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Krankheit und Tod

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Aus der Rubrik "Geschichten von K. Dichtung und Wahrheit":


Nicht jede ausweglose Situation hat das Zeug zur griechischen Tragödie. Meistens handelt es sich nur um die Geschichte eines vermeidbaren Irrtums. Doch die Diagnose der Universitätsklinik Basel war kein Irrtum. Zu gern hätten sie das geglaubt, eine Fehldiagnose, ein Irrtum.

Im Klinikum von Magdeburg ließ A die schmerzhafte Prozedur einer Kontrolluntersuchung über sich ergehen. Sie wollte absolute Gewissheit. Die entsetzliche Erregtheit vor dem endgültigen Befund löste sich in keine Erleichterung auf. Es blieb dabei: A war an einer amyotrophen Lateralsklerose erkrankt, an ALS.

K wagte den Widerspruch, um sich diese Tatsache bestätigen zu lassen, die beide grausam aus ihrer gewohnten Lebensbahn werfen sollte. Nein, du bist nicht an ALS erkrankt. Doch, antwortete seine Frau matt und niedergeschlagen. Tränen rollten über ihre Wangen. K nahm sie in seine Arme und weinte auch. Er hätte gern seine Tränen beherrscht, aber die Tränen beherrschten ihn.

Das Dämonische hatte an ihrer Liebe seinen Anteil, keine Frage. Doch das beunruhigte weder K noch A. Im Gegenteil, es verband sie im streitenden Widerspruch. Sie liebten sich im Kampf. K hatte sich  entschieden, seine Frau zuhause zu pflegen. Genau genommen, war das kein Entschluss; es war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Fortan war der vorrangige Zweck seines Lebens, für A bedingungslos da zu sein.

Diese aufopfernde Zuwendung jenseits jeder Sinnlichkeit und Lust hatte auch etwas Widervernünftiges. Gegen jeden rationalen Rat von außen, blieb K in dieser Widervernunft standhaft. Für ihn bestätigte sich darin die Liebe zu seiner Frau. Für ihn war sein Engagement vernünftig.

Dass er sich gegen das Unabsehbare eines achtjährigen Verfalls verbrauchen würde, war bei seinem Ja zu seiner kranken Frau nicht abzusehen gewesen.

Die Anfechtungen sollten kommen. Er widerstand ihnen leidlich.

Die Zeiten lustvollen Behagens und wilder erotischer Ausgelassenheit waren nur noch Vergangenheit. Die ALS hatte bald alles in Grau und  in Schwarz getaucht. Sie hatte den Geschmack der Leere hinterlassen. K erdrosselte sich an seinen eigenen dunklen Gedanken, die diese fürchterlichste aller fürchterlichen Krankheiten bei ihm auslöste.

K musste mit zerbrochenem Herzen ansehen, wie ihr Körper zerfiel. Die Füße, die nicht mehr gehen konnten, die Hände, die nichts mehr greifen konnten, beim Schlucken, beim Atmen, beim Sprechen, überall versagten die Muskeln. A wurde bei hellstem Verstande um ihren Körper gebracht. Jeder Muskel atrophierte, bis sich nur noch ihre Augen bewegten und das Herz unverdrossen weiterschlug.

K und A mussten lernen, dass die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich beide bisher bewegt hatten, nichts Selbstverständliches war. Die Leichtigkeit mit der A noch vor kurzem ihre Arme und Beine bewegen konnte war dahin. Das Wunder der Bewegung wurde ihnen erst bewusst, als es seinen Zauber verloren hatte. Erst im Verlust entfaltete das Bewegenkönnen seine Bedeutung für ihr Leben.

Die Krankheit schritt unerbittlich fort.

Die Anschaffung eines Rollstuhls wurde unausweichlich. Wenn das kommt, dann höre ich auf, dann bringe ich mich um. Das will ich nicht, drohte A vollmundig. In einem Rollstuhl sich fortbewegen zu müssen, antizipierte sie als beschämend. Krankheit als Schande, nein, das wollte sie nicht. Nun, sie nahm dankbar den Faltrollstuhl, sie nahm dankbar den komplizierteren Rollstuhl mit Elektromotoren in den Radnarben, sie nahm schließlich dankbar das Wunderwerk der Technik schlechthin, den Balder, vollgestopft mit Elektronik. Er ließ sich mit dem Kinn steuern, als die Hände ihre Kraft verloren hatten.

Auch für A gab es keine Flucht aus der conditio humana: Wir alle müssen sterben. Nur hinauszögern wollte sie diesen Zeitpunkt gegen alle Freitodphantasien dann schon.

Ohne Medizintechnik ging gar nichts mehr.

In As Zimmer stand ein Krankenbett, das sie anfangs noch selbst durch Knopfdruck steuern konnte: rauf und runter, es hob und senkte sich der Kopf- und Fußbereich. Auf diese Weise wurde der von seinen Muskeln verlassene Körper ein wenig in Bewegung gehalten. Vor dem Bett stand ein fahrbarer Kran. Eingefangen in ein Geflecht von breiten Bändern hing die Kranke dann in der Luft und schaukelte  ruckartig ins Bad, wo sie in die mit warmem Wasser gefüllte Wanne abgelassen wurde. Und regelmäßig fuhr K seine Frau über das extra installierte Wasserklosett, wo sie der Illusion erliegen konnte, sie könne noch selbstständig ihre Geschäfte auf der Toilette verrichten. Das Abputzen übernahm ein Wasserstrahl mit anschließender warmer Luftdusche.

Schmerzlose Lähmungen mit spastischen Symptomen aufgrund erhöhter Muskelspannung häuften sich. Unwillkürliche Zuckungen wanderten über ihre Arme.

Es kam die Zeit, da atrophierte die Atemmuskulatur. Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und vor allem Kopfschmerzen zeigten den neuen Grad von Muskelschwund an. A bekam zu wenig Sauerstoff. Ihr wurde eine Sauerstoffmaske verordnet, erst nur während des Schlafs, dann auch am Tage.

Die Qualität der Tage mit ihren Ansprüchen wechselten in launischer Abfolge.

Es gab die guten Tage.

Dann war K voll von unzufriedener Freude über einen weiteren Morgen ohne Überraschungen. Alles hatte geklappt, wenigstens dies. Die Atemmaske war in der Nacht nicht verrutscht. Das Einstechen der beiden Infusionsnadeln in die Bauchdecke gelang ohne Komplikationen. Für die Flüssigkeitszufuhr war also gesorgt. Der Transport des muskellosen Körpers mit dem Kran vom Schlafzimmer ins Bad erfolgte reibungslos. Die Installation des schlaffen Körpers über dem Spezialklosett gelang schneller als an manch anderem Tag. Urin und Kot fielen zielsicher in die Toilettenschüssel. Die automatische Waschprozedur und das anschließende Trockenblasen machten keine Probleme. Beim Absenken des Körpers in die Badewanne verklemmte sich die Kranvorrichtung nicht. Die Schläuche für die Atemmaske knickten nicht ab. Das manuelle Waschen der Kranken war für K Routine, das Abtrocknen auch. A konnte dem manchmal sogar eine erotische Komponente abgewinnen, K nicht. Das umständliche Zähneputzen, das schwierige Ankleiden, das Kämmen und Schminken gelangen in Harmonie. Das Frühstück selbst erforderte, wie seit langem, größte Geduld. Auch sie brachte K an solchen Morgen gelassen auf. K war dann ohne Aggressionen.

Es gab andere Morgen und andere Tage.

Wenn die Atemmaske verrutsche, wenn deren Klettverschlüsse sich lösten, wenn sich die Haare in den Haltebändern verfingen, wenn das Sauggeräusch der Luft einen falschen Rhythmus meldete, dann war rasches und professionelles Handeln geboten. Der Sauerstoffgehalt von As Atemluft hing von einer hoch komplizierten Maschine ab. Stets drohte der Erstickungstod. Fiel das Zauberwerk der Technik aus, dann hatte K lächerliche drei Minuten Zeit, das Ersatzgerät zu installieren. In solchen Situationen kam es schon einmal vor, dass K unsanft an der Atemmaske zerrte, verärgert die Klettverschlüsse ruppig zusammendrückte und dabei leise fluchend seiner Überforderung unfreundlichen Ausdruck gab.

Ks Bewegungen wurden mit dem Fortschreiten der Krankheit grob aus Effektivität.

A muss in solchen Phasen noch mehr gelitten haben als sie ohnehin schon zu leiden hatte. Dann riefen ihre schreckensweiten Augen K wieder in seine Pflichten zurück. Reumütig wurden seine Bewegungen mild und sanft. Das bedrückende Fluchen blieb in Ks Kopf. Er verstummte und schämte sich, dass er die Kontrolle über sich verloren hatte. Scheu küsste er A auf die schweißnasse Stirn. Sie dankte mit einem kaum entzifferbaren Lächeln.

Als die Sprachmuskulatur befallen wurde, ging As schönes Sprechen in immer unverständlicher werdendes Genuschel über. Dann versagte die Stimme endgültig. A konnte sich nicht mehr mitteilen.

Dieses sich seit langem vorbereitende schmerzliche Ereignis versetzte sie in Panik. Ihre Augen verrieten die Pein. Und wieder einmal versuchte K, den Ausfall körperlicher Fähigkeiten zu kompensieren. Nach endlosen Telephonaten hatte er eine ferne Firma ausfindig gemacht, die allerlei komplizierte Kommunikationshilfen anbot. Spezialisten reisten mit einem Wagen voll technischer Geräte an, und nach Tagen des Versuchens und Ausprobierens konnte sich A wieder mitteilen, sehr langsam nur und nur über künstliche Umwege und mit Hilfe einer elektronisch geliehenen Stimme.

Ein Laser, an ihrer Brille befestigt, warf seinen Strahl auf eine Alphabettafel. Es war schwierig, genau zu zielen. A musste oft neu ansetzen, um den gewünschten Buchstaben zu treffen. Solche Buchstaben wurden dann automatisch auf einen Monitor übertragen und konnten dort gelesen werden. Bis auch nur ein Wort erschien, brauchte es seine Zeit, ganz zu schweigen von vollständigen Sätzen. Aus pragmatischen Gründen wurde die Eleganz der Sprache geopfert. Auch Kryptisches überbrachte seinen Sinn. Gab A dem Geschriebenen einen weiteren Impuls, dann hörte man eine weibliche Stimme, die erstaunlich sympathisch klang. Um die Kommunikation bei wiederkehrenden Themen zu beschleunigen, waren auf der Alphabettafel noch Sonderzeichen, die gleich ganze Sätze zu Gehör brachten: Ich habe Durst. Ich habe Hunger. Mein rechtes Bein bewegen. Ich muss auf die Toilette. Ich möchte Musik hören. Ich will in den Garten. Den individuellen Bedürfnissen angepasst, konnte K dem Gerät eine ganze Serie solcher Aussagen einprogrammieren. A drang darauf, dass sie mit ihrem Laser auch Bitte und Danke auslösen konnte.

Das atembeklemmende Aroma ihrer Traurigkeit löste sich in der neuerlangten Fertigkeit, wieder sprechen zu können, auf. Sie erlebte die Auferstehung ihrer, wenn auch geliehenen, Stimme als ein Wunder. Das beglückte sie inmitten ihres Elends. Es ließ sie für Augenblicke den Schmerz ihres Zerfalls vergessen. Erleichterung durchtränkte ihre düsteren Tage und vermengte sich mit dem Geschmack der trügerischen Hoffnung, die wiedergewonnene Freiheit möge lange andauern.

Einem Computerspezialisten gelang es dann noch, die mühsam auf den Bildschirm gezauberten Buchstaben, Wörter und Sätze auf einen Drucker zu übertragen. Seit Jahren konnte A wieder schreiben. Mit Mitleid erheischender Geduld arbeitete sie fortan an ihren kleinen Briefen. Für eine halbe Druckseite brauchte sie einen ganzen Tag. Noch heute bewahrt K diese Botschaften einer Sterbenden auf.

Bei allem Bemühen, K konnte sie nicht aus ihrer Krankheit stehlen; noch nie hat jemand eine ALS besiegt.

K wusste, dass die Abstürze in immer kürzeren Intervallen wiederkehren würden.

K fiel in einen Fatalismus ohne Revolte. Widerstand gegen die ALS war zwecklos. Ein Minimum an Anstand gebot ihm, mit A zu gehen, nicht gegen sie. K wurde ihr treuer Begleiter während der langen Jahre des Verfalls.

K hatte sich vor A zu bewähren, er ließ es nicht zu, dass Vernachlässigung von ihnen Besitz ergriff. Zur Unterstützung von Pflege und Haushalt hatte er drei Polinnen engagieren können, illegal, denn  keine deutsche Pflegerin war bereit das zu leisten, was zu leisten war: Bei Tag und bei Nacht helfend da zu sein. Im Dreimonatsrhythmus versorgten diese liebenswürdigen Polinnen  zuverlässig A und das Haus. Ihre aufopfernde Fröhlichkeit erleichterte vieles. Ohne sie hätte K die Zumutungen der ALS nie meistern können. Noch heute überfällt ihn Dankbarkeit, wenn er sich ihrer erinnert.

Die ALS stellte K ständig auf die Probe, so wie feindlich gesinnte Eheleute sich auf die Probe stellen und nur darauf warten, dass der andere scheitert, um wieder einen Grund zu haben, sich Schmerzen zuzufügen. K bestand diese Proben nicht immer.

Nachts quälten K die erstickten Seufzer seiner Frau. Wenn er dann wach im Bette lag, hörte er sein eigenes Schweigen. Dann stand er auf und öffnete eine Flasche Rotwein, meistens einen schweren Médoc. In gesunden Zeiten hatten sie ihn während sinnlicher Stunden voller Genuss gemeinsam getrunken. Heute verließ er das Krankenzimmer, das zu ebener Erde mit weiter Tür für den Rollstuhl in den Garten ging. Ein metallener Mondschein hatte alles entkörpert. Die Silhouetten der Bäume und Büsche warfen Schatten in die Nacht. Auch K seufzte, dann ging er zurück zu der Kranken, die unruhig schlief.

K lernte während As Erkrankung von Kummer und Qual zu leben. Es war eine bittere Nahrung. Sie bestand aus dumpfer Verzweiflung und grenzenloser Hoffnungslosigkeit. Die Forderungen der Pflege raubten K stündlich sein eigenes Leben.

Seine vom Schmerz überreizte Phantasie antizipierte Qualen, die, als sie eintraten, immer noch schlimmer waren, als er sie sich vorgestellt hatte. Der Anblick seiner Frau folterte Ks Herz.

Heldenhaft bezwang A im Kopf die ihr aufgezwungene Langeweile. Diese Frau, der keine Reise weit genug, keine Fremde fremd genug war, lebte klaglos ihr unbewegliches Gnadenfristdasein. Sie genoss ihr Nochdabeiseindürfen.

Der beschwerliche Gleichklang dieses Daseins, die lastende Wucht dieser auferzwungenen Lebensführung, drückte dagegen K nieder. Er war der überforderte Atlas, der As Welt tragen musste. Je länger die Krankheit andauerte, umso mehr war K gefährdet, sich selbst zu verlieren. Dann wurde er aus Überforderung zum Schauspieler seiner Ideale.

A bedrohte nicht nur K mit ihrer Hilflosigkeit. Auch ihre Söhne wurden Opfer der ALS. B konnte den Anblick seiner geschundenen Mutter nicht ertragen. Er kam freitags aus Tübingen angereist, voller Bereitschaft zu helfen. Von sich selbst enttäuscht, fuhr er unter fadenscheinigen Vorwänden schon am nächsten Tag wieder ab. Waren die Gründe, abzureisen wirklich fadenscheinig? B hatte seine eigene Philosophie über das, was sich in Gündenhausen abspielte. Er war mit vielem nicht einverstanden. Solange A lebte, sprach er nie darüber. Mit seinem Roman „Einmal noch Marseille“ hat er A ein Denkmal gesetzt.

J unterbrach sein Studium in Dresden, zog wieder in Gündenhausen ein, und unternahm mit der schwer kranken Mutter allerlei abenteuerliche Fahrten mit dem Spezialauto, das K aufgetrieben hatte. Es war geräumig genug, dass A sogar mit ihrem Balder über eine Rampe hineinfahren konnte. Eine automatische Arretierung sicherte den Halt dort wo der rechte Beifahrersitz ausgebaut worden war. Mit ihrer Atemmaske sah sie von außen aus wie ein Monster aus fremden Welten. A genoss solche Fahrten. Für J wurden diese Gnadenfristfahrten gelegentlich zum Alptraum. Abschlagen konnte er ihre Bitten um weitere Ausflüge nie.

K fand das Gesicht seiner gesunden Frau unter dem Ansturm der Krankheit immer seltener wieder, soviel Mühe er sich auch gab, es zu erinnern. Diese Unfähigkeit ließ ihn an seiner Liebe zu ihr zweifeln. Die gemeinsame Vergangenheit wurde täglich unwirklicher. Real war nur noch das unerträgliche Bild der Zerfallenden. Die leidenschaftliche Aufrichtigkeit seiner Gefühle kippte ins Heuchlerische. Immer mehr verlor er die Geliebte früherer Jahre.

K versuchte mit kostspieliger Mühe, den Anforderungen gerecht zu werden, die As Krankheit stellten. In unbewusster Erwartung verlangte sie zu viel von ihm. Nach den Anstrengungen des Tages fand K sich in sanfter Betäubung erschöpft. Verlangte A aus seiner Sicht Überflüssiges, dann verlor er die Geduld. Wobei, wer hätte sagen dürfen, was überflüssig ist? Wie oft hätte sie gern das Bein nochmals gerichtet, den Arm anders gewinkelt, die Atemmaske neu justiert bekommen. Sie verkniff es sich immer zu lange, darum zu bitten, aus Rücksicht auf K. Einmal bat sie ihn abends ihre Bibliothek neu zu ordnen. Die Bücher stünden nicht mehr in alphabetischer Reihenfolge. K erlebte das Ansinnen als Zumutung. Er verweigerte sich im Zorn. Sein Nein verletzte sie tief. Beide gingen aus solchen Situationen als Enttäuschte hervor.

Im Laufe der Zeit wurde ihr Protest immer schwächer. A ergab sich den Entscheidungen ihres Mannes.

B war aus Tübingen angereist mit dem ganzen Willen, am Wochenende seinen Vater bei der Pflege zu entlasten. K hatte seinen Sohn von der Bahnhaltestelle der S6 in Schopfheim-West abgeholt. Es war ein später Samstagmorgen. Frühlingsluft umfing sie, Vögel gaben hell Kunde von neuem Leben. Blumen blühten verschwenderisch. Alles roch nach Aufbruch.

Wie war die Reise?

Gut.

Was machen die Studien?

Ich komme voran.

Und Deine Freundin?

Die ist in Tübingen geblieben. Sie muss ein Referat ausarbeiten.

Das war traurig geflunkert. Sie hatte mitkommen wollen. B hatte es ihr untersagt. Sie müsse sich nicht auch noch dem Elend aussetzen.

Über die Kranke sprachen Vater und Sohn auf dem Weg zum Haus nicht.

Als sie in den Garten einbogen, empfing A in ihrem Rollstuhl die beiden Männer. Die Atemmaske entstellte ihr Gesicht, das eine Bein war von der Fußstütze gerutscht und baumelte orientierungslos in der Luft. Agnes, die helfende Feh aus Polen, eilte herbei, hob das Bein an und fixierte es mit einem Gürtel an einem Gestänge des Balder.

As Augen begrüßten B mit hellem Glanz. Er hauchte einen Kuss auf ihre Stirn. Die durch Erziehung bereitgestellte Frage Wie geht es dir? konnte er gerade noch unterdrücken. Stattdessen überfiel er die Kranke mit einem hastigen Bericht über sein Leben in Tübingen. Er malte es in rosaroten Farben und wunderte sich selbst, wie er seine leidende Seele schönreden konnte.

Als A zur Toilette geschoben werden musste, nahm er den elterlichen Zweitwagen, einen Ford Cabrio, und fuhr zu einer Gärtnerei. Vollgepackt mit Frühlingsblumen kam er zurück. A entzückte sich an den Primeln und Narzissen, an den Veilchen und Krokussen, an Tulpen und Hyazinthen. Am Nachmittag, als sie in ihrem Zimmer schlief, pflanzte er die Blumen eifrig in die erste Reihe des Gartens, damit seine Mutter sie sogleich von ihrem Zimmer aus sehen konnte. Als sie von Agnes, der Polin, wieder in den Garten gerollt wurde, stand B bereit, ihren Dank in Empfang zu nehmen. Stattdessen signalisierte sie, dass sie die Buchstabentafel benötige. Und in quälender Langsamkeit machte sie Wort für Wort Bs Engagement zunichte. Er habe die Blumen am falschen Ort und in falscher Zusammenstellung eingepflanzt. Als K sie alle mürrisch herausriss und neu in die Erde stopfte, war B schon wieder nach Tübingen zurückgefahren. Seine Freundin benötige Hilfe bei der Hausarbeit, sie habe eine SMS geschickt, log er verzweifelt.

K verströmte Sicherheit, die substanzlos war. In ihrer ängstlichen Fröhlichkeit machten sie sich beide etwas vor, das keiner Belastung standhielt. Sie wussten das, und doch tat es ihnen gut.

Erwartungslos bestand A die ihr noch geschenkte Zeit im Vorhof des Schreckens. Als Todgezeichnete rang sie gequält nach Atem. Sie wusste um ihr Ende, dem sie unentrinnbar entgegenging. Ihr Leben würde unvollendet vollendet werden, unerfüllt, zu früh und ohne Trost.

K war schon am Morgen müde und erschöpft. Und es trennten ihn noch so viele Stunden bis zum Abend, die ihn weiter auslaugen würden. Er drohte immer wieder in resignierten Zynismus zurückzufallen.

Wie sehr hatte A vor ihrer Erkrankung das Leben geliebt. Sie wollte unterhalten werden. Sie brauchte Basare und Märkte, sie war auf jeder Vernissage, gleich ob eine Freundin ihre Laienbilder ausstellte oder bei Beyerle in Riehen die Klassische Moderne lockte. Sie ging in Lörrach ins Jazz-Tone und in Schopfheim zum Sengele zum Woodstock. Alles, was das Etikett Event trug, erregte und mobilisierte sie. Stets war sie in der ersten Reihe zu finden, immer nah an den Bühnen des Geschehens. Sie ertrotzte sich den Eintritt auch dann, wenn es keine Einlasskarten mehr gab. Wenn es sein musste, stieg sie über Zäune oder kroch durch ein Kellerfenster, sie die erwachsene Frau, die beamtete Lehrerin. Überall, wo etwas los war, traf man sie.

Je komplizierter die Rollstühle wurden, desto schwieriger wurden solche lustbetonten Ausflüge in die regionale Kulturszene. Mit dem elektronisch bestückten Balder, zu schwer für leichte Manöver, und mit dem hoch komplizierten Atemgerät und der Atemmaske kam auch diese Seite von As Leben zum Erliegen.

Einmal hatte sie sich noch zusammen mit ihrem Balder von extra angeheuerten Möbelpackern wie ein Klavier in den Museumskeller in Schopfheim hinunter tragen lassen, um einer Premiere der Schopfheimer Spielbühne, der sie selbst einmal angehört hatte, beiwohnen zu können. Die muskelbepackten Männer kamen in der Wendeltreppe an ihre Grenzen. Fast wäre ihnen der Rollstuhl samt Insassin entglitten. Diese thronte dann triumphierend in der letzten Reihe hoch über allen Zuschauern. Der rasch verbrauchten Luft in dem voll besetzten Raum konnte die Atemmaschine kaum noch Sauerstoff entziehen. Fast wäre A erstickt.

Da musste selbst sie einsehen, dass sie sich und ihren Helfern solche Abenteuer nicht mehr zumuten durfte.

Umso überraschter war sie, als J ihr vorschlug, nach Montreuil zum Jazz-Festival zu fahren.

Da warst du doch früher öfter mit Papa.

Ja, früher.

Warum fahrt ihr nicht wieder hin?

Papa würde das überfordern. Darum darf ich ihn wirklich nicht auch noch bitten.

Dann fahre ich dich hin.

Das würdest du tun?

Ja, gewiss doch. Gerne.

K protestierte.

Ihr seid wohl verrückt geworden. Was soll dieser Unsinn.

K antizipierte, wie unterwegs die Atemmaschine ausfallen könnte, wie sie eingekeilt in der Menschenmenge mit ihrem Balder bewegungslos stecken blieben, wie sie keine Toilette erreichen würden, um rechtzeitig den Urinbeutel zu wechseln.

Das geht nicht. Ihr spinnt, protestierte K.

A hatte schon resigniert. J aber ließ sich nicht abschrecken. Wenn seine Mutter die Fahrt wolle, nehme er alle Risiken in Kauf. Und ob A wollte!  Er nahm seinen Vater beiseite und entkräftete dessen Sorgen mit einem verblüffenden Argument:

Wenn es schiefgeht, dann hat sie das Ende wenigstens im Horizont dieses Abenteuers ereilt. Und schief geht es bei ihr doch so oder so.

K ließ sie fahren.

Es kam, wie K es befürchtet hatte, und doch ging am Ende alles gut. Der Urinbeutel konnte prall gefüllt in letzter Minute ausgewechselt werden. Die Atemmaschine setzte tatsächlich aus; der Akku war plötzlich leer. Die Ersatzbatterie verhinderte das Schlimmste. Nur von der Menschenmenge wurden sie nicht eingekeilt. Im Gedränge der Leiber öffnete sich respektvoll die Gasse, die sie von ganz hinten bis vorn an die Absperrung vor der Bühne driften ließ. Erst als die Menge sie immer dichter an die Barriere presste, wurde es kritisch. Im letzten Moment öffneten Ordner das Hindernis, und A und J konnten im geschützten Raum unmittelbar vor der Bühne das Konzert hautnah genießen.

J war ein wenig stolz auf seinen Mut, der Mutter noch einmal, ein letztes Mal, solch ein Ereignis ermöglicht zu haben.

K wiederholte resigniert Ihr seid schon ein verrücktes Tandem. Lob und Anerkennung und Freude schwangen in seiner Stimme mit. Den größten Dank aber erhielt der Sohn durch den Glanz in den Augen seiner Mutter.

Früher breitete K süße Schmeicheleien vor seiner Frau aus. A badete mit Wonne in ihnen. Jetzt gelang ihm keine einzige mehr.

K spürte, wie ihn der Kummer verschlang, bis von ihm nichts mehr übrigblieb außer einem großen Schmerz. Wer da weiter pflegte, war ein anderer.

Der ekstatisch verzehrende Hunger nach dem sinnlichen Körper seiner Frau fand keine Nahrung mehr. Längst hatte K aufgehört, A zu begehren. K musste A an den Tod verlieren schon bevor dieser sie an sich riss. A war nur noch ein Haufen formlosen Fleisches mit einem aufgedunsenen Bauch, in den er die Nadeln jagte, durch die der Tropf gleichmäßig seine Flüssigkeit abgab, um das Dehydrieren zu verhindern. Der Verfall ihres Körpers verunmöglichte jede erotische Regung. Ihren Geist ohne ihren Körper konnte er nicht lieben. Aus der Unversöhnlichkeit der Trennung ihres gesunden Kopfes von ihrem geschundenen Fleisch ergab sich kein Zauber einer neuen Verbindung, die vom kranken Leib hätte absehen können.

In ihren Augen lagen Ermattung und Entmutigung.

A war in gesunder Vergangenheit glücklich in ihren Proportionen. Sie wusste aus Erfahrung um ihre Wirkung, übrigens nicht nur auf Männer. Einmal gestand sie K, dass sie es versäumt habe, Liebe mit einer Frau zu machen. Sie bedauerte das. Gewiss, sie war keine verhinderte Lesbierin, aber einmal ausprobiert hätte sie es schon gerne, wie es sich anfühlt, wenn eine Frau ihren Schoß leckt. Nun war es auch für diese Erfahrung zu spät.

Nur die Schönheit ist göttlich. A war schön. Die Parameter ihrer Schönheit veränderten sich dramatisch. Sie verlor ihre Schönheit unwiederbringlich schnell. Wenn der Zweck ihrer Schönheit darin lag, K ins Dasein zu verführen, dann hatte A diese Kraft verloren. K konnte in ihr nicht mehr Helena erblicken. Ohne diese Schönheit wurde Ks Leben dunkel und arm.

Es war ihre Krankheit, die die Menschen um sie herum entzweite. Die einen wandten sich entsetzt von ihr ab. Sie ertrugen das Bild des verfallenden Körpers nicht. Auch die anderen hatten es schwer, sich an den Anblick zu gewöhnen. Sie aber vermochten A dazu zu bringen, mit ihr nicht in Zwiespalt zu geraten, sondern in eine tiefere Fühlung zu treten. Solche Menschen, nicht nur alte Freunde und Freundinnen, sahen hinter dem grenzenlosen Elend die innere Pein, die nach Zuwendung schrie. Sie gewährten sie ihr, wenn auch mit immer größer werdenden Abständen.

K spürte, wie die Aufrichtigkeit aus ihm schwand. Er wusste nicht mehr, was er wirklich dachte. Wünschte er As Tod oder wünschte er ihn nicht? Er konnte es nicht sagen. Dass sie ihn, entgegen allen früheren Beteuerungen, nicht wünschte, war eindeutig. Sie wollte leben, unter allen Bedingungen. Wie hatte sie ihn zu Beginn der Krankheit bedrängt, dass er ihr beim Freitod helfen müsse. Ich kann dich doch nicht umbringen, hatte er ihr geantwortet. Sie beharrte auf ihrer Bitte, voller Verzweiflung. Nach Jahren, als die Symptome der ALS für alle immer unerträglicher wurden, gab K nach. Er verschaffte sich die todbringende Spritze. Sie hätte sie sich selbst nicht mehr setzen können. In ihren Händen war keine Kraft mehr. Er also hätte A, seine Frau, töten müssen. Aus Liebe? Aus Mitleid? Aus Überforderung?  Hätte er es überhaupt gekonnt? Versprochen hatte er es ihr inzwischen. Das beruhigte sie. Das verabredete Zeichen, das Ungeheuerliche zu tun, kam aber nie. Das erlösende Zeichen blieb aus. K entlastete das sehr. Und doch: Hatte er in der letzten Phase der Krankheit nicht inständig darauf gewartet, dass sie ihm zeigte: Nun ist es genug.

K wurde von einer Sehnsucht nach besseren Tagen geflutet, und zugleich wusste er, sie würden nicht kommen. As unbedingter Wille zum Leben war zu mächtig. Sie gab dem Tod noch keine Chance. Sie zog es vor, scheibchenweise zu sterben.

Ihr Leiden war zu groß für K. Er war machtlos gegen seine Trauer, die von seiner ganzen Existenz Besitz ergriffen hatte. Ks Trauer fand keinen Ort, in dem sie sich verstecken konnte. K musste sie aushalten.

Es gab keine heiteren Tage mehr. Auch Ks Kraft rann unerbittlich durch das Stundenglas des Lebens.

Einmal noch wäre K gern mit seiner Frau in Marseille in ein Café gegangen, um  übermütig mit ihr zu plaudern und zu flirten. Das war ein absurder Gedanke, ein unerfüllbarer Wunsch. Solche Illusionen bekamen keine Nahrung mehr. Täglich schrumpfte ihr Leben zusammen. Da war kein Raum für Hoffnung. Ihrem Leiden blieb inzwischen jede Zufluchtsstätte verschlossen.

K erreichte A in ihrer Krankheit immer seltener. Ihre hoffnungslose Ausweglosigkeit stürzte sie in angsttiefe Verzweiflung. Ihre krankheitsbedingte Vereinzelung wurde zur psychischen Isolation. Auch sie erreichte K nicht mehr. Ein Verstehen von Herzen zu Herzen wurde zur Illusion. Ihre ihn sehnsüchtig begehrenden Hände berührten ihn schon lange nicht mehr. Sie blieben dort, wo K sie hingelegt hatte, auf der Bettdecke oder auf dem Schoß im Rollstuhl. Gab er nicht Acht, fielen sie herunter und baumelten wie tot ins Leere.

Rettung war nicht mehr möglich. Rettung war nie möglich gewesen.

Fortan pflegte K ihren zerfallenden Körper wie einen fremden Gegenstand. Sein Vorrat an Empathie war aufgebraucht. Mürrische Knurrlaute begleiteten seine Überforderung.

A, die K vom ersten Augenblick an leidenschaftlich geliebt hatte, die er aus dieser Liebe heraus heiratete, die er nach dreißig Ehejahren aus Liebe zu ihr noch acht quälend lange Jahre als Kranke pflegte, bis er sie nicht mehr lieben konnte, diese A begehrte auch noch im Stadium des größten Zerfalls ihres Körpers, in Liebe mit ihm zu leben, voll von sehnsüchtiger Verzweiflung. K bekümmerte diese unbedingte Hingabe von ihr an ihn. Sie trieb ihn in eine Schuld, ohne schuldig zu sein. Sie ließ ihn in einer Pein zurück, die er als Strafe für sein Unvermögen, sie auch noch im Verfall zu lieben, erlebte, denn alle Schuld rächt sich auf Erden. Gewiss, K brachte es bis zu ihrem Tode zu bemerkenswerten Beweisen der treuen Anhänglichkeit, aber lieben konnte er sie nicht mehr. Es war Mitleid, das in den letzten Jahren sein Handeln bestimmte. Die ALS hatte Ks Liebe zu A dem Vergessen ausgesetzt.

Die abendlichen  Schatten des Todes wurden immer länger. Die Situation im Krankenzimmer, vollgestopft mit Medizingerät, das jeder Intensivstation zur Ehre gereicht hätte, wurde immer irrealer.

K sah im Spukhaften seine Frau verdämmern.

Die Kranke, voll von empörter Verzweiflung, fiel täglich mehr und mehr in die Arme des Todes. K registrierte den Verfall mit quälender Zerstreutheit.

K pflegte die Todkranke stoisch weiter. Er begegnete beharrlich der ALS seiner Frau mit ruinöser Anstrengung. Dass er in keiner veritablen Depression unterging, verdankte er dem Umstand, dass er wusste, weshalb er die Gewichte dieser Krankheit ertrug. Es geschah um seiner Frau willen. Statt zu revoltieren und auszubrechen, schloss er sich aus Verantwortung in sein Schicksal ein. K verbrauchte sich in dem aussichtslosen Versuch, Nichtgewolltes zu wollen. Er bemühte sich, unter dem nicht zusammenzubrechen, was A ihm zumuten musste.

Es gab Momente, in denen Ks Mitleid mit seiner Frau nur noch ihm galt, so wie er früher manchmal nicht sie liebte, sondern in ihren Blicken sich selbst.

K hörte von einer anderen schwer Erkrankten. Sie lebte hemmungslos ihre Launen aus und genoss ihre aus Muße gezeugten Bosheiten. Hinter ihren Handlungen stand ein despotischer Eigenwille, dem jede helfende Hand zum Opfer fiel. Niemand hielt es lange bei ihr aus. Wer sie pflegte, zerbrach an der Tyrannei dieser Egomanin, die sich herrisch ins Recht setzte und allen grundlos misstraute. Wenn sie nicht zänkisch herumkommandierte, gerann ihr Schweigen zur hochmütigen Ablehnung gerade der Person, von der sie am meisten abhängig war. Schließlich wollte niemand mehr bei ihr sein. Ihr erwachsener Sohn, der als Banker weitab von seiner kranken Mutter viel Geld verdiente, ordnete telephonisch die Unterbringung in einem Heim an. Nicht einmal zum Umzug kam er. Sie musste sich von wildfremden Menschen helfen lassen.

Nein, da war Ks Situation doch eine andere. A war nicht despotisch, sie war einfach nur hilflos. Wohl hatte K auch schon einmal mit dem Gedanken gespielt, A doch in ein Heim zu bringen. Er unterließ es. Er wusste, das wäre für sie das sofortige Ende gewesen. Da hätte er ihr auch gleich die tödliche Spritze setzen können.

Auch die Einweisung in ein Hospiz stand nie auf der Tagesordnung. Sicher, A war schwerstkrank, ihr hätte eine palliativmedizinische Betreuung zugestanden. Im Hospiz warteten Alte und Kranke auf ihren Tod, der absehbar war. Almuths Tod war gewiss, absehbar war er nicht. Wie also sollte K sie dort zum Sterben abstellen? Nein, sie blieb bei ihm zuhause. Nur dort gab es die für sie angemessenste Pflege.

K zahlte dafür einen hohen Preis.

Seine Müdigkeit lähmte ihn täglich mehr. Er konnte nicht mehr, er wollte nicht mehr. Die Betreuung der Zerfallenden zehrte ihn aus. Die Übermacht der ihn verpflichtenden Disziplin erzwang das Notwendige. K funktionierte nur noch ohne Liebe. K erlebte das als Versagen. Darunter litt er zusätzlich. Er fühlte sich schuldig. K half seiner Frau nicht dadurch, dass er sich auch noch selbst bestrafte. A muss ihm das angesehen haben. Ihr Blick schnitt durch das Krankenzimmer wie ein Messer. Sie forderte mehr, als er geben konnte. Plötzlich begriff sie ungetrübt seine Überforderung. Ihre Augen verloren die Schärfe, sie weiteten sich zu tiefen dunklen Seen der Angst.

Die Zeit des Hoffens hatte sich erschöpft. Nachts, wenn er nicht schlafen durfte, weil das Atemgerät seine Aufmerksamkeit einforderte, flüchtete K in die Vergangenheit: A, seine sinnliche Plus-Size-Ikone. Tempi passati. K fiel in tiefe Trauer, beweinte all das, was noch möglich gewesen wäre, aber nie mehr sein würde. K beweinte das gestohlene Leben.

K zerrte lieblos an der Atemmaske. In dieser Handlung steckte etwas von der Erschöpfung und der Wut, seit acht Jahren die ALS-kranke Ehefrau zu pflegen. K würde seine Ungeduld nach ihrem Tode bitter bereuen. Von der verweigerten Milde, aus welchem Grunde auch immer, war nichts, aber auch gar nichts wieder gutzumachen. Die Schuld saß in ihm und lag auf ihm. Sie lähmte ihn. Lange war da kein Raum für einen anderen Gedanken.

Mit As nervöser Empfindlichkeit für ihre totale Abhängigkeit wuchs ihre verzeihliche Selbstsucht. Sie durfte sich nicht fragen, ob ihr all die Zuwendung der kraftraubenden Pflege zustünde. Nur indem sie ständig forderte, weil sie fordern musste, konnte sie weiter leben. Sie durfte keinen Gedanken an Ks Überforderung zulassen, die er ihr in erhabener Selbstverachtung  darreichte. Andernfalls hätte sie aufgeben müssen.

Es gab Situationen, in denen K das erotisch Unmögliche mit dem kulinarisch Möglichen vertauschte. Mit einem Restaurantbesuch kompensierte er dann die unerfüllte Sehnsucht nach einer Liebesnacht mit seiner Frau. Was er besaß, war das hilflose Wrack einer ALS-Gepeinigten. Wenn er ihren Anblick gar nicht mehr ertragen konnte, floh er nach Wiechs in den „Maien“. Er bestellte großzügig, und ließ es sich gut ergehen. Er verordnete sich, seine Frau zu vergessen. Selten gelang das, und wenn es gelang, dann erst nach einer Flasche Gutedel, manchmal brauchte er auch zwei. Beschämt und niedergeschlagen ließ er sich dann mit einem Taxi nach Hause fahren.

As bitter klagender Blick sagte mehr, als sie je hätte artikulieren können. Sie ignorierte ihn böse.

Ks Gedanken schrien sie an: Warum tust du uns das an? Und noch heftiger fragten diese Gedanken: Warum tust du dir das an? Alle um A herum wussten, dass der Zeitpunkt zu gehen, längst überschritten war. A hatte alles vorbereitet, alles vorbereiten lassen. Für den souveränen Freitod gab es eine unmissverständliche Patientenverfügung, die sie gleich nach der Diagnose der ALS aufgesetzt hatte. Später war K genötigt worden, die todbringende Spritze zu besorgen. Sie lag bereit. Nichts aber geschah. K und alle anderen mussten zur Kenntnis nehmen: Sie erlöst uns nicht. Sie erlöst sich nicht. Jemand sagte, sie lasse der Natur ihren Lauf. K dachte, das stimmt nicht. „Natürlich“ ist inmitten von High-Tech-Medizin, ärztlicher Kunst und extensivster Pflege längst nichts mehr. Ks Gedanken rebellierten: Wer hier von natürlichem Sterben spricht, der macht sich etwas vor. Ausgesprochen hat er das nie.

A hatte aufgehört, ihre Schmerzen zu zeigen. Ihre Ängste hatten sich in ihre Augen zurückgezogen. Sie ertrug alles stumm. Sie wurde zur großen Dulderin, während ihr Leben vor allen Augen weiter zerfiel. K wusste, umso aufopfernder A betreut wurde, desto länger würde sich das Ende hinauszögern. Und so kam es auch.

A war Ks Frau. Er hatte ihr am Beginn der Ehe versprochen, in guten wie in schlechten Zeiten für sie da zu sein. Und das nicht vor Gott. Kirchlich hatten sie sich nicht trauen lassen. K hielt sein Versprechen bis zum traurigen Ende. Dass seine Liebe zu ihr zwischendurch aufgebraucht worden war, änderte daran nichts.

Die Erleichterung, wenn  A den Freitod vollzogen hätte, wetteiferte mit der Angst vor ihrem endgültigen Verlust. Ks Antwort war eindeutig: Nein, sie soll leben!

Im letzten Herbst vor ihrem Tode fragte K seine Frau, was es sei, was sie noch am Leben erhalte. Die Spatzen im Garten, die zirpend auffliegen wenn Du mich in die Sonne schiebst. Die glühenden Farben der fallenden Blätter. Die Wärme Deiner Augen.

Das Leben selbst belohnte sie für ihren zähen Willen zum Leben. Sie ließ sich die kleinsten, zartesten, flüchtigsten Geschenke des Lebens nicht entgehen.

Für K war As Leben längst zum gewalttätigen Warten auf den Tod geworden. Der eingekerkerte Blick ihrer Augen, in denen schon das Sterben nistete, strafte für K ihre Aussagen Lügen.

Ihn ekelte der bösartige Schweißgeruch ihres Körpers. K schämte sich.

Er wandte sich ab. Er musste weinen.

A hatte nichts ausgelassen, das Unmögliche doch noch möglich werden zu lassen. Die naturwissenschaftliche Medizin hatte die Kranke von vornherein als verloren aufgegeben. Eine Heilung bei ALS war weltweit nicht bekannt, auch keine Spontanheilung. A fügte sich diesem Urteil nicht. Sie ersparte sich und ihrem Umfeld die Odyssee zu den Inseln der Hoffnung der Alternativmedizin nicht. Kräuteressenzen waberten durch das Haus, gewagte Massagen mit sündhaft  teuren Ölen erinnerten an orgiastische Rituale, die chinesische Akupunkturkunst wurde ebenso versucht wie die Farbpunktur nach Peter Mandel. Wie zu erwarten, half bei dieser Krankheit nichts. Die ALS war nicht zu besiegen. Der letzte Strohhalm, an den sich A klammerte, waren Geistheiler auf den Philippinen. Mit K, dem Kaumflieger, war kein Fernflug zu machen, bei aller Liebe nicht. As tieftrauriger, flehender Blick suchte nach einer Lösung. Ks Freund M sprang ein und begleitete die bereits im Rollstuhl sitzende Kranke nach Baguio, dem Zentrum der philippinischen Geistheiler.  Er brachte dramatische Bilder von blutigen Operationen mit, die man A zugemutet hatte. Geholfen hatten sie nicht. Nichts und niemand konnten ihr helfen. Spätestens jetzt musste sie es akzeptieren: Sie war unheilbar krank. Ihre Zukunft war der baldige Tod.

K las A aus einem neu erschienen Roman vor, Mann und Frau von Zeruya Shalev, und schon bald deckten ihre Atemzüge seine Worte zu. Sie war eingeschlafen.

Die Welt brauchte Ks ökologische und friedenspädagogische Opferbereitschaft nicht. A dagegen brauchte seine Hilfe sehr wohl. Abgesehen von den berauschenden Nächten mit ihr hatte sich K zweimal in seinem Leben authentisch gefühlt, einmal während seines politischen Engagements in Mutlangen und dann, so komisch das klingen mag, während der langen acht Jahre der Pflege. Hat das erste Opfer, das politische,  etwas bewirkt? K war sich immer unsicher gewesen. Es war wohl notwendig gewesen, gut war es nicht. Heute neigt er zum Nein. Das zweite Opfer aber war notwendig und gut. Man kann nur dem Nächsten helfen, nicht der Welt.

K und A reichten als Doppelverdiener zehn Jahre lang keine Steuererklärung ein. Den Aufwand, den komplizierten Steuergesetzen gerecht zu werden, empfanden sie als lebensfeindliche Zumutung. Ihr heiter dahingeschenktes Geld an den Staat verbuchten sie als Spenden für das Gemeinwohl. Als die Kinder kamen, die beiden Söhne J und B, trug K unter Murren die in einem Pappkarton lieblos gesammelten Belege in die grünen Formulare vom Finanzamt ein, mehr schlecht als recht. Aus Bequemlichkeit vertraute er den offiziellen Bescheiden aus Lörrach, wiewohl er fast nie eine Rückzahlung erhielt. Familien in vergleichbarer Situation sahnten dagegen regelrecht ab. Nichts gönnten sie dem Staat, von dem sie doch auch lebten.

Erst als A an ALS erkrankte und diese todbringende Attacke auf ihr Leben Geld kostete, viel, sehr viel Geld kostete, nahm sich K einen Steuerberater. Dem gelang es nicht, trotz aller Einsprüche, auch nur den rollstuhlgerechten Umbau des Hauses in Gündenhausen  als Sonderbelastung anerkannt zu bekommen. Die Steuerbeamten behaupteten frech vom Schreibtisch aus, das Haus habe durch die Umbauten einen Zugewinn erfahren. Und der sei nicht absetzungsfähig. Der Absagebrief enthielt so viele Paragraphen, dass K meinte, das Finanzamt wolle ihn nötigen, noch ein Jurastudium zu beginnen.

Barsch und hartherzig weigerten sich die Steuerbeamten, die medizinisch erzwungene Verschandelung des Hauses – von wegen Zugewinn – in Augenschein zu nehmen. Es waren die gleichen Beamten, die früher den Ankauf von Ks wissenschaftlichen Büchern in Zweifel zogen und beflissen anreisten, um, peinlich, peinlich, jedes einzelne Exemplar auf seine Anerkennbarkeit zu prüfen.

Gerechtigkeit? Steuergerechtigkeit? Ach, vergiss es, sagte sich K. Er war nicht nur mit der Krankheit seiner Frau geschlagen, die all seine Kraft brauchte, er war dazu auch noch unter die beamteten Wegelagerer der Steuerbehörde gefallen. Er schüttelte ihre Zumutungen ab, wie ein nasser Pudel. Sein Steuerberater riet ihm zu klagen. Nein, nicht auch noch diese Belastung. Eine solche Haltung muss man sich leisten können. K konnte es sich leisten. Seine Vorträge und Seminare in der Wirtschaft ermöglichten ihm, A alles zukommen zu lassen, was Hilfe und Erleichterung versprach. Als A starb, war das in Jahrzehnten erarbeitete Vermögen, ein nicht unerhebliches Vermögen, restlos aufgebraucht. Auch finanziell fing K wieder von vorne an.

K mühte sich darin, mit freiwilligen Anstrengungen die unfreiwilligen Belastungen durch As Krankheit zu überholen, um wenigstens für Augenblicke ein Hochgefühl der Selbstachtung genießen zu können: Seht her, ich packe den Stier bei den Hörnern! Ich lasse mich nicht unterkriegen! Dass er nach all den Jahren zum Vegetieren an der Erschöpfungsgrenze verdammt war, musste er verdrängen.

K wiederholte immer wieder und immer wieder dieselbe nutzlose Frage: Warum? Warum musste A an ALS erkranken? Er bekam keine Antwort, weil es auf diese Frage keine Antwort gibt. Im Versuch, As Krankheit zu verstehen, trieben Ks Gedanken orientierungslos im Niemandsland zwischen Tiefsinn und Fahrlässigkeit. Zwischen Strafgericht und Zufall schleuderte es ihn hin und her. Er kam auf keinen vernünftigen Grund. Die ALS blieb ein rätselhaftes Widerfahrnis.

K wunderte sich, dass er für A kein spontanes Bedauern mehr aufbringen konnte. War er zum Mitleiden unfähig geworden? Er bemühte sich, mitzufühlen, aber er wusste nicht mehr, wie es sich anfühlt, wenn man etwas fühlt. K litt darunter, dass er nicht leiden konnte. In ihrem letzten Jahr musste A sein apathisches Funktionieren dennoch als liebende Zuwendung angenommen haben, andernfalls wäre sie vollends verzweifelt. Bei ihm weckte das nur abgrundtiefe Schuldgefühle, die ihn auch nach ihrem Tode noch heimsuchten.

Am Ende war K seiner Tat, A jahrelang unerschrocken gepflegt zu haben, nicht mehr gewachsen. Er verkleinerte sie, er verleumdete sie, ja, er sah sich als Gescheiterten.

Den Kredit des Lebensgenusses, den A vor ihrer Krankheit reichlich gewährte, musste er während des quälend langen Siechtums durch überhöhte Leidensrückzahlungen abtragen. Die Zeiten waren vorbei, in denen ihn ein sinnliches Verlangen nach Hause trieb, weil er wusste, dort würde es von seiner Frau gestillt. Es gab keine Vereinigung in Wollust mehr, es gab nur noch die Pflicht der Pflege.

As Lebensherbst bekannte sich nur zögerlich zum Winter. Viel Zeit blieb ihr nicht mehr. Sie sollte im Januar sterben.

Die meisten Grabsteine beleidigen das Leben. Sie verherrlichen feige den Tod. Den Satz hatte K irgendwo einmal gelesen. Er beherzigte ihn. Er ließ nur ihren Namen einmeißeln: A. K., sonst nichts. Keinen Spruch, nicht einmal Geburtsdatum und Todesjahr wurde vermerkt. Einfach nur: A. K

Den Stein hatte sie noch selbst ausgesucht. Da kannte sie schon die Diagnose, da zählte bereits jeder Tag. Länger als anderthalb, höchstens zwei Jahre würde sie mit der ALS nicht mehr leben können. Dass sie sich dann acht Jahre erkämpfen konnte, war nicht abzusehen.

A erinnerte sich an eine Wanderung zu einem Steinbruch, nicht weit von Gündenhausen entfernt. Dorthin wollte sie mit K. Sie sagte ihm nicht, warum. Noch konnte sie laufen, zwar nicht mehr sicher, aber laufen konnte sie noch. Kurze Strecken, ja. Oft stolperte sie. Und hingefallen war sie auch schon. Vor allem der rechte Fuß weigerte sich immer mehr, ihr zu gehorchen. Das selbstvergessene Hingegebensein ans Laufen  war vorbei. Sie musste sehr konzentriert gehen, jeden Schritt mit höchster Aufmerksamkeit begleiten. 

Bis zum Steinbruch zu wandern, daran war überhaupt nicht mehr zu denken. Sie nahmen also das Auto. Nah am Steinbruch hielten sie an. A ließ sich aus dem Wagen helfen und hakte sich bei K unter. Sie hing schon nicht mehr wie eine Geliebte an seinem Arm, sie war bereits die Kranke, der Hilfe bedürftig. Vorsichtig und langsam gingen sie einen der beiden Feldwege entlang, die zum Steinbruch führten. Rechts und links lagen wild hingewürfelt Steinbrocken unterschiedlicher Form und Größe. Viele waren ineinander verkeilt, andere lagen als Solitäre herum, manche waren mit Moos bewachsen. Plötzlich blieb A stehen: Das ist er. Den nehme ich. Sie zeigte auf einen nahezu runden Stein von gut einem Meter Durchmesser. Ja, den nehme ich, wiederholte sie trotzig. Wozu, fragte K. Den richtet ihr mir als Grabstein, wenn es so weit ist.

Und so geschah es sieben Jahre später. K erklärte dem verdutzten Steinmetzmeister, dass er kein Marmor wolle, einen ordinären Steinblock wolle er auf dem Grab seiner Frau haben. Er wisse auch schon welchen. Und so fuhr man mit dem Firmenwagen Hans Krückels. Steinmetzarbeiten und Grabmahle, Schopfheim  hinaus zum Steinbruch, hievte den von A ausgesuchten Block  auf die Ladefläche des Kleinlasters und brachte den schweren Brocken in die Werkstatt. Laut fräste sich die Säge durchs Gestein. In die eine Hälfte meißelte der Meister As Namen, während aus der anderen Hälfte die Umfriedung des Grabes gefertigt wurde. Noch einmal wurde A stilbildend. K erreichten mehrere Anfragen, ob man diese Grabgestaltung kopieren dürfe, selbstverständlich mit Variationen. K stimmte im Geiste seiner Frau jedes Mal zu.

A musste stark sein ohne die Tröstungen einer Kirche. An die Wiedergeburt glaubte sie nicht. Mit ihrem letzten Atemzug war für sie alles unwiederbringlich vorbei. In den Wochen vor ihrem Tode las sie mit Hilfe ihres automatischen Lesegerätes Anselm Grüns Büchlein über die Engel. Wehte sie doch noch einmal der Atem der großen Metaphysik an? Darüber informierte sie K nicht mehr. Solche Fragen waren für die Computerlesetechnik zu komplex. Sie nahm sie mit ins Grab wie so manch anderes auch, von dem K gern noch etwas erfahren hätte. Die Kommunikation schrumpfte auf das Allernotwendigste: Bitte, rechtes Bein anheben. Ich habe Durst. Ich habe Hunger. Ich muss auf die Toilette. Ks Antworten waren seine Taten. Er hob das Bein an, er gab ihr zu trinken, er flößte ihr Brei ein, er fuhr sie mit dem Kran über die Toilette. Danke.

Erstaunlich war, dass A bei allen Schwankungen bis zum Ende immer wieder einmal den von Geist und Liebe erfüllten Blick behielt.

Die qualvollen Krisen, die As Krankheit hervorrief, bereiteten K schlaflose Nächte. Den natürlichen Rhythmus im Wechsel von Tag und Nacht sollte er nie wiedererlangen. Auch zehn Jahre nach As Tod schreckt er immer noch nachts auf, weil die Atemmaske ihre Arbeit eingestellt haben könnte. Drei Minuten trennten dann seine Frau vom Ersticken.

Längst gibt es keine Atemmaske mehr.

Längst ist A, trotz Maske, erstickt.

Die krankheitsbedingten Anforderungen erreichen Ks Unterbewusstes auch heute,  so wie wenn A immer noch in ihrem Elend neben ihm läge.

Die Zeit des Opferbringens ist also nicht an ihr Ende gekommen. Sie wird nie an ihr Ende kommen.

K leidet immer noch unter nervöser Schlaflosigkeit, die jeder Behandlung widersteht. Die Unbeständigkeit seines Schlafes hält K in einer Anspannung, die ihn weiterhin erschöpft. Wenn er nachts stundenlang wachliegt, versucht er, das Gesicht der Toten herbeizurufen. Seine leidenschaftliche Mühe, sich zu erinnern, ist oft vergebens. In einem Nebel von Elend verschwimmen die Konturen ins Nichts. K bleibt dann leer von dem, was einstmals seine Frau war. Enttäuscht und ermattet dämmert er dann dem neuen Morgen entgegen.

Einmal war er mit seinen Söhnen ohne Spannung vereint. K erwartete J und B auf dem Flughafen Basel-Mulhouse. Der eine kam von Berlin, der andere aus Marseille. Alle drei umarmten sich stumm ohne Peinlichkeit. Ihre Körper wussten sich in vollkommener Zustimmung und gleichgerichteter Trauer.

 Am Tag zuvor war A gestorben.

Sie war tot.

Befreit von all den Fallen, die uns das Leben stellt.

Sie starb ihren hinausgezögerten Tod in der Universitätsklinik in Freiburg im Breisgau. Sie wollte sich noch eine Magensonde und ein Tracheostoma setzen lassen, gegen den Widerstand der Ärzte. K hatte dazu keine Meinung mehr. Damit hatte sie sich endgültig zu viel vorgenommen. Sie starb an einem frühen Montagmorgen, allein. K war noch in Schopfheim. Er war gerade auf dem Sprung zu ihr nach Freiburg als der diensthabende Arzt anrief.

K würgte dieser einsame Tod.

Ein letztes Mal war das Schicksal unfair gegen sie und ihn gleichermaßen. Er hatte sie acht lange Jahre ausdauernd und geduldig gepflegt. Doch in der Stunde des Todes sollte er nicht bei ihr sein. Er hielt nicht ihre Hand. Niemand hielt sie. Für das Schicksal gehörte diese letzte Geste der Humanität offensichtlich nicht zu den Pflichten der Pflege.

Wie grausam.

A wurde in dem von ihr so geliebten Wintergarten in Gündenhausen aufgebahrt. K und J und B hielten Totenwache. Der abendstille Raum war voll von Erinnerungen an das verloschene Leben und die letzten acht Jahre. Sie hatten der Kranken beigestanden, jeder auf seine Art. Nun trugen sie ihrerseits  ihre Dankesschuld ab, K gegenüber seiner Frau, J und B gegenüber ihrer Mutter. Diese starke Frau hatte sie geprägt, mehr als sie in diesen Stunden des Schmerzes wussten. Nach drei Tagen und drei Nächten trugen die drei Männer den Sarg mit den Füßen voran aus dem Haus, wie der Brauch es fordert. Die Abendsonne zündete in den Fenstern ihr Feuer an.

Die Beerdigungsfeier wurde zum Ereignis. Unübersehbar viele nahmen von ihr Abschied. As letzter Triumph. Zurückblieb eine Handvoll Asche, menschenfern und ohne Verheißung auf ein ewiges Leben.

K konnte sein wütendes Entsetzen über dieses Ende nicht unterdrücken.

K war mit dem Tode von A endgültig das fraglose Leben -Wollen und Leben -Können abhandengekommen.

Er war müde von acht Jahren Pflege. Er wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Mit As Tod war sein Leben zerfallen. Sobald er über sich nachdachte, entwich ihm jeder unreflektiert hinterlegte Sinn. Alles bekam Risse. Was einmal, wenigstens im Privaten, einigermaßen ordentlich gefügt schien, verrutschte und zerbröckelte und löste sich auf. Natürlich hatten sie auch immer wieder im Modus gegenseitiger Verletzungen gelebt. Stets waren sie angriffslustig. Aber ihre Liebe überstand alle Turbulenzen und Verletzungen.

K fand sich wieder in einem diffusen Seelenschmerz. Er trank dann seinen geliebten Médoc. Ihm folgten noch ein, zwei, drei oder auch vier Grappa. Am nächsten Morgen hatte er neben der Seelenpein Kopfschmerzen.

Sehr selten waren die Stunden, in denen K seinem Gedächtnis Bilder von A aus Zeiten vor der ALS-Erkrankung entleihen konnte. Selbst wenn er in alten Photoalben blätterte, sah er sie nicht so wie sie abgebildet war, am Tag der Hochzeit in Ostfriesland, im Schnee auf dem Feldberg, im Bikini in einer Bucht auf der Insel Frioul vor den Toren Marseilles. Sofort heftete sich die Atemmaske ins Gesicht, sofort hing ihr schlaffer Körper am Kran über der Toilette, sofort sah er sie mit dem Laser in bemitleidenswerter Geduld Buchstaben produzieren.

Wenn er dann doch einmal das Elend abziehen konnte und zum ursprünglichen Bild zurückkehrte, dann begegnete ihm eine wunderschöne Frau, fröhlich und heiter, sinnlich und neugierig auf die Welt, bereit zu jedem Abenteuer. K ging das Herz auf. Und mit dem Abstand der Jahre empfand er Dankbarkeit für das, was es auch einmal gegeben hatte: das unbeschwerte kampferprobte Zusammensein mit seiner starken Frau. Dann verwandelte sich As leeres Bett in eine Stätte beflügelnder Erinnerung. Nackt saß sie rittlings auf ihm. Ihre festen Oberschenkel hielten ihn lustvoll gefangen, während sie sich vorbeugte und ihre schweren Brüste ihm den Atem nahmen. Betäubt fiel K in ihr Begehren.

Je weniger K solche Momente suchte, desto bereitwilliger kamen sie zu ihm. Er empfing sie als ein unverdientes Geschenk. Es waren Szenen einer besseren Welt, die sich dann selbst herbeizitierten.

As Tod war lange auch sein Tod.

Erst die Enkelin S sollte ihn auferstehen lassen.

Die Sonne schien wieder auf sein zerbrochenes Leben.


Vgl. den Roman von B. Kern: Einmal noch Marseille.

 


Zufällig ausgewählte Glosse

In den vollkommenen Wolken wie in einem Horoskop lesen.