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Männergewalt und Frauengehorsam

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In Erinnerung gebracht aus Anlass der Berichterstattung in den Medien über die Frauenfussballweltmeisterschaft in Deutschland 2011; vgl. meinen Tagebucheintrag vom 28.06.2011.


Männergewalt und Frauengehorsam

Die Argumente in der Frauenbewe­gung sind für den männlichen Ver­stand oft eine zum Widerspruch rei­zende Herausforderung. Ursula Nuber bei­spielsweise, Redakteurin bei der Zeit­schrift „Psychologie heute“ und Autorin diverser Bücher zu Frauenthemen, stellt einen erschreckenden Zusammenhang her zwischen der Gewalt im Kriege und jener in der eigenen Partnerbeziehung: Die Massenvergewaltigungen von Frauen und Mädchen im Krieg im ehemaligen Jugo­slawien und die Gewalt in den privaten Bezie­hungen zwischen Män­nern und Frauen wer­den da in einem Atem­zug genannt. Und wie gern sähen es wir Män­ner, dass die bosnischen und serbischen Verge­waltigungen Ausnah­meerscheinungen sei­en. Allein, das Material der Gewaltforscher be­lehrt uns, dass wir uns die Sache nicht so ein­fach machen dürfen. Nach solchen Studien gilt als belegt, dass zwei Drittel aller Männer auch in unseren Gesellschaften als gewalttätig eingestuft werden müssen. Nach Schätzungen des Bundesministeriums für Jugend, Frauen, Familie und Gesundheit (Bonn) aus dem Jahre 1989 werden pro Jahr vier Millionen Frauen und 500 000 Kinder von Männern misshandelt. Die Täter sind nicht nur jene Alkoholisierten der Unterschicht, sondern auch Männer aus den sog. „besten Krei­sen“. (Aktuelle Informationen) Dieser Tatbestand ist beschämend. Aber wir sind immer noch geneigt zu urtei­len: Mit meinem persönlichen Mann‑Sein hat das gar nichts zu tun.

Oder gibt es doch einen verborgenen Zusammenhang zwischen dieser massiven Männergewalt und sublimen Formen der Unterdrückung der Frau, an der alle Män­ner, mehr oder weniger, teilhaben?

Roger Garaudy, der in seinem Buch „Das schwa­che Geschlecht ist unsere Stärke“ für eine Feminisierung der Gesellschaft eintritt, weist auf ein hartes ökonomisches Faktum der Männerherrschaft hin, wenn er daran erinnert, dass im Bruttosozialprodukt die Haushaltsarbeit der Frauen erst gar nicht vorkommt. Sie macht aber mehr als ein Drittel der nationalen Arbeit aus! Auch das ist Ausdruck von Männergewalt, ist strukturelle Gewalt, ebenso wie der verspätete und immer noch und angesichts der wirtschaftlichen Rezession (der vorliegende Text wurde 1993 geschrieben) schon wieder unzureichende Zugang zu Berufspositionen, ebenso wie ungleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit, ebenso wie die selbstverständlich hingenommene Doppelbelastung der Frauen in der Berufs- und Hausfrauen‑Mutterrolle.

Und die „wahre“ Bestimmung der Frauen? Hört man nicht immer lauter werdend den alten Ruf von Männern, den Frauen stünden wesensgemäss die drei „K“ zu: Kinder, Küche, Kirche? Ist in den Augen Neokon­servativer das Elend der Moderne nicht der Ausdruck des Zerfalls der Familie, und der Zerfall der Familie Ausdruck der Emanzi­pationsbewegungen der heutigen Frauen? Für diese patriarchalischen Gedanken hält die abendländische Kultur einen Männer­herrschaft stabilisierenden Legitimations­mythos bereit: Die gottgewollte Unterord­nung der Frau unter den Mann.

In den Apostelbriefen liest sich das so: Denn Adam wurde zuerst geschaffen, danach Eva, und nicht Adam wurde ver­führt, sondern die Frau wurde verführt und ist der Versuchung erlegen. Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie im Glauben bleibt und in der Liebe Heilung sucht samt der Zucht. Die Psychoanalytikerin Christa Studt, deren Interesse der Weiblichkeits­forschung in der Psychoanalyse gilt, ur­teilt: „Für alle kommenden Generationen, für alle Kirchenmänner, Philosophen, Wis­senschafter bis hin zum letzten einfachen Mann ist damit allen Männern ein grandio­ses Werkzeug in die Hand gegeben wor­den, Natur, Körperlichkeit, Sterblichkeit und Schuld auf die Frauen abzuwälzen, den Sündenfall mit Sinnlichkeit, mit Sexualität zwischen Mann und Frau zu verknüpfen und die Frau als Verkörperung der Sünde darzustellen“. Männergewalt und Frauengehorsam in ihren vielfältigen Erscheinungsformen waren und sind die Folge.

Ausdruck davon ist oft die Sprache selbst. Das Sprachsystem des Deutschen enthält aufgrund seiner geschichtlich gewordenen Bedeutungsstruktur für Männer mehr Chan­cen als für Frauen. Der Mann ist die Norm, der Standard, die Frau die Ausnahme. Viele Sachverhalte werden nur über den Mann definiert. In ihrer frühen Arbeit „Frauen­sprache ‑ Sprache der Veränderung“ notiert Senta Tröml‑Plötz: „Wir sprechen von dem Politiker, dem Volksvertreter, dem Gesetz­geber. Der Postmann, der Milchmann, selbst der Mann auf der Strasse ist ein Mann, selbst der kleine Mann ist ein Mann, der Ehrenmann ist natürlich ein Mann, wir suchen den besten Mann für den Job, wir haben Sprichwörter wie ,Der kluge Mann baut vor’. Also Männer stehen sehr im Vordergrund. Frauen sind die Abweichung der Ausnahme“. Und die sprachliche Emanzipationsbemühungen der letzten Jahre muten vielen immer noch sehr fremd und gekünstelt an: PolitikerInnen, VolksvertreterIn­nen, die Postfrau, bis hin zu „frau“ statt „man“ ist der Meinung. Auch in vielen standardisierten Anschreiben, Amtsschrei­ben im besonderen, hat die Frau sprachlich oft immer noch keine Chance: Sehr geehr­ter Herr/Dear Sir/Monsieur. Auf diese Weise werden Frauen durch Akte des Igno­rierens permanent in ihrer Identität beschä­digt.

Das hat Folgen. Die Sprache unterstellt schon selbst, dass Frauen anscheinend an­ders reden als Männer, denn über Frauen wird geurteilt, dass sie wie Hühner gackern, wie Gänse schnattern, dass sie klatschen, tratschen, schwätzen. Das sind allesamt Ausdrücke dafür, dass Frauen viel reden und wenig sagen. Ganz im Gegensatz zu Männern: Ein Mann ‑ ein Wort. Auf ein Manneswort ist Verlass. Es hat Gewicht, seine Aussagen sind zuverlässig. Den Mann kann man/frau nicht übersehen und über­hören. Dagegen haben wir einen gänzlich anderen Sachverhalt bei Frauen: Am Ende werden Frauen gar nicht mehr wahrgenom­men. Wahrnehmung ist plötzlich nur noch männliche Wahrnehmung, bis hin zur männlichen Perspektive auch in den Wis­senschaften mit dem Monopol auf männli­che Welterklärung. Ulrike Pittner machte in diesem Zusammenhang darauf aufmerk­sam, dass zum Beispiel der Historiker Golo Mann diesem Mechanismus zum Opfer fiel: Er hat zwei Bände über deutsche Geschich­te im 19. und 20. Jahrhundert geschrieben. Sie gehören heute zur historischen Stan­dardliteratur. In diesen zwei Bänden erwähnt er ganze drei Frauen.

Es erscheint also nur das als bedeutsam, was dem männ­lichen Geschlecht wichtig ist. Die entspre­chende Geschlechtsrollenprägung wirkt hier unerbittlich. Soziale Weiblichkeit bedeutet: Anpassungsfähigkeit, Zurückhal­tung, Gefühl, Hingabe, Irrationalität usw. Soziale Männlichkeit dagegen: Durchset­zungsvermögen, Aggression, Intellekt, Unabhängigkeit usw. Nach solchen rol­lenspezifischen Prägungen wird die Frau schliesslich nicht einmal im Gespräch, in der Diskussion wahrgenommen: Männer übersehen sie, überhören sie.

Lesen wir nochmals Senta Tröml‑Plötz: „Bei unseren Gesprächspartnern und lei­der auch Gesprächspartnerinnen herrscht die Erwartung, dass aus Frauenmund nur irrelevantes Geschwätz kommt: was wir Frauen sagen, wird deshalb unterbrochen, falsch verstanden, überhört, abgetan, nicht ernst genommen, negativ bewertet“. Wel­cher aufgeklärte und aufmerksame Mann hat dies alles nicht schon selbst erlebt und erlitten: Wie Männer Frauen nicht zu Wort kommen lassen ‑ in der Talk‑Show, während des Interviews, in der politischen oder wissenschaftlichen Diskussion, im Freundeskreis und natürlich auch am Arbeitsplatz.

Diese sprachliche Männerge­walt ist allgegenwärtig, und diesbezügli­che Aufklärung schützt vor eigener Torheit nicht! Und am Ende wundert sich bei­spielsweise die engagierte Mitarbeiterin in der Firma, wenn ihr der Herr Vorgesetzte im Qualifikationsgespräch eröffnet, es er­mangele ihr an Durchsetzungskraft. Setzt sich aber eine doch einmal durch, mit den besser gehandhabten Mitteln der Männer­welt, dann sprechen Männer ihr kurzer­hand ab, eine Frau zu sein.

Die Welt ist aber gerade dort am meisten gefährdet, wo Männer Gewalt ausüben und Frauen bloss gehorchen. Ein radikaler Bewusstseins­wandel in der Männerwelt tut not. Noch ist der „neue Mann“ erst nur Programm, männliche Absichtserklärung. Erst wenn Männer nicht mehr die Identitätsbildung von Frauen behindern und verunmögli­chen, wird es geschichtlich keinen weite­ren Anlass mehr geben, einen gedank­lichen Bogen zu schlagen von Massenver­gewaltigungen in Kriegszeiten zu den kaum bemerkten Formen der Männerge­walt in Alltagssituationen. Der hier einge­klagte Bewusstseinswandel von Männern hat nicht die Ablösung des Patriarchats durch ein Matriarchat zum Ziel. Ange­sichts der globalen Bedrohungen ist dies ein sekundäres Problem. Die Überwin­dung der Männergewalt dagegen ist eine Überlebensfrage der Menschheit über­haupt. So gibt es gute Gründe, wenn heute gelegentlich geurteilt wird, dass die Frauenbewegung die bedeutendste der gesellschaftlichen Lernbewegungen sei, noch viel bedeutsamer als die Friedensbe­wegung und die Ökologiebewegung.

Literaturhinweise:

Senta Tröml‑Plötz: Frauensprache: Spra­che der Veränderung, 1982 u.ö.

Roger Garaudy: Das schwache Geschlecht ist unsere Stärke, 1985. (Nach dem weiteren Werdegang von Garaudy würde ich ihn heute nicht mehr zitieren. Das ändert nichts an der Richtigkeit der Aussagen des Buches "Das schwache Geschlecht ist unsere Stärke", das übrigens im Wikipedia-Beitrag nicht erwähnt wird.)

Veröffentlicht in ESSO-Revue 45, 1993, S.6-7

Peter Kern

 


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