• Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Wilder-Proll

E-Mail Drucken PDF


Aus der Rubrik "Geschichten von K. Dichtung und Wahrheit":


Nach seiner Verabschiedung in den Ruhestand betrat K die Hochschule in Freiberg nie wieder. Die entehrenden Demütigungen, die ihm eine kleine Clique Unmenschen dort zugemutet hatte, saßen zu tief. Sie waren alles, nur keine Kollegen gewesen. Als Feinde hatten sie sich aufgespielt. Mit der Zeit und mit der Entfernung vom Tatort wurden K diese Feinde immer unwichtiger. Hatte er sich zunächst noch bei Freunden und Ehemaligen über seine Peiniger erkundigt, so ließ er das bald sein, bis sie vollkommen aus seinem Bewusstsein verschwunden waren. Aufgeblasen zu ewiger Subjektlosigkeit hatten sie sich für K in Nichts aufgelöst, bis zu dem Tag als er Wilder-Proll wieder begegnete.

K saß im Restaurant Berower Park der Fondation Beyerle. Er war allein inmitten der Kunstsuchenden, die sich nach dem Besuch der Gerhard-Richter-Ausstellung stärkten, als er plötzlich, schräg durch den Raum auf der anderen Seite, seine ehemalige Kollegin Wilder-Proll erblickte. War sie es wirklich, sie, diese plumpe Widersacherin seiner letzten Jahre an der Hochschule in Freiberg? Sie war es. Er war sich sicher. Dieses Mal überfiel sie mit ihrem Wortschwall eine deutlich jüngere Begleiterin. Es mochte ihre Tochter sein. Was die sichtbar gealterte Professorin sagte, war auf die Entfernung nicht zu verstehen.

K imaginierte ihre von geringem Wissen getrübte Überheblichkeit. Sie zehrte damals gleich von zwei Zeitgeistphänomenen, der überstürzt-blinden Förderung von Frauen bei Berufungen und der wenig reflektierten intellektuellen Strömung der Postmoderne. So geriet sie auf die Berufungsliste für die Neubesetzung der Planstelle für Neue Medien, der die Philosophie weichen musste. Auch das lag im Trend.

Zum ersten Mal traf K Wilder-Proll umringt von Studentinnen im Café des U-AStA. Er stellte sich vor, sie strahlte ihn an, bat ihn, Platz zu nehmen und fragte ihn neugierig über ihre neue Arbeitsstelle aus. Die sie umgebenden Studentinnen schrumpften zur Staffage. K registrierte das nicht. Er erlag ihrem Charme. Hätte er nicht gewusst, dass sie eine verbissene Feministin war, er hätte mit ihr geflirtet. So behielt er die erotische Regung, die sie bei ihm ausgelöst hatte, für sich. Nur verstohlen glitten seine Augen über ihren allzu runden, für ihn aber schönen Körper.

Aber schon beim ersten offiziellen Zusammentreffen während einer Fachbereichsratssitzung musste K mit ratlosem Staunen zur Kenntnis nehmen, dass die Neuberufene ihm gegenüber vollgesogen war mit Vorurteilen. Allein der Umstand, dass er den Studierenden eine wertorientierte Lehre anbot, noch dazu in den Feldern Friedens- und Ökopädagogik, hatte gereicht, ihn in ihren Augen zur wissenschaftlichen Persona non grata zu machen. Wilder-Prolls wissenschaftliches Credo, Erziehungswissenschaft habe wertfrei zu sein, hielt sie nicht davon ab, diesen Glaubenssatz selbst im Modus des Sollens zu formulieren. Den darin enthaltenen Widerspruch sah sie nicht.

Der offenen Auseinandersetzung mit K war sie immer ausgewichen, wie alle seine Gegner damals. Nie nahmen sie sein Angebot an, öffentlich vor allen Studierenden die unterschiedlichen Lehrmeinungen auf den Prüfstand zu stellen. Hinter Ks Rücken wurde dafür umso mehr gegen ihn opponiert. Wilder-Proll beteiligte sich eifrig an diesem schmierigen Spiel. In Gedanken sah sich K wieder umstellt von den selbstsicheren Gesichtern seiner Widersacher, von einem doppelzüngigen Katholiken, vom aalglatten Organisationsentwickler ohne pädagogisches Verständnis, vom eitlen Postmodernen, der sich ständig inhaltslos selbst überholen musste, und eben auch von Wilder-Proll.

K musste immer wieder zu ihr hinübersehen. Ob sie noch im Dienst war? Oder genoss auch sie inzwischen die Freiheiten eines sicheren Ruhestandes? Ihre Blicke trafen sich. Sie erhob leicht ihre Hand zum mimischen Gruß. Hatte sie dabei nicht sogar gelächelt? Einer spontanen Regung folgend, stand K auf, durchquerte den Raum und begrüßte sie an ihrem Tisch ausgesucht höflich. Sie stand auf, ihre junge Begleiterin stellte sie nicht vor. K und Wilder-Proll tauschten einige Artigkeiten aus, K wagte es gar, an die Fehden längst vergangener Jahre zu erinnern, sie signalisierte ihm, dass sich die Zeiten ja geändert hätten, sie habe dazugelernt.

K war gerührt. Er wurde sentimental.

Er sah sich wieder im Café des U-AStA, und hinter dem älter gewordenen Körper der Widersacherin entdeckte er die schönen Rundungen der Erstbegegnung. Gegen seinen Willen fiel K in den Ton werbender Vertraulichkeit. K verabschiedete sich mit einem herzlichen Handschlag, nickte offen-freundlich zu der jungen Begleiterin der ihm wieder sympathisch gewordenen Wilder-Proll hinunter und ging zurück an seinen Tisch.

Er bestellte noch ein Viertele, einen Rotwein vom Weingut Wyss in Kalifornien, von jenem Wyss, der schon seit Jahren großzügig die Fondation Beyerle unterstützt. Man muss den Menschen nur Zeit lassen, sinnierte K, dann werden sie schon zu sich selbst finden, dann werden auch sie ihn, K, verstehen. K schwelgte in Aussöhnungsträumen. Er war bereit, alle Zumutungen von damals zu vergessen. Man musste doch verzeihen können, gewiss musste man das. K war offen, diese alte Wunde zu schließen. K war glücklich.

Dass Wilder-Proll ihn nicht gebeten hatte, an ihrem Tisch Platz zu nehmen, hatte K in seiner neuen Gestimmtheit ihr gegenüber gar nicht registriert. Dass ihre Sätze während des gemeinsamen Small-Talks eine Spur zu beflissen waren, hatte er überhört. Dass ihr Lächeln einen Grad zu professionell war, hatte er übersehen. Erst als K auf seinen Brief, den er ihr gleich nach dem Zusammentreffen bei Beyerle geschickt hatte, keine Antwort bekam, erinnerte er sich an diese Details. Er war im Restaurant der aufgesetzten Höflichkeit der nach wie vor Unempfindsamen auf den Leim gegangen.

K hatte in seinem Brief an das, wie er es wahrgenommen hatte, schöne versöhnliche Gespräch erinnert und der Post einen seiner letzten Aufsätze beigelegt, in dem er die Dummheiten der universitären Hochschulreform aufgespießt hatte. Sicher, er hatte am Bologna-Prozess kein gutes Haar gelassen. Aber genau das würde sie ja heute verstehen.

Wilder-Proll verstand nichts. Sie antwortete erst gar nicht, nicht einmal den Eingang seines Briefes bestätigte sie.



 


Zufällig ausgewählte Glosse

Wir sind auf dem Wege zu postrepublikanischen und postdemokratischen Zuständen.Ein Symptom: Die wieder erwachte Sehnsucht der Massen nach dem Geburtsadel.