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Gandhi - Was können wir von ihm lernen?

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Was können wir angesichts der Ökokrise von Gandhi lernen?


1. Einleitung: Gandhis Schlüsselstellung für eine humane Zukunft

 „Stellen wir uns vor, es werde in einigen Jahrtau­senden noch Menschen geben, die sich für die dann lange vergangenen Phasen menschlicher Geschichte interessieren, ... so werden der Zukunft unsere radi­kalen Politiker zu inhuman, unsere humanen Politiker nicht radikal genug erscheinen; vielleicht wird von den Grossen unseres Jahrhunderts nur Gandhi vor ihrem Urteil bestehen.“[1]

 Vor diesem Hintergrund wünscht Carl Friedrich von Weizsäcker, dass gerade angesichts der weltweiten Ökokrise heute „Gandhis politische Methodik und seine Ethik, die beide sehr viel reflek­tierter sind, als viele seiner Anhänger und Gegner und alle seine Verächter meinen, gründlich studiert wür­den.“[2]

 Folgen wir diesem Rat und halten wir uns dabei an die Stichworte unseres Themas.

 Ökokrise

 Ausgangspunkt aller Orientierungen für künftige Politik und Pädagogik, vor allem auch für die Erwachsenenbildung, muss sein: Mit der wissenschaft­lichen Entdeckung vielfältiger Möglichkeiten, die Menschheit als ganze, ja das Leben überhaupt zu vernichten, hat ein von Grund auf neues Zeitalter begonnen. Bezeichnen wir es als Atomzeitalter, so verweist das auf die Atom‑Physik als Beispiel des neuen Wissens, auf die Atom‑Energie als Beispiel der durch dieses Wissen freigesetzten Macht und auf die Atom‑Bombe als Beispiel der aus dieser Macht sich ergebenden Gefährdung.

 Neben der Atomkriegsgefahr gibt es weitere tödli­che Bedrohungen des Lebens, die längst im Zentrum auch pädagogischer Aufmerksamkeit hätten stehen müssen: u. a. die fatalen Folgen unbegrenzter indu­strieller Wucherungsprozesse und das Elend der armen Länder. Die Gesamtheit der Beschädigungen und Gefährdungen des Haushalts der Natur ein­schliesslich der akuten Atomkriegsgefahr bezeichnen wir als Ökokrise.

 Sie ist die Folge davon, dass wir noch nicht gelernt haben, mit der im Atomzeitalter erreichten Ebene neuen Wissens, neuer Macht und neuer Gefährdungen verantwortungsvoll umzugehen. Da das neue Wissen der Vernichtungsmöglichkeiten sich nicht rückgängig machen lässt, wird das Atomzeitalter für die gesamte weitere Menschheitsgeschichte fortdauern.

 Die Ökokrise hingegen ist überwindbar. Denn der sie verursachende Missbrauch des neuen Wissens ist beendbar. Ob die Ökokrise wirklich überwunden wird, ist mehr als offen. Sie ist ein Durchgangssta­dium, eine Krankheit, an deren Fieber wir genesen oder sterben werden.

 Auf die Herausforderungen der Ökokrise gibt es heute im wesentlichen zwei Antworten, von denen die noch vorherrschende als Krisenmanagement zu be­zeichnen ist.

 Jedesmal wurden und werden Mittel gegen drohende Übel (z. B. gegen militärische An­griffe, gegen Versorgungsmängel) so sehr gesteigert und perfektioniert, dass sie in keinerlei vernünftigem Verhältnis zu ihren ursprünglichen Zwecken mehr stehen, sondern vielmehr neue Übel hervorbringen, ja nunmehr das Ganze bedrohen (mit dem militärischen Gegner zugleich auch die eigene Seite, mit der Natur zugleich auch den Menschen). In der Weise nun, in der man diese neuen Probleme zu bewältigen sucht, sieht Carl Friedrich von Weizsäcker nur eine Wiederholung der „Trennung von Zweck und Mittel“ und eine einseitige Konzentration auf die Mittel: „Alle diese Übel sind durch die Verbesserung unserer Mittel erzeugt, und unsere Reaktion auf sie ist, neue Mittel zu entwerfen... Welche Übel werden die neuen Mittel erzeugen?... Die moderne Kultur ist in ihrer gegen­wärtigen Entwicklungsphase eine Kultur ohne Weis­heit, ohne Vernunft.“[3]

 Gandhi

 Die notwendige radikale und gerade darin humane Antwort z. B. auf die genannten drei Pro­blemfelder gibt Gandhi:


  • Seine Antwort auf Abhängigkeit und Elend der armen Länder ist ihre nicht nur politische, sondern auch ökonomische und kulturelle Befreiung von den Industrienationen.
  • Seine Antwort auf den modernen Krieg, auch auf die Atombombe, von deren Existenz und Einsatz er in den letzten Jahren seines Lebens noch erfahren hat, ist konsequente gewaltfreie Konfliktaustra­gung.
  • Seine Antwort auf die Folgen unbegrenzter indu­strieller Wucherungsprozesse ist eine dezentral organisierte Gesellschaft möglichst kleiner Gemein­schaften, die durch wirtschaftliche Selbstversor­gung und demokratische Selbstregierung bestimmt sind.


Gandhi sieht, dass weder der Kapitalismus noch der Staatssozialismus Modelle für eine humane Zukunft sein können. Beide kritisiert er unter dem Gesichts­punkt von Machtkonkurrenz und Machtkonzentra­tion. Seine Antwort auf die Grundherausforderung der Machtsteigerung ist eine doppelte: Macht, soweit sie noch nötig ist, in den Dienst der Vernunft zu stel­len, langfristig aber Macht, soweit es möglich ist, abzubauen. Da Gandhi sieht, dass diese Lösungen des Machtproblems nicht allein durch politische Struktur­änderungen zu erreichen sind, sondern eben einen Wandel in der Grundhaltung der Einzelnen vorausset­zen, hängen für ihn Politik und Pädagogik unlösbar zusammen. Entscheidend ist eine Revolution der Denkungsart, eine Umkehr der Herzen, Selbsterzie­hung.[4]

 Lernen

 Hinsichtlich der individuellen und gesell­schaftlichen Lernprozesse, auf die es Gandhi also ankommt, bietet eine moderne Orientierung der Lernbericht des Club of Rome.[5]

 Dort werden unter­schieden: tradiertes Lernen, Lernen durch Schock und innovatives Lernen.

 Tradiertes Lernen hat seinen Ort vor allem in geschichtlich stabilen Perioden. Es dient dazu, bestehende Systeme und etablierte Lebens­formen zu erhalten. In geschichtlichen Umbrüchen wie den heutigen bleibt es unzureichend.

 In Krisen ist der herkömmliche Auslöser neuen Lernens der Schock. Aber auch Lernen durch Schock wird der Ökokrise nicht gerecht, denn in vielen Fällen wird es gar nicht mehr möglich sein, aus den Folgen unserer Fehler noch zu lernen, weil diese Fehler bereits tödlich sind (das gilt nicht nur für einen atomaren Holocaust, sondern auch für Ausrottung von Tierarten, usw.).

 Deshalb ist spätestens jetzt eine qualitativ neue, den Schockerfahrungen zuvorkommende Lern­art notwendig: innovatives Lernen. Dieses orientiert sich an den beiden Endzielen „Überleben der Mensch­heit“ und „Würde des Menschen“, auf deren Zusam­mengehörigkeit es gerade ankommt. Will man diese Endziele erreichen, bedarf es nach der Konzeption der Autoren des Club of Rome zweier Zwischenziele: Autonomie und Integration. „Autonomie“ wird beschrieben als Fähigkeit, „selbständig und unabhän­gig zu sein“ und „alternative Entscheidungsmöglich­keiten aufzubauen“. „Integration“ bedeutet, dass man „das Ganze, dessen Teil man ist, sieht“ und im Han­deln berücksichtigt; deshalb verlangt sie nicht weniger als „gegenseitige Achtung, Selbstbeschränkung, die Wahrnehmung gemeinsamer Interessen und Verzicht auf Egoismus“.

 Diese Ziele innovativen Lernens als Antworten auf die Herausforderungen unseres Jahrhunderts hat schon Gandhi angestrebt, und zwar ethische und reli­giöse vorbildlich:

 Satyagraha als Wahrheitssuche,

Brahmacharya als asketischen Rückbezug auf unsere wahren Bedürfnisse und

Ahimsa als Gewaltfreiheit im Umgang mit allem Lebendigen.

 Was für den Club of Rome Programm ist, hat Gandhi bereits in die Tat umgesetzt, und das in einer bisher einmaligen Ver­knüpfung von Pädagogik und Politik. Insofern haben wir von ihm zu lernen.[6]

 Wir

 Wer ist „wir“? Unsere Gesellschaft erfährt zur Zeit (geschrieben 1984) eine Polarisierung zwischen Gegnern und An­hängern der alternativen Öko‑ und Friedensbewe­gung. Gewiss haben die nur tradiert Denkenden noch sehr viel von Gandhi zu lernen. Aber auch diejenigen, die neue Wege zu gehen versuchen, tun gut daran, den ganzen Gandhi in ihr Denken und Handeln aufzuneh­men, um der sich verschärfenden Gefahr zu entgehen, die tradierten Feindbilder nur mit umgekehrten Vor­zeichen zu wiederholen.[7]

 Müssen die einen überhaupt erst tief genug erschrecken, um den notwendigen radikalen Bewusstseinswandel zu erreichen, so müssen die anderen der Versuchung widerstehen, aus ihrem Erschrecken über die Bedrohung allen Lebens in Inhumanität zurückzufallen.

Was bleibt angesichts der Ökokrise nicht allzuviel von dem, worum wir uns gerade auch in der Erwachse­nenbildung bemühen, ein Abstauben von Vitrinen in einem brennenden Haus?

 Eine Pädagogik hat sich heute zunächst der weltge­schichtlich neuartigen Ausgangslage zu stellen: Atom­zeitalter und Ökokrise.

 Um der Wiederholung alter Irrwege zu entgehen, hat sie dann die Ursachen des selbstzerstörerischen Erfolges zur Kenntnis zu neh­men: Machtkonkurrenz und europäisch‑neuzeitliche Zivilisation.

 Nur so kommen die Grundlagen des Weiterlebens im Atomzeitalter in den Blick: Vernunft und Solidarität. Von ihnen her ergeben sich für die Bildung notwendige Einzelziele: Schritte zu gewalt­freiem Widerstand und zu ökologischer Selbstbegren­zung. Erst von ihnen her lässt sich die erforderliche Methode theoretisch ermöglichen und praktisch ver­wirklichen: Lernen für eine befriedete Zukunft.

 In konzentrierter Form haben wir eine derartige „Pädagogik im Atomzeitalter“ 1982 vorgelegt.[8] Damit dieses Geflecht von Argumentationen auf­grund der hier gebotenen Kürze sich nicht in unver­bindlicher Abstraktheit verflüchtigt, wird im Folgenden versucht, anhand systematisch ausgewählter Zitate Gandhis die soeben genannten Schritte zu illustrieren.

 Die Zitate sind also keine blosse Materialsamm­lung, sondern stehen exemplarisch für die in den Überschriften genannten, auch erwachsenenpädago­gisch notwendigen Themenbereiche.

 Die Zitate selbst hat Hans‑Georg Wittig aus den mehr als 80 Bänden entnommen (und teilweise neu übersetzt), die im Rahmen der „Collected Works of Mahatma Gandhi“ (CWMG) bisher erschienen. Wo es nötig war, werden ergänzend „The Selected Works of Mahatma Gandhi“ (SWMG) herangezogen.

 2. Ausgangslage: Atombombe und Industrialismus

 2.1 Zukunftsperspektiven im Atomzeitalter

 Die Moral, die legitimerweise aus der äussersten Tragödie der (Atom‑)Bombe abzuleiten ist, ist die, dass sie nicht durch Gegen‑Bomben zerstört werden wird, wie eben auch Gewalt nicht durch Gegen‑Gewalt vernichtet werden kann. Die Menschheit kann und muss allein durch Gewaltfreiheit aus der Gewalt herauskommen. Hass kann allein durch Liebe über­wunden werden. SWMG VI, 254/H. 7. 7. 1946

 Amerikanische Freunde meinten, die Atombombe werde, wie nichts anderes, Ahimsa (Gewaltfreiheit) möglich machen. Das stimmt, wenn damit gemeint ist, dass die abschreckende Wirkung ihrer Zerstörungskraft die Welt zur vorläufigen Abkehr von der Gewalt bringen wird. Aber so, wie ein Mensch, der sich mit Leckerein vollgestopft hat bis zur Übelkeit, sich von ihnen abwendet, nur um sich, sobald die Übelkeit gewichen ist, mit verdoppelter Gier wieder darauf zu stürzen, so wird sich die Welt mit neuer Gier in die Gewalt stürzen, wenn die Wirkung der Abschreckung nachgelassen hat. SWMG VI, 253/H. 7. 7. 1946

 2.2 Industrialismus als Hintergrund der Kriegsgefahr

 Der Industrialismus ist, fürchte ich, dabei, ein Fluch für die Menschheit zu werden. Die Ausbeutung der einen Nation durch die andere kann nicht für alle Zeit fortdauern. Der Industrialismus hängt völlig ab von der Fähigkeit auszubeuten, von fremden Märk­ten, die ihm offenstehen, und von der Abwesenheit von Konkurrenten... Die Zukunft des Industrialis­mus ist dunkel. England hat erfolgreiche Konkurren­ten bekommen in Amerika, Japan, Frankreich, Deutschland. CWMG XLVIII, 224f./Y. I. 12. 11. 1931

 Krieg ist das unmittelbare Ergebnis der modernen Zivilisation. Jede der Mächte hat Vorbereitungen für den Krieg getroffen. CWMG XIII, 80/N. I. 10. 5. 1915

 Pandit Nehru wünscht Industrialisierung, weil er denkt, dass sie in Verbindung mit Sozialisierung frei sein würde von den Übeln des Kapitalismus. Meine eigene Sicht ist, dass die Übel dem Industrialismus als solchem innewohnen und kein Mass an Sozialisierung sie beseitigen kann. CWMG LXXIII, 29f./H. 29. 9. 1940

Wogegen ich bin, ist die Gier nach Maschinen, nicht die Maschinen als solche... Zuallererst sollten wissenschaftliche Wahrheiten und Entdeckungen aufhören, blosse Instrumente der Habsucht zu sein... Ersetzt Habsucht durch Liebe, und alles wird in Ordnung kommen. CWMG XXV, 251f./ Y. I. 13. 11. 1924

 3. Überblick:

Orientierungen für menschenwürdiges Leben und Miteinanderleben

 3.1 Der Mensch in der Natur

Vergleichen wir den Menschen mit Bär oder Büffel, so finden wir, dass Bär und Büffel ihm hinsichtlich physischer Kraft überlegen sind. Nichtsdestoweniger ist er ihnen überlegen kraft seiner Intelligenz... Aber Darwin zeigt ferner, dass moralische Kraft sogar der physischen und intellektuellen Kraft überlegen ist... Darwin zeigt, dass ein altruistischer Instinkt bis zu einem gewissen Ausmass sogar in Tieren vorhanden ist: Furchtsame Vögel entfalten Kraft, um ihre Jungen zu verteidigen... Darwin zeigt klar, dass die morali­sche Kraft die höchste ist... Nationen sind weder durch Reichtum noch durch Armeen stark, sondern allein durch Rechtschaffenheit. CWMG VI, 317f./I. O. 9. 2. 1907 (nach Salter)

3.2 Gotteserkenntnis durch Dienst an allem Lebendigen

Ein moralisches Leben ohne Beziehung zur Reli­gion ist wie ein auf Sand gebautes Haus. Und Reli­gion, getrennt von Moralität, ist wie „klingendes Erz“ nur dazu gut, Lärm zu machen und Köpfe zu verwir­ren. Moralität umfasst Wahrheit, Ahimsa (Gewaltfrei­heit) und Enthaltsamkeit... Gewaltfreiheit und Ent­haltsamkeit ihrerseits sind ableitbar von der Wahr­heit, die für mich Gott ist. CWMG LXIII, 341/H.1936

Das letzte Ziel des Menschen ist die Erkenntnis Gottes, und alle seine sozialen, politischen... Tätig­keiten müssen geleitet werden von diesem letzten Ziel des Schauens Gottes. Der unmittelbare Dienst an allen Menschen wird ein notwendiger Teil dieses Bemühens, einfach weil der einzige Weg, Gott zu finden, der ist, Ihn in Seiner Schöpfung zu sehen und eins mit ihr zu sein. CWMG LXIII, 240/H. 29. 8. 1936

Ich finde in der Baum‑Verehrung ein Empfinden von tiefem Pathos und poetischer Schönheit. Sie symbolisiert wahre Ehrfurcht vor dem ganzen Pflan­zenreich, das uns mit seinem endlosen Panorama schöner Gestalten und Formen wie mit einer Million Zungen die Grösse und den Ruhm Gottes erklärt. CWMG XLI, 292/Y. I. 26. 9. 1929

4. Satyagraha: Wahrheitssuche als Lebensprinzip

4.1 Wahrhaftigkeit

Satyagraha bedeutet wörtlich Festhalten an der Wahrheit und meint darum Wahrheitskraft... Sie schliesst den Gebrauch von Gewalt aus, weil der Mensch nicht fähig ist, die absolute Wahrheit zu wissen, und darum nicht berechtigt, zu strafen. CWMG XIX, 466/Y. I. 23. 3. 1921

Was immer ihr tut, seid wahrhaftig euch selbst und der Welt gegenüber. Verheimlicht nicht eure Gedan­ken. Wenn es beschämend ist, sie zu offenbaren, ist es noch beschämender, sie zu denken. CWMG LXV, 112/H. 24. 4. 1937

Die Wahrheit ist hart wie ein Diamant und zart wie eine Blüte. CWMG XXXIX, 122/Aut.

4.2 Religion als Ermöglichung der Moralität

Ich nehme, wenngleich noch dunkel, wahr, dass es, während alles um mich ständig wechselt, ständig stirbt, eine all diesem Wechsel zugrunde liegende lebendige Macht gibt, die wechsellos ist und die alles zusammenhält, die erschafft, auflöst und von neuem erschafft. Diese formende Macht oder dieser for­mende Geist ist Gott. CWMG XXXVII, 349/Y. I. 11. 10. 1928

Er ist ein personaler Gott für die, die Seine perso­nale Gegenwart brauchen. Er ist verkörpert für die, die Seine Berührung brauchen. Er ist das reinste We­sen... Er ist in uns und doch über und jenseits von uns. CWMG XXVI, 224/Y. I. 5. 3. 1925

Das Wesen der Religionen ist ein einziges, nur ihre Anwege sind verschieden. SWMG VI, 269

Ein Mensch ohne Glauben ist wie ein Tropfen, der aus dem Ozean geworfen und so zum Untergang verurteilt ist. CWMG LXII, 349/H. 25. 4. 1936

Wahre Religion und wahre Moralität sind untrenn­bar miteinander verbunden. Religion ist für die Mora­lität, was Wasser für die in den Boden gesäten Samen ist. SWMG VI, 264


5. Brahmacharya: Asketischer Rückbezug auf unsere wahren Bedürfnisse

 5.1 Gebet und Gelübde

Nun zur Definition, zur Bedeutung von Brahma­charya... Es ist dasjenige Verhalten, das uns in Ver­bindung mit Gott bringt. Dieses Verhalten besteht in der völligen Kontrolle über alle unsere Sinne. CWMG LXIII, 56/H. 13. 6. 1936

Nichts kann uns so mächtig wie Fasten und Beten die erforderliche Disziplin, den Geist des Selbstopfers, die Demut und die Entschlossenheit des Willens geben, ohne die kein wirklicher Fortschritt möglich ist. CWMG XVII, 299/Y. I. 31. 3. 1920

Ich begriff, dass ein Gelübde, weit davon entfernt, das Tor zu wahrer Freiheit zu schliessen, es vielmehr öffnete. Bis zu dieser Zeit hatte ich keinen Erfolg gehabt, weil mir der Wille gefehlt hatte, weil ich kein Selbstvertrauen gehabt hatte, kein Vertrauen auf die Gnade Gottes und weil mein Geist deshalb auf dem stürmischen Meer des Zweifels umhergetrieben war. CWMG XXXIX, 167/Aut.


5.2 Überwindung der Habgier

Der menschliche Körper ist allein zum Dienst bestimmt, niemals zur Verwöhnung. Das Geheimnis glücklichen Lebens liegt in der Entsagung. Entsagung ist Leben. Verwöhnung bedeutet Tod. SWMG VI, 330/H. 24. 2. 1946

Man gibt Dinge auf, die man als schädlich betrach­tet, und sollte darum bei ihrem Verlust Freude empfin­den. CWMG XXXI, 134/Y. I. 15. 7. 1926

Die Goldene Regel... bedeutet, entschlossen den Besitz dessen zurückzuweisen, was Millionen nicht haben können. CWMG XXXI, 45/Y. I. 24. 6. 1926

Ich will euch einen Talisman geben. Immer wenn ihr in Zweifel seid oder wenn euer Ich euch über den Kopf wächst, versucht den folgenden Ausweg: Ruft euch das Gesicht des ärmsten und hilflosesten Men­schen in Erinnerung, den ihr je gesehen habt, und fragt euch, ob der Schritt, den ihr erwägt, von irgendwel­chem Nutzen für ihn sein wird... Dann werdet ihr erleben, wie eure Zweifel und euer Ich hinwegschmel­zen. SWMG VI, 535


6. Ahimsa: Gewaltfreiheit im Umgang mit dem Leben

6.1 Die grundlegende Unterscheidung von Tat und Täter

Dem Menschen ist nicht gegeben, die ganze Wahr­heit zu wissen. Seine Pflicht ist, der Wahrheit gemäss zu leben, wie er sie sieht, und dabei auf das reinste Mittel zurückzugreifen, d. h. Gewaltfreiheit. CWMG LVI, 216/H. 24. 11. 1933

Mir genügt es, die Mittel zu kennen. Mittel und Zweck sind austauschbare Begriffe in meiner Lebens­philosophie. CWMG XXV, 480/Y. I. 26. 12. 1924

Der Mensch und sein Tun sind zweierlei. Während eine gute Tat Billigung und eine böse Tat Missbilligung finden sollte, verdient der Täter der Tat, ob gut oder böse, immer Achtung oder Mitleid, je nach Lage des Falles. „Hasse die Sünde und nicht den Sünder“ ist ein Gebot, das, obgleich leicht genug zu verstehen, nur selten verwirklicht wird, und darum breitet sich das Gift des Hasses in der Welt aus. Diese Ahimsa ist die Grundlage der Wahrheitssuche. Ich erkenne jeden Tag, dass die Suche unnütz ist, wenn sie nicht auf Ahimsa als Basis beruht. Es ist ganz angebracht, einem System zu widerstehen und es anzugreifen, aber seinem Urheber zu widerstehen und ihn anzugreifen, ist gleichbedeutend mit Widerstand gegen sich selbst. Denn wir sind allzumal Sünder, und wir sind Kinder eines und desselben Schöpfers, und als solche besitzen wir in uns unendliche göttliche Kräfte. Ein einziges menschliches Wesen missachten, heisst diese göttlichen Kräfte missachten und so nicht nur dieses Einzelwesen schädigen, sondern mit ihm die ganze Welt. CWMG XXXIX, 220f./Aut.

Mein Ziel ist die Freundschaft mit der Welt, und ich kann grösste Liebe mit grösstem Widerstand gegen das Schlechte verbinden. CWMG XVII, 76/Y. I. 10. 3. 1920

 6.2 Furchtloser Widerstand und selbstloser Dienst

Gewaltfreiheit und Feigheit sind entgegengesetzte Begriffe. Gewaltfreiheit ist die grösste Tugend, Feig­heit das grösste Laster. Gewaltfreiheit entspringt aus Liebe, Feigheit aus Hass. Gewaltfreiheit ist immer bereit, Leiden hinzunehmen, Feigheit würde es stets anderen zufügen. CWMG XLII, 73/Y. I. 31. 10. 1929

Ich kann selbst bezeugen, dass ein aufrichtiges Gebet unzweifelhaft das mächtigste Mittel ist, das der Mensch besitzt, um Feigheit und alle anderen schlech­ten alten Gewohnheiten zu überwinden. CWMG XXXVIII, 247/Y. I. 20. 12. 1928

Identifizierung mit allem, was lebt, ist unmöglich ohne Selbstläuterung, ohne Selbstläuterung muss die Einhaltung des Ahimsa‑Gebotes ein leerer Traum bleiben... Doch der Weg der Selbstläuterung ist hart und steil... Ich weiss, dass ich noch einen schwierigen Weg vor mir habe. Ich muss mein Ich zum Nullpunkt herabsetzen. Solange ein Mensch sich nicht freiwillig als letztes seiner Mitgeschöpfe ansieht, gibt es für ihn kein Heil. CWMG XXXIX, 401 f./Aut.

Dienst, der ohne Freude getan wird, hilft weder dem Dienenden noch dem Bedienten. Aber alles Angenehme und alle Besitztümer verblassen zu nichts vor Dienst, der im Geiste der Freude getan wird. CWMG XXXIX, 143/Aut.

7. Anregung gesellschaftlicher Lernbewegungen: Pädagogische Politik[9]

7.1 Politische Ziele

Demokratie und Gewalt lassen sich schlecht verei­nen... Es ist eine Lästerung zu behaupten, dass Ge­waltfreiheit nur von Einzelnen geübt werden kann und niemals von Nationen, die sich doch aus Einzelnen zusammensetzen. CWMG LXVIII, 94f./H. 12. 11. 1938

Das Ziel, um das es geht, ist das menschliche Glück, verbunden mit vollem geistigem und morali­schem Wachstum... Dieses Ziel kann durch Dezen­tralisation erreicht werden. Zentralisation als System ist unvereinbar mit einer gewaltfreien Struktur der Gesellschaft. CWMG LXXV, 216/H. 18. 1. 1942

Bereitwillige Unterwerfung unter gesellschaftliche Einschränkungen um des Wohls der ganzen Gesell­schaft willen bereichert beide ‑ das Individuum und die Gesellschaft, deren Mitglied es ist. CWMG LXIX, 258/H. 27. 5. 1939

7.2 Pädagogische Mittel

Wenn wir wirklichen Frieden in dieser Welt errei­chen und einen wirklichen Krieg gegen den Krieg führen wollen, werden wir mit den Kindern beginnen müssen. CWMG XLVIII, 240/Y. I. 19. 11. 1931

Der alte Spruch: „Erziehung ist das, was befreit“, ist heute so wahr wie früher... Befreiung bedeutet Freiheit von allen Arten der Knechtschaft auch im gegenwärtigen Leben. Knechtschaft ist von zwei Arten: Sklaverei gegenüber der Beherrschung von aussen und gegenüber den eigenen künstlichen Bedürf­nissen. Nur dasjenige Wissen, das im Streben nach diesem Ideal erreicht wird, begründet wahre Studien. SWMG VI, 503/H. 10. 3. 1946

Jeder von uns hat Gutes in seiner Seele, es muss durch die Erzieher „herausgezogen“ werden, und nur die können diese ehrwürdige Aufgabe erfüllen, deren eigener Charakter unbefleckt ist, die stets bereit sind, zu lernen und von Vollendung zu Vollendung zu wachsen. CWMG LXIII, 396f./H. 7. 11. 1936

Wie also sollte die spirituelle (= moralisch‑reli­giöse) Bildung gegeben werden? Ich liess die Kinder Hymnen auswendig lernen und rezitieren und las ihnen aus Büchern über moralische Erziehung vor. Aber das befriedigte mich bei weitem nicht. Als ich mit ihnen in engere Berührung kam, sah ich, dass man Bildung des Geistes nicht durch Bücher vermitteln kann. Ebenso wie körperliche Ausbildung durch Leibesübung erfolgen musste und intellektuelle durch intellektuelle Übung, so war auch die Bildung des Geistes nur durch die Übung des Geistes möglich. Und die Übung des Geistes hing völlig von Leben und Charakter des Lehrers ab. CWMG XXXIX, 270f./Aut.

Geistiges Wachstum wird sich aus harter Erfah­rung entwickeln, nicht notwendigerweise im College oder Schulraum. CWMG XXXI, 45/Y. I. 24. 6. 1926

Es kann kein Wissen geben ohne Demut und die Bereitschaft zum Lernen. SWMG VI, 503/H. 8. 9. 1946


8. Lernen für den Frieden: Nochmals Satyagraha

8.1 Die notwendige Grundhaltung

In Gewissensfragen hat das Gesetz der Mehrheit keinen Platz. CWMG XVIII, 113/Y. I. 4. 8. 1920

Gewaltfreiheit, wie ich sie meine, ist ein aktiverer und echterer Kampf gegen das Böse als die Wiederver­geltung, die ja ihrer Natur nach das Böse nur noch vermehrt. Ich denke an eine geistige und darum mora­lische Opposition gegen unmoralisches Verhalten. Ich möchte die Schneide am Schwert des Tyrannen völlig stumpf machen, nicht dadurch, dass ich ein schärferes Schwert dagegensetze, sondern indem ich seine Erwar­tung, ich würde physischen Widerstand leisten, ent­täusche. Der seelische Widerstand, den ich leiste, vereitelt die Absicht des Gegners. Er verwirrt ihn zuerst und nötigt ihm zuletzt Anerkennung ab, eine Anerkennung, die ihn nicht demütigt, sondern erhöht. CWMG XXVIII, 305f./Y. I. 8. 10. 1925

Wir dürfen unter dem Deckmantel der Gewaltfrei­heit keine gewalttätige Gesinnung hegen … Wir haben uns zur Gewaltfreiteit untereinander und gegenüber unseren Widersachern verpflichtet … Wir wollten an ihre Herzen appellieren und das Beste in ihnen wecken, nicht hingegen ihre Furcht ausnützen, um unser Ziel zu erreichen. CWMG XXIII, 341/Y.I. 3.4.1924

Ehe jemand dazu geeignet ist, zivilen Ungehorsam zu leisten, muss er den Gesetzen des Staates willig und achtungsvoll gehorcht haben … Nur dann erwächst ihm die Berechtigung, gewissen Gesetzen unter genau bestimmten Umständen zivilen Ungehorsam zu leisten … Ich hatte das Volk aufgerufen, zivilen Ungehorsam zu leisten, bevor es sich solchermassen dazu qualifiziert hatte, und dieser Missgriff erschien mir himalayagross. CWMG XXXIX, 374/Aut.

Wenn die Gesellschaft nicht durch unsinnige Kriege von Nationen gegen Nationen und noch unsinnigere Kriege gegen ihre moralischen Grundlagen zerstört werden soll, wir die Frau ihre Rolle nicht nach Männerart spielen müssen, wie es manche zu tun versuchen, sondern nach Frauenart … Möge es ihr Vorrecht sein, den irrenden Mann von seinem Irrtum abzubringen, der in seinen Untergang auch den der Frau hineinziehen wird. CWMG LXIV, 30/H. 14.11.1936

8.2 Regeln für den gewaltfreien Widerstand

Die für den Erfolg von Satyagraha notwendigen Bedingungen sind: (1) Der Satyagrahi sollte keinerlei Hass gegen seinen Widersacher empfinden. (2) Das, worum es geht, muss wahr (gerecht) und wichtig sein. (3) Der Satyagrahi muss darauf vorbereitet sein, bis zum Ende für sein Anliegen zu leiden. SWMG VI, 186/H. 31.3.1946



Zitiert

wurde, soweit möglich, nach „The Collected Works of Mahatma Gandhi“ (CWMG), New Delhi/Ahmedabad 1958ff. (diese Gesamtausgabe ist noch nicht vollständig veröffentlicht) sonst nach „The Selected Works of Mahatma Gandhi“ (SWMG), Vol. I‑VI, Ahmedabad: Navajivan 1968; weitere Abkürzungen in den Zitaten: Aut. = Autobiographie, H. = Ha­rijan, I. O. = Indian Opinion, N. I. = New India, Y. I. = Young India.

Dieser Text erschien erstmals 1984. Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Was können wir angesichts der Ökokrise von Gandhi lernen? In: Erwachsenenbildung, 30. Jg., Heft 1, 1984, S.19-24

Peter Kern / Hans-Georg Wittig



[1] Carl Friedrich von Weizsäcker, Wahrnehmung der Neuzeit, München/Wien 1983, S. 121.


[2] Carl Friedrich von Weizsäcker, Der bedrohte Friede, Mün­chen/Wien 1981, S. 189.


[3] Carl Friedrich von Weizsäcker, Fragen zur Weltpolitik, Mün­chen 1975, S. 48f.


[4] Vgl. Hans-Georg Wittig, Wiedergeburt als radikaler Gesin­nungswandel. Über den Zusammenhang von Theologie, An­thropologie und Pädagogik bei Rousseau, Kant und Pestalozzi Heidelberg 1970.


[5] Vgl. Botkin, J. W./ Elmandjra, M./ Malitza, M., Das menschli­che Dilemma, Wien 1979; dazu: Peter Kern/ Hans‑Georg Wittig, Der „Lernbericht“ des Club of Rome, in: Zeitschrift für Päd­agogik, 1981, S. 127‑138.


[6] Ansätze dazu sind dokumentiert in: psychosozial 19, Reinbek b. Hamburg, September 1983 (Bürgerlicher Ungehorsam ‑ Lernen und Handeln für den Frieden); vgl. dort: Arbeitskreis für Frie­denspolitik und Friedenspädagogik Freiburg, S. 81 ff.; u. a. Peter Kern, Lernschwellen auf dem Weg zum Engagement für einen gerechten Frieden, S. 95‑110; Wolfgang Sternstein, Gewalt und Gewaltlosigkeit, S. 126‑146.


[7] Vgl. die falschen und inhumanen Angriffe auf den Friedensfor­scher Wolfgang Sternstein u. a. von Günter Saathoff/Stephan Uebelacker, Zwischen Gegnerschaft und Kumpanei, in: gras­wurzelrevolution, Nr. 78, 1983, S. 19‑23 und S. 37.


[8] Vgl. Peter Kern/ Hans-Georg Wittig, Pädagogik im Atomzeital­ter. Wege zu innovativem Lernen angesichts der Ökokrise, Freiburg i. Br. 1982; ferner: Peter Kern/ Hans-Georg Wittig, Der sokratische Weg aus der Gefahr, in: Detlef Horster/ Dieter Krohn (Hrsg.), Vernunft, Ethik, Politik. Gustav Heckmann zum 85. Geburtstag, Hannover 1983, S. 133‑140.


[9] Vgl. Peter Kern: Politische Pädagogik – Pädagogische Politik. Herausgegeben von der Niedersächsischen Landeszentrale für Politische Bildung, Hannover 1973




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