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Pestalozzi-Werk seiner selbst

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Der Mensch als „Werk seiner selbst“

Eine Studie zur Anthropologie Johann Heinrich Pestalozzis


1. Die anthropologischen Grundbegriffe Pestalozzis: der Mensch als „Werk der Natur“, als „Werk der Gesellschaft“ und als „Werk seiner selbst“ 2. Die Selbstverwandlung des Menschen a) durch die Erkenntnis, b) durch die sittliche Entschliessung. 3. Vorblick auf Pestalozzis Begriff der Religion. 4. Einige ergänzende Hinweise.

Der Mensch erfährt sich - vor allem seit dem Ende der Goethezeit - in einem Prozess der Selbstentfremdung. Er lebt - ohne Liebe - in einer Welt, die ihm unheimlich ist; er lebt ein fragwürdiges Dasein, das ihm selbst nicht selten sinnlos erscheint, nichtig, ohne wirklich beseligenden geistigen Gehalt, ohne Freude, ohne Heiterkeit und Hoffnung, eingebunden in hundert und hundert Zwänge und Notwendigkeiten der alltäglichen Existenz.

Die Frage, die uns alle betrifft, ist: ob dieser geschichtliche Prozess der Selbstentfremdung des Menschen unabwendbar sei oder ob es eine Möglichkeit gibt, der gänzlichen Öde zu entgehen, die Möglichkeit, ein „Mensch“ zu sein - auch inmitten der so verunstalteten Lebens- und Weltwirklichkeit. In Bezug auf diese Frage werde ich die anthropologische Formel Pestalozzis, der Mensch sei in seiner eigentlichen Wirklichkeit „Werk seiner selbst“ aufzuhellen versuchen. (Grundlage meines skizzierten Hinweises ist das anthropologische Hauptwerk Pestalozzis „Meine Nachforschungen über den Gang der Entwicklung des Menschengeschlechts“,WXII,1-166.) Dieser auch für die pädagogische Gedankenbildung Pestalozzis zentral bedeutsame Text blieb seltsam unerschlossen und unwirksam.


1. Vielleicht beginnt man gegenwärtig am besten mit der Erörterung eines Einwandes. Ist es nicht absurd, vom Menschen als dem „Werk seiner selbst“ zu sprechen in einer Zeit, die täglich jedem zeigt, wie abhängig der Mensch ist, wie gerade nicht in seine eigene Verfügung gegeben, also nicht „Werk seiner selbst“. Der Mensch sei, so wird in vielfältiger Variation betont, das Produkt, vielleicht das Opfer verschiedenartigster Einwirkungen im Beziehungsgewebe seines Daseins. Hat es da Sinn, den Menschen als das „Werk seiner selbst“ aufzufassen? Wird nicht, wenn es doch geschieht, vielleicht eine neue gefährliche „Illusion“ gestiftet?

Pestalozzi kennt die mannigfaltigen Einwirkungen, denen wir im Aufbau unserer Existenz ausgesetzt sind, - Einwirkungen, die den einzelnen Menschen von aussen, von der jeweiligen individuellen Lebenssituation her treffen, und solche, die in der unterschiedlichen „Natur“ des Menschen begründet sind. Um zunächst an einige der zuerst genannten zu erinnern: es sind das Einwirkungen z.B. der in ihrem Gehalt und in ihren Bauformen tief unterschiedlichen Sprachen, die wir aneignen und in denen wir uns geistig orientieren, Einwirkungen der unterschiedlichen Gesittung und Erziehung, des unterschiedlichen Standes und Berufes, der unterschiedlichen Individualbeziehungen zu einzelnen Menschen; es sind Einwirkungen der unterschiedlichen ökonomischen Situationen, die auch in den Zeiten Pestalozzis, als französische Revolutionsarmeen mit dem ancien régime in Europa kämpften, oft und rasch wechselten; Einwirkungen der politischen Institutionen, die nicht selten den Einzelnen ergreifen, ohne ihn gefragt zu haben u.a.m. Pestalozzi fasst diese Einwirkungen von der jeweiligen kulturellen, sozialen, politischen Mitwelt her im Hinblick auf ihr Resultat zusammen: sie erwirken - positiv und auch negativ - den Menschen als „Werk der Gesellschaft“.

Pestalozzi sieht zudem und wieder tiefgreifend realistisch, dass der „Mensch“ zeitlebens den Einwirkungen seiner „sinnlichen“ oder „Tiernatur“ ausgesetzt ist, dass diese „Natur“ jeweils unterschiedlich ausgestattet ist. Pestalozzi weiss um die einzelnen Zentren im Antriebsgefüge dieser „Tiernatur“ und um die in verschiedenen Menschen unterschiedliche Antriebsenergie dieser Natur; er weiss sowohl um ihre Dämonien, als auch um die in ihr angelegte unterschiedliche „Begabung“, Instrument des Geistigen zu sein u.a.m. All das fasst Pestalozzi wieder zusammen in einem Begriff: der „Mensch“ ist immer auch an seine „Natur“ gebunden, er ist in der untersten elementarsten Schicht seines gesamten Wesens ein „Werk der Natur“.

So ergibt sich anthropologisch für Pestalozzi der Gedanke, den Menschen als ein eigentümlich geschichtetes Wesen zu interpretieren: die unterste naturhafte Grundlage ist die „Tiernatur“ des Menschen. Darüber bildet sich im Gewebe der mannigfaltigen Lebensbeziehungen der Mensch als „Werk der Gesellschaft“, der letztlich noch bestimmt bleibt von den Antrieben der „Tiernatur“ (gröblich formuliert: der „Selbstsucht“ und der „Angst“). Erst darüber erhebt sich dann der Mensch selbst zur eigentlichen Wirklichkeit seiner selbst; erst in dieser dritten Schicht ist er ein „ Werk seiner selbst“.


2. Der Lebensprozess ist in den drei anthropologisch unterschiedenen Stufen ein je eigentümlicher; im Vergleich lässt sich das Besondere des Lebens der obersten Stufe abheben. Das Leben der „Tiernatur“ vollzieht sich ohne Bewusstsein, ohne Abspaltung eines geistigen „Ich“ von einem ihm jeweils gegenüber befindlichen „Nicht-Ich“; die „Tiernatur“ ist eingewoben in bestimmte Lebensbeziehungen; auf bestimmte Reize reagiert sie in jeweils bestimmter Weise mit einer bestimmten Art von Notwendigkeit. Der „Mensch“ als Werk dieser „Natur" ist geistig „unfrei“, jedem Impuls seiner „Tiernatur“ preisgegeben. (Pestalozzi unterschied eine „unverdorbene“ von einer „verdorbenen“ Natur. Ich lasse diese sachlich durchaus bedeutsame Unterscheidung in dieser Studie ausser Betracht. Der Grundgedanke Pestalozzis ist: Erst in den Erfahrungen des Mangels, der Not, des Schmerzes, der Gefährdung ergibt sich eine strukturelle Wandlung des Antriebs der ursprünglich „unverdorbenen Tiernatur“, den Pestalozzi als „Wohlwollen“ bezeichnet, zur „Selbstsucht“, der Motivation der „verdorbenen Natur“.) „Gelüste verheeren das Herz des Menschen, und er stirbt unterfressen vom Wust der Erden, die seine Verführerin ist“. Würde er auf dieser Stufe überhaupt reflektieren und in Bildern oder Gedanken selbst zum Thema seiner Betrachtungen werden, ergäbe sich ein Perspektivismus der „Lust“. „Als Werk der Natur fühle ich mich in der Welt frei, zu tun, was mich gelüstet“ (WXII,541).

Als „Werk der Gesellschaft“ erfährt der Mensch im Medium des Wissens seine erste geistige Befreiung. Er findet sich nun einer gegenständlichen Welt gegenüber, und er hat im Beziehungsgewebe seiner individuellen Lebenssituation der Ordnung der „Gesellschaft“ zu entsprechen. „Als Werk meines Geschlechts fühle ich mich in der Welt als durch Verhältnisse und Verträge gebunden, zu tun und zu leiden, was diese Verhältnisse mir zur Pflicht machen“ (WXII,541). Das Leben des Menschen auf dieser Stufe wird durch „geistige“ Funktionen ermöglicht: er kann alles Gegenständliche anschauen, in der Anschauung geistig erfassen; er kann früher Angeschautes in der Vorstellung reproduzieren, vergegenwärtigen, den Sinn der Zeit erfassen; er kann Sprache verstehen und selbst sprechen; er kann abstrahieren, Begriffe bilden, urteilen usf.; er kann reflektieren, sich selbst zum Gegenstand seiner Betrachtung machen; er kann Möglichkeiten seines Tuns und Verhaltens entwerfen und unterschiedliche Entwürfe werten; er kann Entschlüsse fassen und realisieren, sich „willkürlich“ verhalten; er kann meditierend sich seinen eigenen Erfahrungen des Lebens zuwenden, sie zu durchschauen, ihren Ertrag anzueignen usf. Doch bleibt der Mensch dieser Stufe in einer für sie noch charakteristischen „Unfreiheit“ : der Mensch als „Werk der Gesellschaft“ bleibt - auch wo er „gesellschaftliches Recht“ erstrebt und sich selbst diesem Recht unterstellt - in der Motivation seiner Entschliessungen den Antrieben der „Tiernatur“ verhaftet, der „Selbstsucht“ und der „Angst“. Die geistigen Funktionen bleiben auf dieser Stufe dienstbare Funktionen.

Der letzte Satz bedarf einer Korrektur. Ausserhalb der Ernst-Situationen des Lebens, in denen es zu handeln gilt, vermag auch der Mensch als „Werk der Gesellschaft“ Entwürfe zu bilden, die „geistig“ und nicht mehr „selbstsüchtig“ motiviert sind, - aber er treibt auf dieser Stufe mit solchen Entwürfen lediglich ein unverbindliches Spiel; er nimmt sie nicht hinein in den Ernst der konkreten Entschliessung. Es ist also im Sinne Pestalozzis durchaus möglich, dass der Mensch als „Werk der Gesellschaft“ bereits erfasst, was er als „Mensch“ eigentlich tun sollte. Der Anspruch des unbedingten Geistes, des „Gewissens“ kann („kann“) auf dieser Stufe schon vernommen werden.

Das Wesentliche der nächsthöheren Stufe ist die weitere Befreiung des Geistigen im Menschen. Der Mensch wagt es nun im Ernst seiner Entschliessungen und seines Tuns, von den Motiven seiner „Tiernatur“ sich zu lösen. (Vgl. die Sätze: „Er hat eine Kraft, getrennt vom Instinkt, Überlegung und Gedanken in sich selbst wollen zu lassen, auch gegen den Instinkt“. „Die ganze Macht seiner ganzen tierischen Natur sträubt sich gegen diesen ihr so schrecklichen Schritt. Aber er setzt die Kraft seines Willens der Macht seiner Natur entgegen“,WXII,39). Dieses Wagnis trennt die zweite und dritte Stufe. Erst in der Selbstverwandlung zur dritten Stufe hin nimmt es der Mensch auf sich, den in einer „reinen Gemütsstimmung" gebildeten Entwurf zum Entschluss zu fixieren; erst in diesem Akt seiner Entschlussbildung wird er im Sinne Pestalozzis „frei“. Diesen Akt müsse der Mensch selbst durchsetzen, niemand könne ihm diesen Entschluss abnehmen, in diesem Entschluss werde er das „Werk seiner selbst“.

Bleibt der Mensch in Entwürfen geistig-motivierten Tuns stecken, wagt er es nicht, diese Entwürfe zu realisieren, so wird ihm darin selbst sichtbar, dass er noch „unfrei“ ist; er spielt in unverbindlicher Weise mit den Ansprüchen des Geistes, er identifiziert sich selbst nicht mit ihnen, er eignet sie nicht an in dem Sinne, dass sie zum Kern seiner eigenen Person werden, aus dem heraus er entscheidet und handelt. Im Akt echter „Selbstüberwindung“ löst sich das Geistige aus der Dienstbarkeit den naturhaften Beweggründen gegenüber, es gelangt nun zu einer Zentrierung in ihm selbst und beginnt als „unbedingte“ Instanz die „Natur“ eigenen Imperativen zu unterstellen. Pestalozzi hat unmissverständlich ausgesprochen, was in diesem Akt echter „Selbstüberwindung“ steckt: „frei“ werde der Mensch nur, wenn er im Ernst das wagt, was der „Selbsterhaltungstrieb“ nicht zugeben kann; wenn er nicht steckenbleibt in einer Spaltung seiner selbst, den Anspruch des Gewissens zwar zu vernehmen, ihn aber nicht anzueignen und zu verwirklichen.

Die Lebensstimmung, in der der Mensch als „Werk seiner selbst“ sich selbst erfährt, ist die „Liebe“. In der „Liebe“ erlischt - zumindest augenblicksweise - die Sorge um das je eigene eingeschränkte, vielleicht gefährdete Dasein; in der „Liebe“ existiert der Mensch aus geistiger Motivation; in der „Liebe“ realisiert er, was die „Pflicht“ nur erst fordert. Diese „Liebe“, die der lutherische Christ auslegt als eine Wirkung des Glaubens, bezeichnet Pestalozzi als ein Werk des Menschen selbst, eines Menschen, der „Werk seiner selbst“ ist.


3. Pestalozzi fasst die „religiöse“ Beziehung des Menschen nicht im Sinne des lutherischen oder Heidelberger Katechismus auf. Bei ihm heisst es nicht, dass der Mensch vor Gott gerechtfertigt werde, allein durch den Glauben, sola fide, sondern 1816, in seinem siebzigsten Lebensjahr, formuliert er den charakteristischen Satz, der Mensch werde vor Gott durch Selbstüberwindung gerechtfertigt: als „Werk seiner selbst“ (WXXIVB,49). Auch „fleusset“ ihm nicht die „Liebe“ aus dem „Glauben“ , wie Luther 1520 schrieb, sondern die „Liebe“ erscheint ihm ursprünglicher als der „Glaube“; sie ist ihm, wie er schon 1780 in der „Abendstunde“ schreibt, die „Quelle des Glaubens“ (WI,274). Schaue der Mensch in der Erfahrung der „Liebe“ in sich selbst hinein, so schaue er einen „Funken“ göttlichen Lichts. (Entsprechend heisst es: „Gottes Erleuchtung ist Liebe“, WI,281. Und ein Menschenalter später, 1809, schreibt Pestalozzi von der Liebe: „Sie allein ist dieser ewige Ausfluss der Gottheit“, XXI,228.) In der „Liebe“, die der Mensch als Werk seiner selbst im Akt echter Selbstüberwindung erfahre, sei dem Menschen die „näheste Beziehung“ zu Gott erschlossen - im „Innersten“ seiner selbst. In der „Liebe“ erfahre der Mensch unmittelbar die religiöse Tiefe seines Wesens. (Vgl. die 1821 in die zweite Auflage der „Nachforschungen“ eingefügte Formulierung Pestalozzis: „Als Werk meiner selbst fühle ich mich unabhängig von der Selbstsucht meiner tierischen Natur und meiner gesellschaftlichen Verhältnisse; gleich berechtigt und gleich verpflichtet, zu tun, was mich heiligt und meine Umgebungen segnet“, WXII,541.) In der „Liebe“ werde der Mensch „Kind Gottes“; den Sinn dieser Kindschaft müsse der Mensch sich selbst erschliessen als „Werk seiner selbst“. Deshalb ist ihm in seiner Sehweise das Christentum - auf der höchsten Stufe der Religiosität - „ganz“ eine Sache der „Sittlichkeit“ (WXII,157). Von diesem Verständnis der „Liebe“ ist Pestalozzis Deutung der Gestalt Jesu Christi bestimmt.

Als „Werk der Natur“ und als „Werk der Gesellschaft“ erschöpft sich der Mensch in metaphysischer Blindheit; erst als „Werk seiner selbst“ in der Grunderfahrung der „Liebe“ wird er sehend; er gewahrt den „Funken“ göttlichen Lichtes; das Leben wird ihm hintergründig, transparent für die Wahrheit und Wirklichkeit Gottes.


4. Abschliessend noch einige kurze Hinweise, die das Gesagte in mancherlei Hinsicht ergänzen mögen. Pestalozzi sieht den Prozess des Menschenlebens als einen Prozess zwischen Schuld und Selbsterneuerung. Der Mensch erhebt sich nicht nur einmal und dann für immer zum „Werk seiner selbst“, sondern er fällt zurück, wird schuldig, verfehlt seine eigentlichen sittlichen Möglichkeiten, verliert die „näheste Beziehung“ zur Transzendenz - und muss sich durch Entwurf und Entschluss immer wieder selbst erneuern zum „Werk seiner selbst“. Der Mensch ist so das „verwirrte verdorbene Mittelding“ (WXII,127). (Pestalozzi interpretiert diese Formulierung: Wir seien ein „Geschlecht, das ebenso unvermögend ist, in der Unschuld seiner tierischen Natur sich zu beruhigen, als in vollendeter sittlicher Reinheit auf Erden zu leben“, WXII,111.)

Der Gedanke Pestalozzis, der Mensch sei in seiner eigentlichen Wirklichkeit „Werk seiner selbst“, lässt sich nicht als eine „Illusion“ abtun. Nicht zuletzt ist Pestalozzis Leben selbst eine Wirklichkeit, die diesen Gedanken trägt.

Auch in pädagogischer Hinsicht erliegt Pestalozzi nicht einer „Illusion“. Er weiss - und dieses Wissen ist ein Ertrag seiner Lebenserfahrungen -, dass der Mensch nicht einfach „gut“ sein kann, dass er den Anspruch des Geistigen nicht ohne weiteres realisieren kann, dass er einen mühe- und wagnisreichen Weg, einen Weg der „Übung“ in der Kunst der „Selbstüberwindung“ gehen müsse, bis es ihm gelingt, aus dem „reinen Beweggrund“ der „Liebe“ zu leben. Er weiss zudem, dass „Wahrheit und Liebe, wo sie rein gegeben werden, das Menschenherz ergreifen“ (WXXI,5). Er bildet aus diesem Wissen einen pädagogischen Entwurf, den er in einer vom Krieg verunstalteten Wirklichkeit erprobt, und der sich in eben dieser Wirklichkeit - wie Pestalozzi in seinem Stanser Brief beschreibt (vgl.WXIII,1-32) - bewährt.

Pestalozzi durchschaute die innere Beziehung zwischen der „individuellen“ und der „kollektiven“ Existenz. In dem Masse, in dem der Mensch als je Einzelner, als  „individuelle Existenz“, verfällt, in dem er den „unbedingten“ Anspruch des Gewissens, die „Stimme Gottes“ in der „nähesten Beziehung“ vernachlässigt, in eben diesem Masse werden die Ansprüche der „kollektiven Existenz“ (des Staates, der Wirtschaft, der technischen Zivilisation) vordringlich und mächtig. Der Mensch erschöpft sich in metaphysischer Blindheit als blosses „Werk der Gesellschaft“; und als solches wird er von der „kollektiven Existenz“ „gewissenlos“ verbraucht. Sollen in umgekehrter Richtung die vielleicht masslos gewordenen Ansprüche der „kollektiven Existenz“ eingeschränkt werden, so ist das echt nur möglich, wenn der Mensch wieder Ernst macht mit sich selbst als „individueller Existenz“, wenn er als Einzelner sich erhebt zum „Werk seiner selbst“.


Hans Wittig

Hans Wittig: Der Mensch als Werk seiner selbst, in: Unsere Schule, Jg.VI, 1951, S. 266-271. Für das „haus-des-verstehens“ eingerichtet von Peter Kern.


 


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