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Kriminelle Energien

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Kriminelle Energien

Er ist jung, voller Energie und belastbar. Er verfügt über eine theoretische Intelligenz, und er ist voller Lebenshunger. Zudem scheint er unbegrenzt reich zu sein. Er muss seinen Reichtum zeigen. Sein Lebensstil hat etwas Vorlaut-Protziges. Die Partys, die er gibt, atmen den Ungeist neureicher Emporkömmlinge. Sie sind laut und immer eine Spur zu grell. Ihnen fehlt der Stil einer gewachsenen Tradition. Man kann sie deshalb nicht einmal als glamourös bezeichnen. Alles an diesem jungen Mann hat etwas Schrilles und demonstrativ Auftrumpfendes. Er ist arrogant. Er wirkt wie ein Oberflächentyp, der überall und allen unmissverständlich signalisiert: Die Welt ist käuflich, und ich kann sie mir leisten. Teuerste Wohnungen, teuerste Kleidung, teuerste Essen, teuerste Autos und Ferien in den exklusivsten Orten auf diesem Globus. Alles ist für ihn ein Rausch in Champagner. Auch sein Umgang mit Frauen ist lässig von oben herab, ist von eitlem Machotum: Alle gehören sie mir, wenn ich nur will. Und ob er will! Feiert er in seiner Luxusloft, stehen die Schönen unten vor dem Haus im Nobelviertel schon Schlange, aufgebrezelt zur Ware für den überheblichen Kapitalschnösel, dem Angeber vom Dienst willfährig zu Diensten.

Er muss einer von dieser unangenehmen Spezies sein, die als masslos verwöhnte Söhne superreicher Eltern den längst überholten Playboy spielen müssen. Und während ich dieses denke, flüstert mir ein Insider ins Ohr: Der verdient sein Geld selbst.

Wie das? Da geht doch etwas nicht mit rechten Dingen zu. Charakterlich wirkt er auf mich wie jemand, der zu ewiger Subjektlosigkeit ausgeblasen ist, ein Pfau, mehr nicht. Und dann dies: Noch keine dreissig Jahre alt und schon Millionär. Potzblitz! Reflexhaft assoziiere ich: Rotlichtmilieu? Menschenhändler? Waffenschieber? Mafioso? Absahner in einer der politisch instabilen Regionen dieser Welt? Auf jeden Fall ist er ein pfiffiges Kerlchen, das weiss, wo und wie die Kühe dieser Welt zu melken sind. Nur, ich möchte ihm weder meine Tochter anvertrauen müssen, noch mein Bankkonto. Ich möchte nichts mit ihm zu tun haben.

Hast du aber, raunt mir da der Kenner der Szene ins Ohr. Er ist Banker, genauer: Investmentbanker. Sein Tun und Lassen wirkt sich auch auf dein Geld auf deiner Bank aus. Bitte, nein, das ist nicht wahr, das ist ein Witz, durchfährt es mich. Dieser ungare Typ darf doch niemals über das Geld fremder Menschen bestimmen, und  schon gar nicht in Millionenhöhe. Doch, darf er.

Mein Weltbild gerät ins Rutschen. Mir hatte man von Kindes Beinen an beigebracht, dass Banker immer diese soliden, seriösen, Vertrauen erweckenden Persönlichkeiten im gediegenen grau-blauen  Anzug seien. Und so stilisieren sie sich ja auch heute noch öffentlich, in jedem Fernsehstatement, bei jeder Bilanzpressekonferenz. Und aus dieser Gruppe kommt der flippige Typ? Nein, und abermals nein.

Doch, doch, entgegnet ungerührt der Insider. Der kaum Dreissigjährige gehört zu den Londoner „Cityboys“, den Yuppie-Bankern. Er ist ein hochraniger Wertpapierhändler. Sein letzter Bonus soll eine halbe Million Pfund betragen haben. Er arbeitet hart, gewiss. Mit seinem ausschweifenden Lebensstil kompensiert er den Stress seines Jobs. Er lebt ein Leben nahe dem Abgrund, getrieben von Gier und Geld, von Sex und Kokain.

Also solchen Menschen vertrauen die Chefs internationaler Banken Millionen und Milliarden an? Das muss doch schief gehen. Und es geht ja auch immer wieder schief: Nick Leeson, Barings, verbrannte 1.4 Milliarden Dollar, Yasuo Hamanaka, Sumitomo, 2.6 Milliarden, Brian Hunter, Amaranth Advisors, 6.4 Milliarden, Jérome Kerviel, Société Générale, 7.2 Milliarden und  gerade eben verbrannte Kweku Adoboli, UBS, über 2.3 Milliarden Dollar.

Das alles sind schon hübsche Summen, die den Banken durch das Handeln eines Einzelnen verlorengingen. Man nennt das: Die grossen Betrugsfälle im internationalen Bankgeschäft. Kaum haben sie sich verzockt, die sonst so fürstlich belohnten Mitarbeiter, da erklären uns ihre Chefs, dass es sich nur um bedauerliche Einzelfälle handele. Gegenüber hoher krimineller Energie versage eben das hausinterne Sicherheitssystem. Man werde aus dem Schaden klug werden, man werde die Sicherheitssysteme optimieren und effektiver machen. Dann gehen die grau-blauen Herren zur Tagesordnung über.

Nun, der Fall Nick Leesen ereignete sich 1995, der Fall Kweku Adoboli 2011. Die Sicherheitsoptimierung ist also auch nach gut 15 Jahren noch nicht effektiv genug.

Nein, meine Herren in den Chefetagen, die öffentlich zur Schau gestellte  Bankergediegenheit muss einen Systemfehler haben. Straucheln da betrügerische Einzelne in einem guten System – oder lässt ein fragwürdiges System Einzelne straucheln?

Wer exorbitante Renditen als Unternehmensziel vorgibt, der produziert den Zocker, der, wenn er scheitert, von euch zum Betrüger gestempelt wird. Nein, meine Herren in den Chefetagen, eure Banken sind längst zum Spielcasino geworden. Wie es um solche Spieler bestellt ist, kann man bei Fjodor Michailowitsch Dostojewski anschaulich nachlesen. Ihr  in den Chefetagen seid es doch, die mit euren Bonussystemen die jungen Leute antreibt,  zynische Gewinne zu erwirtschaften. Wehe, wenn eure Spieler nicht erfolgreich genug sind. Sofort werden sie gefeuert.  Kommt statt des grossen Geldes das grosse Minus, dann lasst ihr sie ungerührt fallen. Aus dem gehätschelten Finanzjongleur von euren Gnaden wird über Nacht der Betrüger.

Wer ist hier eigentlich kriminell? Gibt es wirklich keine Rückkoppelungen? Rücksichtslose Systeme bringen rücksichtslose Menschen hervor. Wer aber ist für die rücksichtslosen Systeme verantwortlich? Es sind doch nicht die Leesons, Kerviels oder Adobolis, die die Gewinnmargen festlegen.

Woher ich das alles weiss? Nun, zweiundzwanzig Monate lang hat einer dieser jungen Investmentbanker unter dem Pseudonym „Cityboy“ in der Gratiszeitung „The London Paper“ sein Insiderwissen veröffentlicht. Dann hat sich Geraint Anderson geoutet. 2008 erschienen seine Enthüllungen auf Englisch, 2009 lag das Buch auf Deutsch vor: Cityboy: Das Buch aus dem Herzen des Londoner Finanzdistrikts. Zu lernen ist: Die smarten Cityboys sind das Gewächs der Banken.

Die Verantwortlichen haben aus ihren Fehlern nichts, aber auch gar nichts gelernt, ebenso wenig wie sie etwas aus der Finanzkrise von 2008 lernten. Banker wie Politiker machen so weiter, wie wenn es nichts wirklich Substantielles zu korrigieren gäbe. Opfer sind dann immer nur Einzelne.

Vielleicht sollten wir aufwachen, denn potentiell sind wir alle Opfer dieses Systems, unabhängig davon, ob wir reich oder arm sind. Aus dem Jahre 2006 ist von Geraint Anderson dieser Satz überliefert: „Wenn dieses Kartenhaus einmal zusammenfällt, werden auch Menschen, die in gutem Glauben in scheinbar solide Fonds investiert haben, feststellen, dass sie genauso gut am Spieltisch ihr gesamtes Geld auf Schwarz hätten setzen können.“

Von wem sich die Banken mit Hilfe der Politik das verzockte Geld zurückholen, haben wir inzwischen schmerzlich lernen dürfen: Von uns allen, vor allem auch von denen, die nie Geld hatten, Wertpapiere zu kaufen, die nie in Fonds  investierten. Kriminelle Energien, eben.

Peter Kern





 


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