort über die Ereignisse in der Odenwaldschule. Der Grund dafür ist mein persönliches Verhältnis zu Gerold Ummo Becker. Gerold Becker hat sich eines der schlimmsten Verbrechen schuldig gemacht, er hat Kinder sexuell missbraucht. Für mich war das völlig unvorstellbar. Ich habe Gerold Becker vertraut, ich habe ihn geliebt, ich habe ihn als Pädagogen verehrt.

Die Erfahrung der Doppelnatur von Gerold Becker hat mich tief erschüttert. „Ungeheuer ist viel, und nichts ist ungeheurer als der Mensch.“ Das hat mich erneut nachdenken lassen über die Gefährdungen einer Pädagogik, die das Vertrauen zwischen Erzieher und Zögling zum Handlungsmittelpunkt hat. Dieses Konzept wird jedoch durch das Scheitern einer Person nicht diskreditiert.

Mein klärendes Wort, das Sie erwarten?

Ich verurteile mit aller Entschiedenheit sexuellen Missbrauch. Das ist selbstverständlich – offenkundig erwarten Sie von mir, das Selbstverständliche offen auszusprechen. Die Verurteilung gilt also selbstverständlich auch für die Missbrauchshandlungen von Gerold Becker in der Odenwaldschule. Gleichwohl stehe ich zu Gerold Becker als Person, als meinem Freund. Sein Tod hat ihm die Chance genommen, vor den Kindern, die heute Erwachsene sind, die Reue zu zeigen und die Wiedergutmachung zu versuchen, die noch menschenmöglich war.

Ich selbst bin in dieser Sache frei von jeder Schuld. Gleichwohl übernehme ich im Namen von Gerold Ummo Becker den Satz: Ich bitte um Vergebung.“


Prof. Dr. Peter Kern, in Göttingen Schüler von Hartmut von Hentig;

Prof. Dr. Gisela Miller-Kipp, ehemalige Vorsitzende der Sektion Historische Bildungsforschung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft.


Vgl. den TAGEBUCHEINTRAG "Hartmut von Hentig: Endlich doch noch!"


Nachtrag 2016:

Nach der Veröffentlichung des dritten Bandes der Autobiographie von Hartmut von Hentig sind meine, Peter Kerns, Urteile zur Rolle Hartmut von Hentigs im Odenwaldschulskandal neu zu bedenken.

Vgl. Hartmut von Hentig: Noch immer Mein leben. Erinnerungen und Kommentare aus den Jahren 2005 bis 2015, Berlin 2016, 1392 Seiten.

Was damals als gesicherte Erkenntnis in die Öffentlichkeit geschickt wurde, kann nach der Lektüre des dritten Bandes der Autobiographie nicht mehr unbefragt als gültig wahrgenommen werden.

Hier liegt der Stoff für eine veritable Habilitationsschrift vor:

"Aufgeräumte Erfahrungen der Ankläger und der Verteidiger im Odenwaldschulskandal. Eine historisch-systematische Studie zu Pädophilie und ihrer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit".







 


Zufällig ausgewählte Glosse

Seit sich der je einzelne Mensch zum Massstab von Wahrheit gemacht hat, gibt es keine verbindende Wahrheit mehr.