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Über Albert Schweitzer

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Über Albert Schweitzer

und die theologische Bedeutung aufgeklärter Humanität


Von Hans-Georg Wittig


Albert Schweitzer im Rahmen der großen Tradition aufgeklärter Humanität seit Lessing, also im Rahmen eines reichen und fruchtbaren Orientierungszusammenhangs, ohne den er letztlich nicht zu verstehen ist – das ist das weit gespannte Thema des schmalen neuen Buchs von

Peter Niederstein: Albert Schweitzer, Goethe, Lessing & Co

Reden für Jung und Alt, Augsburg: decora-Verlag 2011, 143 S.

„Der wie ein Steppenbrand sich immer noch ausbreitende religiöse Fundamentalismus provoziert… eine Rückbesinnung auf die Epoche der Aufklärung.“ (S.136) Deshalb skizziert der weltoffene Pfarrer in seinen sich ergänzenden Reden aus profundem Wissen einen weiten Bogen von Schweitzers Pädagogik (denn auch Pädagoge war er, sogar einer der größten des 20. Jahrhunderts!) und der hinter dieser Pädagogik stehenden Grundhaltung über Goethe und Lessing bis hin zu Kant und seiner Bedeutung für den Protestantismus, ja zu weiteren Klassikern wie Schiller und Schleiermacher, schließlich auch zu Theologen des 20. Jahrhunderts wie Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer.

Einzigartig ist die heitere und einladende Leichtigkeit, mit der er dies tut – nicht belasten will er, sondern anregen, und das gelingt ihm durch immer wieder überraschende Wendungen, in denen er alte und neue Autoren, trotz ihrer unterschiedlichen Ausdrucksweisen, ins fruchtbare Gespräch bringt. Und um von vornherein dem Missverständnis zu wehren, hier könnte es sich um abgehobene Theorie handeln, fügt er dem Geflecht seiner Argumentation (wie schon in seinem Schweitzer-Buch „Schnittpunkte“) stets von neuem Bezüge auf sein eigenes Leben ein, auf das, was ihm gerade als Pfarrer wichtig geworden ist.

Das so entstandene Schatzkästlein lässt sich an dieser Stelle nicht annähernd ausschöpfen, aber es soll hier kräftig empfohlen werden, und zwar „für Jung und Alt“: nicht nur für Anfänger, sondern erst recht für Fortgeschrittene – ja gerade die, die dieses weite Feld schon einigermaßen kennen, werden durch die Vernetzungen dieses Büchleins nur um so mehr gewinnen!

Dabei liebt Niederstein auch inhaltlich die Provokation. Schweitzers Grundhaltung umschreibt er einmal mit dem Satz: „Ein wahrhaftiger Menschenfreund ist zugleich ein Rebell, und ein wahrhaftiger Rebell ist zugleich ein Menschenfreund.“ (S.31) Natürlich kommt es hier zweimal auf das Wort „wahrhaftig“ an: Der „wahrhaftige Menschenfreund“ sieht, daß er sich nicht aufs unmittelbare Helfen beschränken darf, sondern zugleich gegen ungerechte Strukturen zu rebellieren hat, und der „wahrhaftige Rebell“ ist selbstkritisch genug, um in seiner Rebellion nicht lieblos zu werden, er sieht, daß letztlich nur humane Lösungen helfen...

Warum aber gerade Goethe, Lessing, Kant? Wie intensiv Schweitzer selbst sich mit diesen Klassikern auseinandergesetzt hat, ist bekannt. Gemeinsam ist ihnen, daß sich ihre kritischen Reflexionen „zwischen“ dogmatischen Ausschließlichkeitsansprüchen einerseits und skeptischer Beliebigkeit andererseits bewegen – Kant hat das wohl am klarsten auf den Begriff gebracht, indem er seine Philosophie einerseits gegen intoleranten „Dogmatismus“ abgrenzte und andererseits gegen indifferenten „Skeptizismus“. Während die einen im Alleinbesitz der Wahrheit zu sein behaupten, haben die anderen den Wahrheitsbegriff überhaupt preisgegeben – es kommt aber darauf an, so umsichtig wie möglich nach Wahrheit zu streben, ohne doch jemals behaupten zu dürfen, sie ganz erreicht zu haben: Nur so ist menschenwürdige Kommunikation möglich.

Gerade weil in der Gegenwart die Extrempositionen von Fundamentalismus und postmoderner Beliebigkeit allzu oft unvermittelt aufeinanderprallen, ist Niedersteins „Rückbesinnung auf die Epoche der Aufklärung“ so notwendig. Schon Lessing hat übrigens klar zwischen „Religion Christi“ und „christlicher Religion“ unterschieden (S.81) – heute theologisch ein hochaktuelles Thema! - , und was Kant zu einem aufgeklärten Verständnis von Religion beizutragen vermag, zeigt der von Niederstein (S.135) zitierte Werner Zager. Nur die hier skizzierte „mittlere“ Position ermöglicht auch interreligiöse Dialoge: Wer sich im Alleinbesitz der Wahrheit wähnt, kann sie nicht führen, und wer alle Religionen für „gleich gültig“ hält, braucht es nicht. Die allein weiterführende vernünftige Argumentation allerdings setzt voraus, daß Religion sich mit Philosophie verbindet, und folgerichtig war dies das zentrale theoretische Anliegen Schweitzers.

Aber werden durchschnittliche Kirchgänger dadurch nicht überfordert? Die Kirchen sollten allerdings nicht bloß furchtsam darauf sehen, wie viele Menschen sie verlassen, sondern sorgfältig darauf achten, wer sie verläßt und wer ihnen zustrebt. Wie wichtig sind ihnen mündige Christen (statt bloßen Mitläufern) wirklich?

Daß im Christentum kritische Reflexion und lebendige Gemeinde sich nicht ausschließen, das haben sowohl Albert Schweitzer als auch Peter Niederstein gezeigt. Dank also für die Initiative, diese Reden zu publizieren!

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Vgl. auch Hans-Georg Wittig: Mitgeschöpflichkeit - grundlegende Beiträge Albert Schweitzers zu Selbstverständnis und Bildung des Menschen. In: Beiträge Pädagogischer Arbeit 1990, 33, S.44-70

Hans-Georg Wittig: Geben weckt. Zum anthropologischen Verständnis der Pädagogik Albert Schweitzers. In: Albert Schweitzer - Leben zwischen Mystik und Ethik. Hg. von der Evangelischen Akademie Baden. Karlsruhe (Herrenalber  Forum, Bd.21), 1998, S.55-81

Vgl. auch die Monographie des Wittig-Schülers Peter Münster: Albert Schweitzer. Der Mensch - Sein Leben - Seine Botschaft, 2010

Erschienen in: 

Freies Christentum. Auf der Suche nach neuen Wegen (Stuttgart), 63. Jg. 2011 (Heft 6), S.163 f.

Vgl. auch den ERGÄNZUNGSTEXT "Albert Schweitzer als Wegbereiter einer zukunftsfähigen Kirche".





 


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