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Mindanao, ein Reisebericht

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Ermutigende Solidarität mit philippinischen Christen –

Über eine Reise zu tapferen Menschen im Schatten kapitalistischer Globalisierung


von Hans-Georg Wittig


Im vergangenen Herbst hatte ich das Glück, an einer Gruppenreise auf die philippinische Südinsel Mindanao teilzunehmen, die von „Missio“ veranstaltet und von Dieter Zabel geführt wurde. Als Gäste der Diözese Kidapawan suchten wir vor allem Kontakt zu den zurückgedrängten Einheimischen, den „indigenous people“. Wegen gewaltsamer Konflikte zwischen Muslimen und Militär stand unsere Reise lange auf Messers Schneide – beide Seiten haben wir dann vor Ort ein Stück weit kennen gelernt. Noch vor Beginn der Gruppenreise konnte ich mit meiner Frau in Manila die Kirchenleitung und einige Projekte der protestantischen „United Church of Christ in the Philippines“ (UCCP) besuchen, die sich mutig für die Verwirklichung der Menschenrechte einsetzt, deshalb die Ausbeutung des Landes durch mächtige internationale Konzerne kritisiert und dafür vom derzeitigen neoliberalen Regime immer wieder schlimmen Verfolgungen ausgesetzt wird – viele Pfarrer, protestantische ebenso wie katholische, sind Opfer von „extra-judicial killings“ (außergerichtlichen Tötungen) geworden, die nie aufgeklärt wurden... Und auf der armen Zuckerinsel Negros konnten wir ein von der „Kindernothilfe“ gefördertes Heim-Projekt besuchen, in dem auch eine unserer Patentöchter  betreut wird.


Schattenseiten kapitalistischer Globalisierung


Um verständlich zu machen, was diese Reise für mich bedeutet, muss ich einige Reflexionen über den Rahmen vorausschicken, in dem sie für mich steht. Wir leben in einer Welt kapitalistischer Globalisierung. Wir wissen alle, dass die Polarisierung zwischen wenigen Gewinnern der Globalisierung und vielen Verlierern fortschreitet – sowohl innerhalb unserer eigenen Länder als auch weltweit. Stand dem ärmsten Fünftel der Menschheit vor etwa dreißig Jahren nur ein Dreißigstel dessen zur Verfügung, was das reichste Fünftel besitzt, so ist es inzwischen weniger als ein Sechzigstel. Wir wissen, dass die natürlichen und menschlichen „Ressourcen“ armer und machtloser Länder den „global players“ nahezu schutzlos ausgeliefert sind und dass die „Eliten“ dieser Länder allzu oft mit den Mächtigen der „Ersten Welt“ kollaborieren, statt sich für ihr Volk einzusetzen. Die aktuelle globale Finanz- und Wirtschaftskrise verschärft die Situation weiter. Von den Opfern kann diese Entwicklung nur als Fortsetzung des früheren Kolonialismus, ja Imperialismus mit anderen, nunmehr schwerer zu bekämpfenden Mitteln wahrgenommen werden. Kann daraus letztlich anderes entstehen als Hass und Gewalt?


Ethische Konsequenzen


Da wir als Teilnehmer am wirtschaftlichen und politischen Leben alle – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – für diese Entwicklung mitverantwortlich sind, ist von uns, über jede in Nahhorizonten praktizierte Menschlichkeit hinaus, nunmehr nichts Geringeres gefordert als globale Verantwortung. Erste Aufgabe ist, sich für die möglichst präzise Wahrnehmung der globalen Zusammenhänge auch dann zu öffnen, wenn die Wahrheit schmerzt. Die veränderte Wahrnehmung drängt dann zu Handlungen: Jeder von uns, die wir ohne eigenes Verdienst  in einem reichen Land aufgewachsen sind, kann etwas gegen globale Ungerechtigkeit tun - schon durch „fair trade“ und den eigenen Lebensstil, mehr noch durch politisches Engagement, Mitarbeit in vielerlei  Nichtregierungsorganisationen usw.


Chancen und Aufgaben einer wahrhaft christlichen Weltkirche


Aber diese Einsichten verdrängen wir gern, in unserem gestressten Alltag möchten wir endlich unsere Ruhe haben – religiös allerdings landen wir dann bei folgenloser Erbaulichkeit und bloßem Wellness-Christentum. Dabei müssten wir gerade als Christen wissen: Man kann nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon. Trotzdem: Droht globale Verantwortung uns nicht als Einzelne zu überfordern? Sind wir nicht von Natur aus mehr am Nahen als am Fernen interessiert?

Doch da in einer globalisierten Welt „Fernstenliebe“ schlechterdings „Not-wendig“ ist, dürfen wir das Interesse am Nahen, das in unserer bisherigen Evolution ausreichte, jetzt nicht als Ausrede benutzen. Das Leben vieler Menschen beweist, dass die Enge von Nahhorizonten überwindbar ist, und vor allem zeigt sich an dieser Stelle, wie lebenswichtig gerade heute eine wahrhaft christliche Weltkirche ist, die uns anleitet und hilft, unsere globale Verantwortung wahrzunehmen – eine Weltkirche, die auch in dem Sinne ökumenisch ist, dass sie den unseligen Konfessionsstreit fundamentalistischer Zeiten endlich hinter sich lässt. Zentrale Aufgabe einer solchen Weltkirche muss die Förderung von Partnerschaften zwischen Christen in reichen und armen Ländern sein: Persönliche Begegnungen lassen aus Fernsten Nächste werden.

Dabei liegt es nahe, Kontakte gerade zu den Philippinen zu suchen: Einerseits sind sie ein typisches Land der sogenannten „Dritten Welt“, andererseits sind sie durch die spanischen Kolonialherren über die Jahrhunderte hin längst christianisiert worden, und durch ihre Zeit als Kolonie der USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die englische Sprache dort so verbreitet, dass sie echte Verständigung für viele von uns enorm erleichtert. Dass die  Kirche in der philippinischen Bevölkerung längst verwurzelt ist, unterscheidet dieses Land von vielen anderen, in denen christliche Mission erst seit kürzerer Zeit und mit begrenztem Erfolg stattfindet und in denen sie deshalb eher mit den verhassten ausländischen Ausbeutern assoziiert wird. Wie wichtig die Kirche für die Philippinen ist, zeigt nicht zuletzt ihre Mitwirkung am erfolgreichen gewaltlosen Sturz der Marcos-Diktatur 1986.


Stationen der Reise


Und damit komme ich zu unserer Reise zurück. Natürlich kann ich hier nur wenige Erfahrungen skizzieren. Solidarität kam schon in unserer eigenen Gruppe auf, als wir beim Vortreffen am Rande der „Ökumenischen Philippinen-Konferenz“ sorgfältig in die Problemlage eingeführt wurden. Erst recht wurden wir dann, obwohl in Alter und Standpunkten durchaus unterschiedlich, durch das gemeinsam Erlebte zusammengeschweißt.

Vor Beginn unserer „exposure“ (unseres auf Realerfahrungen ausgerichteten Aufenthalts) in Mindanao habe ich, wie erwähnt, UCCP-Projekte kennen gelernt, z.B. eines für Prostituierte und ihre Kinder oder den vorschulartigen Kindergarten auf dem „Smokey Mountain“, dem riesigen stinkenden Müllberg Manilas, auf dem menschliche Wesen in jämmerlichen Verschlägen hausen und versuchen, durch Herausfischen von noch Verwertbarem sich über Wasser zu halten – beim Rundgang fühlte ich mich beschämt durch die Freundlichkeit, mit der diese Menschen uns begrüßten, aber diese Freundlichkeit war wohl vor allem dem uns begleitenden Pfarrer zu verdanken, der dieses Kinderzentrum aufgebaut hat. Dort arbeiten auch Freiwillige aus Deutschland mit, z.B. eine Abiturientin, die Theologie studieren will und mit der wir weiterhin Kontakt halten. Und bei einem Gespräch mit leitenden Mitarbeitern dieser Kirche wurde uns die Förderung einer Jugendlichen ans Herz gelegt, die selber aus ärmsten Verhältnissen stammt und sich in der Gemeinde in besonderer Weise sozial engagiert – es ist eine Freude, durch Mail-Kontakte mitzuerleben, wie sie sich in der Schule von Erfolg zu Erfolg vorankämpft...


Bildungszentrum für Indigene


Nach einigen Tagen wohltuender „Akklimatisierung“ erlebte unsere Missio-Gruppe dann in Kidapawan, wie kirchliche Mitarbeiter sich dort für die um ihre Rechte betrogenen, ins unwegsame Gebirge abgedrängten „indigenous people“ einsetzen. Im Mittelpunkt unserer Reise stand die benachbarte „Demo-Farm“, die den anreisenden Gruppen von Einheimischen nicht nur Methoden von „sustainable agriculture“ (nachhaltiger Landwirtschaft) zu vermitteln sucht, sondern eine möglichst umfassende Bildung in ihrer eigenen Kultur sowie Ermutigung in ihrem Selbstwertgefühl. Und das Herz dieser Farm sind einerseits die mittlerweile welterfahrene Lory Obal und ihr Mann, andererseits der – ursprünglich aus Italien stammende, aber längst „inkulturierte“ – Father Peter Geremia, der nur deshalb noch am Leben ist, weil vor Jahrzehnten der auf ihn angesetzte Mörder ihn mit einem anderen Pater verwechselte, den er an seiner Stelle umgebracht hat. Was dieser bescheidene, asketische, stets aktive und doch heitere Ruhe ausstrahlende Mann uns aus seinem Leben erzählt hat, auch von der späteren Versöhnung mit dem Mörder, lässt sich nicht in wenigen Worten wiedergeben. Welche Bedeutung er als väterlicher Freund für sehr viele Einheimische gewonnen hat, wurde geradezu rührend sichtbar beim Fest zu seinem 70. Geburtstag, das wir miterlebten.

Eine Schilderung der exotischen Reize unseres Unternehmens, etwa der abenteuerlichen Fahrten auf Gelände-Lastwagen in den Dschungel der Berge, muss ich hier beiseite lassen. Tief beeindruckend waren die dankbare Herzlichkeit und die Gastfreundschaft, mit denen uns die Indigenen in ihren abgelegenen, materiell sehr armen Siedlungen empfingen. Wir erfuhren, wie sie durch näherrückende Siedler um ihr Land betrogen wurden und wie ihre Anführer, als sie dagegen Widerstand leisteten, eingesperrt wurden. Wir besuchten die grauenhaften Gefängnisse, in denen Menschen dichtgedrängt wie Tiere hinter Gittern eingepfercht sind. Was wäre seinerzeit in und mit den stolzen Anführern der „indigenous people“ geschehen, wenn sie aus ihrer entwürdigenden Inhaftierung nicht sehr bald durch kirchliche Mitarbeiter befreit worden wären?


Kapitalistische Ausbeutung und Gefahr kirchlichen Rückzugs


Damit sind wir beim entscheidenden Thema: Längst vergiften internationale Agrarkonzerne z.B. durch die Pestizide, die sie in ihren riesigen Bananen-Monokulturen verspritzen, das Umland der Einheimischen, und zunehmend greifen Bergbaukonzerne nach den Bodenschätzen dieser Gegend – wer Widerstand leistet, muss fürchten, beseitigt zu werden.

Doch gerade jetzt tritt die dortige Diözese in einen Prozess der Umstrukturierung ein, der unter anderem zur Folge hat, sich vom Engagement der „Demo-Farm“ und ihrer Mitarbeiter zu distanzieren. Wie weh das diesen Mitarbeitern tut, haben wir vor Ort erlebt. Inzwischen haben sie für ihr Anliegen eine neue Organisation gegründet, die durch ihre geringere Abhängigkeit von der Kirche möglicherweise auch neue Chancen außerkirchlicher Zusammenarbeit bietet. Aber wie würden die betroffenen Indigenen reagieren, falls ihnen, die sich von so vielen politischen Institutionen im Stich gelassen fühlen, auch die Kirche keine Geborgenheit mehr böte?


Wechselseitige Ermutigung


Hier zeigt sich von neuem, wie lebenswichtig überregionale Hilfe und internationale Aufmerksamkeit für die Menschen dort sind. Diese Solidarität kann unterschiedliche Gestalten haben: von der Beteiligung an Kinderhilfswerken oder anderen Projekten über persönliche Kontakte, Gemeinde-Partnerschaften und die „Ökumenische Philippinen-Konferenz“ bis hin zum politisch ausgerichteten „Aktionsbündnis Menschenrechte Philippinen“, das mutige Aktivisten vor Ort zu schützen sucht und außer vom „Philippinenbüro“ im Essener „Asienhaus“ ökumenisch von Hilfswerken der beiden großen Kirchen in Deutschland getragen wird, auch von „missio“.

Doch diese Solidarität ist keineswegs nur einseitige Zuwendung. Mindestens ebenso wichtig ist umgekehrt das, was uns erstaunlich viele Christen in den Philippinen ihrerseits geben können: mutige Beispiele gelebten Christentums, die uns aus unserer so verbreiteten Saturiertheit aufwecken können. Wie dankbar müssen wir sein, wenn wir auf die Süchte der Glitzerwelt, die uns als das höchste Gut vorgegaukelt wird, nicht hereinfallen und wenn uns nicht erst in der Sterbestunde aufgeht, worauf es in unserem Leben wirklich ankommt! Und der Mut, mit dem Christen in den Philippinen sich für die Menschenrechte und gegen die ungerechten und zerstörerischen Folgen ungezügelter Globalisierung einsetzen, kann – und soll! – endlich auch die Kirchen in unseren reichen Ländern, die als Institutionen tief in dieses ungerechte Wirtschaftssystem verstrickt sind, ermutigen, sich aus dieser geistlichen Gefangenschaft zu befreien.


Erschienen in: missio konkret (München) 4/2009, S.9-11





 


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