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"Schossgebete" statt Literatur

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„Schossgebete“ statt Literatur

Sie sind streng. Sie urteilen aus dem grossen Fundus ihrer Ausbildung und ihres anspruchsvollen Geschmacks. Sie sind Literaturkritiker. Wer von ihnen geadelt oder auch vernichtet wird, ob Debütant oder arrivierter Autor, trägt fortan den Stempel der literarischen Anerkennung oder eben auch der Ablehnung wie ein Kainsmal mit sich herum. Die Leserschaft vertraut den Richtern über gute und schlechte Literatur.

Insider allerdings wissen um die Eitelkeiten und Fragwürdigkeiten dieser Hechte im Karpfenteich des Literaturbetriebs. Schon Goethe stöhnte auf: „Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Rezensent!“

Nun, literarische Geschmacksurteile sind keine logischen Schlussfolgerungen aus mathematischen Prämissen. Literarische Wertung ist ein vermintes Terrain. Literarische Urteile sind also hoch fragil.

Die Literarturgeschichte ist voll von Fehlurteilen. Ein und derselbe Text wird hier euphorisch gelobt und dort fulminant verrissen. Was heute in hoher Geltung ist, schmeckt schon der nächsten Generation nicht mehr; was heute übersehen wird, kann morgen grosse Dichtung sein.

Das alles ist bekannt.

Neu ist, wie sich Literaturkritiker selbst hinunter stufen auf das Niveau sprachlich unbedeutender Massenware. Diese Selbsterniedrigung begann mit dem Medienrummel um das Buch „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann, fand ihre deprimierende Fortsetzung mit den Urteilen zum Debüt-Text  „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche, und diese Selbsterniedrigung strebt augenblicklich einem Höhepunkt zu mit dem Besprechungstsunami zu Roches zweitem Buch „Schossgebete“.

Was da passiert, ist staunenswert dumm. Eine Autorin und ihr Verlag legen ein Buch vor, das sie der Leserschaft als „Roman“ anbieten. Damit sind literarische Standards gesetzt. Demgegenüber gibt die Autorin in ungezählten Interviews zu Protokoll, dass sie nicht schreiben könne, ja mehr noch, dass ihr Machwerk keine Literatur sei. Wohl aber habe sie den Drang zur Mitteilung, und zwar so, wie ihr der Schnabel gewachsen sei. Einen solchen Drang haben Viele. Niemand bespricht sie. Zu recht.

Anders ist das bei Charlotte Roche. Zwar bestätigt die Mehrheit der Rezensenten das Selbsturteil der Autorin, dass „Schossgebete“ literarisch nichts tauge, um dann umso ungehemmter die Preislieder anzustimmen. Es wird gelobt, was das Zeug hält.

DER SPIEGEL: Das Buch „Schossgebete“ sei von schockierender Ehrlichkeit. Ehrlichkeit? Es sind die Ergüsse einer bekennenden Exhibitionistin, die ihr privates Schicksal, bisher sorgsam gehütet, nun wohl kalkuliert zu vermarkten weiss. Die Ehrlichkeit der Charlotte Roche ist geschmacklos. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG: Man habe es mit einem literarischen Meisterwerk von entwaffnender Schlichtheit zu tun. Entwaffnende Schlichtheit? Nein, sie schreibt nur wie sie spricht, eben schlicht. Von sprachlicher Gestaltung keine Spur. Wie auch, wenn Roche von sich sagt: „Ich bin keine Schriftstellerin“. Und dann kommt es ganz dick mit dem Loben und Preisen. DIE ZEIT, wörtlich: „Schossgebete ist ein erwachsenes Buch, das der klassischen Tragödiendefinition gerecht wird, Furcht und Mitleid zu erregen.“ Dieses vollbackige Urteil hindert den Literaturkritiker Ijoma Mangold nicht, zugleich festzustellen: „Sofern Literatur ein Sprachkunstwerk ist, tritt Charlotte Roche in diese Liga nicht ein.“ Es geht also nicht darum, dass durch Sprache Furcht und Mitleid erregt werden, nein, es geht um eine Erregungsautorin, die, kommerziell  passgenau, auf erregungswillige Literaturkritiker trifft. Und die erregungswillige Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg weiss: „Schossgebete will keine literarische Meisterleistung sein, sondern seine Leser erreichen.“ Das schaffte schon Hedwig Courths-Mahler und so manch anderer Text voller sentimentalen Kitsches. Die Autorin, der Autor will „seine“ Leser erreichen, und sei es um den Preis literarisch bedeutungsloser Massenware.

Erstaunlich, wie sich neuerdings die literarisch Gebildeten der überregionalen Qualitätszeitungen in diese Lesergruppe einreihen. Charlotte Roche hat auch unter ihnen „ihre“ jubelnden Leser gefunden. Das Buch „Schossgebete“ taugt zwar nicht als literarisches Kunstwerk, wohl aber dazu, unter den Starrezensenten „seine“ Leser zu finden.

Das zu verstehen, ist mit literarischen Kategorien nicht mehr zu begreifen. Dazu muss man wohl die Psychoanalyse beiziehen. Wer das „Riesentherapiegespräch“ (Roche über ihr Buch) goutiert, der muss für sein aufgeblähtes Lob ausserliterarische Gründe bemühen. Die Symbiose zwischen der Erregungsautorin Roche und den erregten Rezensenten verweist auf gleichermassen unaufgeräumte Biographien.

Mögen doch diese Literaturkritiker künftig ihre Jubelorgien gleich in „Psychologie heute“ veröffentlichen, damit in den Feuilletons der kostbare Platz wieder frei wird für Literatur, für sprachliche Kunstwerke. Die Nachwelt wird ohnehin die Werke der Charlotte Roche aus den Feuilletons ins Lehrbuch der Psychiatrie übertragen. Regula Freuler in der NZZ am Sonntag vom 14.08.2011: "Das Buch ist kein Roman. Es ist ein Manifest. Es richtet sich hauptsächlich an Frauen und fordert sie auf: Befreit euch von falschen Idealen! Und vor allem: Geht in Therapie!"


Peter Kern

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