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Ökosophisches Management

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Ökosophisches Management


Manager haben heute, wollen sie wirklich nachhaltig agieren, aus „Weisheit“ zu han­deln.

Solches Management ist „Ökosophi­sches Management“. Es führt in eine gelingende Zukunft.

„Sophos“ heisst bei den Griechen der, der etwas versteht, der einer Sache vor‑stehen kann. Sophia bezeichnet die Möglichkeit des rechten Verste­hens dessen, was wesentlich ist. Die übliche Übersetzung dieser Sophia ist uns als „Weisheit“ vertraut. Weise ist der Verstehende, weil er seine eigenen Partikularinteressen nicht bedingungs­los durchsetzt, sondern weil er den Blick frei hat für das jeweils nächst­höhere Gesamtinteresse.

Dieses Ganze ist letztlich das Haus der Natur, in dem wir alle wohnen: „Oikos“.

Gesetze reichen nicht, um weise Taten zu vollbringen. Eigen­verantwortlichkeit in den je konkreten Situationen und Handlungsfeldern ist gefragt.

„Ökosophisches Management“ heisst folglich:

Nicht aus dem machtförmigen Ver­stand allein nur die politisch erzwun­gene Schonung der uns tragenden Natur zu respektieren (politisch‑ge­setzliche Rahmenbedingungen), son­dern aus selbst vernommener Vernunft eigenverantwortlich voller Mitleidens­fähigkeit mit allem Lebendigen die Wirtschaft freiwillig so zu organisieren, dass sie Leben so wenig wie nur irgend möglich bedrängt und zerstört.

Ein solchermassen weiser Manager wird folgende Kriterien respektieren:


  • die Person-Verträglichkeit: Die Würde des Einzelnen ist zu beachten;
  • die Sozial‑Verträglichkeit: Der Idee der Gerechtigkeit ist weltweit Rech­nung zu tragen;
  • die Natur‑Verträglichkeit: Ohne Mitlei­densfähigkeit mit allem Lebendigen entsprechen wir auch nicht unserer eigenen Natur;
  • die Zukunftsverträglichkeit: Produkte und Produktionsverfahren, die Leben überhaupt bedrohen (Restrisiko), sind ethisch grundsätzlich nicht zu rechtfertigen, denn: „Leben soll sein!“


Auch in der Wirtschaft ist also ein grundlegender Bewusstseinswandel notwendig. Es geht um eine koperni­kanische Wende unserer Einstellung zum Leben ‑ zum eigenen Leben, zum Leben der Anderen und zum Leben der Natur als ganzer, und zwar im Blick auf Gegenwart und Zukunft.

Insofern ist das „ökosophische Mana­gement“ Teil eines weltweit überle­bensnotwendigen Paradigmenwech­sels.

Ich höre den Aufschrei: Unrealistisch, utopisch, idealistisch, das Programm eines weltfremden Spinners. Wirklich?

In „The New York Times“, der englischsprachigen Beilage in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG vom 20. Juni 2011, finde ich einen Beitrag von Thomas L. Friedmann: „The Earth Is Full“. Er bespricht das neue Buch von Paul Gilding: „The Great Disruption: Why the Climate Crisis Will Bring On The End of Shopping and the Birth of a New World.“

Ich lese: “You really do have to wonder whether a few years from now we’ll look back at the first decade of the 21st century – when food prices spiked, energy prices soared, world population surged, tornardos plowed through cities, floods and droughts set records, populations were displaced and governments were threatened by the confluence of it all – and ask ourselves: What were we thinking? How did we not panic when the evidence was so obvious that we’d crossed some growth/climate/natural resource/population redlines all at once?"

"...we are currently growing at a rate that is using up the Earth’s recources far faster than they can be sustainably replenished, so we are eating into the future. Right now, global growth is using about 1.5 Earths.” Gilding: “Having only one planet makes this rather significant problem...If you cut down more trees than you grow, you run out of trees. If you put additional nitrogen into a water system, you change the type and quantity of life that water can support. If you thicken the Earth’s CO² blanket, the Earth gets warmer. If you do all these and many more things at once, you change the way the whole system of planet Earth behaves, with social, economic, and life support impacts. This is no speculation; this is high school sciences.”

Paul Gilding sieht, “that the consumer-driven growth model is broken and we have to move to a more happiness-driven growth model, based on people working less and owning less.” Gilding fragt: “How many people lie on their death bed and say, I wish I had worked harder or built more sharholder value, and how many say, I wish I had gone to more ballgames, read more books to may kids, taken more walks? To do that, you need a growth model based on giving people more time to enjoy life. But with less stuff.”

Literatur

Paul Gilding: The Great Disruption: Why the Climate Crisis Will Bring On The End of Shopping and the Birth of a New World, Bloomsbury, USA, 2011

Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter, Freiburg i.Br. 1982; 1984² erweiterte Auflage.

Dort bereits, S.24: "Ökokrise": "Die Gesamtheit der Beschädigungen und Gefährdungen des Haushalts der Natur einschliesslich der akuten Atomkriegsgefahr bezeichnen wir als Ökokrise. Zu ihr gehören z.B. der masslose Verbrauch von regenerierbaren und nicht regenerierbaren Ressourcen, die Ausrottung von immer mehr Tier- und Pflanzenarten, die Verschmutzung und fortschreitende Vergiftung unserer Lebenswelt, der gigantisch gesteigerte Energieverbrauch mit Folgewirkungen für unsere Atmosphäre, das exponentiell ansteigende Bevölkerungswachstum gerade in den armen Ländern, die zunehmende Verbreitung von Hunger und Elend."

Unsere Schlussfolgerung, S.104f.: "Einübung in ökolgische Selbstbegrenzung". Wir schliessen uns E.F. Schumacher an, dass eine neue Lebensweise zu entwickeln sei, "die mit den wirklichen Bedürfnissen der Menschennatur vereinbar ist, mit der Gesundheit der lebenden Natur um uns herum und mit den Rohstoffvorräten der Welt." Diese Konsequenz bezeichneten wir damals schon als "ökologische Selbstbegrenzung": "Natürliches Wachstum vollzieht sich organisch. Die Grenze dieses Wachstums ist durch Mutation und Selektion bestimmt - Wucherungsprozesse aufgrund mangelnden Selektionsdruckes führen stets in tödliche Sackgassen. Beim Menschen ist die ererbte Vernunft der Affekte durch Sprache und Verstand aus der Bahn geraten. Die verloren gegangene natürliche Verhaltensregulierung wird durch diejenige der Gesellschaft ersetzt. Als Werk der Gesellschaft wird der Mensch so mächtig, dass er dem Selektionsdruck durch die ihn umgebende Natur nicht mehr ausgesetzt ist. An die Stelle der natürlichen Begrenzung muss nun die Selbstbegrenzung aus ökologischer Vernunft treten, wenn er sich selbst und die Natur nicht zugrunde richten will.

Es geht also um Einsicht (logos) in den Haushalt der Natur und des Menschen in ihr, d.h. in die Bedürftigkeit aller beteiligten Lebewesen und ihr wechselseitiges Aufeinanderangewiesensein (oikos). Um diesen Haushalt der Natur zu bewahren, ja zu pflegen, ist die Zurücknahme der unnatürlichen Wucherungsprozesse auf das dem Menschen zukommende Mass erforderlich (Begrenzung), eine Zurücknahme, die, solange sie nur durch Herrschaft erzwungen wird, instabil bleibt, letztlich also auf die Vernunft möglichst vieler Einzelner angewiesen ist (Selbst-). Ökologische Selbstbegrenzung verweist - normativ - darauf, wie wir leben sollen: small. Indem wir dieser Norm folgen, werden wir unserer ranghöheren Bedürfnisse innewerden und - eudämonistisch - erfahren, wie wir leben können: beautiful."

Zur "Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der Pädagogik im Atomzeitalter vgl. den Text von Andrea Rothfelder auf der Homepage von Peter Kern, dort unter "Aktivitäten ausserhalb der Hochschule".

Peter Kern

 


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Wen wir achten, dem hören wir auch aufmerksam zu.