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Ökoethik für die Wirtschaft?

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Öko-Ethik für die Wirtschaft?


Es soll die Begründung für ein ökosophisches Management ver­sucht werden; Ökosophie zielt auf die Weisheit, aus der heraus der Mensch mit sich und mit der ihn tragenden Natur zu leben hätte, will er einen wirklich tragfähigen Grund für eine gelingende Zukunft legen. Das Ziel der vorliegenden Überlegungen ist, Sensi­bilität für eine Paradigmen-Erweiterung in der Management-Aus­bildung zu wecken. Die Aufgabe wird sein, heute tief entzweite Gruppierungen unserer hochindustrialisierten Gesellschaften ein­ander näher zu bringen: Lassen sich Brücken bauen zwischen „Etablierten“ und „Alternativlern“? Oder gilt, dass ich in einem solchen Versuch die neuen Ideen an die Verursacher der alten Miseren nur verrate?


Meine These ist, dass wir nur gemeinsam den Herausforderun­gen des Atomzeitalters gewachsen sein werden. Insgesamt müssen wir alle einen radikalen Bewusstseinswandel wagen: Es geht um eine kopernikanische Wende unserer Einstellungen zum Leben - ­zum eigenen Leben, zum Leben der Anderen und zum Leben der Natur als ganzer.


Die Erweiterung des ökonomischen Denkens um eine ethische Dimension ist im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts keine neue Forderung. Der renommierte Begründer des Managements als Wissenschaft und einflussreiche Wirtschaftsberater Peter F. Druc­ker notierte 1981: „Business Ethics is rapidly becoming the ,in’ subject, replacing yesterday’s social responsibilities“. Ein multi­nationaler Konzern, die EXXON-Corporation, verteilte bereits 1977 an alle Mitarbeiter eine Broschüre „Ethik und verantwor­tungsbewusstes Verhalten“ mit so anspruchsvollen Unterthemen wie: Geschäftsmoral, Interessenkonflikte, politische Spenden, Anti-Trust-Kartell-Gesetze, Umweltschutz, Gesundheitsschutz.


In der Management-Ausbildung wird dementsprechend ein „Neuland des Denkens“ betreten, das vom „technokratischen zum kybernetischen Zeitalter“ hinüberführen soll (Vester 1980); es werden „kybernetische Gesetzeshypothesen als Basis für Gestaltungs- und Lenkungsregeln im Management“ angeboten (Probst 1981); zwei Arten von Managementtheorien werden besprochen: „Konstruktion und Evolution“ (Malik 1983); und Frédéric Vester konkretisiert ein biokybernetisches, evolutionäres Management unter dem Thema „Wenn ich als Biologe Controller wäre“ (1984).


Ein sich aus solchen u.ä. Ansätzen ergebendes „ökologisches Management“ läuft trotz bester Absichten Gefahr, blosses Krisen­management zu bleiben, ohne die Wurzeln des selbstzerstöreri­schen Erfolges des modernen Menschen zu erreichen. Solange man sich nur am „logos“ in Gestalt des machtförmigen Verstandes orientiert, erschliesst sich keine befriedete Zukunft. Aus diesem Grunde wird hier eine noch weitergehende Paradigmen-Öffnung für die Management-Ausbildung diskutiert: ein „ökosophisches Management“, denn „sophia“, die Weisheit, ist die Kraft, die dem Verstand erst jene vernünftige Richtung gibt, in der man nicht in individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen endet.


1. Manager: Ein Leitbild zerbricht

Die Geschichte der Industrialisierung trieb ein Bild des Managers von besonderer Macht hervor: Er galt lange unangefochten als souveräner Experte für Wirtschaftsfragen; er erschien im öffentli­chen Bewusstsein als nicht hinterfragte, hochqualifizierte, dynami­sche Unternehmerpersönlichkeit. Sein Tun orientierte sich an der Idee des Fortschritts, der ihm anschaulich wurde in der Sicherstel­lung der ökonomischen Bedürfnisse - oder sind es vor allem bloss künstlich erzeugte Begehrungen? - in Massengesellschaften. Fort­schritt: das war wissenschaftlicher, technischer, ökonomischer Fortschritt in der unbegrenzten Zukunftsperspektive der Aufklä­rung. Um das Ziel des ökonomischen Fortschritts zu erreichen, unterwarf sich der Manager ausschliesslich den Methoden zweck­rationaler Güterproduktion. Es ging ihm bedingungslos um pro­duktive Arbeit im Sinne eines nur ökonomisch definierten Arbeits­begriffes. War er darin erfolgreich, so wurde er selbst belohnt durch materiell-monetäre Gratifikationen und durch einen Zuwachs an Macht und Geltung. Dieses wiederum motivierte ihn als Individuum, die Intensität seiner ökonomischen Arbeit und Leistung zu erhöhen. Die Spirale des sich wechselseitigen Bestäti­gens wuchs scheinbar grenzenlos.


Dieses Deutungsmuster des Managers ist heute fragwürdig geworden, irreversibler Skepsis ausgesetzt. Immer grössere Teile der Bevölkerung vermögen dem Experten der Wirtschaft nicht mehr ihr Vertrauen zu schenken, und stiller Selbstzweifel quält manchen Aktiven, auch dann, wenn er darüber nicht öffentlich spricht. Dafür weiss mancher Therapeut Erschütterndes über den Identitätsverlust des heutigen Managers zu berichten.


Wieso zerbrach das Leitbild des erfolgreichen Managers?


2. Atomzeitalter: Der selbstzerstörerische Erfolg

Konzentriert man sich nur auf das Wesentliche, dann ist in Erinne­rung zu bringen: Mit den wissenschaftlichen Entdeckungen vielfäl­tiger Möglichkeiten, ökonomischer und militärischer, die Mensch­heit als ganze, ja das Leben überhaupt zu vernichten, hat ein von Grund auf neues Zeitalter begonnen. Wir nennen es „Atomzeital­ter“. Diese Bezeichnung der neuen Situation verweist auf die Atom-Physik als Beispiel des neuen Wissens, auf die Atom-­Energie als Beispiel der durch dieses Wissen freigesetzten Macht und auf die Atom-„Bombe“ als Beispiel der aus dieser Macht sich ergebenden Gefährdung.


Trotz höchsten Wohlstandes findet sich der Einzelne in den modernen Industriegesellschaften in tiefer Weise ungesichert, unbehaust. Er lebt in einem existentiellen Vakuum, das ihn radikal der Lebensgrundstimmung der Angst aussetzt. Spätestens nach Nietzsches Wort vom Tode Gottes erfährt sich der moderne Mensch in der Profanität; „Mensch“, „Natur“ und „Gott“ erschliessen sich ihm in der Lebensgrundstimmung des Nihilismus. Zu beschreiben sind deshalb vielfältige Erfahrungen individueller Miseren und kollektiver Katastrophen. Für den individuellen Bereich gilt: Partnerbeziehungen zerbrechen, Ehen sind instabil, die ökonomische Arbeit kann nur als bedrückende Last erfahren werden, die Flucht in Alkohol und Drogen wird öffentlich, Apa­thie und eine tiefe Langeweile treiben Tausende und Abertausende in Depressionen und schliesslich zum Psychiater oder gar in den Selbstmord. Und im Blick auf den kollektiven Bereich ist in weiterer Perspektive zu urteilen, dass sich die Menschheit heute mindestens drei unvorstellbaren Herausforderungen gegenüber sieht: der Atom-„Kriegs“-Gefahr, den Folgen wirtschaftlicher Wucherungsprozesse und dem Elend der armen Länder. Addiert man die öffentlich bekanntgewordene Sprengkraft der Atom - „Waffen“ in den Arsenalen in Ost und West, so betrug sie vor Jahren bereits mehr als das Millionenfache der Hiroshima-­„Bombe“. Das entspricht der Dicke eines Bleistiftes und der Höhe des Mount Everest. Ferner haben wir zu bewältigen: Den masslo­sen Verbrauch von regenerierbaren und nicht regenerierbaren Res­sourcen, die Ausrottung von immer mehr Tier- und Pflanzenarten, die Verschmutzung und fortschreitende Vergiftung unserer Lebenswelt, den gigantisch gesteigerten Energieumsatz mit Folgewirkungen für unsere Atmo­sphäre, das exponentiell ansteigende Bevölkerungswachstum gerade in den armen Ländern und damit die zunehmende Verbrei­tung von Hunger und Elend.


Dies alles ist auch das Ergebnis unserer wirtschaftlichen Erfolge. Fortschritt und Erfolg, so erfahren wir heute, werden zu ambiva­lenten Grössen. Diese Prozesse der Selbstzerstörung sind auch das Ergebnis unseres nur ökonomisch definierten Arbeitsbegriffes, der Inhalte der klassischen Volks- und Betriebswirtschaftslehren, die sich immer noch nach den Standards z. B. der Harvard Business School of Economics richten. Es bedarf keiner prophetischen Gabe, sondern nur der Nüchternheit konsequenten Denkens, um zu sehen, dass das Fortschreiten allein im Sinne der tradierten Management-Ausbildung nur einen weiteren Schritt in den Abgrund bedeuten kann. Wenn wir die Neuzeit unverzerrt wahr­nehmen und wahrhaftig bleiben, wissen wir das heute alle, auch der moderne Manager. Und die Hoffnung in unsere freiheitlich-­demokratisch verfassten Staaten - vom totalitären Osten ganz zu schweigen -‑, sie könnten die Krise politisch meistern, ist mehr als trügerisch. Erst kürzlich sah Professor Gerhard Huber von der ETH Zürich mit gewichtigen Argumenten die „Freiheit in der ökologischen Krise“ (1984).


Kommt die Hilfe also doch nur von den „Alternativlern“, von denen, die unserem überkommenen System zu produzieren und zu konsumieren, radikal den Rücken gekehrt haben? Bevor wir hier überhaupt ein Urteil wagen, sind wir gut beraten, zunächst nach den Ursachen des selbstzerstörerischen Erfolges des neuzeitlichen Menschen zu fragen.


3. Poiesis: Wir sind nicht Herren der Natur

Im Versuch einer Antwort begibt sich der Manager in die Obhut des Philosophen. Darin ist der ökonomisch ausgebildete Experte in der Regel ungeübt. Das verunsichert ihn, und er hat die Ten­denz, Erkenntnisse des besinnenden Denkens als unverbindliche Spekulationen herunterzuspielen, bestenfalls anerkennt er die Phi­losophie als ästhetischen Dekor seiner Privatsphäre. Der Philo­soph bittet also um die Gelassenheit des historischen Atems, damit wir aus der Distanz unseren Stand in der Neuzeit möglichst unver­zerrt wahrzunehmen vermögen.


Der Sache nach haben wir das Problem zu bedenken: Wie ist unser Verhältnis zur „Natur“ beschaffen?


Die alten Griechen kannten das Wort „Poiesis“. Sie verstanden darunter, dass etwas ins Erscheinen gebracht wird, dass etwas anwest, etwas hervorgebracht wird. Dieses Hervorbringen ereig­nete sich ihnen einmal in der Physis selbst: Die Natur lässt etwas von sich her aufgehen. Dann bezog sich das Hervorbringen auf den Menschen: Als Künstler und als Handwerker schuf er Werke von Bestand. Dieses Hervorbringen stand für die Griechen im Zeichen der téchne, der „Technik“. Und mit dieser Technik verbunden war zugleich das Erkennen, episteme, der logos: die Wahrheit, die im Hervorbringen sich entbarg. Insofern geschah der Umgang des antiken Menschen mit der Natur aus Einsicht (logos) in den Haushalt der Natur und des Menschen (oikos), die als wechselseitig aufeinander angewiesen erfahren wurden: sie lebten Ökologie. Dabei hatten die Griechen aus Weisheit (sophia), aus einer weisen Scheu, noch vermieden, ihre physikalischen Ent­deckungen grosstechnisch praktisch auszunutzen. Walter Schade­waldt hat das überzeugend dargetan: „Physis, Natur, galt dem griechischen Menschen von den frühesten Zeiten bis zur Zeit der Spätantike stets als göttlich und heilig. Die Natur, physis, als göttliche, heilige verstanden, kann deswegen für den antiken Men­schen niemals zum blossen ,Objekt der Forschung’ werden. Sie wird nicht so sehr erforscht, sie wird betrachtet und mit den Mitteln jener theoria, die nicht unsere blasse Theorie, sondern, der ursprünglichen Wortbedeutung nach, sakrale, heilige, festliche Schau ist, in die, zusammen mit... Erstaunen, stets eine religiöse Scheu hineinwirkt.“ Im Chorlied der Antigone beschwört Sophokles die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu bedrohen, indem er sich mittels des Verstandes aus seiner ihn tragenden Natur heraussetzt, wenn nicht Klugheit und Weisheit diese ent­setzliche Fähigkeit vernünftig ordnen, denn: „Ungeheuer ist viel, und nichts ungeheurer als der Mensch.“


Endgültig in der Neuzeit aber bricht der Damm. Die Weisheit des besinnenden Denkens versagt ihre Kraft gegenüber dem berechnenden Verstand: Es entsteht die Technik der Moderne. Insbesondere durch die Hereinnahme der mathematischen Natur­wissenschaften in den Prozess des Hervorbringens fiel die Technik aus der Idee der Poiesis heraus: Es ging fortan um das Produzieren von Gütern, die nicht mehr im Umkreis der Einsicht in den Haushalt der Natur standen. Aus dem Handwerk wurde die moderne Industrieproduktion. Der Umgang mit der Natur hatte sich grundlegend gewandelt. Anstatt etwas von sich her aufgehen zu lassen, anstatt etwas anwesen zu lassen, wurde die Natur nun durch den Menschen herausgefordert. Natur erscheint in der Neuzeit zunehmend mehr als nur noch vorausberechenbarer Zusammenhang. Der Mensch unterstellt sie sich, macht sie gefü­gig, verfügt über sie.


Descartes’ Denken markiert diese Entfremdung des Menschen von der Natur. Im sechsten Teil des „Discours de la méthode“ ist nachzulesen, was uns bis heute bestimmt: „... einige generelle Grundbegriffe in der Physik haben mir gezeigt, dass es möglich ist, zu Kenntnissen zu kommen, die von grossem Nutzen für das Leben sind, und statt jener spekulativen Philosophie, die in den Schulen gelehrt wird, eine praktische zu finden, die uns die Kraft und Wirkungsweise des Feuers, des Wassers, der Luft, der Sterne, der Himmelsmaterie und aller anderen Körper, die uns umgeben, ebenso genau kennen lehrt, wie wir die verschiedenen Techniken unserer Handwerker kennen, so dass wir sie auf ebendieselbe Weise zu allen Zwecken, für die sie geeignet sind, verwenden und uns zu Herren und Eigentümern der Natur machen könnten.“


Das wechselseitige Aufeinander‑Angewiesensein alles Lebendi­gen erlischt als Erfahrung, weil die Natur nur noch in ihrer be­rechenbaren Abstraktion erscheint, die kein Mit-Leben und Mit-­Leiden mehr ermöglicht. Natur wird in ihrer durch den Menschen vorgenommenen Abstraktion zum System von Informationen bestellt, das in dieser Optik der Berechenbarkeit sich als „richtig“ erweist: Die Naturgesetze erlauben prognostisches Wissen und bewähren sich im Funktionieren der neuzeitlichen Technik.


Entbirgt sich in der „Richtigkeit“ dieser Technik aber auch „Wahrheit“? Das bloss Richtige ist längst noch nicht das Wahre. Das Richtige ist immer nur richtig in Bezug auf methodisch ausgegrenzte Wirklichkeiten. Was in der Perspektive neuzeitlicher Technik richtig ist, wird in der Optik ganzheitlich erfahrener Ökologieprobleme oft tief unwahr. Poiesis war noch gebunden an die ganzheitliche Erfahrung der vernünftigen Einsicht in den Haushalt der Natur und des Menschen. Das schloss die Idee des Schönen, Wahren und Guten zugleich ein. Diese Sinneinheit zer­brach. Es blieb dem modernen Menschen lediglich die verständige Richtigkeit zweckrationaler Güterproduktion, nicht aber die antike Technik, die eine der fünf Weisen war, wie Wahrheit geschieht.


Denken wir aus dem Geist der Poiesis das Wort „Erdreich“, so klingt es ganzheitlicher als das vom neuzeitlichen Menschen her­ausgeforderte Erdreich als „Kohlerevier“. „Mensch“ ist mehr und qualitativ anderes als das neuzeitliche „Menschenmaterial“. Das bäuerliche Tun im Umfeld der Poiesis gedacht, fordert als „Acker­bau“ die Natur nicht heraus, wohl aber als motorisierte „Ernäh­rungsindustrie“.


Solches Fragen nach der Technik ist u. a. bei Martin Heidegger zu lernen. Diese bürgerliche Technik-Kritik hat eine lange Tradi­tion; die sozialistische Technik-Kritik steht dem in nichts nach; geändert hat solches Wissen bis heute freilich kaum etwas; im Gegenteil, beide Technik-Kritiken blieben wirkungslos: weder Friedrich Georg Jünger und Martin Heidegger noch Max Hork­heimer und Herbert Marcuse fanden bisher Eingang in die Ent­scheidungsprozesse der Wirtschaft.



4. Management: Ohne philosophische Verantwortung

Veranschaulichen wir uns den Wandel im Umgang mit der Natur am Begriff des Managers selbst. Wir sahen: Der Manager wird vorgestellt als dynamischer Unternehmensführer; er ist Experte für Wirtschaftsfragen. Wir ergänzen: Längst schon drängt der Bedeu­tungsgehalt des Wortes „Manager“ über den Bereich des rein Öko­nomischen hinaus. Wir managen nicht nur die Daseins-Sicherung und den Daseins-Genuss im Blick auf Ernährung, Bekleidung, Be­hausung; wir managen auch das Militär, die Politik, die Informa­tionsströme, den Verkehrsfluss, die Freizeit, ja wir sagen sogar, wir hätten unser eigenes Glück zu managen. To manage: das heisst, etwas bewerkstelligen, ins Werk setzen, etwas handhaben. Im eng­lischen Wort „Manager“ verbirgt sich das lateinische „manus“, die Hand. Es war eine revolutionäre Situation in der Evolutionsge­schichte der Menschheit, als unsere Vorfahren aufrecht zu gehen begannen und dadurch die Hände freibekamen. Im sinnlichen Be­greifen der Natur wurde der Mensch zum „homo faber“, zum werkzeugschaffenden Menschen. Fortan definierte sich unsere Gat­tung in dem strukturellen Verhältnis von „Natur - Werkzeug ­- Mensch“ durch Arbeit. Im Stoffwechsel mit der Natur blieb der Mensch eingebunden in die Natur: Er begriff sie und sich in sinnli­chen Wahrnehmungsqualitäten, die stets das Ganze von Mensch, Welt und Gott umgriffen. Erst in der europäischen Neuzeit macht der Mensch die Natur zum berechenbaren Gegenstand. Arbeit erscheint jetzt als eine abstrakt-allgemeine Disziplinierung der Natur: Sie gilt nur dann als real, wenn sie für das Vorstellen als ein berechenbarer Gegenstand rational sichergestellt ist.

( Ergänzung 2011: Diesem Ungeist ist übrigens auch der aktuelle Bologna-Prozess verpflichtet! ) Neuzeitliche, vor allem mathematisierende Naturwissenschaft und moderne Technik sind Ausdruck dieses Abstraktionsprozesses. In einem Gang beispielloser Verarmung der sinnlichen Wahrnehmungsfähig­keit betreibt der europäisch ausgebildete, wissenschaftsorientierte Mensch der Gegenwart die Zerstörung der menschlichen Ganzheit. Er wird, bildlich gesprochen, zum Menschen ohne Hand.


Was also handhabt der Manager? Er setzt ins Werk, ohne die Hände wirklich zu gebrauchen; folglich begreift er nicht, was er handhabt; er arbeitet ohne philosophische Verantwortung vor dem Ganzen. Solche Formulierungen sind keine subjektiven Schuldzuweisun­gen gegenüber Managern, sie helfen nur verstehen, was es heisst, als Manager im Atomzeitalter angesichts ungeahnter technischer Möglichkeiten zu arbeiten. Wer etwas im Sinne des Managers „macht“, wirkt, gewollt oder ungewollt, mit an den individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen unserer Zeit, sofern sein Tun nur im Rahmen zweckrationaler Funktionalität bleibt. Wir sahen bereits: Solches Tun ist zwar richtig. In dieser Optik funk­tioniert das ins Werk Gesetzte, es ist auch gewinnmaximierend - und doch kann es im Blick auf die Wahrheit des Ganzen tief dysfunktional sein und sich letztlich zerstörerisch auswirken. Sol­chem Wirtschaften liegt eine Wissenschaft zugrunde, die Erkennt­nis ohne Liebe betreibt. Deshalb Heideggers hartes Urteil: „Die Wissenschaft denkt nicht.“ „Ob man die radikale Unmenschlich­keit der jetzt bestaunten Wissenschaft einmal einsieht und noch rechtzeitig zugibt?“ fragt Heidegger. „Die Übermacht des rech­nenden Denkens schlägt täglich entschiedener auf den Menschen selbst zurück und entwürdigt ihn zum bestellbaren Bestandstück eines masslosen ,operationalen’ Modelldenkens. Durch die Wissen­schaft wird die Flucht vor dem nichtrechnenden Denken organi­siert und zur Institution verfestigt.“


Der neuzeitliche Mensch, der mit der modernen Wissenschaft die Herrschaft über die ganze Erde angetreten hat, ist für diese Aufgabe überhaupt noch nicht vorbe­reitet; ihm mangelt es nicht an Wissen und Können (logos als blosser Verstand interpretiert), wohl aber an Weisheit (sophia). Und so war es der Mensch selbst, der die systemökologisch erforderliche Balance zwischen „Mensch - Werkzeug - ‑ Natur“ zerstörte. Die technologisch organisierte Friedlosigkeit trifft uns im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts als die grosse Herausforde­rung, und – es sei 2011 ergänzt – zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich daran kaum etwas geändert.  Es gilt, die selbstverschuldete Not zu wenden.



5. Lösung: Symbiotische Weltwirtschaft?

Es gibt heute schon viele Wege aus der Gefahr. Allein, sie werden nur von ganz kleinen Minderheiten wirklich konsequent gegangen. Und über ihre Tauglichkeit für ganze Volkswirtschaften ist damit auch noch nichts gesagt. Vor allem aber: Solche „Alternativler“ erreichen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, das Establishment (noch) nicht. Gerade dem tradiert denkenden Manager müssen die angebotenen Lösungen aus dem Umfeld der Alternativszene bestenfalls als idealistische Phantastereien erscheinen, im allgemeinen tut er sie ab als naiv, als unverbindliche Spinnereien. Freilich, solche Verurteilungen entbehren sehr oft der präzisen Kenntnis der Denkbewegungen aus der ökologisch begründeten Gegenöf­fentlichkeit. Zufallsbegegnungen mit Fetzen von Informationen aus der Alternativszene werden vorschnell in einer Weise verallgemeinert, die man sich im Umfeld des eigenen Arbeitsfeldes nie gestatten würde. Insofern weiss der Manager wenig über das ökonomische Gegenbild zu seiner Denk- und Arbeitsweise. Wer kennt sie wirklich, die Schumacher, Illich, Gorz, die Bossel, Schmelzer, Capra und viele andere mehr? Nicht einmal alle Stu­dien des international renommierten Club of Rome werden voll zur Kenntnis genommen. Die Formel der im emphatischen Sinne des Club of Rome innovativ Denkenden wird abgelehnt, bevor sie überhaupt durchdacht ist: Vom Wachstumsfetischismus zur neuen Lebensqualität - das zielt auf ein Programm, das als grundlegend neu und anders empfunden wird, so dass viele der etablierten Wirtschaftler darauf nur mit irrationaler Angst zu reagieren ver­stehen.

Für den modernen Wirtschaftswissenschaftler ist der grundle­gende Erfolgsmassstab die Gesamtmenge an Gütern, die in einem bestimmten Zeitraum hervorgebracht wird; das allein gültige Ziel ist ökonomisch produktive Arbeit. Vom alternativen Standpunkt aus erscheint damit die Wahrheit auf den Kopf gestellt. Schuma­cher urteilt deshalb, dass für die tradierten Wirtschaftswissenschaf­ten Güter wichtiger als Menschen und Konsum wichtiger als schöpferisches Tun sind. Damit würde aber der Schwerpunkt vom Arbeiter auf das Ergebnis der Arbeit verlagert, d. h. vom Mensch­lichen weg hin zum Untermenschlichen. Capra fordert folglich, dass wir eine Neubewertung der Arbeit brauchen, damit sie für den einzelnen Arbeiter wieder sinnvoll, für die Gesellschaft nützlich und Teil der harmonischen Ordnung des Ökosystems wird. Pro­duktive Arbeit müsse also in reproduktive Arbeit überführt wer­den. Reproduktive Arbeiten sind diejenigen Arbeiten, die den natürlichen, leiblichen Kreislaufprozessen am nächsten sind. Doch spätestens beim Aufzählen von Beispielen schüttelt der etablierte Manager den Kopf: Kochen, Abfälle beseitigen, reinigen... sind sicherlich Arbeiten mit entropischem Gehalt, die also immer und immer wieder getan werden können, ohne negative Wirkungen auf Mensch und Natur zu haben. Nur: Wie will man Massengesell­schaften auf diese Weise mit den auch nur überlebensnotwendigen Gütern versorgen? Und schon stellt sich die Kritik an solchem Denken ein, an der „Mother-Earth-Bewegung“, an der Zuwen­dung zum „asiatischen Denken“, an der Wiedergeburt von „Okkultismus“, „Sektierertum“, an der „Lonely-Rider-Roman­tik“; hinter allem spürt man einen gefährlichen Irrationalismus. Demgegenüber muss gesehen werden: Die berechtigte Ablehnung der tradierten Wissenschaftseuphorie durch die Alternativszene muss nicht in eine irrationale Wissenschaftsfeindlichkeit münden; was nottut, ist konsequente Wissenschaftskritik aus weiser Ver­nunft, die mehr ist als blosser Verstand einerseits und blosses Gefühl andererseits.


Bevor jedoch der kaum begonnene Dialog mit einer anderen Denkweise des Wirtschaftens kopfschüttelnd abgebrochen wird, ist hier zu fragen, ob die in der alternativen Denkbewegung gesuchten Massstäbe nicht doch die überlebensnotwendigen sind. Die Suche nach einer Technik und Gesellschaft ohne Gewalt bleibt auch dann im Atomzeitalter unsere Aufgabe, wenn die bisherigen Lösungsvorschläge der ökologischen Gegenöffentlichkeit im Blick auf Massengesellschaften noch unzureichend sind. Der Übergang von einer aggressiven Grosstechnologie zu umweltfreundlicheren und überschaubaren Produkten und Produktionsmethoden im Verbund mit einer neuen vernunftgeleiteten Solidarität aller Betei­ligten, die Natur und ungeborenes Leben in ihre Planungen mit einschliesst, bleibt angesichts der heutigen Destruktionsprozesse das Zukunft ermöglichende Ziel.

Das zu verwirklichen, bedarf es neuer Einstellungen und ande­rer Denkformen. Innovatives Lernen im Sinne des Club of Rome, vernetztes Denken im Verständnis von Frédéric Vester, vor allem aber besinnendes Denken aus dem Geist der Technik-Kritik Mar­tin Heideggers sind Wege in eine tragfähigere Zukunft, die wir Menschen allein freilich nicht herstellen können; aus der „Macher­-Mentalität“ heraus wird es keine befriedete Zukunft geben.


In einem der neueren Berichte an den Club of Rome sind alternative Strategien für die Industriegesellschaft vorgestellt wor­den. Der US-amerikanische Professor Howard V. Perlmutter, Direktor des angesehenen Worldwide Institutions Research Cen­ter, fragt: Kann ein an Gewinnmaximierung orientiertes Unter­nehmen seine Aufgabenstellungen und Entscheidungsstrukturen so weit verändern, dass es in den kommenden Jahrzehnten einen positiven Beitrag für die menschliche Gemeinschaft leistet? Im Versuch, die Wirtschaft selbst in die überlebensnotwendigen Reformen der Industriegesellschaften einzubeziehen, wird ein sozioökonomisches Konzept für eine befriedete Zukunft gesucht. Im Aufbau einer symbiotischen Weltwirtschaft wird eine Lösung gesehen.


Worum geht es bei dieser Sache? Roh formuliert: Das tradierte Wirtschaftskonzept, das Paradigma A-Unternehmen, führt zu ungewollten Zerstörungsprozessen (Verseuchung von Luft, Was­ser, Boden, ...). Das alternative Wirtschaftskonzept, das Para­digma B-Unternehmen, kritisiert die Ungerechtigkeiten und Gefahren des Modells A. Wer dem Modell A blind folgt, wird die Ökologieprobleme verschärfen, wer das Modell B favorisiert, wird die notwendige Versorgung in Massengesellschaften nicht sicher­stellen können. Beiden Unternehmen gegenüber wird ein C-­Unternehmen entworfen. Dieses gründet sich weder auf die tra­dierten Konkurrenz-Mechanismen, die im Modell A zwischen einzelnen Betrieben, Konzernen, Staaten bestehen, noch auf die Rückzugsmentalität des Modells B. Das Modell C sucht den Ausgleich zwischen Autonomie und Abhängigkeit, Zusammenar­beit und Wettbewerb. Die im B-Modell formulierte berechtigte Kritik am A-Modell wird als Massstab der Korrektur ernstgenom­men, ohne die Infrastruktur des Modells A so zu zerstören, dass sie für die überlebensnotwendige Versorgung nicht mehr genutzt werden kann.


In solchen Versuchen der Reformulierung eines ökologischen Wirtschaftskonzeptes für Massengesellschaften liegt eine Chance und Aufgabe für innovative Manager; auch sie können mithelfen, eine befriedete Zukunft zu verwirklichen. Solch eine Aufgabe ist aber nur zu bewältigen, wenn alle zuvor von einem tiefgreifenden Bewusstseinswandel betroffen wurden. Wer den Aufbau einer symbiotischen Weltwirtschaft seinerseits wieder nur in der Per­spektive machtförmiger Wissenschaft und machtförmiger Wirt­schaft erzwingen will, wird scheitern. Die furchtgetriebene und verstandgesteuerte Machtkonkurrenz, die den modernen Men­schen in die individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen hineingetrieben hat, bleibt ein unzureichender Grund für eine qualitative Veränderung des Einzelnen und ganzer Gesellschaften. Damit nicht auch das ökologische Management dieser Dialektik der Aufklärung erliegt, ist es von vornherein im Geist der Ökoso­phie zu entwerfen. Mass und Orientierung könnte eine Öko-Ethik sein, aus der heraus sogar der ethische Pluralismus der Neuzeit als überwindbar erscheint.


6. Öko‑Ethik: Verbindliche Orientierung im Atomzeitalter

Theoretisch gefordert, öffentlich akzeptiert wird in unserem Kul­turkreis die Ethik der „Nächstenliebe“. Die Imperative dieser „Nächsten-Ethik“ haben ihren Ursprung in der abendländischen Geschichte. Sie sind bestimmt vom Geist der griechischen Antike und der christlichen Tradition. So erscheinen die griechischen Kardinaltugenden und der Dekalog als uns bindende Gewissens­imperative. Und wenn wir uns dem Sog des historischen Relativis­mus haben entziehen können, so vernehmen wir auch dann, wenn wir die dahinterstehende Metaphysik  nicht mehr akzep­tieren können, diese Imperative als uns bindenden Anspruch. Nur der Geltungsbereich dieser Ethik der Nächstenliebe ist sehr eng gezogen: Wir lassen die Gewissensimperative, wenn überhaupt, nur gelten für den Raum der allernächsten Beziehungen: für uns persönlich, für unsere Familie und ganz wenige Freunde. Schon ihre Anwendung im Berufsfeld, zwischen Kollegen, erscheint vielen als unrealistisch. Der „Ethik der Nächstenliebe“ gegenüber Konkurrenten, Gegnern, gar gegenüber Feinden Geltung zu ver­schaffen, das überlassen wir leichtfertig-überheblich ein paar welt­fremden „Idealisten“; „Feindesliebe“, das Gebot der Bergpredigt, nein, danke, das passt nicht in unsere Konkurrenzgesellschaft. „Ich bin doch kein Pestalozzi!“ - und dabei denkt man an den grossen Menschenfreund des 18. Jahrhunderts! Versagen wir also schon täglich vor den von uns selbst akzeptierten Imperativen unserer eigenen Tradition, so werden die Ansprüche der Öko-Ethik noch grösser - und unser Versagen vor diesen hat noch schlimmere Folgen. Meine These ist eine doppelte:


Erstens: Öko-Ethik ist Nächstenliebe nicht nur in Bezug auf alle Menschen, sondern zugleich auch gegenüber der Natur als ganzer und im Blick auf alles künftige Leben.

Zweitens: Öko-Ethik nicht zu leben, heisst, dass die Menschheit sich und die sie tragende Natur langfristig endgültig zerstören wird.


Beide Thesen sollen im Folgenden wenigstens in ersten Umrissen verständlich gemacht werden.


Carl Friedrich von Weizsäcker hat zeigen können, dass Geschichte in „Ebenen“ und „Krisen“ verläuft. Diejenige Ebene, die uns hinsichtlich der Ethik der Nächstenliebe (und darin einge­schlossen: des Vernunft-Begriffs) noch heute bestimmt, wurde in jenem Zeitraum zwischen 800 und 300 vor Chr. erreicht, den Karl Jaspers als „Achsenzeit“ der Weltgeschichte bestimmt - eine Ent­wicklungsstufe, auf die in der modernen Ethik-Diskussion zuneh­mend Bezug genommen wird. Bei aller Vielfalt der geistesge­schichtlichen Strömungen der Achsenzeit ist das Gemeinsame einerseits die radikale Selbständigkeit des Einzelnen im Vernehmen einer neuen Qualität ethischer und religiöser Ansprüche und Mög­lichkeiten, andererseits die Ausweitung des Geltungsbereiches die­ser Ethik von der jeweiligen Bezugsgruppe auf prinzipiell alle Menschen. Es geht um die Erfahrung einer vernehmenden Ver­nunft, die Angst und Furcht zu überwinden vermag; das alte Gesetz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ wird überwunden; es gilt fortan für alle Menschen letztlich das Gebot der „Feindesliebe“.


Der Anspruch, dieser neuen Ethik notfalls bis zum Opfer des eigenen Lebens zu folgen, ist so radikal, dass zunächst und dann auch in der seitherigen Geschichte immer nur wenige Einzelne ernst damit machten. Dass ihre Befolgung grundsätzlich möglich ist, bezeugen in ihrem Erscheinungsbild so unterschiedliche Gestalten wie Sokrates für die Antike und Jesus für das Christen­tum. Und aus diesem Zeugnis lebten und leben immer wieder grosse Einzelne, ob sie nun öffentlich bekannt wurden oder namenlos blieben.


Von diesem Anspruch einer vernehmenden Vernunft her erfor­dert das Atomzeitalter keine neue ethische Qualität, denn im Vernehmen der Vernunft wird jene Furcht überwunden, die den Verstand als Mittel für die destruktive Machtkonkurrenz in den Dienst nimmt. Furchtgetriebene und verstandgesteuerte Macht­konkurrenz ist bereits durch die Nächstenethik prinzipiell über­wunden: Der Einzelne wird frei zur „Liebe“, die niemals Ursprung individueller Miseren und kollektiver Katastrophen ist. Da liegt heute bei ethisch Engagierten oft ein Selbstmissverständnis vor, wenn eine „neue Ethik für das Atomzeitalter“ gefordert wird, in Wahrheit aber lediglich für die überlebensnotwendige Erweite­rung des Anwendungsbereiches der alten Ethik der Achsenzeit plädiert wird. Neu sind allerdings zwei Aspekte, zwei Ausweitun­gen des Geltungsbereiches dieser Ethik über die Menschheit hinaus auf alles Lebendige und über die Gegenwart hinaus auf alle Zukunft; zum anderen die Einsicht, dass das, was bisher ethisch wünschenswert war, nunmehr schlechterdings (über-)lebensnot­wendig ist.


Die klassische Ethik der Nächstenliebe hat des Menschen Pflich­ten gegenüber der Natur insgesamt und gegenüber der Zukunft noch nicht deutlich genug in den Blick gebracht. Vor allem Kant meinte: „Nach der blossen Vernunft zu urteilen, hat der Mensch sonst keine Pflicht als bloss gegen den Menschen.“ Von diesem Gedanken ist auch Kants kategorischer Imperativ in der bekannten Formulierung getragen: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals nur als Mittel brauchest.“ Spätestens aber im Atomzeitalter ist diese anthropozentrische Pflichtenethik Kants zu erweitern:


Handle so, dass nichts nur als Mittel, sondern stets zugleich auch als Zweck wahrgenommen werden kann!


Dann existiert nicht nur die vernünftige Natur, also der Mensch, als Zweck an sich selbst, wie Kant urteilte, sondern die Natur überhaupt, ja das Leben schlechthin wird in den Geltungsbereich der Ethik einbezogen. Was das bedeutet, zeigen u. a. die schönen phänomenologischen Studien Hanspeter Padrutts im Anschluss an Martin Heidegger: Welt begegnet uns nicht länger in der bloss verrechnenden Perspektive des vernutzenden Habens; ökologische Verantwortung wird möglich. Wer damit wirklich ernst macht, der verändert seine Einstellung und sein Handeln gegenüber der Natur - gegenüber der Tierwelt ebenso wie gegenüber der Pflanzenwelt; für den erscheinen medizinische Tierversuche, technisch organisierte und biochemisch gesteuerte Nahrungsproduktion, der gesteigerte Energieumsatz und die Verseuchung von Luft, Wasser, Boden in einem neuen, ihn radikal herausfordernden Licht. Nicht weil die sterbende Natur uns die Lebensgrundlage zu entziehen droht, ändere ich mein Verhalten, sondern weil ich wieder fähig werde, mit der Natur mitzufühlen und mitzuleiden. Wer z.B. Umweltschutz nur aus Selbsterhal­tungssorge treibt, der wird ihn allein ökologisch-technokratisch „machen“ wollen und letztlich ohne Erfolg bleiben. Wer Umweltschutz aus Empathie für alles Lebendige fordert, fragt nicht nach dem „Erfolg“, sondern handelt aus „Liebe“ zur Natur-­  und könnte gerade aus dieser Haltung heraus das Leben retten. Aus diesem Paradoxon, dass Selbstsorge aus Selbstsorge nicht überwunden werden kann, ist auch das nur ökologisch begründete Management nicht zu entlassen; erst ein ökosophisches Manage­ment könnte hier den Einzelnen befreien zu einem Leben aus dem Ursprung der Liebe, das dann auch Eingang finden könnte in die Welt der Wirtschaft.


Die hier geforderte Ausweitung des Gel­tungsbereiches der Ethik der Nächstenliebe wird angesichts des gesteigerten Mittel-Gebrauches durch die Technik noch einmal um vieles dringender. Hans Lenk: „Mit der Ausdehnung der techni­schen Entwicklungsmöglichkeiten sowie der Langzeiteffekte von unter Umständen irreversiblen Änderungen der weitgehend künst­lich geprägten Umwelt entstehen weitergehende Verantwortlich­keiten, die zumindest die Relevanz moralischer Urteile zeitlich, sozial und räumlich ausdehnen. In einer durch technische Ein­griffe, ökonomische Abhängigkeiten, ökologische Systembedin­gungen näher zusammenrückenden, immer enger verflochtenen Welt kann keine Moral der bloss auf Menschen gerichteten Näch­stenliebe genügen, sondern die Ethik muss darüber hinaus von einer zu praktizierenden Verantwortung für die gesamte Mensch­heit getragen werden.“ Verantwortung für die gesamte Menschheit aber heisst, wie das Hans Jonas überzeugend begründet hat: „Das Seinsollen von Etwas“; und: „Die Pflicht zum Dasein und Sosein einer Nachkommenschaft überhaupt“. Mit der Machtergreifung der Technologie hat sich die ethische Verantwortung des heutigen Menschen wesentlich erweitert - bis hin zu einer Verantwortung für den Zustand der Natur, den Zustand der Biosphäre und des künftigen Lebens der Menschenart.


Es gilt also: Vernehmende Vernunft als Wahrnehmung des jeweils nächsthöheren Ganzen ist zugleich ökologische Vernunft. Aus ihrer Sicht ergibt sich für eine erst noch weiter zu präzisie­rende Öko-Ethik: Alle Lebewesen sind bedürftig, und alle Lebe­wesen sind zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse aufeinander ange­wiesen. Mit dieser Grundnorm wird der Mensch als Teil der Natur wieder in die Natur zurückgenommen; er ist nicht länger ihr omnipotenter Herr, wie das Descartes forderte. Im Blick auf unsere immer folgenreicheren Eingriffe in die Natur muss darum „vernunftgeleitete Solidarität“ alles Lebendige einschliessen; sie darf nicht nur als das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Menschen verstanden werden und schon gar nicht als Solidarität partieller Gruppen oder Klassen gegenüber den jeweils anderen (hier gilt letztlich das Gebot der „Feindesliebe“), sondern darüber hinaus geht es um eine die Natur insgesamt umgreifende „Lebensliebe“, um, wie es Erich Fromm formulierte, „Biophilie“. Öko-logie wird massgebend gegründet in Öko-sophie.


Vor dem Hintergrund solcher Überlegungen, die hier wegen des begrenzten Platzes nur sehr roh skizziert werden konnten, wird deutlich, dass „Ethik im Atomzeitalter“ sich nicht im Relativismus und Historismus des 19. Jahrhunderts verstricken muss. Indem u. a. Hans Jonas begründen konnte, dass Leben sein soll, dass es jedenfalls nicht durch den Menschen ausgelöscht werden darf, bekommen auch Wirtschaftler verbindliche Orientierungen für ihre ökonomische Arbeit. Die Öko-Ethik legitimiert ein eindeuti­ges Nein gegenüber einer Güterproduktion, die letztlich dem Menschen und der Natur schadet.


Was dieser Imperativ im kon­kreten Fall bedeutet, für diese Firma dort, für jenes Produkt in ihr, kann niemals generalisierend ausgesagt werden, sondern ist im Einzelnen sorgfältig unter ökosophischen Kategorien zu ermitteln.


Wir müssen uns alle vom Selbst-Bewusstsein des bloss rechnen­den Denkens zweckrationaler Produktionsprozesse lösen, um frei zu werden für ein Wir-Bewusstsein, das ethische Überlegungen auch ins Wirtschaftsdenken mit aufnimmt. Die Abkehr vom bloss zweckrationalen Denken ist nicht die Hinwendung zum Irrationa­lismus, wie öffentlich fälschlich geurteilt wird, sondern das Frei­werden des ganzen „logos“: Nicht nur der Verstand ist auszubil­den in den Bereichen von Wissen und Können, denn diese bleiben stets ambivalent auf ihre Ziele. Maximiertes Wissen und perfektioniertes Können sind für ethisch positive wie negative Ziele glei­chermassen nutzbar zu machen; die Wirtschaft produziert nicht nur Güter, deren wir bedürftig sind, sondern auch viel Wohl­standsmüll.

Deshalb muss die Management-Ausbildung im Blick auf die Herausforderungen des Atomzeitalters um die Dimension des ethischen Wollens bereichert werden. Auch der Manager muss befähigt werden, als ökonomischer Experte Vernunft zu verneh­men, Vernunft definiert als die Wahrnehmung des jeweilig nächst­höheren Ganzen. Was aus dem Partikularinteresse einer Indivi­dualkarriere, eines Betriebes, eines Konzerns, einer Nationalwirt­schaft „richtig“ sein mag, ist im Blick auf das Ganze der uns tragenden Natur längst noch nicht „wahr“.


Orientieren wir uns also an der altgriechischen Idee der Poiesis, damit wir nur das hervorbringen, was uns nicht umbringt. Themenintegrierende Managementausbildung, getragen vom ganzheitlichen Denken, lässt auch im Feld der Wirtschaft den berechnenden Verstand sich am Mass der Vernunft begrenzen. (In solche Konzepte sind einzu­beziehen Heisenbergs Unschärferelation, Gödels Unentscheidbar­keitssätze, Prigogines Theorie der offenen Systeme, Hermann Hakens synergetisches Denken - um nur einige Ansätze zu nen­nen, die dazu beitragen, das mechanistische Weltbild zu überwin­den, das heute weitgehend auch noch in der Wirtschaft vor­herrscht.)


Was wir brauchen, ist das Ernstnehmen einer Öko-­Ethik auch und gerade in den multinationalen Konzernen und den Grossbanken, denn die Partikularinteressen der Nationalstaaten haben sich bisher als untauglich erwiesen, die Ökologieprobleme angemessen zu lösen. Setzen wir also auf die Vernunft auch der ökonomisch Etablierten, damit sich Hölderlins Wort bewahrhei­tet: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“.


Oder ist das eine Feiertagsphrase, eine Sonntagsrede: schön, aber unverbindlich?

Sind es nicht auch „Humanisten“ und „Chri­sten“ im freien Westen, denen der Zusammenhang von mindestens 30.000 hungertoten Kindern pro Tag (!) und den vielen Milliarden für die Rüstung weltweit verborgen bleibt? Sind es nicht auch „Humanisten“ und „Christen“, die auf eine Hochtechnologierevolution setzen, die Roboter, Biotechnik und Computer favorisieren, ohne geprüft zu haben, welche Aus­wirkungen diese neuen Leittechnologien auf den Menschen und die Natur haben könnten?


Bruce Nussbaum, Mitherausgeber von „Business Week“, bered­ter Befürworter der neuen Techniken, sieht die „vollständige Umwandlung unserer Lebensweise“, und er prognostiziert für diejenigen, die wissenschaftlich, technisch und wirtschaftlich nicht mithalten können, schon das „Ende ihrer Zukunft“. Er fordert, ganz anders als Hans Jonas, dass wir „auf eine neue Schöpfung setzen“ müssten. Nussbaum berauscht sich an der „heissen Mischung“ von „originellen Ideen, individuellen Innovationen“, von „Unternehmergeist und freien Märkten“. Doch ganz nebenbei notiert er auch, dass die Hochtechnologierevolution „ein Ereignis“ ist, „welches das Leben unserer Kinder und Kindeskinder in einer Weise beeinflussen wird, die man noch nicht vorhersehen kann“. Wie will er diese Revolution dann verantworten? Die vom Club of Rome geforderte Antizipation möglicher ungewollter Nebenwir­kungen solcher Entwicklungen wird überhaupt nicht Thema. Wie­derholt sich hier also der selbstzerstörerische Egoismus, Materia­lismus, Nihilismus in potenzierter Form? Eine solche ungeheuerli­che Frage scheint berechtigt, wenn Bruce Nussbaum unumwun­den bekennt: „Das letzte Ingrediens der ,heissen Mischung’ ist die Gier nach Geld.“ Wenn ein führender Wirtschaftsjournalist unwi­dersprochen diesen Satz schreiben kann, dann ist es schlecht bestellt um den Beitrag der Wirtschaft für eine befriedete Zukunft. ( Und 2011 wissen wir, wohin diese Gier nach Geld geführt hat: in die Aporien der ökonomischen Globalisierung mit ihrer ungebremsten Herrschaft der Banken. ) Noch einmal Nussbaum: „Die Erzeugung von grösserem Reichtum und mehr Kapital durch die Umwandlung von Innovationen in Produkte, die sich auf dem Markt verkaufen lassen, ist im ,Silicon-Tal’ das höchste Ziel.“ Horror- und Porno-Kassetten lassen sich auf dem Markt sehr gut verkaufen... Solchem Denken bleibt der qualitative Unterschied zwischen „technischem Fort­schritt“ und „moralischem Fortschritt“ (Jonas), bzw. zwischen „Haben“ und „Sein“ (Fromm) völlig verborgen.


Angesichts solcher Realitäten schreibt Ludger Lütkehaus unter dem Titel „Praktische Philosophie“ (also: Ethik) „im Zeitalter der technokratischen Apokalypse“: „Günther Anders, der nie zu den Feigen im Lande zählte, war sich nie zu schade, für den ,Mut zur Angst’ zu plädieren. Und Hans Jonas setzt erklärtermassen auf eine ,Heuristik der Furcht’ - eine Findekunst, so darf man übersetzen, die ihre Erkenntnisse aus apokalyptischer Sensibilität bezieht. Im Sinne beider gilt gegen alle Feiertagsreden, die die ,Wendezeit’ schon ausrufen, wenn die Endzeit auf der Tagesordnung steht; gegen alle Hymnen, die den armen Hölderlin zu Tode zitieren, wenn sie auf dem schnellsten Wege von der ,Gefahr’ auf das ,Rettende’ kommen: Wo Gefahr ist, da wächst zunächst einmal die Gefahr und sonst nichts. Und das ,Rettende’, das es vielleicht ,auch’ gibt, wird wohl nicht so sehr ,wachsen’, als eine lange Reihe von unbequemen Konsequenzen des ,Prinzips Verantwortung’ zu sein.“


Eine dieser unbequemen Konsequenzen wäre die Aufnahme ökosophischer Kategorien in die Management-Ausbildung und die Berücksichtigung dieser Kategorien in den Entscheidungsprozes­sen der Wirtschaft.


Das wurde 1986 geschrieben. Leider ist es immer noch gültig.



Literaturhinweise

  • Anders, G. 1980: Die Antiquiertheit des Menschen. Bd. I (5. Aufl.), Bd. II München.
  • Drucker, P. F. 1982: The Changing World of the Executive. London.
  • Fromm, E. 1982: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. (11. Aufl.). Stuttgart.
  • Heidegger, M. 1982: Die Technik und die Kehre. (5. Aufl.) Pfullingen.
  • Huber, G. 1984: Freiheit in der ökologischen Krise, In: NZZ Nr. 93 vom 20./ 21. April.
  • Jonas, H. 1979: Das Prinzip Verantwortung. Frankfurt a. M.
  • Jünger, F. G. 1953: Die Perfektion der Technik (4. erw. Aufl.) Frankfurt a. M.
  • Kern, P. 1982: Der verkürzte Arbeitsbegriff in den modernen Industriegesell­schaften. In: COOP: Fachblatt für Unternehmensführung. 15. Jg., S. 14‑16.
  • Kern, P./Krieg, B. 1985: Transfertraining und ‑management. In: schweizer management magazin. H. 4, S. 49‑51.
  • Kern, P./Krieg, B. 1985: Umsetzung der Transfertechnik. In: schweizer manage­ment magazin. H. 5, S. 46‑48.
  • Larsen, J. K./Gill, C. 1983: Changing Lifestyles in Silicon Valley. Palo Alto.
  • Lenk, H. 1985: Verantwortung für die Natur. MS. Südwestfunk 31. 3. 85.
  • Lütkehaus, L. 1985: Prinzip Verantwortung. Praktische Philosophie im Zeitalter der technokratischen Apokalypse. In: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte. H. 3, S. 251‑260.
  • Malik, F. 1983: Zwei Arten von Managementtheorien: Konstruktion und Evolu­tion. In: Probst, S. (Hg.): Mitarbeiterfahrung und gesellschaftlicher Wandel. Bern.
  • Nussbaum, B. 1983: Das Ende unserer Zukunft. Revolutionäre Technologien drängen die europäische Wirtschaft ins Abseits. München.
  • Padrutt, Hp. 1984: Der epochale Winter. Zeitgemässe Betrachtungen. Zürich.
  • Perlmutter, H.V. 1983: Der Aufhau einer symbiotischen Weltwirtschaft ‑ Ein sozioökonomisches Konzept für die Zukunft. In: Peccei, A. u.a.: Der Weg ins 21. Jahrhundert. München.
  • Probst, G. 1981: Kybernetische Gesetzeshypothesen als Basis für Gestaltungs- ­und Lenkungsregeln im Management. Bern.
  • Vester, F. 1980: Neuland des Denkens ‑ vom technokratischen zum kyberneti­schen Zeitalter. Stuttgart.
  • Vester, F. 1984: Wenn ich als Biologe Controller wäre. In: Mann/Mayer (Hg.): Der Controlling‑Berater. Freiburg i. Br.
  • v. Weizsäcker, C.F. 1976: Wege in der Gefahr. München.


Zu den anderen im Text aufgeführten Namen und zitierten Stellen vgl. insgesamt:

Kern, P./Wittig, H.‑G. 1984: Pädagogik im Atomzeitalter. (2. Aufl.) Freiburg i.Br.

Kern, P./Wittig, H.‑G. 1985: Notwendige Bildung. Bern/Frankfurt a.M.


In: Mut zur Zukunft. Die Wirtschaft zwischen tradierten Innovationsschüben und ökologischem Bewusstseinswandel, hg. von Peter Kern unter Mitarbeit von Walter Zulauf. Festschrift: 50 Jahre Efficiency-Club Basel, Basel o.J. ( 1986 ), S. 99 -119


Peter Kern







 


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Erkenntnisfortschritte oder doch nur Moden? In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde alles auf Zeichen zurückgeführt, in den Achtzigern auf différence, und in den Neunzigern auf Beobachtung.