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Modischer Zynismus

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Da gibt es in Deutschland einen engagierten Schriftsteller, den man kaum vorstellen muss, er ist seit über vierzig Jahren in der Öffentlichkeit präsent, auch in der Schweiz: Günter Wallraff.

Mal war er bei „Thyssen“ der Gastarbeiter Ali, mal bei der „Bild“-Zeitung der Reporter Hans Esser, und im Versicherungskonzern „Gerling“ suchte er als Bürobote nach der Wahrheit realer Arbeitsverhältnisse. Er recherchierte in einer Grossbäckerei, im Obdachlosenheim und bei Starbucks. Stets trat er unerkannt als Undercover-Journalist auf. Ein Enthüllungs-Journalist. Ein Aufklärer.

Indem er sich verkleidet, kämpft er für die Schwachen, Unterdrückten, Ausgebeuteten und Ausgegrenzten. Nun gibt es weitere Berichte und Enthüllungen von ihm. Neue Ungerechtigkeiten werden angeprangert, neue Skandale ans Licht des Tages gezerrt: „Aus der schönen neuen Welt – Expeditionen ins Landesinnere“, heisst das Buch. Es sind Reisen in soziale Wüsten.

Indem ich davon erfahre, bin ich positiv gestimmt. Wallraff, der Streiter für eine bessere, gerechtere, für eine humanere Gesellschaft. Respekt! Wie schön und gut, dass es ihn gibt. Gewiss, er hat nicht die grosse Welt verändert, wie sollte er auch, wohl aber hat er vielen einzelnen Menschen ganz konkret helfen können, und uns allen hat er einen Blick in Abgründe geöffnet, von denen wir annahmen, sie gäbe es nicht.  Wallraff ein Mensch, der im Mitmenschen voller Empathie das Du zu erkennen vermag. Das macht in dunklen Zeiten Mut. Dankbarkeit erfüllt mich, die mich zugleich stärkt, meinerseits im Engagement für den Nächsten nicht nachzulassen.

O je, ich liege ganz falsch mit meinem Lob. Wallraff sei kein Vorbild. Unter der Überschrift „Ganz dunkel“ belehrt mich Juan Moreno im SPIEGEL vom 19.10.2009, dass Günter Wallraff mit seinem - i, gitt, was für ein Wort! – „Engagement“ ein altmodischer Mensch sei. „Wallraff möchte, dass sich der Deutsche empört – wie schlecht McDonald’s oder Starbucks seine Mitarbeiter bezahlt, wie unverschämt Callcenter arbeiten, wie schwer es Schwarze und Ausländer haben. Es ist etwas altmodisch, so zu sein. Wallraff ist ein altmodischer Mann, ein altmodischer Journalist, mit einer altmodischen Haltung, einer unzynischen Haltung. Es ist nicht schwer, sich über ihn lustig zu machen.“

Nun, Wallraff möchte nicht, dass sich der Deutsche empört, sondern der Mensch all überall solle sich empören, wenn Niedriglöhne gezahlt werden, die zum Leben vorn und hinten nicht reichen, wenn Callcenter  ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu abenteuerlichen Methoden nötigen, die bei uns Opfern längst die Grenze zur Belästigung überschritten haben, wenn Ausländer, vor allem auch Schwarze, nicht als Mitmenschen wahrgenommen und respektiert werden.

Das alles aufklärerisch öffentlich zu machen, anzuprangern, sich darüber zu empören – sei altmodisch? Wallraff sei nicht cool genug; sei offensichtlich mega out. Der Grund dafür, nach Juan Moreno: Wallraff ist unzynisch. Ja, so steht das tatsächlich da: „unzynisch“.

Ich beginne zu verstehen. In Mode ist es, zynisch zu sein. Nicht nur Wallraff, auch ich habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Wie schrecklich. Indem ich Wallraff lobe, gehöre auch ich zu den aussterbenden Exemplaren, die sich noch ernsthaft für eine bessere Welt einsetzen

Angesagt ist es offensichtlich, mit Matthias Matussek „Spiegel online“ zu blödeln, mit Henryk M. Broder Hasskampagnen als Pamphletist zu streuen und mit Juan Moreno in den Print-Medien zynisch zu sein.

Wer „in“ ist, ist Zyniker.

Wissen die Matusseks, Broders und Morenos überhaupt noch, wer sie sind?

Ein Zyniker setzt in absichtlich verletzender Weise die Wertvorstellungen anderer herab. Er missachtet sie, ja, er stellt moralische Werte oft grundsätzlich in Frage.

Unsere Zyniker vom postmodernen Dienst haben es leicht, vom Thron ihrer inzwischen ökonomisch abgesicherten Nihilismusburg zu feuern: Sie müssen nicht von Hartz IV leben, sie beziehen keinen Niedriglohn, sie werden nicht zu Sklaven am Arbeitsplatz degradiert, man grenzt sie nicht als Menschen zweiter Klasse aus. Im Gegenteil: Sie geniessen ihren mehr als fragwürdigen Ruhm im „Café Einstein“ in Berlin. Gesehen und bestaunt werden ist ihr Lebensinhalt. Engagement für andere – nur etwas für altmodische Dummköpfe, für Gutmenschen halt.

Ach, ihr Lieben. Ihr wisst es doch auch: Zynismus kommt vom Altgriechischen kynismos, was wörtlich mit „Hundigkeit“ zu übersetzen wäre, was in gutem Deutsch „Bissigkeit“ genannt wird.  Hättet Ihr doch den Biss, so zu denken und so zu leben, wie es die alten Kyniker vermochten. Kernpunkt ihrer Lehre war die Bedürfnislosigkeit. Diogenes, den die Legende bescheiden in einer Tonne leben lässt, suchte sich in völliger Unabhängigkeit von der Aussenwelt zu verwirklichen.

Wenn dagegen Euch postmoderne Zyniker keiner mehr wahrnähme, Eure Existenz sackte zusammen wie ein zu früh aus dem Ofen genommenes Soufflé. Insofern habe ich mich hier schon viel zu sehr und zu lange und zu ernsthaft mit Euch beschäftigt.

Welch ein Glück, dass es Günter Wallraff gibt!

Zyniker

Peter Kern


Literatur

Günter Wallraff: Aus der schönen neuen Welt – Expeditionen ins Landesinnere, 2009

Ergänzungstexte:

Audio

Modischer Zynismus


 


Zufällig ausgewählte Glosse

„Wenn man regieren will, darf man die Menschen nicht vor sich herjagen; man muss sie zum Folgen bringen.“ Montesquieu. Ein Beispiel gefällig? Stuttgart 21.