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Bildungswahn? - Ausbildungswahn!

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Bildungswahn? – Ausbildungswahn!

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG titelte am 13.11.2011: „Bildungswahn“.  Bettina Weiguny stellt fest: „Eltern investieren so viel Geld wie nie in ihre Kinder. Und glauben doch nicht, dass sie es schaffen. Irgendetwas ist hier krank.“

Was ist passiert?

Sie sind im Stress, Eltern wie Kinder, Lehrerinnen und Lehrer sowieso. Sie alle sind im Bildungsstress. Ohne schulische Karriere keine Zukunft, ohne Abitur kein lebenswertes Leben. Seit dem von der OECD verordneten PISA-Schock im Jahre 2000 glaubt die Öffentlichkeit zu wissen, dass das deutsche Bildungssystem nichts taugt. Von diesem Glauben profitieren unzählige Bildungsgremien, Bildungsanbieter, Bildungsmessen, Bildungsforscher und Bildungspolitiker. Sie alle produzieren eilfertig Bildungsprofiteure, vor allem aber Bildungsopfer.

Die alte Volksschule ist längst Vergangenheit. Als Hauptschule ist sie verkommen zur allseits verpönten Restschule. In ihr verwahrlosen die Loser unseres Bildungssystems, also all die Leistungsverweigerer aus bildungsfernen Unterschichten, allen voran die integrationsresistenten Migrantenkinder. So lauten jedenfalls die veröffentlichten undifferenzierten Urteile. Für jeden bildungswilligen Vater, für jede bildungswillige Mutter sind folglich diese als stumpfsinnig und aggressiv abgestempelten Bewohner unserer Problemschulen ein Graus. „Um Himmels willen, dort darf mein Kind nicht hängenbleiben!“

Insbesondere die Mittelschichteneltern zittern und bangen. Kaum sind sie selbst aufgestiegen, schon droht ihren eigenen Kindern der Verlust des mühsam errungenen sozialen Platzes in der Mitte der Gesellschaft. Man hofft, ihn durch Bildung sichern zu können. Und schon bricht eine nie dagewesene Bildungshysterie aus, die sich zur Bildungspanik aufschaukelt. Alles wird getan, um den eigenen Nachwuchs fit zu machen für die erbarmungslosen Kämpfe in den ökonomischen Marktarenen.

Mit der Zeugung beginnt das Training. Neun Monate subtilster Menschenoptimierung im Mutterleib stehen auf dem Vorlaufprogramm. Mit der Geburt startet der stressgesteuerte Hauptkurs. Nichts wird ausgelassen, was die neuronalen Verschaltungen der Synapsen im Gehirn beschleunigen und intensivieren könnte. Optische, akustische, taktile und olfaktorische Anreize, kräftig dosiert, sollen den künftigen Nobelpreisträger hervorlocken, und wenn schon nicht den, dann wenigstens den wettbewerbsgestählten Musterschüler mit Prädikatsexamina.

Der PEKiP-Kurs für Säuglinge kann nicht teuer genug sein. Und so geht es weiter. Man investiert hoffnungsvoll in eine nicht enden wollende Reihe von Trainingslagern: Malkurse, Musikkurse, Theaterkurse, Ballettkurse, Yogakurse. Selbstverständlich gehört auch Vorschul-Englisch zu den heute notwendigen Bildungsexerzitien.

Auf dem Kinderterminkalender sieht dich kein freier Tag mehr an. Ein spontanes Leben gibt es nicht. Alles ist hoch rational durchorganisiert. Zubringerdienste und Abholfahrten sind fein aufeinander abgestimmt. Jede Stunde ein Bildungserlebnis.

Die Vermittlungsleistungen der Kindertrainer werden von den Eltern mit Argusaugen skeptisch begleitet. Der Kindergärtnerin wird auf die Finger geklopft, wenn sie das ihr von beflissenen Erziehungswissenschaftlern aufgezwungene Curriculum nicht just in time erfüllt. Und die Grundschullehrerin wird gnadenlos in Haftung genommen, wenn das Rüstzeug fürs Gymnasium nicht stimmt. Vorsorglich rufen die hysterisch besorgten Eltern an – möglichst ganz weit oben, also nicht bei der Rektorin, nicht im Schulamt, sondern gleich im Ministerium, um sich zu beschweren, wenn im Quervergleich die Parallelklasse eine Unterrichtslektion weiter ist. So etwas gefährdet ja schliesslich die Bildungschancen der eigenen Sprösslinge im elaborierten System der schulischen Dressuren.

Also wird Druck aufgebaut. Druck muss sein. Das kennen die zum Abteilungsleiter oder zur Sekretärin aufgestiegenen Eltern aus ihrem Berufsleben. Wer sich nicht im vorauseilenden Gehorsam selbst ausbeutet, hat keine Chance in den global operierenden Unternehmen, in denen sie, noch, arbeiten dürfen.

Der eigene Nachwuchs kann also nicht früh genug eingeführt werden in den Irrsinn dieser beruflichen Arbeitswelt. Der erhofften Karriere wegen raubt man rigoros den Kindern die Kindheit, der Jugend die Jugendzeit. Man dressiert sie, drillt sie, richtet sie ab zum aufstiegswilligen Objekt marktkonformer und darin lebensfeindlicher Funktionalität. Die Eltern nehmen alle Mühen auf sich. Sie fordern und fördern, bis sie sich und die jungen Menschen überfordern.

Die privaten Bildungsinvestitionen strapazieren das Familienbudget. Macht nichts. Das muss sein. Der regelmässige Nachhilfeunterricht ist längst Standard, ebenso die hervorragenden Praktika und die Sprachkurse in exklusiven ausländischen Schulen.

Trotz all dieser Bildungsanstrengungen bleibt bei Eltern und Kindern die tief sitzende Furcht, immer noch nicht alles für die Bildungskarriere getan zu haben. „Hat die Mitschülerin, hat der Mitschüler neben mir nicht eine Qualifikation mehr als ich? Habe ich damit nicht den Bildungswettlauf schon verloren?“

Längst sind aus Mitschülern Konkurrenten geworden, die sich belauern, die sich listenreich bekämpfen.

Das Ganze ist ein einziger Bildungswahn.

Der Friede ungezählter Familien hängt an den Schulnoten der Kinder. Eine Note rauf, und alles jubelt, eine Note runter, und der Familiensegen hängt schief. Die gute Stimmung ist dahin. Wie Mehltau liegt dann der Bildungsdruck auf allen Akteuren.

Hat das alles noch mit „Bildung“ zu tun? Nein!

Bei diesem Leistungsgezerre geht es nicht um Bildung, bestenfalls um Ausbildung. Es geht in Wahrheit um eine sich pausenlos beschleunigende Optimierung des Wissens und um eine damit einhergehende Perfektionierung von Können. Solches Wissen und Können bleibt jedoch im Blick auf die damit zu erreichenden Ziele höchst ambivalent.

Man fragt nicht, ob diese Ausbildung uns Menschen noch bekommt. Inwiefern ist diese Ausbildung überhaupt  ein Schlüssel mensch­licher Zukunft?  Man weiss nicht mehr, dass der Mangel an Bildung , die mehr und anderes ist als Ausbildung, ein Auslöser für verhängnis­volle Prozesse menschlich‑geschichtlicher Selbstgefährdung und Selbstzerstörung ist.

Wirklich gebildete Eltern lassen sich und ihre Kinder nicht panisch in den heute um sich greifenden Bildungswahn hineinziehen. Sie haben diesen so genannten Bildungs-Wahn als hoch fragwürdigen Ausbildungs-Wahn durchschaut. Sie leisten Widerstand im Namen der Humanität, indem sie sich dem öffentlich verordneten Ausbildungswettlauf verweigern.

Was haben sie denn erreicht, die Opfer des Ausbildungswahns? Wenn alles gut ging, haben sie ein Abi-light in der Tasche. Das reicht nicht weit. Die Spitzenpositionen werden nach wie vor von den Söhnen und Töchtern der Oberschicht besetzt. Die wenigen Ausnahmen machen die Masse der Ausbildungswütigen blind dafür, dass sie nicht zur geschlossenen Gesellschaft der Privilegierten gehören, weder zum Geburtsadel noch zur  Schicht des Finanzadels und schon gar nicht zur Clique der internationalen Machtelite der Super-Klasse. In diesen Kreisen spielt die Musik, nicht in den ausbildungsbeflissenen Mittelschichtfamilien.

Liebe Mittelschichteltern, schon euch hat man gut ausgebildet, so gut, dass ihr im werksinternen Quality-Circle, den man euch als Mitbestimmung verkaufte, unter dem Diktat von Effizienzoptimierung naiv eure eigenen Arbeitsplätze wegrationalisiert habt. Die sind nun für euren Nachwuchs futsch. Und ohne euren bedingungslosen Arbeitseifer hätten die neoliberalen Taktgeber aus der Oberschicht ihre menschenverachtenden Theorien gar nicht umsetzen können.

Den Ertrag eurer unbedachten Hilfsdienste gegen die Humanität könnt ihr jetzt täglich besichtigen: Es sind eure Kinder, die heute auf die Strasse gehen und protestieren, in Athen und Rom, in Madrid, in New York und Boston. Und ein bisschen auch schon in Frankfurt am Main. Immerhin.

Nehmen wir also zur Kenntnis: Ausbildung ohne Bildung als Programm gegen Lebensrisiken taugt nichts. Ausbildung ohne Bildung stellt das herrschende System nicht infrage. Wie auch. Schliesslich hat man nicht gelernt, die zwei wirklich wichtigen Fragen zu stellen: Welche Bildung brauchen wir, um die Würde jedes einzelnen Menschen zu ermöglichen? Und: Welche Bildung brauchen wir, um das Überleben der Menschengattung und der diese tragenden Natur zu gewährleisten? Wir leben nicht im Bildungswahn. Wie leben im Ausbildungswahn. Der Ausbildungswahn zieht uns nach unten. Ihm fehlt ein vom Subjekt ausgehender Bildungshunger, der sich auch von Nicht-Verwertbarem bezirzen und verzaubern lässt. Dem Ausbildungswahn fehlt die Liebe zum Leben, die jeder Ausbildung erst eine vernünftige Richtung weisen kann. Wer im Ausbildungswahn lebt, dem ist die Topographie seiner Existenz durcheinandergeraten. Er ist krank. Und als dieser Kranke ist er sehr gefährlich.

vgl. auch: Ach, die Bildung!

Für Eltern hilfreich u.a. Michael Winterhoff. In Zusammenarbeit mit Carsten Tergast: Lasst Kinder wieder Kinder sein! Oder: Rückkehr zur Intuition. Gütersloh 2011

Peter Kern






 


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Nur im Orgasmus erleben wir die vollkommene Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung.