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Konfirmationsunterricht

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Aus der Rubrik "Geschichten von K. Dichtung und Wahrheit":


Ohne dass K gefragt worden wäre, hatte man ihn in Liegnitz wenige Tage nach der Geburt getauft. Wer kann schon in diesem Alter gefragt werden. Seine zufallsbedingte metaphysisch-offenbarungstheologische Festlegung als Protestant, genauer: als Lutheraner, sollte lange keine Auswirkungen auf sein Leben haben.

In die Kirche ging die Familie nur Weihnachten, und das Gebet vor dem Einschlafen hätte ohne Einbußen der innerweltlichen Wirkung auch durch einen profanen Text ersetzt werden können. Sein Christsein hatte K  weder die schmerzlichen Erfahrungen der Menschen verachtende Flucht quer durch Europa noch den grausamen frühzeitigen Tod seiner Mutter Gerda ersparen können. Die Aufarbeitung dieser traumatischen Widerfahrnisse blieb ihm selbst überlassen.

Gewiss, er besuchte seit dem Eintritt in die Schule den evangelischen Religionsunterricht. Ein existenzielles Glaubenkönnen erfuhr er dort allerdings nicht. Religion war ein Fach neben den anderen Fächern, noch dazu ein Fach, dem die gleichwertige öffentliche Anerkennung versagt blieb. Mit einer fünf in Religion war die Versetzung nie gefährdet, mit einer fünf in Deutsch oder Mathematik sehr wohl. Für K waren die Religionsstunden eine Fortsetzung des Geschichtsunterrichts. Bemerkenswert fand er, dass eine Religion der Liebe, die ihren Ursprung in der Geburt Jesu Christi haben sollte, von ausgesprochen unliebsamen Lehrern vermittelt wurde.

Dass die Lehrer der anderen Fächer nicht besser waren, gehörte wohl zum System Schule. Viele beamtete Spießbürger begegneten K in der Rolle süffisanter Sadisten, die aus den trivialsten Anlässen sich zu monströsen Tyrannen aufblähten. Für solche Lehrer wurde Pädagogik zur Tarnform sozialer Vergewaltigung. Dass einige von ihnen als Pädophile an realen Vergewaltigungen beteiligt waren, sollte erst später bekanntwerden. Unter ihnen sollten nicht wenige Lehrer der Religion sein.

Einer von Ks Religionslehrern tat sich besonders unrühmlich hervor, ein hagerer, nervöser Mann, den eine Aura der Kälte umgab. Er war kein Pädophiler. Und doch. Seine unerbittliche Strenge begleitete ihn überall hin. Empathie, Mitleidensfähigkeit, suchte man bei ihm vergeblich. Alle hatten sie Angst vor ihm, nicht nur die Schülerinnen und Schüler. Er unterrichtete mit Rohrstock und Schlüsselbund. Sobald dieses Sprachrohr Gottes die Klasse betrat, standen alle Eleven eingeschüchtert geräuschlos auf, begrüßten den Gefürchteten ehrerbietig im Chor, und noch bevor dieser Lehrer sein herzloses „Morgen“ den jungen Leuten entgegenschleuderte, knallte er mit dem Rohrstock auf das Lehrerpult und tadelte das erste Opfer. Aus der Sicht dieses Mannes benahm sich immer jemand daneben. Was folgte, war das Immergleiche: Abfragen der auswendig zu lernenden Bibeltexte, Lektüre neuer Bibeltexte, dürftige Interpretation. Er traute seinen Schülern nichts zu, er hielt sie prinzipiell für dumm und obendrein auch noch für faul. Dieser Lehrer einer Religion, einer christlichen zumal, ließ auch keine Gnade walten. Wer seinen Bibeltext nicht fehlerfrei herunterschnurren konnte, wurde im Notenbuch demonstrativ mit einer fünf bedacht. Das Eintragen der Ziffer hatte etwas Sadistisches an sich. Wer sich stotternd für seine schlechte Leistung entschuldigen wollte, wurde niedergebrüllt und mit dem entlarvenden Satz bedacht, Religionsunterricht sei ein ebenso ernstzunehmendes Fach wie Deutsch und Mathematik. Erwischte dieser unpädagogische Gottesmann jemanden bei einer Unaufmerksamkeit, dann schleuderte er ansatzlos sein Schlüsselbund in Richtung des Sünders. Oft traf es den Falschen, was nie Anlass zu einer Entschuldigung wurde. Der Mann herrschte während der fünfundvierzig Minuten, in denen man ihm ausgeliefert war, wie ein Despot.

Das Leben musste ihm viele Kränkungen bereitet haben. Er gab sie unreflektiert und ungefiltert weiter. Und dennoch schlug ein weiches Herz unter seiner rauen Schale. Auch K fürchtete ihn, zugleich aber war er ihm in einer verborgenen Zuneigung zugetan. Wer wollte, konnte viel in seinen Stunden lernen. Und K wollte das. Nach dem Tod von Ks Mutter war er es, der neben dem Musiklehrer E. W., kondolierte und sein ehrliches Mitgefühl zeigte.

K lernte, dass er künftig zweimal hinschauen wollte, bevor er einen Menschen beurteilte.

Als die Zeit gekommen war, die die Amtskirche für den Konfirmationsunterricht vergeben hat, bekam Ks Vater Post von der für seine Familie zuständigen Kirchengemeinde. Sein Sohn habe sich…Wie ein Gestellungsbefehl las sich die Aufforderung, zu angegebener Zeit im Gemeindesaal der Christuskirche in Hannover zu erscheinen. Eine muntere Schar Vorpubertierender traf sich dort, vor ihnen ein alter, gütiger Mann, ein längst pensionierter Pfarrer, den man wegen Personalmangels nochmals aufgeboten hatte. Er hatte nicht Nein sagen können. Sein schütteres Haar war weiß, eine randlose Brille verlieh ihm einen Hauch von Intellektualität. Er begrüßte die ihm anvertrauten jungen Schäflein freundlich, plauderte zwanglos mit ihnen. Er verbreitete eine angenehme, wohlwollende Atmosphäre. Das unterschied sich schon einmal positiv vom barschen Kasernenton des schulischen Religionsunterrichtes. Keinen Unterschied gab es im Blick auf die Lernziele. Auch im Konfirmandenunterricht waren biblische Texte zu lesen und auswendig zu lernen. Viel Wert legte der milde alte Mann auf die Kenntnis der Psalmen. Den Hirtenpsalm musste jeder im Schlaf aufsagen können. Neu war, dass jetzt auch Kirchenlieder gesungen wurden, auch deren Texte mussten gelernt werden. Ohne feste Burg ging gar nichts. Sicher, die Singerei lockerte den Konfirmandenunterricht ein wenig auf. Der Religionsunterricht in der Schule blieb demgegenüber miserabel stumm. Dort wurde nie gesungen.

Ausgerechnet das Singen sollte Anlass für eine grundsätzliche Umorientierung von K werden. K war immer textsicher, und so warf er sich voll Verve mit kräftiger Stimme in den Chor der anderen. Aber kein Ton stimmte. Er sang herzerweichend falsch und brachte auf diese Weise die ganze Gruppe aus dem Tritt. Ermahnungen halfen in einem solchen Fall von Unvermögen nichts. Dem gütigen Pfarrer blieb keine andere Wahl, er musste K das Mitsingen untersagen. Das führte bei K zu einer grundsätzlichen Reflexion. Er machte sich bewusst, was er untergründig schon längst geahnt hatte, dass er hier am völlig falschen Orte war. Was mutete man ihm zu! Was, um Himmels willen, sollte er glauben! Jungfrauengeburt, Wiederauferstehung nach dem Tode, Erbsünde. Nein, das konnte er alles nicht glauben. Im Religionsunterricht der Schule waren ihm diese Herausforderungen noch nicht so klar geworden. Der Lehrer dort legte mehr Gewicht auf die Kirchengeschichte, der Pfarrer hier aber auf die Dogmen. Was K am meisten irritierte, war der Widerspruch zwischen der Religion bedingungsloser Liebe und dem Hass, der auch und gerade zwischen den Christenmenschen tobte. Das gelebte Christentum der Christenheit entsprach so gar nicht dem Christentum des Neuen Testamentes. Nächstenliebe? Vergiss es. Feindesliebe gar? Nur schöne Worte ohne Taten. Statt Liebe gab es Kriege, die von den Popen gesegnet wurden. In so einem Verein mochte K nicht länger mittun. Er ging zu seinem Pfarrer und erklärte ihm, dass er ab sofort am Konfirmationsunterricht nicht mehr teilnehmen werde. Er könne nicht glauben, was er lernen müsse. Der lebenserfahrene alte Herr nahm sich viel Zeit für den jungen Zweifler und Skeptiker. Gemeinsam besprachen sie dies und das. K erzählte auch von seiner schwerkranken Mutter. Was ihm Freude bereitet, fragte unvermittelt der gütige Mann. K antwortete, er schreibe seit kurzem Gedichte. Ob sie etwas taugten, wisse er nicht. Aber das Schreiben selbst tue ihm gut. Ja, das Gedichteschreiben bereite ihm Freude. Sogleich fachsimpelten zwei Liebhaber der Sprache über Reimschemata und Rhythmus, über Hexameter, Daktylus und Spondeus. Denn auch der Pfarrer schrieb heimlich Gedichte. Am Ende des Gespräches entließ ihn der fromme Gottesmann mit der Zusage, in den Konfirmationsunterricht müsse er fortan nicht mehr kommen. Stattdessen trafen sich die beiden Laien-Lyriker in unregelmäßigen Abständen, um ihrem Hobby zu frönen.  Bald ging es in diesen Stunden nicht nur darum, was ein gutes Gedicht sei, nicht nur um lyrische Formen, sondern auch um existenzielle Inhalte. Gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide. Sie plauderten über alles, über Gott und die Welt und über sich. Sie philosophierten.

Als der Tag nahekam, an dem die Konfirmationsfeier stattfinden sollte, bat der dichtende Gottesmann seinen lyrischen Mitstreiter, an der öffentlichen Prüfung und Feier in der Kirche teilzunehmen. Auch er solle konfirmiert werden. Erschrocken wandte K ein, er habe doch nichts von dem gelernt, das den anderen monatelang eingetrichtert worden war. Er könne sich nur blamieren und durchfallen. Der Pfarrer beruhigte ihn. Schon in jungen Jahren habe er erfahren, dass die Welt betrogen werden will. Das gelte auch für Protestanten. Damit die öffentliche Prüfung nicht zur hysterisch aufgebauschten Blamage entarte, habe er sich einen kleinen, aber feinen Trick ausgedacht. Wer eine Antwort auf seine Fragen weiß, der melde sich mit der rechten Hand, wer keine Antwort habe, mit der linken. So hat die Gemeinde immer den Eindruck bestens informierter Christen. Und damit K sich nicht nur mit der linken Hand melden müsse, werde er die eine oder andere philosophische Frage einstreuen, auf die nicht mit Auswendiggelerntem zu parieren sei, sondern durch kluges Nachdenken. Und dass K das beherrsche, habe er schließlich während der vielen Privataudienzen überzeugend unter Beweis gestellt. Und so geschah es dann auch. K beeindruckte mit seinen eloquenten Antworten nicht nur die Gemeindemitglieder, sondern auch seinen väterlichen Pfarrer, diese edel humane Gestalt, die das Widervernünftige seiner Prüfungspraxis harmonisch in seine christliche Existenz zu integrieren wusste.

War es die Erinnerung an diese noble Person, die K immer wieder davon abhielt, seiner Kirche den Rücken zu kehren? Er sollte erst nach dem Tode seiner Frau aus der Kirche austreten. Da war er fast fünfundsechzig Jahre alt.


 


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Wir leben in einer furchterregenden Scheinsicherheit. Unser gesellschaftliches Gehäuse ist mehr als fragil. Und ein spirituelles – wer hat das schon?