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Gedanken zur Papst-Rede 2011

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Gedanken[1] beim Nachlesen der Papst-Rede:

Rede von Papst Benedikt XVI. vor dem Deutschen Bundestag am 22.09.2011:


Über die Fundamente des freiheitlichen Rechtsstaats[2]


Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Herr Bundestagspräsident!

Frau Bundeskanzlerin!

Herr Bundesratspräsident!

Meine Damen und Herren Abgeordnete!

Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen – vor dem Parlament meines deutschen Vaterlandes, das als demokratisch gewählte Volksvertretung hier zusammenkommt, um zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten. Dem Herrn Bundestagspräsidenten möchte ich für seine Einladung zu dieser Rede ebenso danken wie für die freundlichen Worte der Begrüßung und Wertschätzung, mit denen er mich empfangen hat.

Die Einladung zur Rede vor dem Deutschen Bundestag hat der Präsident des Deutschen Bundestags, Prof. Dr. Norbert Lammert, ausgesprochen. Zuvor hatte er sich mit den Fraktionsvorsitzenden aller im Bundestag vertretenen Parteien besprochen.

Im Vorfeld dieser Rede gab es eine heftige öffentlich geführte Kontroverse darüber, ob der Papst überhaupt vor den Abgeordneten des deutschen Volkes sprechen dürfe. Kritiker sahen die weltanschauliche Neutralität verletzt. Sie verwiesen darauf, dass in einem laizistisch verfassten Staate die Trennung zwischen Staat und Kirche gewahrt bleiben müsse. Der Papst als Oberhaupt der Katholischen Kirche sei konfessionell parteiisch, folglich werde bei seinem Auftritt im Hohen Hause die Neutralität verletzt. Nach dieser Kritik argumentierten die Befürworter, dass der Papst nicht nur Kirchenoberhaupt, sondern zugleich auch politisches Oberhaupt des Vatikanstaates sei. In dieser Eigenschaft müsse er wie jeder andere Staatenlenker als Staatsgast behandelt werden und habe, insbesondere nachdem er offiziell eingeladen wurde, deshalb prinzipiell auch Rederecht vor dem Deutschen Bundestag.

Fragt man nach dem Status des Papstes, dann erhält man diese Antwort: Als Vicarius Iesu Christi, als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden und als Nachfolger des Apostels Petrus, wie es die religiösen Fundamente des Papst-Amtes behaupten, ist er, soziologisch gesprochen, Chef der grössten und ältesten Institution der Welt. Er ist Bischof von Rom und Santo Padre, der Heilige Vater, und als solcher das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Wäre er nur dies, dann wäre das gewährte Rederecht in der Tat nicht unproblematisch. Doch politisch ist der Papst zugleich auch das Staatsoberhaupt des Vatikanstaates: Stato della Città del Vaticano, wie die offizielle Bezeichnung für den kleinsten Staat der Welt lautet. Tritt er in dieser Rolle vor die Abgeordneten, dann kann es keine Einwände gegen seine Einladung geben.

In dieser Stunde wende ich mich an Sie, verehrte Damen und Herren  –  gewiss auch als Landsmann, der sich lebenslang seiner Herkunft verbunden weiß und die Geschicke der deutschen Heimat mit Anteilnahme verfolgt.

Zu der politischen Legitimation der Papst-Rede kommt noch eine landsmännische Motivation: Papst Benedikt XVI. spricht als Deutscher zu Deutschen. Denkt man in historischen Dimensionen, dann wird diese Rede ein herausragendes Ereignis bleiben, denn es ist höchst unwahrscheinlich, dass in absehbarer Zeit wieder ein Deutscher zum Papst gewählt werden wird. Darüber hinaus ist sein Auftritt in Deutschland für ihn selbst nicht ohne Brisanz. Deutschland hat viele kritische Katholiken, und nicht nur diese knüpften hoffnungsvolle Erwartungen an sein Auftreten.

Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.

Hier nun bestimmt Benedikt XVI. seine Rolle als Redner selbst. Er deutet die Einladung als Einladung an den Papst, an den Bischof von Rom, der „die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt“.

Ist das die Rolle des Staatsoberhauptes des Vatikanstaates?  Wie sieht es mit der Zuständigkeit von Staatsoberhäuptern aus? Sie sind zuständig für ein genau umgrenztes Terrain und für die auf diesem Terrain lebenden Staatsbürger. Ich entnehme einer Auskunft über den Vatikanstaat: Er umfasst 0.44m². Nur etwa 400 Bewohner haben die vatikanische Staatsangehörigkeit. Die Mehrzahl der ca. 3.000 Beschäftigten des Vatikanstaats wohnt jedoch nicht auf seinem Gebiet und besitzt auch nicht seine Staatsangehörigkeit.

Spätestens jetzt wird deutlich, dass die Rollentrennung in Oberhaupt aller Katholiken und Staatsoberhaupt des Vatikanstaats nicht funktioniert. Ja mehr noch, Benedikt XVI. schliesst aus der Einladung an ihn, dass der einladende Präsident des Deutschen Bundestags  „die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt“ „anerkannt“ habe. Daraus ergibt sich für den Papst eine „internationale Verantwortung“.

Der Papst wird also als katholischer Christ zu den Abgeordneten sprechen. Und indem er „Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats“ vortragen wird, werden seine christlich-katholisch gegründeten Aussagen mit dem Anspruch universaler Geltung versehen werden. Das ist die Konsequenz seines religiös-konfessionellen Denkhorizontes. Der als Staatsgast Eingeladene wird als Kirchenführer sprechen. Er wird den vor ihm versammelten Parlamentariern ins Gewissen reden.

Lassen Sie mich meine Überlegungen über die Grundlagen des Rechts mit einer kleinen Geschichte aus der Heiligen Schrift beginnen. Im ersten Buch der Könige wird erzählt, dass Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten?

Schon die Eröffnung der Reflexion bestätigt die christliche Denkbahn, wie sollte es auch anders sein. Die Erörterung über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats beginnt mit einer Geschichte aus der Bibel. Das ist aus der Binnenperspektive des Papstes konsequent, von aussen betrachtet jedoch nicht selbstverständlich. Es hätte auch mit einer juristischen, politischen, soziologischen oder philosophischen Argumentation begonnen werden können.

Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3,9).

Die Antwort von König Salomon auf die Frage, was er sich aus Anlass seiner Thronbesteigung erbitte, enthält  Aussagen, die in ihrem Kontext prämodernes Denken dokumentieren. Es wird von einer  theozentrischen Ordnung ausgegangen: Es gibt Gott, den Herrn, und es gibt den König, seinen Knecht. In Gott ist die Wahrheit, und der Knecht-König bittet nun darum, dass er diese Wahrheit auch hören könne: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz“. Erst aus dieser vernommenen göttlichen Wahrheit heraus „verstehe“ der König, sein Volk  verantwortungsvoll zu regieren, und zwar dadurch, dass er „das Gute vom Bösen“ zu unterscheiden vermag.

Für wen kann eine solche Auslegung Geltung haben? Doch nur für die Anhänger der monotheistischen Offenbarungstheologie, die der Papst hier vertritt, also für den römisch-katholischen Christen.

Sein Publikum im Berliner Reichstag  ist demgegenüber weltanschaulich plural orientiert. Die Anders-Gläubigen oder  Nicht-Gläubigen können dieses Reden bestenfalls als anthropozentrisch umzudeutenden Denkanstoss aufnehmen, wohlwollend als einen missionarischen Appell.  Aber genau dann verliert die Aussage ihre vom Papst intendierte Mission. Die Quintessenz liegt ja in der anspruchsvollen Behauptung, dass derjenige, der von Gott ein „hörendes Herz“ geschenkt bekommt, Gutes von Bösem zu unterscheiden vermöge.

Diese Feststellung ist gleich doppelt bedenkenswert.

Da ist einmal die Setzung der Schenkung. Es ist die Gnade Gottes, die den Glaubenden das Wahre hören lässt. Und dann wird unhinterfragt ontologisch von einer dichotomischen Trennung von „Gut“ und „Böse“ ausgegangen. Übergänge und Grauzonen sind nicht gefragt. Der Papst weiss also als gläubiges Kind Gottes genau, was das Wahre und  das Gute auf der einen Seite und was das Böse auf der anderen Seite ist.

Damit ist der metaphysische Horizont abgesteckt, aus dem heraus die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats erörtert werden.

Als ein zentraler Träger dieses Rechtsstaats wird der Politiker direkt angesprochen:

Die Bibel will uns mit dieser Erzählung sagen, worauf es für einen Politiker letztlich ankommen muss.

Die zitierte Bibelstelle 1. Könige, 3.9, zunächst vom Papst als „Geschichte“, dann als „Erzählung“ gekennzeichnet, hat eine Aussage für die Politiker: Sie sagt, worauf es „für einen Politiker letztlich ankommen muss.“ Das ist ein normativer Satz: Das „Muss“ ist als ein moralisches Sollen zu lesen.

Der inhaltliche  Massstab für dieses Sollen bleibt noch offen. Zunächst wird nur die Dimension mitgeteilt, in der dieses Sollen angesiedelt ist: Es geht darum, worauf es „letztlich“ ankommen muss. Wenn alle Reflexionen über das politische Handeln an ihr Ende kommen, dann, -  „letztlich“ -,  „muss“ dieses Handeln einen letzten Grund haben, der das Tun und Lassen des Politikers legitimiert und trägt. Schon mit dieser Positionierung einer ethisch zu begründenden politischen Handlung wird diese der alltäglichen Beliebigkeit entzogen, denn:

Sein letzter Maßstab und der Grund für seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein.

Jetzt werden Massstab und Grund für die Arbeit des politischen Handelns in einer Formulierung der Negation ausgesprochen: Nicht der „Erfolg“, und schon gar nicht der „materielle Gewinn“, dürfen zum letzten Grund politischen Handelns gemacht werden.

Damit wird der Begriff „Erfolg“ sogleich negativ konnotiert. Das ist nicht zwingend. So wie es auch nicht-materiellen Gewinn gibt, so auch nicht-materielle Erfolge. Wenn beispielsweise eine moralische Tat gelingt, dann war sie erfolgreich. Die Logik hätte auch beim Begriff „Erfolg“ des präzisierenden Zusatzes „materiell“ bedurft, um die Intention der Papst-Aussage eindeutig werden zu lassen.

In der Relativierung von materiellem Erfolg und materiellem Gewinn verbirgt sich politisches Dynamit. Im Grunde kritisiert hier Papst Benedikt XVI. jede Gesellschaft, die das Kapital zum höchsten Wert erklärt hat. Ist das eine grundsätzliche Kapitalismuskritik? Ist es eine grundsätzliche Kritik am heutigen Bankenwesen, das ich nur als ein Bankenunwesen wahrnehmen kann?

Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen.

Es folgen nun die Positivformeln für das Handeln der Politiker. Politisches Handeln habe „Frieden“ zum Ziel. Die „Grundvoraussetzung für Frieden“ sei „Gerechtigkeit“. Folglich „muss“ das Handeln des Politikers „ein Mühen um Gerechtigkeit“ sein.

Was heisst hier „Frieden“, was „Gerechtigkeit“?

Welcher Friede ist gemeint? Der Friede jedes Einzelnen mit sich selbst, der Friede der Menschen untereinander, der Friede zwischen den Völkern, der Friede der Menschheit mit der uns alle tragenden Natur, der Friede des Einzelnen mit Gott?

Der Friede des Einzelnen mit sich selbst gehört in das Aufgabenfeld von Pädagogen und Psychologen. Beim Frieden mit Gott sind die Theologen und Priester gefordert.

Der Papst spricht die vor ihm Sitzenden in ihrer Rolle als Politiker an. Es dürfte also der Friede zwischen den Menschen innerhalb eines Staatengebildes und der Friede zwischen den Völkern gemeint sein; bis zu einem gewissen Grade auch der Friede der Menschheit mit der Natur, jedenfalls legt eine spätere Formulierung in der Rede des Papstes diese Auslegung nahe.

Politischer Friede nach Innen und nach Aussen, so die Argumentation, setze „Gerechtigkeit“ voraus, um die sich der Politiker zu mühen habe. Was meint hier „Gerechtigkeit“? Es wird nicht gesagt.

Stattdessen wird ein Rückbezug zum Thema „Erfolg“ angeboten, denn:

Natürlich wird ein Politiker den Erfolg suchen, der ihm überhaupt die Möglichkeit politischer Gestaltung eröffnet.

Das verwirrt mich. Hiess es nicht gerade erst, der letzte Massstab für das politische Handeln dürfe nicht der Erfolg sein? Plötzlich ist es sogar „natürlich“, wenn der Politiker den Erfolg sucht, um überhaupt politisch handeln zu können. Dann muss es einen vorletzten Massstab für das politische Handeln geben, der den „Erfolg“ positiv bewertet.

Damit diese positive Auslegung von „Erfolg“ nicht ins Negative abrutscht, heisst es deshalb:

Aber der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet.

„Erfolg“, positiv gesehen, wird also unter Bedingungen gestellt. „Gerechtigkeit“, der „Wille zum Recht“ und „das Verstehen für das Recht“ sind die Massstäbe, denen der „Erfolg“ unterzuordnen ist.

Was heisst das genau?

Solange unklar ist, was „Gerechtigkeit“ meint, ist diese als Massstab für Erfolg wenig hilfreich. Ähnlich ambivalent ist der Hinweis auf den „Willen zum Recht“. Auch der Begriff „Recht“ ist auslegungsfähig und damit interpretationsbedürftig.

Bis zu dieser Stelle der Papst-Rede liegt hierfür keine Präzisierung vor.

Was meint die Formel „Verstehen für das Recht“? Der angebotene Hauptsatz lautet sprachlich: „Der Erfolg ist … dem Verstehen für das Recht untergeordnet“. Ich lese das so, dass ein umgreifendes Verständnis für das Recht vorhanden sein müsse, damit ein daraus resultierender Erfolg seine Legitimation bekommen könne. Dann bleibt die Formulierung „das Recht“ immer noch problematisch. Sie unterstellt, dass es ein allgemeingültiges Recht gäbe. Die Kulturgeschichte des Rechts gibt eine andere Auskunft. Rechtssysteme tief unterschiedlicher Konstruktion sind nachweisbar. Dieses Problem wird später in der Rede erörtert, wenn Naturrecht und positiv gesetztes Recht unterschieden werden.

Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit.

Ohne dass vorrangig geklärt ist, welchem Recht allgemeine Geltung zukommt und welche Gerechtigkeit zur Diskussion steht, wird nun von der Möglichkeit der „Verfälschung des Rechts“ und der „Zerstörung der Gerechtigkeit“ gesprochen.

Wer mit verfälschtem Recht und zerstörter Gerechtigkeit Erfolg hat, der verführt. Diese Gedankenbewegung hilft nicht aus der Sachproblematik. Solange die Interpretierenden willkürlich ihre je unterschiedlichen Vorstellung in die Leerformeln „Recht“ und „Gerechtigkeit“ einsetzen können, können sie sich wechselweise des verführerischen Erfolges bezichtigen.

Hilft der Fortgang der Argumentation aus diesem Dilemma heraus?

Der Papst greift auf eine Aussage eines Philosophen und Kirchenlehrers zurück und zitiert:

„Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“, hat der heilige Augustinus einmal gesagt.

Dieser Satz findet sich im „Gottessstaat“, De civitate Dei, 4,4: „Remota iustitia quid sunt regna nisi magna latrocinia?“ Er wird üblicherweise übersetzt: „Was sind Staaten anderes als große Räuberbanden, wenn es in ihnen keine Gerechtigkeit gibt.“ Man findet auch diese Übersetzung: Was sind Staaten ohne Gerechtigkeit anderes als große Räuberbanden?“ Immer heisst es „Gerechtigkeit“, nicht „Recht“.

Schon unmittelbar nach der Papst-Rede machte Heiner Geissler in einem Fernsehinterview darauf aufmerksam, dass Benedikt XVI. statt von „Gerechtigkeit“ von „Recht“ sprach. Für die Auslegung ist es von gravierender Bedeutung, ob „justitia“ mit „Recht“ oder mit „Gerechtigkeit“ übersetzt wird.

Wenn es bei Aurelius Augustinus heissen würde, dass durch die Wegnahme von „Recht“ überhaupt der Staat zur Räuberbande wird, dann wird nichts über die Verfasstheit des Rechtes ausgesagt, sondern nur von der vollständigen Abwesenheit des Rechtes gesprochen. Die Abwesenheit, das Nichtvorhandensein von Recht führe also zur Räuberbande.

Darin liegt jedoch nicht die Pointe des Zitates. Auch sogenannte Unrechtsstaaten haben ihre Rechtssysteme. Es sind allerdings Rechtssysteme, denen man mit guten Gründen ihre Legitimation absprechen muss. Es geht also bei Augustinus nicht um die Abwesenheit von Recht, sondern um die Qualität des Rechtes. Diese Auslegung setzt allerdings die Übersetzung von „iustitia“ als „Gerechtigkeit“ voraus.

Was ist der Massstab, um beurteilen zu können, ob Rechtssysteme zu rechtfertigen sind oder eben auch nicht? Wie also erkennt ein Politiker, dessen Beruf es ist, Gesetze zu geben, ob seine Gesetze „gut“ sind? Ob sie dem wahren Recht entsprechen? Ob sie gerecht sind?

Es könnte geurteilt werden: Immer dann, wenn das Recht sich an der Idee der Gerechtigkeit orientiert, dürfte es sich dem wahren Recht annähern. Das hilft an dieser Stelle der Papst-Rede jedoch nicht weiter, denn was  „Gerechtigkeit“ sei, ist noch nicht geklärt.

Möglicherweise meint Benedikt XVI. diese Klärung gar nicht vornehmen zu müssen, weil er ja mit seiner Erzählung aus dem 1. Buch der Könige dank des Gnadengeschenks Gottes grundsätzlich Gutes von Bösem zu unterscheiden vermag. Das Mittel, mit dessen Hilfe die Unterscheidung zwischen „Gut“ und „Böse“ vorgenommen werden kann, ist das „hörende Herz“, also der Ruf des Gewissens. Wer der Stimme des Gewissens folgt, der weiss - nach dieser Ableitung - auch ohne ergebnisoffene Diskurse  im politischen Raum, was die Wahrheit des guten Rechtes ist.

Das jetzt folgende Beispiel soll diesen Gedanken unterstützen:

Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, dass diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind.

„Diese Worte“ – das bezieht sich auf die Augustinus-Aussage in der Papst-Übersetzung: Nimm das Recht weg, und der Staat wird zur Räuberbande.

Hat das Dritte Reich kein Recht gehabt? Doch, nur es hatte nicht recht. Das Rechtssystem der Diktatur des Nationalsozialismus war kein „gutes“ Recht. Es war, gemessen an einer näher zu begründenden Idee der Gerechtigkeit und der Humanität,  schlimmstes Un-Recht, also inhuman. Der Ruf des nationalsozialistischen Gewissens ging in die Irre.

Deshalb fährt der Papst auch fort:

Wir haben erlebt, dass Macht von Recht getrennt wurde, dass Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und dass der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrunds treiben konnte.

Nochmals: Aus der Binnensicht der Diktatur gab es ein Rechtssystem. Innerhalb des Denkgebäudes der Nationalsozialisten wurde dieses Recht für rechtens, also für „gut“ gehalten. Nur aus der Aussenperspektive war es Unrecht, also „böse“. Das „nationalsozialistische Rechtssystem“ zerstörte das „demokratische Rechtssystem“ der Weimarer Republik mit allen daraus sich ergebenden desaströsen Folgen.

Grundsätzlich gedacht: Woher weiss der Einzelne in einer Gesellschaft, in der er lebt, ob das gerade gültige Rechtssystem „gut“ ist? Nachdem die Folgen zu besichtigen sind, ist leicht urteilen. Während der 12 Jahre NS-Herrschaft hatte die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger kein Unrechtsbewusstsein im Blick auf das nationalsozialistische Rechtssystem.

Welches Recht also wird zertreten? Welches Recht darf mit welchen Gründen nicht zertreten werden?

Betreffen solche Fragen nur Diktaturen?

Wie sieht es mit dem demokratisch legitimierten „Recht“ auf Todesstrafe aus? Auch die Katholische Kirche hat ihr Rechtssystem, ihr Kirchenrecht.  Lese ich die von N. Greinacher und H. Haag herausgegebene Dokumentation „Der Fall Küng“, 1980, dann habe ich von meinem demokratischen Rechtsverständnis her viele kritische Rückfragen an die katholische Kirche.

Mit welchem Recht beansprucht die Amtskirche in ihrem Kirchenrecht das wahre Recht zu haben?

Mit welchem Recht darf Hans Küng das geltende Kirchenrecht der römisch-katholischen Kirche kritisieren?

Wo ist das tertium comparationes, um in diesem abwägenden Vergleichen zu einer tragfähigen Antwort zu kommen?

Auf die Redesituation im Deutschen Bundestag rückbezogen: Welches ist der tragfähige Grund der Abgeordneten, wenn sie Gesetze erlassen? Woher wissen sie, dass ihre Gesetze „gut“ und „gerecht“ sind? Welchen Massstab haben sie, um diese Fragen zu beantworten? Woher nehmen sie den zur Abwägung notwendigen Massstab?

Papst Benedikt XVI. fährt in seiner Rede fort:

Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers.

So formuliert, kann ich dem Satz nur zustimmen. Doch: Was ist „Recht“, was „Unrecht“?

Liegt die Antwort in den Anschlusssätzen?

In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören.

Die Welt zu zerstören, ist nach diesen Sätzen ganz offensichtlich etwas Unrechtes. Recht ist es, sie nicht zu zerstören; positiv formuliert: Es geht darum, sie zu hegen, zu pflegen, sie zu schonen. In der Sprache der Theologie: Es geht um die Bewahrung der Schöpfung.[3]

Der Politiker dient also dem Recht, wenn er das Leben jedes Einzelnen und das Überleben der Menschen-Gattung und der diese tragenden Natur befördert. Das ist im Augenblick immer noch nicht zureichend der Fall. Im Gegenteil. Von Rom habe nicht nur ich schon längst ein klärendes Wort zur Bewahrung der Schöpfung erwartet, wohlgemerkt, ein klärendes Wort, das deutlich genug ist, damit es zum Handeln führt.

Papst Benedikt XVI. sieht, dass in der aktuellen historischen Stunde dem Menschen so viel Macht „zugefallen“ ist, dass es „dringlich“ geboten sei, diese Macht zu begrenzen. Die Aufgabe des Politikers sei es deshalb, die Herrschaft des Unrechts einzugrenzen, zu bändigen. Es geht um den „rechten“ Gebrauch der anthropologisch verstehbaren Machtkonkurrenz. Solange diese Machtkonkurrenz durch Wissenschaft und Technik verstärkt wird, kann der längst schon ablaufende und sich immer mehr verschärfende Prozess der Zerstörung der Welt nicht aufgehalten werden.

Das ist vom Papst radikal gedacht.

Damit reiht er sich ein in die Bewegung einer recht verstandenen Ökologie- und Friedensbewegung, die nach zukunftsfähigen Lebensstilen sucht. Denn die Lebensstile in den reichen Ländern der Erde sind nicht zukunftsfähig. Wir müssen unser Leben ändern.  Das setzt eine genauer zu bestimmende Personqualität jedes Einzelnen voraus. Benedikt XVI. ist in Sorge, dass diese nicht, noch nicht,  gegeben ist, im Gegenteil.

Er urteilt:

Er, der Mensch, kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen.

Das ist gegen ein Menschenbild gesprochen, das den Menschen einer biotechnischen Machbarkeit aussetzt, die schliesslich in der Menschenzucht enden könnte. Aus der christlichen Perspektive ist dieses Menschenbild willkürlicher Manipulierbarkeit abzulehnen. (Übrigens kann man auch aus einer metaphysisch offenen Anthropologie zu einer solchen Einsicht kommen.[4])

Im Gang der Überlegungen des Papstes wird also die Frage immer drängender:

Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden?

So gefragt, parallelisiert Benedikt XVI. das Rechte mit dem Guten. Dem wahren Recht wird das unwahre Recht, das Scheinrecht, gegenübergestellt.

Die Frage, wie der hier sprechende Papst,  ganz persönlich, das erkennen kann,  hat er bereits beantwortet. Als gläubiger Christ, dem von Gott ein „hörendes Herz“, ein nicht irrendes Gewissen, geschenkt wurde, kann er die Differenz zwischen dem Guten und Bösen erkennen.

Damit ist aber noch nicht die Frage beantwortet, wie „wir“ das erkennen können, denn dieses „Wir“ schliesst  ja die Andersgläubigen und Ungläubigen ein. Nicht alle, die im Plenarsaal in Berlin vor ihm sassen, haben teil an der Gnade Gottes, das Gute vom Bösen scheiden zu können. Ja, selbst innerhalb der römisch-katholischen Kirche hört man die eine Wahrheit höchst unterschiedlich. Hans Küng[5] und Eugen Drewermann[6] legen beispielhaft davon Zeugnis ab, das ihr „hörendes Herz“ anderes vernimmt als das des amtierenden Papstes.

So wird von Nicht-Katholiken, was nicht erstaunt, aber auch von gläubigen Katholiken die imperiale Autorität der Amtskirche im Allgemeinen und des Papsttums im Besonderen kritisiert. Der Papst, der von der Gnade Gottes zehrt, ist oft gnadenlos gebieterisch. Sein Reden von Barmherzigkeit kann sich immer wieder nicht im Handeln beglaubigen.

Der Papst spricht in Berlin längst nicht mehr als Staatsoberhaupt des Vatikanstaates, er spricht nicht einmal mehr zu den ihm weltweit anvertrauten Gläubigen der römisch-katholischen Kirche, er spricht zu potentiell allen Politikern. Für diese will er die tragfähigen Fundamente des freiheitlichen Rechtsstaates freilegen.

In diesem Versuch hat er sich auf die biblische Erzählung, die er zu Beginn seiner Rede anführte, bezogen, um einen verbindlichen Massstab zu finden:

Die salomonische Bitte bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen.

Die salomonische Bitte war die Bitte um das göttliche Geschenk des „hörenden Herzens“.

Bevor der Papst weiter ins Grundsätzliche geht, gesteht er alltagspragmatisch noch dieses zu:

In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein.

Wer also seine Ziele als Politiker  demokratisch durch Mehrheitsentscheidungen legitimiert, der geht bei einem Grossteil der rechtlich zu regelnden Angelegenheiten korrekt vor. Die Mehrheitsentscheidung darf als genügendes Kriterium gelten. Nur gilt das nicht für alle „Materien“.

Deshalb folgen in der Rede diese Sätze:

Aber dass in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muss sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen.

Also: Grundfragen des Rechts können und dürfen nicht durch Mehrheitsentscheidungen geklärt werden. Es sei offensichtlich, dass es Fälle gibt, bei denen das Mehrheitsprinzip nicht in Anwendung gebracht werden darf.

Zwei Fälle nennt der Papst: Die „Würde des Menschen“  und die „Würde der Menschheit“. Ich übersetze das in meinen Sprachgebrauch: Bei der Würde des Einzelnen (Würde des Menschen) und bei der Frage nach dem Überleben der Gattung (Würde der Menschheit) ist das Mehrheitsprinzip nicht anwendbar.

Welches Prinzip dann?

Es kommt eine überraschende Antwort: Bei der Rechtsbildung in solchen Grundsatzfragen müsse sich jeder Verantwortliche die Kriterien seiner Orientierung selbst suchen. Er müsse auf sein Gewissen hören.

Wie ist das zu verstehen?

Das „hörende Herz“ hört in ethischen Anspruchssituationen oft Verschiedenes. Es kann sich verhören, so wie das Gewissen irren kann.

Die Formulierung des Papstes, jeder Verantwortliche müsse die Kriterien seiner Orientierung selbst suchen,  legt einen ethischen Relativismus nahe, ja sie klingt geradezu postmodern. Das kann dieser Sprecher nicht meinen.

Papst Benedikt XVI. hilft ins Verständnis mit einem Origenes-Zitat:

Im 3. Jahrhundert hat der große Theologe Origenes den Widerstand der Christen gegen bestimmte geltende Rechtsordnungen so begründet: „Wenn jemand sich bei den Skythen befände, die gottlose Gesetze haben, und gezwungen wäre, bei ihnen zu leben …, dann würde er wohl sehr vernünftig handeln, wenn er im Namen des Gesetzes der Wahrheit, das bei den Skythen ja Gesetzwidrigkeit ist, zusammen mit Gleichgesinnten auch entgegen der bei jenen bestehenden Ordnung Vereinigungen bilden würde …“

Führt das Origenes-Zitat wirklich weiter in der Klärung der Frage nach dem verbindlichen Kriterium bei der Rechtsbildung in Grundsatzfragen?

Formal wird zum Widerstand aufgerufen. Der Widerstand wird dadurch legitimiert, dass der Andere die „gottlosen Gesetze“ habe, während man selbst im Besitz der „wahren Gesetze“ sei.

Dadurch ist die rationale und damit für alle nachvollziehbare Begründung eines verbindlichen Massstabes keinen Schritt vorangekommen. Unhinterfragt wird der eigene Standpunkt als der allein sachlich richtige vorausgesetzt.

Die Wahrheit des eigenen Standpunktes hat im „hörenden Herzen“, dem vom Menschen erbetenen Geschenk Gottes, seinen Grund.

Wie aber steht es um die Wahrheit jener, die dieses hörende Herz nicht geschenkt bekommen haben, ja mehr noch, wie steht es um die Wahrheit derjenigen gläubigen Christen, die mit ihrem hörenden Herzen eine andere Wahrheit vernehmen als die der Amtskirche?

Der Papst weicht dieser Problematik aus, indem er fortfährt:

Von dieser Überzeugung her haben die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalitäre Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen. Für diese Menschen war es unbestreitbar evident, dass geltendes Recht in Wirklichkeit Unrecht war.

Nun, für wenige Widerstandskämpfer war in der Tat die „Wahrheit des Naziregimes“ nicht die „wahre Wahrheit der Menschheit“. Für sie war „unbestreitbar evident“, dass das damals geltende Nazirecht Unrecht war.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Mehrzahl jener, die Gott um das „hörende Herz“ baten, sich damals schrecklich verhört haben, während andere nur mit der innerweltlichen säkularen Stimme der Vernunft das Gute vernahmen und danach handelten. Sie bewährten sich im Erkennen des wahrhaft Rechten, das erst später wieder Gesetz werden konnte.

Der Papst vertieft diese Problematik hier nicht. Er treibt seinen Gedanken fort in die Gegenwart:

Aber bei den Entscheidungen eines demokratischen Politikers ist die Frage, was nun dem Gesetz der Wahrheit entspreche, was wahrhaft recht sei und Gesetz werden könne, nicht ebenso evident. Was in Bezug auf die grundlegenden anthropologischen Fragen das Rechte ist und geltendes Recht werden kann, liegt heute keineswegs einfach zutage.

Das Dilemma ist jetzt endgültig beschrieben: In grundlegenden anthropologischen Fragen ist es heute keineswegs einfach zu sagen, was das wahre Rechte ist und was daraus abgeleitet geltendes Recht werden könnte.

War das früher anders?

Ja. In prämodernen Zeiten gab es im Blick auf die anthropologischen Grundfragen verhältnismässig eindeutige und verbindliche Antworten.

Für den europäischen Kulturkreis waren das die Antworten einer ontologisch argumentierenden antiken Philosophie und die Antworten der christlichen Offenbarungstheologie der „allein selig machenden“ römisch-katholischen Kirche, die nach ihrer Selbstbezeichnung und Lehre „ausserhalb der Kirche kein Heil“ (extra ecclesiam nulla salus; Cyprian, 3. Jahrhundert)  kennt.

Bei allen Ausdifferenzierungen  dieser beiden grossen Positionen und bei allen Binnenkonflikten war man sich im Grundsätzlichen einig: Es gibt eine universalisierbare allgemeinverbindliche Antwort in Bezug auf  die anthropologischen Grundfragen. Das meint die immer wieder beschworene Formel vom humanistisch-christlichen Abendland.

Als dann die ontologischen und offenbarungstheologischen Voraussetzungen der Prämoderne ins Kreuzfeuer der Kritik der Aufklärung gerieten, gelang es nicht, die theozentrisch gedeutete Wertorientierung des Menschen im Begriff der „Vernunft“  in eine anthropozentrische Neuauslegung für die Moderne vollgültig hinüberzuretten.

Schliesslich wurde diese Moderne in der postmodernen Pluralität völlig orientierungslos und völlig haltlos. Vernunft wurde zur halbierten Rationalität, telosarm, letztlich allein dem Willen zur blossen Macht dienstbar.

Der Papst bekräftigt deshalb:

Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch sehr viel schwieriger geworden.

Die schon einmal gestellte und bisher unbeantwortet gebliebene Frage nach der Erkennbarkeit des wahren Rechten wird folglich wiederholt:

Wie erkennt man, was recht ist?

Die im Plenarsaal sitzenden Abgeordneten sollen sich spätestens jetzt unmittelbar angesprochen fühlen: Wie erkennen sie, jeder Einzelne von ihnen, was recht ist? Wie erkennen sie, was ein gerechtes Gesetz ist?

Papst Benedikt XVI. sucht die Antwort auf solche Fragen an dieser Stelle seiner Rede in der Geschichte.

In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist.

Das ist zutreffend gesehen. Gilt aber nur für die historische Phase der Prämoderne. Nach dem irreversiblen Zweifel am Ende des Mittelalters und im Übergang in die Moderne hat der Rückgriff auf eine Gottheit seine allgemein verbindliche Geltung verloren. Ein irreversibler Zweifel ergreift erst die intellektuellen Eliten Europas, später auch die grosse Masse.

Wollte der Papst den religiösen Begründungshorizont heute für alle verbindlich machen, müsste er einen neuen Glauben für alle Ungläubigen verordnen. Das ist ein Unding.

Es ist auch nicht seine Intention, vom Blick auf die Gottheit her zu entscheiden, was unter Menschen rechtens ist. Allerdings ist  seinem Urteil, das Christentum habe „nie ein Offenbarungsrecht“, habe nie „eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben“ mit Skepsis zu begegnen. Beispielsweise widerlegt das von der römisch-katholischen Kirche verfolgte Familienrecht den nachfolgenden Satz, auch wenn dieser vom Papst positiv in Abhebung von religiösen Rechtsordnungen etwa einer islamischen Republik gedacht sein dürfte:

Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben.

Auch die gleich folgende positive Erwähnung des Naturrechtsgedankens und die Einbeziehung der Rolle der Vernunft zur Begründung eines wahren Rechtssystems führen nicht wirklich aus dem Dilemma heraus, dass für den Papst vorpolitische moralische Grundlagen, eben die seiner römisch-katholischen Konfession, notwendig sind, um einen für alle als gültig beanspruchten festen Grund zu finden.

Dass sich hier der ehemalige Kardinal Joseph Ratzinger um einen Dialog zwischen Offenbarungstheologie und philosophischer Vernunftorientierung bemühte und bemüht, sei nicht verschwiegen, wiewohl er in seinen früheren Schriften das Gedankengut der Aufklärung als Aberglauben abqualifizierte. Auch das Gespräch mit Jürgen Habermas in der Katholischen Akademie von Bayern in München 1994 scheiterte letztlich an der dogmatischen Setzung des „Gegründetseins“ der objektiven und subjektiven Vernunft „in der schöpferischen Vernunft Gottes“, wie sie Kardinal Ratzinger postulierte.

Auch für den Papst Benedikt XVI. gilt letztlich, dass alle Aufklärer  blind für eine Wahrheit seien, die ihrer Vernunft vorausliegt: für die vorpolitische Wahrheit der Religion.

Eben in dieser Setzung endet auch der Argumentationsstrang des Papstes vor den Abgeordneten in Berlin:

Es, also das Christentum, hat stattdessen, also statt eines Offenbarungsrechts, auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt.

Diese These, dass „Natur“ und „Vernunft“ auch für die katholische Kirche die „wahren Rechtsquellen“ für die recht verstandene innerweltliche Rechtsordnung seien, wird jetzt kursorisch geschichtsphilosophisch gezeigt, aber nur soweit, wie dies Benedikt XVI. für die Beantwortung der Frage, was die Fundamente des freien Rechtsstaats sind, notwendig erschien. (Einige  Abgeordnete urteilten nach der Rede, dass sie eine philosophisch-theologische Universitätsvorlesung gehört hätten. Das dürfte ein Missverständnis sein. Eine solche akademische Vorlesung wäre völlig anders strukturiert gewesen.)

Die christlichen Theologen haben sich damit einer philosophischen und juristischen Bewegung angeschlossen, die sich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gebildet hatte. In der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts.

Das Naturrecht, lex naturalis, wird als ein von Zeit und Ort wie auch von jeder menschlichen Rechtssetzung unabhängiges Recht gedacht.  Es setzt eine vernunftbegabte Natur des Menschen voraus, in der es begründet ist. Somit wird das Naturrecht zum allgemeinen Grundsatz, aus dem dann die konkreten Rechtsnormen des positiven Rechts abgeleitet werden können. Der Nomos der stoischen Philosophie als Weltgesetz der Allvernunft ist  der letzte Massstab für die menschlichen Gesetze, also auch für die blossen Satzungen des römischen Rechts.

Solches Denken wird dann von der römisch-katholischen Kirche okkupiert. Sie übernimmt den Naturrechtsgedanken, beansprucht aber zugleich, die einzige Instanz zu sein, die darüber bestimmt, was das Naturrecht uns zu sagen habe.

Vergessen wir nicht,  Naturrecht wie katholische Theologie, denken im Horizont prämoderner metaphysischer  Setzungen. „Natur“ und „Vernunft“ sind nur insoweit für die katholische Kirche die „wahren Rechtsquellen“ als Natur und Vernunft ihrerseits in Gott gegründet sind.

Was bleibt, ist das spannungsreiche philosophisch-theologische Ringen zwischen Vernunft-Glaube und Offenbarungstheologie.

In dieser Berührung, also der Berührung zwischen Philosophie, Recht  und Theologie, ist die abendländische Rechtskultur geboren worden, die für die Rechtskultur der Menschheit von entscheidender Bedeutung war und ist. Von dieser vorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie geht der Weg über das christliche Mittelalter in die Rechtsentfaltung der Aufklärungszeit bis hin zur Erklärung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz, mit dem sich unser Volk 1949 zu den „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ bekannt hat.

Da wird eine grosse und anspruchsvolle geistige Entwicklung mit schnellen Pinselstrichen angedeutet. Der entscheidende Punkt dürfte der Übergang vom prämodernen Denken (Antike/Christentum) zum modernen Denken (Aufklärung) sein, von der theozentrischen heteronomen Rechtssetzung zum anthropozentrisch begründeten autonomen Recht.

Offensichtlich ist diese Zäsur für Benedikt XVI. gar nicht so bedeutsam. Es wurde ja schon darauf hingewiesen, dass der aufklärerische Vernunftgedanke in der katholischen Theologie nicht hoch im Kurse steht, gelegentlich sogar als Aberglaube abgetan wird. Da ist für die römisch-katholische Kirche zu viel menschliche Selbstermächtigung im Spiele.

Demgegenüber sieht der Papst bereits lange vor der Aufklärung im 18. Jahrhundert eine Emanzipation der Rechtsidee von dem vom Götterglauben geforderten religiösen Recht:

Für die Entwicklung des Rechts und für die Entwicklung der Humanität war es entscheidend, dass sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben.

Indem sich die christliche Theologie auf die Seite der Philosophie geschlagen habe und „Natur“ und „Vernunft“ als die „für alle gültige Rechtsquelle anerkannt habe“, habe eben diese christliche Theologie sowohl die Entwicklung des Rechtes als auch die Entwicklung der Humanität befördert.

Es kommt nun alles darauf an, in welchem Horizont diese Beförderung stattfand.

Diesen Entscheid, Natur und Vernunft in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anzuerkennen, hatte schon Paulus im Brief an die Römer vollzogen, wenn er sagt: „Wenn Heiden, die das Gesetz (die Tora Israels) nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie… sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab…“.

Ein bedenkenswerter Zusammenhang mit beachtlichen Konsequenzen.

Wer als Nicht-Christ, als Heide, genau das tut, was das wahre Recht den gläubigen Christen vorschreibt, der ist „sich selbst Gesetz“. Er schöpft gleichsam aus seiner Natur das göttlich Geforderte. Wer von Natur aus das tut, was die schöpferische Vernunft Gottes grundgelegt hat, der kann auch als Nicht-Gläubiger sich vor den Forderungen des göttlichen Gesetzes bewähren.

Anders formuliert: Sofern eine Kongruenz von schöpferischer Vernunft Gottes mit dem Vernehmen innerweltlich erfahrener Vernunft vorliegt, wird sichtbar, dass auch dem Heiden die Forderungen des wahren Gesetzes ins Herz geschrieben sein können. Vernehmen sie diese Forderungen und befolgen  diese, so handeln sie gewissenhaft. Sie legen von dem wahren Gesetz Zeugnis ab.

Bleibt man im Horizont dieser metaphysisch-offenbarungstheologischen Auslegung, dann macht auch der Heide genau das, was der römisch-katholische Christ soll.

Zum Problem wird das alles erst dann, wenn der Heide, der das göttliche Gesetz nicht hat, im Vernehmen der innerweltlichen, der säkularen Vernunft etwas hört, das den Horizont des römisch-katholischen Christen sprengt. Erst in der konfligierenden Situation ist der katholische Christ herausgefordert zu begründen, weshalb die von ihm vernommenen Imperative der religiösen Vernunft die letztlich wahren sein sollen.

Papst Benedikt XVI. ist die rationale Begründung dafür bis an diese Stelle seiner Rede schuldig geblieben. Er wird sie aus seinem Denkhorizont prinzipiell nicht geben können. Die Absicherung der säkularen Vernunft durch das religiöse Dogma bleibt für ihn unerschütterlich in Geltung.

Der hier skizzierte Konflikt holt den Papst auch innerkirchlich ein. Gläubige Christen, denen der Schöpfergott ein „hörendes Herz“ geschenkt hat, vernehmen durchaus höchst unterschiedliche Sollensimperative.

Was das wahre Recht ist, kann deshalb in der hierarchisch strukturierten Amtskirche in Konfliktsituationen letztlich nur die päpstliche Autorität „ex cathedra“ bestimmen. Das ist angesichts der aktuellen Problemlagen mehr als unbefriedigend.

Nur ein Beispiel: Was ist das wahre Recht im Blick auf die Rolle der Frau in der Kirche? Die Verantwortlichen in der Kirche kennen die Fülle der Konflikte sehr genau – und bleiben stumm.

Auch das Gespräch des Papstes in Erfurt mit dem Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, war nur ein ergebnisloser Gipfel der Freundlichkeiten. Das „hörende Herz“ des Papstes vernimmt eben immer noch nicht, dass nach 500 Jahren Kirchenspaltung energische Schritte zur Annäherung und Überwindung zu gehen seien, und das gerade auch vor der vom Papst anerkannten Herausforderung, dass der Mensch heute in der Lage ist, die Schöpfung Gottes zu zerstören. Angesichts dieser globalen Bedrohung tut jede Stärkung der Kirche not. Statt gemeinsam für eine zukunftsfähige Welt zu kämpfen, hält der Papst dogmatische Differenzen für bedeutsamer und bewegt sich nicht auf die protestantische Kirche zu.

Ich kehre zur Rede zurück:

Hier, also im wahren Hören des Wahren sogar durch den Heiden, erscheinen die beiden Grundbegriffe Natur und Gewissen, wobei Gewissen nichts anderes ist als das hörende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft.

Muss ich genauer hinsehen? Es heisst beim Papst jetzt nicht „das hörende Herz“, sondern das „hörende Herz Salomons“. Und nach biblischem Zeugnis war das ein Herz, dem das rechte Hören durch Gott geschenkt wurde.

Vernehmen verschiedene hörende Herzen Unterschiedliches, dann sind es zwar auch hörende Herzen, aber nicht alle stehen in der Gnade Gottes, die erst das rechte Hören schenkt.

Doch wie immer man es wendet, es bleibt die offenbarungstheologische Verankerung für das wahre Hören in Geltung. Ohne Glaube an den sich offenbarenden  Gott gibt es keine eindeutige Verbindlichkeit für das wahre Recht. Ohne Glaube kommt nur ein Scheinrecht heraus.

Liegt in der nachfolgenden Formulierung eine Chance, der metaphysischen Setzung zu entgehen? Schliesslich spricht der Papst auch vor Nicht-Christen.

Das Gewissen sei nichts anderes „als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft“. Wenn diese Vernunft vernimmt, was sein soll, dann hat die an sie gebundene Sprache die Aufgabe, im Gespräch aller Betroffenen rational zu klären und zu begründen, ob das Vernommene, ob das mit dem Herzen Gehörte, auch verallgemeinerbar ist und in unbedingter Geltung steht.

Damit wären wir beim herrschaftsfreien Diskurs von Jürgen Habermas. Den aber lehnte schon der Kardinal Joseph Ratzinger als Mittel zur Begründung dessen, was wahres Recht ist, ab. Also darf dieser Satz des Papstes Benedikt XVI. jetzt nicht im Sinne von Habermas interpretiert werden.

Trotz solcher Probleme sieht Benedikt XVI. die Grundlagen unserer Gesetzgebung während einer langen Phase der Geschichte geklärt:

Wenn damit bis in die Zeit der Aufklärung, der Menschenrechtserklärung nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Gestaltung unseres Grundgesetzes die Frage nach den Grundlagen der Gesetzgebung geklärt schien, so hat sich im letzten halben Jahrhundert eine dramatische Veränderung der Situation zugetragen.

Geklärt war die Einsicht, dass sich  im Prozess der Schaffung des wahren Rechtes der Gesetzgeber, also der einzelne Politiker, nicht auf das rein formale Prinzip der Mehrheitsentscheidung verlassen dürfe. Im Naturrecht gab es einen vorausliegenden Grund, von dem her entschieden werden konnte, was nicht einer Mehrheitsentscheidung ausgesetzt werden dürfe, weil es Themen gibt, die dem ethisch gereinigten Prozeduralismus zum Opfer fallen können. Die „Allgemeinen Menschenrechte“ und vor allem die „Würde des einzelnen Menschen“ stehen nicht zur Disposition. Aber im konkreten Fall sind auch Menschenrechte und  Würde des Menschen interpretationsfähig und auslegungsbedürftig.

Der spätere Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Bockenförde machte schon 1957 darauf aufmerksam, dass sich die römisch-katholische Kirche für die notwendigen Auslegungen die Interpretationshoheit angemasst habe. Und aktuell sagt Bockenförde in einem Interview mit Dieter Gosewinkel: „Es kann zwar Mehrheitsentscheidungen geben in der Demokratie, aber was zu dem Bereich des Naturrechts gehört, das ist vorab gültig und kann keiner Mehrheitsentscheidung unterworfen werden. Insoweit können auch demokratische Prinzipien, also insbesondere das Mehrheitsprinzip, nicht gelten. Dabei wurde der Umfang des Naturrechts von der Kirche selbst bestimmt aus ihrer Interpretation der Schöpfungsordnung. Das kirchliche Lehramt teilt mit, was im Bereich des Naturrechts aus der menschlichen Natur selbst folgt, von Gott in sie hineingelegt ist.“[7]

Diese Interpretationshoheit ist der katholischen Kirche mit guten Gründen zunehmend abgesprochen worden. Der Papst erlebt das so, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten die Grundlagen unserer Gesetzgebung „dramatisch“ verändert hätten. Das Naturrecht habe keine Geltung mehr, ausser im katholischen Raum:

Der Gedanke des Naturrechts gilt heute als eine katholische Sonderlehre, über die außerhalb des katholischen Raums zu diskutieren nicht lohnen würde, so dass man sich schon beinahe schämt, das Wort überhaupt zu erwähnen.

Stimmt das?

Wenn heute beispielsweise Vittorio Hösle eine Rehabilitierung des Objektiven Idealismus vornimmt, knüpft er an Naturrechtsgedanken an, ohne allerdings die kirchenamtlichen Auslegungen aus Rom mit zu übernehmen.[8]

Naturrecht heisst eben nicht automatisch römisch-katholisches Naturrecht.

Eine solche Einsicht wird von katholischer Seite als Kränkung erlebt. Anstatt ergebnisoffen darüber zu diskutieren, was die Würde des Menschen im je konkreten Falle bedeuten kann, wird selbstherrlich postuliert, was die wahre Wahrheit ist. Alles, was von der Lehrmeinung Roms abweicht, wird dann, wie in Erfurt geschehen, als „selbstgemachter Glaube“  mit dem Etikett „wertlos“ versehen und in den Mülleimer der Aufklärung geworfen.[9]

Papst Benedikt XVI. lässt jetzt seine vor ihm sitzenden Parlamentarier wissen, weshalb es heute  ausserhalb der römisch-katholischen Kirche keine verbindlichen Wertmassstäbe mehr gibt.

Ich möchte kurz andeuten, wieso diese Situation entstanden ist.

Grundlegend ist zunächst die These, dass zwischen Sein und Sollen ein unüberbrückbarer Graben bestehe. Aus Sein könne kein Sollen folgen, weil es sich da um zwei völlig verschiedene Bereiche handle.

Der Papst betritt wissenschaftstheoretisches und erkenntnistheoretisches Terrain: Welche Arten des Seins sind zu unterscheiden und wie können diese sachangemessen erkannt werden?

Wieder geht es nicht um eine akademische Vorlesung. Bei der jetzt aufgegriffenen Problematik hätten die Politiker bei einer akademischen Ableitung der Thematik gleich ein ganzes Semester vor ihm sitzen bleiben müssen.

In wenigen Sätzen wird Bedenkenswertes angerissen, das auch ohne Expertenwissen in Wissenschaftstheorie und Erkenntnistheorie nachvollziehbar ist.

Benedikt XVI. erinnert an den naturalistischen Fehlschluss. Der Naturalistische Fehlschluss wurde von George Edward Moore 1903 in seinem Werk „Principia Ethica“ beschrieben.[10] Danach  ist es nicht möglich, einen normativen Begriff wie „gut“ durch deskriptive Begriffe zu definieren. Kurz: Aus dem was ist, dem Sein, ist nicht abzuleiten, was sein soll. Aus dem Sein der Natur ist dann auch nicht ableitbar, dass sie sein solle. Schon gar nicht kann man nach dieser Auffassung naturrechtliche Imperative in ihr finden.

Sofern das stimmt, bricht der Grund für die Bestimmung unbedingt geltender Normen zusammen. Was sein soll, ist dann dem ausserwissenschaftlichen Procedere der politischen Mehrheitsentscheidungen zu überantworten. Die Ergebnisse gelten immer unter Bedingungen, sie sind geschichtlich, damit veränderbar und mithin letztlich relativ.

Der Grund dafür ist das inzwischen fast allgemein angenommene positivistische Verständnis von Natur und Vernunft.

Den Grund für diesen Prozess der Historisierung und Relativierung der wahren Wahrheit dessen, was recht ist, sieht der Papst im Positivismus.

Das ist ein vielschichtiger Begriff. Er kann historisch gebraucht werden im Sinne von Auguste Comte[11], des Begründers der Soziologie als positive Wissenschaft, er kann weltanschaulich gebraucht werden im Sinne von Wilhelm Diltheys Konzept des positivistischen Menschentyps[12], und er kann erkenntnistheoretisch gebraucht werden im Sinne von Karl R. Poppers Kritischem Rationalismus.[13]

Wenn der Papst vom positivistischen Verständnis von Natur und Vernunft spricht, geht es um die Zugriffsweise, wie heute im allgemeinen Natur und Vernunft erkannt werden; es geht um den erkenntnistheoretischen Zugang zu den Phänomenen. Diesen Zugang sieht Benedikt XVI. im positivistischen Wissenschaftsverständnis verkürzt.

Dieses Denken könne nur die berechenbare Seite der Wirklichkeit erfassen:

Wenn man die Natur – mit den Worten von H. Kelsen – als „ein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen“ ansieht, dann kann aus ihr in der Tat keine irgendwie geartete ethische Weisung hervorgehen.

Was also ist „Natur“?

Nur ein Aggregat von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen?

Papst Benedikt XVI. dürfte dieses mit gedacht haben: Das naturwissenschaftliche Verständnis von Natur biegt sich Natur so zurecht, bis sie sich in Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen zeigt. In dieser Optik der Wahrnehmung gibt Natur in der Tat keine ethischen Weisungen preis. Zu behaupten, Natur sei nichts anderes als das, was an ihr berechenbar in Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen fassbar wird, führt notwendigerweise zur Reduktion des Gesamtphänomens Natur. Folglich kann die Naturwissenschaft nicht die wahre Wahrheit über die Natur aussagen.

Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erklärt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen.

Der positivistische Naturbegriff erklärt, wie die Natur funktioniert, er sagt nicht, was sie ist, und er sagt uns schon gar nicht, welches Sollen in der Natur inhärent verborgen sein könnte. Das ist mit „wertfreier“ Wissenschaft gemeint, die zu „objektiver“ Erkenntnis führe. Sie sagt uns beispielsweise, wie Atome funktionieren, wie man eine Atombombe baut, sie sagt uns aber nicht, ob wir sie bauen sollen. Dazu bedarf es der Vernunft.

Doch auch der Vernunft-Begriff ist unter die Herrschaft der positivistischen Auslegung geraten.

Deshalb fährt Benedikt XVI. fort:

Das Gleiche gilt aber auch für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis.

Was ist Vernunft?

Ich habe mir das mit meinem Kollegen Hans-Georg Wittig so zurechtgelegt[14]: Vernunft ist nicht Verstand. Der Unterschied zwischen Verstand und Vernunft wird heute bezeichnenderweise im Terminus „Rationa­lität“ stark verwischt.  Verstand denkt instrumental, er sucht Kausalzusammen­hänge und wendet sie technisch an, er fragt nach den Ursachen von Wirkungen und setzt sie als Mittel zu gewünschten Zwecken ein, auf deren Sinn er aber nicht mehr reflektiert.  Zwecke und Ziele reflektiert die Vernunft, sie denkt integrativ, indem sie versucht, das Ganze wahrzunehmen, von dem ihr eigener Träger immer nur ein Teil ist. Vernunft ist nicht nur theoretisch, sondern sie hat auch unsere Praxis zu leiten, sie ist also zugleich Wahrnehmung des Gesamtin­teresses, das es dann auch im Tun durchzusetzen gilt. Vernunft vernimmt, was sein soll, sie ist vernehmende Vernunft. Sie ist das säkulare „hörende Herz“, von dem der Papst immer nur offenbarungstheologisch spricht. Was diese Vernunft vernimmt, ist ein Sollen, das den Bedingungen der Verifizierbarkeit und Falsifizierbarkeit des Kritischen Rationalismus prinzipiell nicht unterliegen kann. Die innerweltliche Erfahrung eines unbedingten Sollens kann nämlich nicht unter die Bedingungen der Kontingenz gestellt werden. Ein Sollen, das als unbedingt gültig erfahren wird, ist nicht beliebig.

Dem dürfte der Papst folgen, mit dem entscheidenden Unterschied, dass seine Vernunft einen religiösen Grund hat, meine dagegen metaphysisch offen bleibt.

Papst Benedikt XVI. ergänzt:

Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus. Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewusstsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt.

Was aber sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht?

Benedikt XVI. formuliert im Plural, meint aber in seiner ganzen Rede immer nur das von der Lehrmeinung Roms okkupierte Naturrecht, also letztlich die geoffenbarte Wahrheit seiner monotheistischen Katholizität. Damit wird eine metaphysisch offene Interpretation von vornherein abgeschnitten. Eine Vereinigungswahrheit zwischen den Religionen ist für den Papst aus dogmatischen Gründen prinzipiell nicht möglich.

Wer so von der Wahrheit seiner Religion überzeugt ist, wie der amtierende Papst, der kann im Andersdenkenden nur den Abtrünnigen, den Sünder sehen. Der Andere bleibt Heide, bis er konvertiert. Man darf ihm keine Gastgeschenke des Aufeinanderzugehens nach Erfurt mitbringen. Wie auch, man ist schliesslich im Besitz der absoluten Wahrheit. Das rechtfertigt den Alleinvertretungsanspruch Gottes auf Erden durch die römisch-katholische Kirche.

Insofern argumentiert Papst Benedikt XVI. auch nicht vor den deutschen Parlamentariern; er missioniert.

Dieser Papst ist aufrichtig in Sorge, dass im ersten Drittel des 21. Jahrhunderts in Europa immer weniger Menschen seine absolute Wahrheit hören und befolgen wollen.

Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist.

Ja, das ist eine dramatische Situation.

Aber in einem doppelten Sinne.

Sie ist einmal dramatisch, weil durch den positivistischen Erkenntniszugang die Phänomene von Natur, Religion, Ethos und wahrem Recht ins Subjektive und damit Beliebige abgedrängt wurden.

Die Situation ist aber zum anderen auch deshalb dramatisch, weil sich Rom im Kampf gegen den positivistischen Zeitgeist den alleinigen Wahrheitsanspruch anmasst.

Wenn der Papst mit seiner Rede in Berlin ernsthaft zu einer öffentlichen Diskussion in diesen Angelegenheiten einlädt, dann muss diese Diskussion ergebnisoffen beginnen. Sie kann nicht das versteckte Ziel verfolgen, allen Dogmen der römisch-katholischen Kirche, gegen alle „Vernunft“, wieder zur Vorherrschaft zu verhelfen.

Damit diese immer latent anwesende Botschaft nicht zu hart herausfordert, wird vom Papst zunächst dieses zugestanden:

Das positivistische Konzept von Natur und Vernunft, die positivistische Weltsicht als Ganzes ist ein großartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen Könnens, auf die wir keinesfalls verzichten dürfen.

Ich übersetze das in meine Sprache: Mit dem Siegeszug der Naturwissenschaften mit ihren technisch-finalen Konsequenzen hat die Menschheit Grossartiges geleistet. Sie hat unübersehbar ihr Wissen vermehrt und ihr Können gesteigert. Auf diese Erträge möchte der Papst „keinesfalls verzichten“. Das ist grosszügig formuliert. Wenn es konkret wird, macht er vielfältige Rückzieher, zuletzt beim Thema der Präimplantationsdiagnostik.

Wie lässt sich das Lob der positivistisch errungenen grossartigen Leistungen sprachlich fassen, ohne dass sich die Argumentation  in Widersprüche verstrickt?

Vielleicht so:

In der Neuzeit haben Wissenschaft und Technik enorme Fortschritte gemacht. Wissen wurde optimiert; Können wurde perfektioniert. Das Instrument dazu ist und war nicht die „Vernunft“, sondern jenes Moment an ihr, das in der deutschen Sprache mit dem Terminus „Verstand“ gefasst werden kann. Der Verstand sagt, was „richtig“ bzw. was „falsch“ ist; er ermöglicht funktionales Wissen, das technisch verwertbar ist. Der Verstand kann aber nicht sagen, ob das, was er kann, auch sein soll, ob das von ihm Gemachte „gut“ bzw. „böse“ ist. Das leistet die „Vernunft“. Vernunft vernimmt, was sein soll. Sie lässt uns vernehmen, was „gut“, was „böse“ ist.

Diese „vernehmende Vernunft“ muss in gar keine Weise offenbarungstheologisch gedeutet werden, um uns in orientierungslosen Zeiten verbindliche Orientierungen zu ermöglichen.

Wenn wir Vernunft als Wahrnehmung des jeweils nächsthöheren Ganzen verstehen, von dem unser Tun und Lassen betroffen ist, dann reicht diese säkulare Vernunft aus, um jenen auch von Benedikt XVI. gesuchten Grund für das wahre Recht zu finden. Dass sich diese säkulare Vernunft mit ihren Antworten immer wieder auch mit der religiösen Vernunft deckt, ist eine beglückende Erfahrung.

Dass die säkulare Vernunft jedoch immer dort widerspricht, wo die religiöse Vernunft mit dem Anspruch der absoluten Gültigkeit nur die Partikularinteressen einer Amtskirche artikuliert, darf nicht unterschlagen werden.

Aber es, also das Konzept der positivistischen Weltsicht, ist nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende Kultur. Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit.

Was ist das Ganze unserer Kultur?

Was ist das Ganze am Konzept eines ganzheitlichen Menschenbildes?

Und vor allem: Gibt es auch Rangordnungen?

Fragen wir, wessen wir bedürftig sind, um ein gelingendes Leben führen zu können, dann lässt sich eine Reihe subjektiver Interessen mit ihren Kulturobjektivationen benennen. Es geht um Ökonomie, Politik, Recht, Wissenschaft, Kunst, Philosophie/Ethik und Religion.  Die Summe dieser Kulturobjektivationen kann als das Ganze unserer Kultur gedeutet werden.

Dazu einige Stichworte:

Wir haben davon auszugehen, dass Menschen sich im Daseinshorizont konfrontiert sehen von fundamentalen Erfahrungen des Mangels, des Schmerzes und der Gefahr. Wir erleben unseren Daseinsbereich mithin als ein Gehäuse, in dem wir entweder geborgen sind oder in dem wir unbehaust grenzenlosen Gefährdungen ausgesetzt sind. In diesem durch eigene Erfahrungen erkundeten Daseinsbereich, in dem wir die Welt nicht nur passiv erleiden, sondern als handelnde Person uns dieses Dasein immer auch selbst ermöglichen müssen, wird es für uns bedeutsam, Mangel, Schmerz und Gefahr zu überwinden. Insofern erscheinen uns die Grundthemen des ökonomischen Interesses: Ernährung, Bekleidung, Behausung. Das Motiv dieses spezifisch ökonomischen Interesses ist das Streben sowohl der individuellen als auch der kollektiven Existenz nach Selbstbehauptung. Wirtschaft soll das sicherstellen.

Ausser diesem ökonomischen Interesse ist uns aus der Erfahrung anderer Gefährdungen des Daseins die Möglichkeit der Abwehr von Feinden bedeutsam. Ursprünglich auch ein individuelles Interesse, ist es seit langem auch ein kollektives Interesse der Gruppen, Staaten, Machtblöcke, bei dem es um ein Höchstmaß an Sicherheit geht, d. h. darum, die jeweilige kollektive Existenz vor möglichen sinnwidrigen Einbrüchen von aussen her zu schützen. Das ist ein spezifisch politisches Interesse. Insgesamt soll Politik diese Sicherheit nach aussen gewährleisten.

In der Beziehung des einzelnen zu anderen, verfassungsrechtlich zur Gruppe als solcher ist uns gegenüber einer Vielfalt von Nachteilen, Übervorteilungen, Gefährdungen bedeutsam, uns im Rahmen von Rechtsordnungen zu sichern  mit dem Ziel, den rechtlosen Zustand des Krieges aller gegen alle im Sinne der Selbstbehauptung des einzelnen zu überwinden: rechtliches Interesse. Das positiv gesetzte Recht übernimmt diese Aufgabe, sofern es Mass nimmt an der Idee der Gerechtigkeit.

Der in seinem Streben nach Selbstbehauptung im Bereich vielfältiger Gefährdungen beunruhigte einzelne fragt   erregt durch die Vielfalt möglicher Deutungen von Natur, Geschichte und Menschen,  was ist wahr, was ist eine in der Sache zutreffende Erkenntnis. Angesichts der Möglichkeit von Täuschungen und Irrtümern, der Vielfalt der Aspekte und der Wandlungen fundamentaler Auffassungsweisen, unter denen wir erkennen und in denen die Geschichtlichkeit aller Erkenntnisse als bedeutende Zugriffe des Menschen verständlich werden, ist die Frage nach „Wahrheit“ und der „Richtigkeit“ bedeutsam. Es ist das spezifisch theoretische Interesse, das hier wirksam wird und in den Wissenschaften seinen Ausdruck findet.

Neben dem ökonomischen, politischen, dem rechtlichen und dem theoretischen Interesse ist ein spezifisch ästhetisches Interesse zu beschreiben. Trotz des Wandels aller sog. Kunststile gibt es den gleichbleibenden Versuch, mit Hilfe der Sprache, Musik, Malerei, Baukunst usw. gültige Formulierungen des Selbstverständnisses des Menschen zu entwerfen unter der Fragestellung, was ist „schön“, was „hässlich“? Es sind die Künste, die hier Antworten geben.

In Fortführung der Frage nach der Wahrheit und der Schönheit erscheint uns die andere Frage bedeutsam: Was ist edel, was ist gemein? Was ist, fern aller blossen Ideologie, fern von autoritären Geboten, fern von scheinbarer Selbstverständlichkeit - nicht nur in den zwischenmenschlichen Beziehungen - eindeutig und verbindlich „gut“? Welche Masse gelten dafür? Wie sind diese Masse zu begründen? Auch diese Grundfragen des spezifisch philosophisch-ethischen Interesses durchziehen die Geschichte des Menschen, und ihre Antworten sind nicht mehr im Zusammenhang des instrumentellen Wissens zu entwerfen. Das ethische Interesse stellt nach dem Zusammenbruch der metaphysischen Systeme die schwer zu beantwortende Frage: Gibt es auf Erden ein verbindliches, universal gültiges Mass? Es ist die Philosophie, mit deren Hilfe wir hier nach Antworten suchen.

Der in Erfahrungen von Mangel, Schmerz und Gefahr bestimmte, aus diesen Erfahrungen heraus vom Streben nach Selbstbehauptung motivierte einzelne wird   überall in der Welt   dessen inne, dass er in radikaler Weise immer gefährdet bleibt, letztlich durch den Tod. Deshalb wird auch die Frage bedeutsam: Gibt es -  wenn nicht in der Welt, so vielleicht überweltlich, metaphysisch -  Sicherheiten gegen den Tod, gegen alle Undurchdringlichkeiten, Rätsel, Fragwürdigkeiten, Grundlosigkeiten des Daseins? Das religiöse Interesse wird wirksam. Alle grossen Religionen, viele der geschichtlichen Mythologien versuchten auf diese Fragen des in seiner Selbstsorge ruhelosen Menschen zu antworten.

Dieses spezifisch religiöse Interesse erscheint in einem doppelten Bezug. Einmal bleibt es motiviert im Streben nach Selbstbehauptung. Der Bezug religiöser Art auf überweltliche Realisation erlaubt dann, die metaphysischen Ansprüche zu akzeptieren, um der Überwindung der Angst willen. Religion wird dann missbraucht zur Sanktionierung von Herrschaft, Macht und Geltung. Die Befreiung des Menschen von seinem Streben nach Selbstbehauptung bleibt eine scheinbare, das Motiv dieser Befreiung bleibt die Selbstsorge.

Zum anderen kann das religiöse Interesse motiviert sein im Sprengen dieses Strebens nach Selbstbehauptung. Die Person vertraut sich  in diesem Sprengen der Selbstbehauptung   der neuartigen Wertgestimmtheit einer nicht mehr in der Selbstsorge motivierten Person-Struktur an: der „Liebe“.

Hinter diesen radikal verschiedenartigen Auffassungen des religiösen Interesses steht eine radikale Veränderung des Menschen selbst.

Welchen Typus von Religion vertritt wohl Papst Benedikt XVI.?

Zur Kultur gehört also mehr als das, was die positivistische Weltsicht erfassen kann. Ohne Kunst/Ästhetik, ohne Philosophie/Ethik, ja auch ohne recht verstandene Religion/Konfession haben wir nur ein Fragment von Kultur vor uns. Aus dieser fragmentarisierten Auffassung von Kultur kommen keine Impulse für eine befriedetere und gerechtere Zukunft.

Insofern stimme ich dem Folgenden zu:

Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verwiesen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden.

Es reicht also nicht, das Verständnis von Kultur über die positivistischen Einschränkungen hinaus zu erweitern. Es kommt auch auf  Rangordnungen an.

Wenn der materielle Erfolg, wenn die Ökonomie, die Kulturpyramide dominiert, dann hat Kultur aufgehört, Kultur zu sein. Wenn Kunst, Ethik und Religion dem Kapital und der Macht nachgeordnet werden, wenn sie nur noch den Status blosser Sub-„Kulturen“ einnehmen, dann  ist die europäische Kultur aus den Fugen geraten, - mit allen destruktiven Konsequenzen.

Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen.

Die „positivistische Vernunft“, -  in meiner Sprache der Verstand, in der Sprache von Habermas die halbierte Rationalität -, also diese positivistische Vernunft kennt nur den Willen zur Macht und den Willen zur bedingungslosen Selbstbehauptung. Sie wird angetrieben von einer Machermentalität, die keine Widerfahrnisse mehr kennt. Sie ist dafür erblindet, dass sie sich nicht selbst gemacht hat, dass sie letztlich ein Geschenk ist.

Eine metaphysisch offene Anthropologie muss den Schenker nicht mit denken; für den gläubigen Katholiken Benedikt XVI. ist der Schenker fraglos der eine allmächtige Schöpfergott.

Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, dass wir in dieser selbstgemachten Welt im Stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten.

Auch diese Präzisierung durch den Papst kann metaphysisch offen interpretiert werden. Es gibt die innerweltliche Erfahrung, dass wir mit den Dingen und mit der uns alle tragenden Natur achtsam umgehen können. Wenn sich diese innerweltlich mögliche Erfahrung mit den Erfahrungen gläubiger Katholiken deckt, umso erfreulicher. Die dogmatische Deutung solcher existenztragenden Grunderfahrungen sollte uns nicht trennen. Braucht der Christ allerdings den zürnenden und strafenden Gott, um sein Leben zu ändern, dann sind Zweifel an seiner Motivation angebracht. Repräsentiert er dann nicht den zweiten Typ von Religiosität, der oben skizziert wurde?

Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.

Diese Formulierung erinnert mich an Martin Heideggers Geviert. Dort geht es um „Himmel“ und „Erde“, um die „Sterblichen“ und die „Göttlichen“. Dieses Geviert sieht Heidegger als Gegenentwurf zur Heimatlosigkeit und Seinsvergessenheit des modernen Menschen.[15] Es geht um die demütige Einsicht, dass wir nicht Herren und Eigentümer der Natur sind.[16] Es geht darum, dass wir wieder lernen, hinzunehmen und anzunehmen und uns einzuordnen in grössere Zusammenhänge, von denen wir Menschen ein nur sehr kleiner Teil sind.

Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen?

Das sind gewichtige Fragen, die weithin noch auf eine Antwort warten. Wie dreht sich der orientierungslos gewordene postmoderne Mensch heraus aus den so dominant gewordenen naturwissenschaftlich-technischen und ökonomischen Verstrickungen? Wie kommt er wieder in die Erfahrung, dass die Natur kein blosser Steinbruch für die Befriedigung seiner ungezügelten Begehrungen ist?

Wie vernimmt er jene Vernunft, die ihm sagt, was „gut“ ist?

Durch evolutives Wachstum? Durch Dressur und Erziehung? Durch Selbstzüchtung? Durch einen Sprung in eine Offenbarungstheologie? Durch ein Gnadengeschenk eines geglaubten Gottes? Durch einen emanzipatorischen Akt verantworteter Selbstwahl? Oder gar nur durch Menschenzucht?

Nichts ist hier wirklich geklärt. Papst Benedikt XVI. versucht eine Antwort mit Hilfe eines Beispiels:

Ich erinnere an einen Vorgang in der jüngeren politischen Geschichte, in der Hoffnung, nicht allzu sehr missverstanden zu werden und nicht zu viele einseitige Polemiken hervorzurufen. Ich würde sagen, dass das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er-Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet. Jungen Menschen war bewusst geworden, dass irgendetwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen.

Endlich! – Wenn  diese Sätze doch schon in den 70er Jahren aus Rom gekommen wären! „Die Erde selbst trägt ihre Würde in sich“.

Damit erweitert der Papst die anthropozentrische Pflichtenethik, die nur zwischen den Menschen Geltung hat, auch auf die Natur. Es ist das, was Hans Jonas in eben diesen 70er Jahren des letzten Jahrhunderts  als Fernen- und Zukunftsethik begründete, ein unhintergehbares Mass jeder vernünftigen Öko- und Friedensbewegung.[17]

Dem ersten Satz „Die Erde selbst trägt ihre Würde in sich“ ist der zweite untrennbar zugeordnet: „…und wir müssen ihrer Weisung folgen.“ Damit ist die Möglichkeit des Übergangs von der Seinserkenntnis (Es gibt Natur.) zur Sollensforderung (Sie hat Weisungen an uns, und wir müssen diesen Weisungen folgen. Zum Beispiel die Weisung, dass sie sein soll.) ausgesprochen.

Also doch ein naturalistischer Fehlschluss?

Nein. Ganz im Sinne des späten Dilthey kann geurteilt werden, dass schon im Akt des Wahrnehmens Wertungen mitenthalten sind. Noch vor der Trennung des erkennenden Subjektes vom zu erkennenden Objekt sind wir Menschen hineingehalten in Wertgestimmtheiten, die darüber bestimmen, unter welcher Beleuchtung vom Innenleben her wir die Dinge und uns selbst erkennen.[18]

Wenn wir aus der Grundbefindlichkeit der Angst und Sorge Naturwissenschaft betreiben, dann kann sie uns nur als Steinbruch für unsere Begehrungen erscheinen.

Die vermeintliche Wertfreiheit und Objektivität dieses Erkenntniszugriffes hat den ursprünglichen Wertungszusammenhang des teleologischen Zirkels von Eindruck (erkennen), Erlebnis (bewerten) und Ausdruck (handeln) bereits zerrissen. Es gibt aber kein wertfreies Sehen. Jede sogenannte objektive Tatsache ist immer schon das Ergebnis einer Theorie. Und jedes Tatsachensystem enthält immer schon in sich Prämissen für die in ihm verborgenen Normen.[19] Die heutige Naturwissenschaft, so urteilte Carl Friedrich von Weizsäcker, betreibt Erkenntnis ohne Liebe.[20] Was dabei herauskommt, ist das, was Papst Benedikt XVI. Positivismus nennt.

Die Erkenntnis der Natur aus diesem positivistischen Geist kann nicht wahr sein, denn sie tötet schon im Akt des Erkennens die Natur, begründet kenntnisreich Georg Picht.[21] Und Martin Heidegger formuliert prägnant, dass die (Natur-)Wissenschaft nicht denke, sondern nur rechne.[22] Er fragt: „Ob man die radikale Unmenschlichkeit der jetzt bestaunten Wissenschaft einmal einsieht und noch rechtzeitig zugibt? Die Übermacht des rechnenden Denkens schlägt täglich entschiedener auf den Menschen selbst zurück und entwürdigt ihn zum bestellbaren Bestandstück eines maßlosen operationalen Modelldenkens. Durch die Wissenschaft wird die Flucht vor dem nichtrechnenden Denken organisiert und zur Institution verfestigt.“ [23]

Vielen Menschen der deutschen Ökologiebewegung erschien in den 70. Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Natur nicht länger als Steinbruch für ihr Leben. In liebender Zuwendung zur Natur  erschien sie ihnen als kostbar, schützenswert, bewahrenswert. Insoweit sprach die Natur zu jedem Einzelnen: „Du musst dein Leben ändern!“[24]

Im Horizont der Offenbarungstheologie von Papst Benedikt XVI. ist die Natur Schöpfung Gottes. Es macht betroffen, dass gerade vor diesem Hintergrund Rom nicht längst sich unmissverständlich und energisch für die Bewahrung dieser Schöpfung eingesetzt hat. „Grün“ ist Rom wahrlich - noch - nicht. Und die Sätze vor den Abgeordneten des Deutschen Bundestages zur Ökologiebewegung schwächt Papst Benedikt XVI. recht kleinmütig sofort ab, aus Sorge, er könne missverstanden werden:

Es ist wohl klar, dass ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache – nichts liegt mir ferner als dies.

Hätte er solch einen Satz auch gesagt, wenn es um eine andere Partei als die der GRÜNEN gegangen wäre? Jedenfalls hatten die deutschen Bischöfe zu den C-Parteien oft mehr als ärgerlich enge Beziehungen.

Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur überhaupt verwiesen.Erlauben Sie mir, bitte, dass ich noch einen Augenblick bei diesem Punkt bleibe. Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst.

Das ist gegen die Hybris des modernen Menschen gesprochen, der davon phantasiert, sich selbst herstellen zu wollen. Günther Anders diagnostizierte bereits 1956 die prometheische Scham seiner Zeitgenossen. Sie schämen sich, geworden zu sein, statt gemacht zu sein. Dieser Typ Mensch desertiere ins Lager der Geräte.[25]

Heute, angesichts der wissenschaftlichen Fortschritte,  u.a. auch  in der Medizin, sind die Möglichkeiten der Manipulation am Menschen geradezu explosionsartig angewachsen. Auch dahinter steht der Geist des Positivismus: Alles, was der moderne Mensch machen kann, das will er auch machen, und sei es, dass er den Preis der Selbstaufgabe und Selbstzerstörung zahlen muss.

Man braucht schon einen anderen Blick auf sich selbst, um wieder wahrnehmen zu können: „Der Mensch macht sich nicht selbst.“  Er ist nichts Hergestelltes; er ist etwas Gewordenes, das zu uns spricht, dass wir uns nicht als Gerät wahrnehmen sollen.

Wie sieht der Papst den Menschen?

Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

Das ist eine Antwort voller Verweise.

Der Mensch ist Geist.

Was meint hier „Geist“? Logos? Der Mensch, das animal rationale, das mit „Geist“ begabte Wesen? Das griechische Wort „Logos“, ein letztlich nicht übersetzbares Urwort der Philosophie, wurde im Lateinischen mit Ratio wiedergegeben, und Ratio haben wir ins Deutsche übertragen mit Verstand und mit Vernunft, wobei beide Begriffe oft höchst unpräzis und missverständlich verwendet werden. „Geist“ meint wohl beides, den rechnenden Verstand, der uns sagt, was „richtig“ und was „falsch“ ist, und die vernehmende Vernunft, die uns zuspricht, was „gut“ bzw. „böse“ ist.

Der Mensch ist Geist und Wille, sagt der Papst.

Der Mensch ist nicht angebunden an den Pflock des Augenblicks; er muss nicht auf alle Reize reagieren; er ist das Wesen, das auch „Nein“ sagen kann. Folglich hat er sein Leben zu verantworten. Er entwirft Möglichkeiten seiner selbst,  entscheidet sich und handelt. In diesen Akten ist er wollend unterwegs.

Doch welche Richtung soll der Wille nehmen?

„Der Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört“, denn der Mensch ist auch Natur.

Was aber ist die „Natur des Menschen“?

Wir sind  immer ein Werk der Natur, also ein Werk unserer Leiblichkeit. Wollten wir uns nur aus dieser verstehen, blieben wir in einem blossen Biologismus stecken.

Wir sind von Natur aus immer auch und zugleich ein Werk der Gesellschaft. In vielfältigen Sozialisationsprozessen werden wir zum mehr oder weniger tauglichen Glied gesellschaftlicher Verhältnisse. Würden wir uns nur aus dieser Perspektive verstehen, blieben wir in einem blossen Soziologismus stecken.

Der Mensch ist demgegenüber der Möglichkeit nach immer mehr als Natur und Gesellschaft imstande sind, aus ihm zu machen. Er ist, humanistisch interpretiert, ein Werk seiner selbst; theologisch gedeutet  ein Werk Gottes.

Zur Natur des Menschen gehören wohl alle drei Dimensionen: Leib, Gesellschaft, Geist. Auf diese umgreifend gedachte Natur sollen wir hören, dann wird unser Wollen das Rechte antizipieren.

Vertragen sich diese allgemeinen hoch abstrakten Aussagen mit den konkreten Konsequenzen, die die römisch-katholische Kirche daraus zieht?

Etwa im Blick auf die menschliche Sexualität,  im Blick auf die Homosexualität, im Blick auf die Ehe, im Blick auf Geschiedene und Wiederverheiratete, im Blick auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft und in der Kirche, im Blick auf das Engagement von Arbeiterpriestern, im Blick auf die Befreiungstheologie, im Blick auf den luxurierenden Lebensstil im Vatikan, im Blick auf den Zölibat, im Blick auf das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes, das ja erst die Verbindlichkeit der römisch-katholischen Auslegung des wahren Rechtes autoritär sichert?

Kehren wir zurück zu den Grundbegriffen Natur und Vernunft, von denen wir ausgegangen waren. Der große Theoretiker des Rechtspositivismus, Kelsen, hat im Alter von 84 Jahren – 1965 – den Dualismus von Sein und Sollen aufgegeben.

Diese Möglichkeit, den Dualismus von Sein und Sollen aufzugeben, wurde weiter oben bereits bedacht, ohne dass dabei auf offenbarungstheologische Positionen zurückgegriffen werden musste.

Er, also Kelsen, hatte gesagt, dass Normen nur aus dem Willen kommen können. Die Natur könnte folglich Normen nur enthalten, wenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt hat. Dies wiederum würde einen Schöpfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur mit eingegangen ist. „Über die Wahrheit dieses Glaubens zu diskutieren, ist völlig aussichtslos“, bemerkt er dazu.  Wirklich? – möchte ich fragen. Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?

Es gibt keinen Grund gegen diese Position des Papstes zu argumentieren. Es ist seine Glaubenswahrheit. Problematisch wird sie erst dann, wenn in dieser Rehabilitierung des Naturrechtes die römisch-katholische Kirche den Anspruch erhebt, sie allein wisse gewiss und unumstösslich, was die objektive Vernunft in der Natur uns zu sagen hat.

Mit der Setzung, der Creator Spiritus habe diese Vernunft in die Natur hineingelegt, wird es dem Papst möglich, das alleinige Auslegungsrecht zu beanspruchen.

Die römisch-katholische Kirche übernimmt also den Naturrechtsgedanken unter der Bedingung, dass sie die einzige Instanz sei, die darüber bestimmt, was das Naturrecht uns zu sagen habe. Weshalb dieser Anspruch der römisch-katholischen Kirche, nur sie allein sei im Besitz der wahren Wahrheit, nicht hinnehmbar ist, muss hier nicht wiederholt werden. Das wurde weiter oben bereits entfaltet.

An dieser Stelle müsste uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis. Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben. Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas.

Nun, das kulturelle Erbe Europas ist wohl noch etwas umfassender anzusetzen. Sind da nicht mindestens diese vier geistigen Quellen zu bedenken, wobei ich Jerusalem, Athen und Rom anders zuordne?

Die griechischen-römischen Wurzeln mit den Möglichkeiten der philosophischen Besinnung mit einer unbedingt geltenden ethischen Orientierung am „nous“ und der rechtsstaatlichen Ordnung; die jüdisch-christlichen Wurzeln mit der monotheistischen Gottesvorstellung und deren Offenbarungstheologie mit einer absolut geltenden Auslegung von Mensch, Welt und „Gott“, in der der Mensch rückgebunden wird an den einen Gott in der „Imago Dei“.

Gegenüber  der Papst-Rede ergänze ich jetzt, indem ich mich Karl Jaspers anschliesse[26]: die neuzeitlichen exakten Naturwissenschaften mit den Möglichkeiten metaphysikfreier und „subjektunabhängiger“ „objektiver“ Erkenntnis mit ihren vielfältigen technischen Anwendungen, die wir uns angewöhnt haben als „Fortschritt“ zu deuten; und schliesslich - als eine Folge auch der Aufklärung - die Idee der westlichen Demokratie, die aus durchsichtigen Gründen beim Papst  hier unerwähnt bleibt. Aufklärung des Geistes, das ist immer auch Befreiung vom religiös eingeschüchterten Leben.

Indem neuzeitliche Naturwissenschaft und moderne Demokratie hinzugenommen werden, fällt ein anderes Licht auf die metaphysisch-offenbarungstheologischen Wurzeln des Abendlandes. Das sollte nicht unterschlagen werden.

Sie, also die Identität Europas, hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist. Dem jungen König Salomon ist in der Stunde seiner Amtsübernahme eine Bitte freigestellt worden. Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt wäre? Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute könnten wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

„Ja“, aber nur dann „Ja“, wenn zugelassen wird, dass das „hörende Herz“ oft höchst Unterschiedliches vernimmt, sowohl innerhalb der Gruppen der Gläubigen, also auch innerhalb der römisch-katholischen Christen, und natürlich auch ausserhalb jener, die keiner der monotheistischen Weltreligionen angehören.

Hier beginnt dann die mühsame Arbeit der Verständigung.

Papst Benedikt XVI. dagegen forderte während seines viertägigen Deutschlandbesuches strikten Gehorsam. Die Menschen heute wollen aber in Glaubensfragen überzeugt werden und nicht gehorchen. So hat der Papst alle diejenigen Katholiken enttäuscht, die auf offene Gespräche gehofft hatten. Seine geistlichen Disziplinierungsstrategien stehen im Widerspruch zum christlichen Gebot der Barmherzigkeit. Hans Küng fragt besorgt: Ist die Kirche noch zu retten?[27]

Viel wäre sowohl zur Rede im Reichstag als auch zum viertägigen Papstbesuch insgesamt zu sagen. Insbesondere ein Phänomen wäre zu klären. Vor allem die Jugend wärmte sich kollektiv an der Person Benedikt XVI., ohne an das zu glauben, wofür dieser Papst in Freiburg unbedingten Gehorsam forderte. Die Jugendlichen, und nicht nur sie,  haben ihre eigene Meinung zur Sexualität, zu Schwulen und Lesben, zur Rolle der Frau in der Kirche, zur Ehe, zum Zölibat und zum christlich motivierten politischen Engagement. Schizophrene Christen?

Und ich, der ich kein Katholik bin, der ich keiner Konfession angehöre, darf ich mich überhaupt einmischen?  Nun, indem sich der Papst, entgegen seiner Selbstwahrnehmung, in die Angelegenheiten der Politik einmischt, bin auch ich als Bürger betroffen. Das allein rechtfertigt meine Auseinandersetzung mit diesem Papst.

Benedikt XVI. liefert mir mit einem Satz, den er in Freiburg sprach, eine mögliche weitere Legitimation: „Agnostiker, die von der Frage nach Gott umgetrieben werden, Menschen, die unter unserer Sünde leiden und Sehnsucht nach einem reinen Herzen haben, sind näher am Reich Gottes als kirchliche Routiniers, die in ihr nur noch den Apparat sehen, ohne dass ihr Herz vom Glauben berührt wäre.“[28]

Doch dieses Angebot möchte ich gar nicht annehmen. Ich sehe in den Religionen und Konfessionen sehr menschlich-innerweltliche Gruppierungen, die sich ob ihrer Hüllen streiten, indem sie zugleich ihre Leben fördernde Kraft verraten. Auch und gerade die römisch-katholische Kirche ist, im Sinne Friedrich Heers, eine „Mauerkirche“, die als säkulare Institution unter anderen säkularen Institutionen um Anerkennung, Macht und Einfluss kämpft, und das wahrlich nicht immer mit den nobelsten Mitteln.[29]

Ich vertrete einen Atheismus des Ernstes und der Verantwortung. Deshalb suche ich nach einer Vereinigungswahrheit, die ich unter dem sperrigen Titel einer „Metaphysisch offenen (pädagogischen) Anthropologie“ verfolge.[30] Vor diesem Hintergrund sagt mir jede Amtskirche mit ihren Dogmen nichts. Demgegenüber kann ich die Bibel als das „Depositum eines Jahrtausends menschlicher Grenzerfahrungen“ (Karl Jaspers[31]) lesen.

Peter Kern



[1] Gedanken, Einfälle, mehr nicht. Assoziative Kommentare in kleinen und grösseren Häppchen, und das alles subjektiv und schon gar nicht wertfrei. Es sind die Wertungen eines ökologisch Denkenden, der jedoch, theologisch betrachtet, ein Ungläubiger ist. Ich werde mich schrittweise am Text des Papstes entlanghangeln. Die dadurch bedingten Wiederholungen sind beabsichtigt und zum grossen Teil der Argumentationsstruktur der Papst-Rede geschuldet. Wem das alles zu unsystematisch und redundant ist, möge mit der Lektüre erst gar nicht beginnen. Wer beginnt, wird Zeit mitbringen müssen, falls er bis zum Ende durchhält, denn allein der Vortrag des Papstes brauchte 25 Minuten. Der Text von Papst Benedikt XVI. ist fett gesetzt.

[2] u.a. dokumentiert in: FAZ.NET vom 22.09.2011

[3] Vgl. Carl Friedrich von Weizsäcker: Die Zeit drängt. Das Ende der Geduld. München 1986

[4] Vgl. Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Notwendige Bildung. Studien zur Anthropologie. Frankfurt am Main/Bern/New York 1985

[5] Vgl. u.a. Hans Küng: Umstrittene Wahrheit. Erinnerungen. Ungekürzte Taschenbuchausgabe. München 2009

[6] Vgl. Eugen Drewermann: Worum es eigentlich geht. Protokoll einer Verurteilung. München 1992. An seinem 65. Geburtstag 2005 gab Drewermann auf; er trat aus der römisch-katholischen Kirche aus.

[7] Vgl. Ernst-Wolfgang Böckenförde: Wissenschaft. Politik. Verfassungsgericht. Biographisches Interview von Dieter Gosewinkel, Frankfurt am Main 2011

[8] Vgl. Vittorio Hösle: Begründungsfragen des objektiven Idealismus, in: Philosophie und Begründung, hrsg. vom Forum Philosophie Bad Homburg, Frankfurt am Main 1987, S.212-267

[9] Vgl. diese Worte des Papstes, gesprochen in Erfurt; zitiert nach Matthias Drobrinski und Andrea Bachstein: So nah und doch so fern. Benedikt geht auf die Protestanten zu, beharrt aber auf dem Wahrheitsanspruch der katholischen Kirche. In: Süddeutsche Zeitung vom 24./25. September 2011, S.2

[10] Vgl. George Edward Moore: Principia Ethica. Cambridge 1903; dt. Stuttgart 1970

[11] Vgl. Auguste Comte: Die Soziologie. Die positive Philosophie im Auszug. Hrsg. von Friedrich Blaschke. Leipzig 1933

[12] Vgl. Wilhelm Dilthey: Weltanschauungslehre. Abhandlungen zur Philosophie der Philosophie. Gesammelte Schriften VIII. Band,  Stuttgart/Göttingen 1962, 3., unveränderte Auflage

[13] Vgl. Karl R. Popper: Logik der Forschung. Tübingen 1971, 4., verbesserte Auflage

[14] Vgl. Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter, Freiburg i.Br. 1984.  2. erw. Auflage

[15] Vgl. Martin Heidegger: Vorträge und Aufsätze. Pfullingen 1978, 4. Auflage; darin: Das Ding, S.157-175

[16] Vgl. René Descartes: Von der Methode. Hamburg 1960, VI,2.

[17] Vgl. Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Frankfurt am Main 1979

[18] Vgl. Wilhelm Dilthey: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Gesammelte Schriften. VII. Band. Stuttgart/Göttingen 1965, 4., unveränderte Auflage

[19] Vgl. Otto Friedrich Bollnow: Studien zur Hermeneutik. Bd. I. Freiburg/München 1982; darin: Über einen Satz Diltheys („An welchem Punkt entspringt aus der Erkenntnis dessen, was ist, die Regel über das, was sein soll?“), S.155-177

[20] Vgl. Carl Friedrich von Weizsäcker: Die Geschichte der Natur. Göttingen, 5.Auflage. „Die wissenschaftliche und technische Welt der Neuzeit ist das Ergebnis des Wagnisses des Menschen, das Erkenntnis ohne Liebe heisst“.

[21] Vgl. Georg Picht: Der Begriff der Natur und seine Geschichte. Mit einer Einführung von Carl Friedrich von Weizsäcker. Stuttgart 1993, 3. Auflage. „Die Naturwissenschaft ist nicht wahr, denn sie zerstört die Natur.“ S.XII

[22] Vgl. Martin Heidegger: Was heisst Denken? Tübingen 1954

[23] Vgl. Martin Heidegger: Denkerfahrungen, Frankfurt am Main 1983; darin: Zeichen, S.151

[24] Vgl. Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern. Frankfurt am Main 2009

[25] Vgl. Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. München 1956; darin: Über prometheische Scham, S.21-95

[26] Vgl. Karl Jaspers: Vom europäischen Geist, in: ders.: Rechenschaft und Ausblick. München 1958, S.275-311

[27] Vgl. Hans Küng: Ist die Kirche noch zu retten? München 2011

[28] Der Papst, gesprochen in Freiburg. Andrea Bachstein / Matthias Drobinski: Freiburger Monologe. Bei seinem Besuch in Baden-Württemberg enttäuscht Benedikt XVI. alle Katholiken, die auf offene Gespräche gehofft hatten. In: Süddeutsche Zeitung, 26. September 2011, S.6

[29] Vgl. Friedrich Heer: Die dritte Kraft. Der europäische Humanismus zwischen den Fronten des konfessionellen Zeitalters. Frankfurt am Main 1959

[30] Vgl. Peter Kern: Skizze einer metaphysisch offenen integrierenden Pädagogischen Anthropologie, in: Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Notwendige Bildung. Studien zur Pädagogischen Anthropologie, Frankfurt am Main/Bern/New York 1985, S.13-69. Vgl. auch meine entsprechenden Beiträge auf der Kulturseite www.haus-des-verstehens.ch

[31] Vgl. Karl Jaspers: Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung. München 1962





 


Zufällig ausgewählte Glosse

Demokratische Regionalfürsten: Sie schätzen die Dummköpfe, sie dulden zähneknirschend die Begabten und fürchten panisch die Geistvollen.