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Was hat uns der Philosoph Peter Sloterdijk zu sagen?

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Was hat uns der Philosoph Peter Sloterdijk zu sagen?

"Du mußt dein Leben ändern."

Vortrag[1] vor dem Efficiency-Club Bern am 23.November 2011

 

Sich über Peter Sloterdijk zu äussern, kann zum Abenteuer werden. Wenn man nicht aufpasst, landet man auf dem Schlachtfeld intellektueller Scharmützel, die letztlich belanglos sind und  etwas Peinliches und Würdeloses haben können.

Nachdem Sloterdijk 2009 in der FAZ -Reihe „Die Zukunft des Kapitalismus“ seine Gedanken zur Steuergerechtigkeit unter dem Titel „Revolution der gebenden Hand“ veröffentlicht hatte, antwortete ihm Axel Honneth in der Wochenzeitung DIE ZEIT unter der deutlich kritischen Überschrift „Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe“.[2]

Beide sind Professoren, Sloterdijk in Karlsruhe, Honneth in Frankfurt am Main.

Sachlich verständnisvoll gingen sie alsdann nicht miteinander um.

Johan Schloemann nannte den Vorgang in der Süddeutschen Zeitung  eine „alberne Debatte zwischen zwei Philosophen“.[3] In Wirklichkeit kam es gar nicht erst zu dem, was als Debatte zwischen zwei gestandenen Intellektuellen gelten könnte.

In seiner Antwort, unter der Überschrift „Ach, Professor!“ veröffentlicht, verweigerte Peter Sloterdijk den Dialog.

Das kann jeden nur einschüchtern, der es je noch wagt, Kritisches über ihn und sein Werk  zu sagen. Sloterdijk attestierte Honneth „mehr Dumpfheit“ als intellektuelle „Schärfe“. Er nannte in einem offenen Brief  seinen Grund der Dialogverweigerung. Honneth, dieser „aufgeregte  Philosophieprofessor“, sei „nicht fähig und nicht willens“, auch nur einen kurzen Aufsatz von zehn bis zwölf Seiten „nach den Regeln der Kunst zu rezipieren, ohne gröbste Verzerrungen vorzunehmen, ja, ohne die Grundaussage auf den Kopf zu stellen.“ Sloterdijk kategorisch: „Die Wahrheit ist doch, unser Professor“ – gemeint ist Kollege Honneth – „hat in Bezug auf meine Arbeit einen Lektüre-Rückstand von, freundlich geschätzt, sechstausend bis achttausend Seiten…“.[4]

Woher nehme ich nun den Mut, Ihnen etwas über Peter Sloterdijk und sein Werk zu sagen? Wie sieht es mit meinem Lektüre-Rückstand aus?

Rasch und atemlos und bewundernd las ich die beiden Suhrkamp-Bände, mit denen Sloterdijk sich 1983 in die öffentliche Kulturdebatte hineinkatapultierte: „Kritik der zynischen Vernunft“.  Mühevoller und langsamer war das Studium der drei voluminösen und inhaltsreichen Bände „Sphären“.  Sphären I: Blasen, 1998; Sphären II: Globen, 1999; Sphären III: Schäume, 2004. Im Jahr 2006 las ich dann den  politisch-psychologischen Traktat mit dem bedeutungsschwangeren Titel „Zorn und Zeit“. Sloterdijk kennt seinen Heidegger und dessen Hauptwerk „Sein und Zeit“[5]; der Buchertrag dieser Kenntnisnahme  ist die Sammlung von Aufsätzen und Reden unter dem Titel: „Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger“. Für mich als Heidegger-Leser eine imponierende Anregung.

Das macht auf meinem Haben-Konto etwa 4500 Seiten Lektüre. Darf ich mit meinen Überlegungen nun beginnen, ohne mir den Zorn und Spott des Grossmeisters aus Karlsruhe zuzuziehen? Nach seiner freundlichen Schätzung der Leseleistung des Kollegen Honneth fehlen mir  jetzt noch zwei- bis viertausend Seiten. Nun, ein paar bekomme ich noch zusammen, die Messlatte erreiche ich im Mittelfeld zwischen sechstausend und achttausend Seiten, um genau zu sein: Es sind knapp 7200 Druckseiten, die ich auf die Waagschale der quantitativen Zulassung als Sloterdijk-Interpret legen kann.[6]

Doch das wird mir herzlich wenig nützen, wenn der Urheber dieser gigantischen Denkflut sich durch beliebiges Quantifizieren von Lektüresolls der Kritik zu entziehen trachtet.

Vergegenwärtige ich mir die Sloterdijk-Rezeption, fällt mir auf, dass der Denkmeister aus Karlsruhe polarisiert. Für die einen ist er so etwas wie ein Guru, für die anderen schlicht ein Graus. Als ich einmal während eines Promotionsverfahrens den Namen Sloterdijk ins Spiel brachte, unterbrach mich der mit prüfende Philosophiekollege barsch mit dem Hinweis, wir seien an einer Hochschule, in der ernsthaft gedacht würde; ich möge doch das wissenschaftliche Niveau nicht unterschreiten. In der linksorientierten Zeitschrift „Das Argument“ glauben Jan Rehmann und Thomas Wagner sogar „Sloterdijks Weg vom Zynismus-Kritiker zum Herrschaftszyniker“ nachzeichnen zu können.[7]

Wer dagegen Peter Sloterdijk und sein Werk schätzt, ist entsetzt über solche Aussagen. Alles sei Sloterdijk, nur kein Zyniker, und vor allem sei er von höchstem akademischem Niveau!  Was immer heutzutage  akademisches Niveau auch sei; er ist zweifelsohne ein brillanter Kopf. Sloterdijk ragt heraus aus dem Meer der Vielen.

Ich gestehe, ich lese und studiere Sloterdijk mit Vergnügen. Seine Belesenheit, sein Einfallsreichtum, sein kreatives Kombinieren, seine kognitiven Volten in denkerisch oft so lausig lauen Zeiten regen mich an, fordern mich heraus, heischen  - meine - Zustimmung und treten – meinen - Widerspruch los.

Ich gestehe auch: Mich fasziniert seine Sprache, deren Bilderreichtum und die Fülle überraschender, ja verstörender Begriffsneuschöpfungen. Die Flut der Neologismen schafft einen eigenen Kosmos, eben den des Peter Sloterdijk.[8] Da werden „moderne Phrasendepots geleert“, da wird „Pädagogik als angewandte Mechanik und didaktische Himmelfahrt“ charakterisiert, da lebt man im „auto-operativ gekrümmten Raum“, man „betreibt Naturakrobatik auf dem Mount Improbable“ und versucht eine „gorgonische Aufklärung“. Welcher Intellektuelle heute findet schon solche Formulierungen?

Und ich lege ein drittes Geständnis ab: Ich kann diesen Denker nicht greifen, möglicherweise,  weil er mein Bedürfnis nach klaren und widerspruchsfreien Aussagen nicht zureichend  bedient. Gerade habe ich Passagen gelesen, in denen ich mich mit meiner Sorge um die Unterdrückten und Ausgebeuteten dieser Erde wiederfinde, in denen ich Sloterdijks Bemühen um eine zukunftsfähige Welt mit einer zu schonenden Natur artikuliert sehe, und dann lese ich Sätze, viele Sätze, die all dies an den Rand drängen.

Ist er zu verliebt in seine eigenen Formulierungen? Ich kann gut nachvollziehen, wenn einige, und Axel Honneth gehört dazu, in Peter Sloterdijk einen postmodernen Spieler sehen, der in der Öffentlichkeit wirksam den Zweifel am solidarischen Kampf gegen Ungerechtigkeit, Entfremdung und Naturzerstörung sät.

Peter Sloterdijk dürfte dieses Urteil, ein postmoderner Spieler zu sein, energisch bestreiten.

Wie aber kommt es zu solchen Missverständnissen? Weshalb wird er immer wieder falsch rezipiert?  Wie viel muss er nicht immer wieder zurechtrücken, nachdem er sich geäussert hat!  Ein Beispiel dafür ist die heftige und höchst kontrovers geführte Debatte um seine „Elmauer Rede“. Sie wurde unter dem Titel „Regeln für den Menschenpark“ gedruckt.[9] Darin sprach Sloterdijk gar von der „schamlosen Strategie der Falschleser“. Schamlos wäre diese Strategie nur dann, wenn man ihn bewusst falsch liest. Vielleicht lag es aber auch an ihm, dass man  dem angebotenen Gedanken nicht ohne Missverständnisse folgen konnte,  weil er aufgrund seiner aussergewöhnlichen sprachlichen Gestaltung  zu Fehlinterpretationen führte. Das wäre dann eher tragisch. Die Geistesgeschichte kennt solche Vorgänge. Die Rezeptionsgeschichte des Werkes von Martin Heidegger wäre ein Beispiel dafür.

Peter Sloterdijks faszinierende und glänzende Texte scheinen für manchen Leser nicht klar genug, nicht einfach genug formuliert zu sein, um nicht in das Messer der Missverständnisse zu laufen. Glaubt Sloterdijk wirklich, dass ein Kollege wie Axel Honneth zu dumm ist, ihn, den grossen Ausnahmedenker Sloterdijk, verstehen zu können? Das wäre grotesk. Honneth liest im Aufsatz „Die Revolution der gebenden Hand“, dass Peter Sloterdijk „zum fiskalischen Bürgerkrieg“ aufrufe. Sloterdijk behauptet empört, das habe er nirgends formuliert, erklärt den Kollegen für unfähig, einen Text nach den Regeln der hermeneutischen Kunst auffassen und interpretieren zu können und steckt den Abgebügelten ins Gruselkabinett der von ihm, Sloterdijk, „abgehängten Kollegen“, die mit ihren Beiträgen nur die „Zurschaustellung ihrer Stagnation und Frustration“ dokumentierten.[10]

Wer so mit seinen Kritikern umgeht, wird schwerlich einen Beitrag für eine befriedetere Welt leisten. Es wird nicht nur die Sache kritisiert, es wird auch die Person verletzt. Da ist zu viel Brillanz und, wie ich empfinde, - sit venia verbo, man verzeihe das Wort –  zu viel Hochmut im Spiel, dafür zu wenig Empathie, die ein Grundmerkmal humanen Umgangs ist. Ich höre, dass Peter Sloterdijk und seine Mitstreiter den Herzen Flügel verleihen möchten. Ein wunderschönes Vorhaben, dem man nur zustimmen kann. Allein, in der Auseinandersetzung mit Axel Honneth sehe ich keine Herzen fliegen, wohl aber höre ich etwas Knurrend-Beisswütiges, das blind auf Siegen aus ist. Wo aber Sieger triumphieren, rüsten die Verlierer schon zum Gegenangriff.

Warum müssen angesichts einer friedlosen Welt zwei kluge Professoren so aneinander geraten? Ich weigere mich, hier die Psychologie zu bemühen, doch wahrscheinlich wird man ohne sie keine überzeugende Antwort finden. Oder ist es gar nur PR-Getöse? Es soll Fälle geben, wo die Kombattanten ihren Streit absprachen, um die Medienmeute vor ihren Karren spannen zu können.  Wie auch immer. Wohl keine alberne, aber doch eine höchst überflüssige Auseinandersetzung. Schade.

Dagegen frage ich heute Abend hier vor Ihnen: Was hat uns der Philosoph Peter Sloterdijk zu sagen?

Für die Beantwortung dieser Frage habe ich mir aus dem vieltausendseitigen Werk das Buch „Du mußt dein Leben ändern“ von 2009 ausgesucht. Das allein zählt 723 Seiten.[11] Ich habe es nochmals gelesen, wohlwollend und konzentriert zugewandt, wie sich das für eine verantwortliche Texthermeneutik  gehört. Hinzugenommen habe ich noch ein Interview, das Julia Encke mit Peter Sloterdijk führte, und das  in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG abgedruckt wurde.[12] Ferner wurde mir Peter Sloterdijks Rede „Wie groß ist groß?" bedeutsam, ein Vortrag, den er im Dezember 2009 während der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen hielt.[13] Gelegentlich gibt es noch Rückbezüge auf die bereits erwähnte „Elmauer Rede“.

Nur in dieser selbst auferlegten Einschränkung gelten meine Aussagen. Damit hoffe ich,  dem umfangreichen Werk Peter Sloterdijks exemplarisch gerecht werden zu können.

Bereits durch die Lektüre dieser im Vergleich zum Gesamtwerk wenigen Seiten  kann man viel lernen -  wie man unkonventionell denkt, wie man mitreissend und faszinierend formuliert, wie man so provoziert, dass eigenständiges Erkennen, Denken und Entwerfen  als Zustimmung oder Widerspruch gefördert werden. Das ist heutzutage schon sehr viel. Dass Sloterdijk im öffentlichen Gebräu wiedergekauten Denkens mit eigenen Überlegungen aufwartet, macht die Lektüre zum Gewinn.

Das Netz, mit dem ich durch die Sloterdijk-Seiten auf kognitiven Fischzug gehen will, soll das einfangen, was mir in meiner Lebenssituation und für meinen Denkhorizont hilfreich erscheint.

Ich muss also mein Thema bescheidener formulieren: Was hat Peter Sloterdijk mir in den von mir ausgewählten Seiten zu sagen?

Sie werden jetzt vielleicht fragen, ist diese Interpretationsbasis nicht arg mager, ist meine Fragestellung nicht zu subjektiv und privat?  Ich meine, nein. Denn was mich bewegt, das bewegt auch viele andere, nicht zuletzt auch immer wieder Sloterdijk selbst. Es ist die Frage, wie sollen wir - normativ - leben, und wie können wir - eudämonistisch - leben angesichts der heutigen und der hochwahrscheinlich sich noch verschärfenden individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen? Davon handeln - zumindest auch – die von mir zugrunde gelegten Texte.

Wie gestalten wir eine wirklich zukunftsfähige Welt mit nachhaltig zukunftsfähigen Lebensstilen?  Wie kann ich persönlich zukunftsfähig werden? Peter Sloterdijks  Buch heisst  schliesslich:  „Du mußt dein Leben ändern“ und nicht „Du sollst das Leben ändern“. Er meint den Einzelnen, der übend zu sich selbst kommen soll, nicht aber ruft er diesen Einzelnen auf, das Leben schlechthin, das Leben der Anderen zu ändern.

Zustimmend  nehme ich zur Kenntnis, wenn Peter Sloterdijk urteilt, wir müssten unser Leben „entscheidend ändern, weil wir andernfalls an einem ökonomischen und ökologischen Selbstauslöschungsprogramm teilnehmen.“  Wer weiter daran arbeitet, die heutige „Verschwendungswirtschaft“ aufrecht zu erhalten, der ist immer noch nicht bereit, seinen weiterhin krankmachenden Lebensstil zu ändern.

Sloterdijk sieht die Menschheit sich teilen, in die, „die weitermachen wie bisher, und jene, die bereit sind, eine Wende zu vollziehen.“  Die noch zögern, sollten nach Sloterdijk bedenken: „Alles, was von jetzt an nicht hinreichend zukunftshellsichtig angelegt ist, wird eines Tages als Beitrag zu der Kollision mit dem finalen Eisberg wahrgenommen werden.“ Bereits 1987 hatte Josef Weizenbaum vor dem „Kurs auf den Eisberg“ gewarnt und „die Verantwortung des Einzelnen in der Diktatur der Technik“ angemahnt.[14]

Wer so denkt, den kann man nicht länger in die Vitrinen postmoderner Beliebigkeit stellen. Er hat ein Ziel, und zwar ein verbindliches und ein überlebensnotwendiges, pathetisch formuliert:  die „Rettung der Welt“, allerdings, bitte, keine „naive Form der Weltretterei“, wie Sloterdijk sogleich präzisierend anmerkt. Er steht, wie er über sich urteilt, „nicht in der Tradition der verrückten Weltverbesserer“. Doch wenn er sich positiv auf Hans Jonas und Carl Friedrich von Weizsäcker bezieht, die schon in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von „Warnkatastrophen“ gesprochen haben, dann folgt Sloterdijk dem unbedingt geltenden Imperativ „Leben soll sein!“[15] Wenn es ihm nicht um Weltverbesserung geht, so doch um Welterhaltung. Er wolle mit seinem Denken „Pragmatismus“ zeigen, den allerdings „mit einem Zusatz an prophetischer Unruhe“.

Peter Sloterdijk  ist, entgegen mancher Fremdwahrnehmung durch einige seiner Leser, nicht bereit, den Gefahren auszuweichen.  Im Interview mit Julia Encke sagt er, „dass viele Desaster, die sich heute ereignen, nicht nur ihren eigenen Unheilsgehalt haben, sondern auch Zeichenqualität für unsere Zukunft.“ Diese Zeichen will er lesen, sachlich entziffern und daraus Konsequenzen ziehen, u.a. die, dass wir „gefahrbewusster denken“ lernen. Hans Jonas diskutierte das schon 1979 unter der bekannt gewordenen Formel „Heuristik der Furcht“[16].

Sloterdijk sieht eine Art  „gorgonische Aufklärung“ auf uns zukommen. Diese müsse uns „zu der Entscheidung befähigen, ein Immunsystem aufzubauen, das uns eine gemeinsame Überlebensperspektive eröffnet.“ Er spricht von der Notwendigkeit eines „globalen Ökomanagements“, das er „Ko-Immunismus“ nennt. Es geht um ein gemeinsames Abwehrsystem gegen das Abkippen in die Barbarei, vor allem aber um ein gemeinsames Abwehrsystem, ein Immunsystem, gegen die planetarische Bedrohung.

„Gorgonische Aufklärung“. Was heisst das genau? In den von mir beigezogenen Texten finde ich wenig Auskunft. Die Gorgone Medusa war die sterbliche der drei Schrecken verbreitenden Töchter des Phorkys und der Keto. Aischylos belehrt uns: Wer Medusa ansah, dem ging der Atem aus, und er erstarrte zu Stein. Der Held Perseus enthauptete sie, ohne sie direkt anzublicken; er sah sie nur im Spiegel seines Schwertes. Die Stadtgöttin Athene trug später den abgeschlagenen Kopf als Emblem des existenziellen Schreckens auf ihrer Brust. So wurde der städtische Zusammenhang hergestellt, so wurden die Stadtbewohner diszipliniert.

Uns Götterverlassene blickt heute kein derartiges Gorgonenhaupt mehr an, das uns zur Ordnung rufen  und uns bannen könnte.

Ist dagegen das moderne Gorgonenhaupt unserer Tage, und ich folge hier Frank-Patrick Steckel,  die Unschuldsmiene der todbringenden Akteure der westlichen Hemisphäre, hinter der die brutale Evidenz unseres lebensfeindlichen Daseins maskiert wird? Gorgonische Aufklärung wäre dann, all diesen Akteuren des Untergangs ihre alltägliche Harmlosigkeitsmaske vom Kopf zu reissen, um hinter dem ablenkenden Dauergrinsen das wahre Gesicht offenzulegen, das Gesicht der Konzernunternehmer, der Banker, der Waffenproduzenten und der Waffenschieber, der so genannten Eliten aller Art, der dauerplappernden Talkmaster und Beschwichtigungsjournalisten, und all der weiterhin krank machenden Krisenmanager, einschliesslich der Politikerinnen und Politiker.

Gorgonische Aufklärung verspräche so die Auflösung der gesellschaftlichen Lähmung, die Überwindung der sozialen Apathie, die Wiederverflüssigung der individuellen Versteinerung.[17]

Dass diese gorgonische Aufklärung nicht die Fortsetzung des alten „Projektes Aufklärung“ sein kann, wie sie mit ihrer moralisch-politischen Vernunft etwa im Umkreis von Jürgen Habermas (wie eben auch von Axel Honneth) gedacht wird, ist für Peter Sloterdijk eine Selbstverständlichkeit.[18] Durch die Einführung einer neuen Sprache und einer damit einhergehend veränderten Weltsicht möchte Peter Sloterdijk eine Gruppe von Phänomenen der alten Tradition neu bestimmen: „Spiritualität“, „Frömmigkeit“, „Moral“, „Ethik“ und „Askese“ erscheinen dann anders  als wir sie bisher wahrnahmen. „Es gilt jetzt, die ganze Bühne um 90 Grad zu drehen, bis sich das religiöse, spirituelle und ethische Material unter einem aufschlussgebenden neuen Winkel zeigt.“

Er will die alte Sprache in die Sprache und Optik einer „allgemeinen Übungstheorie“ übersetzen. Hinter diesem „aufklärungskonservativen“ Unternehmen steht für ihn ein „Bewahrungsinteresse“, das explizit an jahrtausendealte Fäden „menschlichen Übungs- und Beseelungswissens“ anknüpft.

Das wird im Buch  „Du mußt dein Leben ändern“  in faszinierender Weise materialreich dargestellt. In immer neuen Anläufen durchkämmt Sloterdijk die Wissens- und Kulturgeschichte auf der Suche nach den grossen Einzelgängern, die im Widersetzen über sich hinauswuchsen und zu Nichtmitmachern beim kollektiven Selbstbetrügen wurden. Menschen, die dem jeweiligen kollektiven Selbstbetrug widerstehen, die sich nicht vereinnahmen lassen, faszinieren Sloterdijk. Dabei geht es ihm um die „neuerungslustigen Einzelnen“, um die Religionsstifter, Grossphilosophen und Sportgrössen, um die Helden aller Art, die uns Normalmenschen die Richtung nach dem Oben vorleben, vordenken, vorturnen. Sloterdijk plädiert für den Menschen als "Lebensakrobaten", der durch Üben mindestens den Sinn erkennt, dass er sich angesichts der bedrohlichen Weltlage wieder zu Höchstleistungen antreibt. Er deutet auch das Ziel dieser Höchstleistungen an, auf die wir uns zu verpflichten haben, indem er die von Karl Jaspers so genannte Achsenzeit (um 800-200 v. Chr.) zum Programm unseres Übens macht: das Streben nach dem, was das übliche Niveau unserer alltäglichen Gewohnheiten, Leidenschaften und undurchdachten Meinungen übersteigt. Dieses Aufsteigen-Können und Aufsteigen-Wollen und Aufsteigen-Müssen diskutiert Sloterdijk unter der Formel „Vertikalspannung“.[19]

Peter Sloterdijks Programm ist: Materialien zusammenzutragen zur „Biographie des homo immunologicus“. Es ist der mit sich selbst ringende Mensch, der ein Trainingsprogramm zu absolvieren hat, um die Angriffe auf sein Leben abwehren zu können. Sloterdijks Annahme: In dieser Biographie Stoff zu finden über „Anthropotechniken“. Sloterdijk schreibt: „Ich verstehe hierunter die mentalen und physischen Übungsverfahren, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewissheiten zu optimieren.“ Sein Ziel, es wurde schon genannt: Ein „globales Ökomanagement“, das bei ihm den Namen „Ko-Immunismus“ trägt.

Dem Vorwurf, mit einem globalen Ökomanagement  auf eine Ökodiktatur zuzusteuern, entgeht Sloterdijk durch seine Kritik am Kommunismus. In ihm kann er nur eine „Eroberungsreligion“ sehen, angetreten, politisch expansiv die Macht über alle Völker zu erzwingen. Dazu sollte eine „extreme Erziehungsdiktatur für unreife Populationen“  ihren  letztlich nur entmündigenden  Beitrag liefern. Lapidar das unmissverständliche Urteil: „Vor Wiederholungen wird gewarnt.“

Peter Sloterdijk kommt in seinem Buch „Du  mußt dein Leben ändern“  ohne Ausrufezeichen hinter dem Titel aus.[20] Die überlebensnotwendige Bewegung, die er damit postuliert, „hat keine  Zwangsbekehrung zum Ziel“. Nochmals aus dem Interview mit Julia Encke: „Wir müssen alles mit Freiwilligkeit auf der Basis guten Rates erreichen.“

Diese Forderung hat die positiven Aspekte des Dekonstruktivismus hinter sich. Sloterdijk sieht hellwach die „verführerischen Primitivformeln“ der Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts. Ob Rassismus, Kommunismus oder angemasste allein selig machende Auslegung von Mensch, Welt und Gott durch die Weltreligionen, sie alle haben teil am Scheitern ihrer eigenen Versprechen. Frech und deutlich formuliert Sloterdijk: „Die Sozialkatastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts sind aus Ideologien entsprungen, formuliert von irgendwelchen Halberleuchteten, die mit grosser prophetischer  Gebärde“ die Welträtsel lösen wollten.

Was dabei herauskam, haben wir schmerzhaft  lernen müssen und mit den Chiffren „Auschwitz“ und  „Archipel Gulag“  ins kollektive Bewusstsein der Menschheit eingebrannt. Auch das Christentum, und dabei auch und vor allem die katholische Kirche, war kein Damm gegen diese Inhumanität. Martin Heidegger hatte in seinem berühmten SPIEGEL-Interview noch gehofft: „Nur noch ein Gott kann uns retten“.[21] Sloterdijk dagegen urteilt: Es gibt keinen Gott, der uns retten wird, wir müssen diese Rettung schon selbst vollziehen durch all jene Übungen, die erforderlich sind, um zu dem „Menschen“ zu werden, der über sich hinauswächst.

Also keine metaphysisch aufgehängte normative Ethik, kein imperativisches „Du sollst!“. Eben nur „ratende Rede“ zwischen den Menschen. Nach Wilhelm Kamlah gehört eine solche „ratende Rede“ ins Umfeld der eudämonistischen Ethik, die uns nicht autoritär sagt, wie wir leben sollen, sondern wie wir hier und jetzt leben können.[22] Sie kommt ohne die „Moralkeule“ aus. Es reicht, dass geklärt ist, dass unsere heutigen Lebensstile nicht zukunftsfähig sind, dass sie die Fahrt auf den finalen Eisberg nur beschleunigen.  Wenn ich das nicht will und Leben sein soll, dann muss ich mein Leben ändern, sofern es zu dieser Katastrophe beiträgt. Und wer kann sich da heute schon freisprechen? Deshalb redet Sloterdijk immer „vom übenden Leben und von selbstformender Selbstverbesserung.“  Sensibel gegenüber allen angemassten Autoritäten, lässt er bestenfalls eine „betreute Freiwilligkeit“ zu. Das aus einer solchen Wahrnehmung die Zunft der Pädagogen und das Schulwesen insgesamt ins Kreuzfeuer einer vernichtenden Kritik geraten, ist konsequent.

„Das Problem des heutigen Schulwesens besteht offenkundig darin, daß es nicht nur dem Staatsauftrag, Bürger heranzuziehen, nicht mehr nachzukommen vermag, weil die Definition des Ziels angesichts der Anforderungen der aktuellen Berufswelt zu unscharf geworden ist. Es artikuliert sich noch deutlicher in der Preisgabe seines humanistischen und musischen Überschusses, um sich einem mehr oder weniger entgeisterten Betrieb pseudowissenschaftlich fundierter didaktischer Routinen zu widmen.“  Diese Schule entlasse Jahr für Jahr „mehr und mehr desorientierte Schülerkohorten, denen man ihre Anpassung an ein maladaptiv aus dem Ruder gelaufenes Schulsystem immer deutlicher anmerkt.“

Peter Sloterdijk sieht sich weder als postmodernen Guru noch als Trainer für Weltverbesserung, der sicher wüsste, wo es lang geht. „Dringende Mitteilungen“ liefere er ab, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Diese Mitteilungen sind zunächst  einmal Warnungen. Die will er ernst genommen wissen. Er mag es nicht, wenn man das Ausmass der Bedrohungen nicht an sich herankommen lässt, wenn man sie zynisch beiseiteschiebt  - ein viel praktiziertes Vorgehen gerade auch unter Intellektuellen. Auch mit denen geht er hart ins Gericht. Nicht minder kritisch ist Sloterdijk jenen gegenüber, die  zu nahe an die lokalen und globalen Probleme herangehen, die keinen Abstand halten, keine Distanz mehr aufbringen können, und übermotiviert naiv ihre Botschaften allen als allgemeingültige Lösung aufdrängen.

Peter Sloterdijk behauptet, dass wir heute eine dritte Position bräuchten, eine Position  jenseits von Zynismus und Naivität. Er meint Leute, die weder zynisch noch naiv sind, Leute, die als intelligente Wesen zur Einsicht gekommen sind, dass sie überleben wollen. Sloterdijk postuliert dazu eine „ontologische These“: „Intelligenz gibt es. Aus ihr folgt eine starke ethische These: Intelligenz existiert in positiver Korrelation mit dem Willen zur Selbstbewahrung.“

Die Geschichte, vor allem auch die des 20.Jahrhunderts,  hat jedoch im Blick auf die Selbstbewahrung  auf grausame Weise gezeigt, dass die Intelligenz in die Irre gehen kann. Sie kann Selbstbewahrung mit Selbstzerstörung verwechseln. Dafür hat uns die ältere Kritische Theorie, allen voran Theodor W. Adorno, die Augen geöffnet. Im Encke-Interview sagt Sloterdijk im Anschluss an diese Überlegungen: „Was jetzt auf der Tagesordnung steht, ist eine affirmative Theorie der globalen Ko-Immunität. Sie begründet und orientiert die vielfältigen Praktiken des gemeinsamen Überlebens.“

Jens Bisky urteilt  in der Süddeutschen Zeitung  über dieses Programm: Damit hätten wir ein „scharfsinniges Buch“, das sich „als Vademecum für alle“ empfiehlt, als unentbehrlichen Begleiter für diejenigen, die es leid sind, mit wertkonservativer Propaganda oder linksromantischen Regressionen abgespeist zu werden“.[23]

Für die Praxis eines jeden Einzelnen würde das bedeuten, dass er sich entschliesst,  „in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Überlebens anzunehmen.“

Zu dieser Praxis wird, aller Skepsis gegenüber einer normativen Ethik zum Trotz, ein metaphysikfreier ökologischer Imperativ formuliert, wie ihn Hans Jonas begründet hat: „Handle so, dass die Wirkungen deines Handelns verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“

Dem oft geäusserten Vorwurf, dieser ökologische Imperativ überfordere uns Menschen, begegnet Peter Sloterdijk mit dem Hinweis, dass der Mensch immer nur dann vorankomme, wenn er sich am Unmöglichen orientiert. Das Unmögliche ist heute das Notwendige. Sloterdijk: Es gibt „kein Menschenrecht auf Nicht-Überforderung“.  Liest man weiter, dann heisst es im Blick auf den ökologischen Imperativ von Hans Jonas, dass der „Tatbestand der Überforderung erfüllt“ sei.

Wir stehen vor einem Widerspruch. Meine Auslegung gerät ins Schwimmen.

Der ökologische Imperativ ist ja nichts anderes, als die Anwendung der seit der Achsenzeit möglichen Höchstleistungen auf die Herausforderungen des Atomzeitalters. Weshalb gilt plötzlich die Zumutung einer ökologischen Selbstbegrenzung nicht mehr?

Zieht  man zum besseren Verständnis  Sloterdijks Rede von 2009 zurate, die er während der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen hielt, dann wird alles noch  verwirrender. Bisher wurde belegt, dass Sloterdijk eine Position  jenseits von Zynismus und Naivität einzunehmen versuche, dass er einen dritten Weg verfolge. Jens Biskys Unterscheidung von wertkonservativer Propaganda und linksromantischen Regressionen ist nur mit Mühen auf die Positionen von Zynismus und Naivität zurückzuführen. Und in der Kopenhagener Rede lautet die Dualität, von der sich Peter Sloterdijk absetzen will, nochmals anders. Dort spricht er von „Resignation“, „Defätismus“ und einem „zynischen Nach-uns-die Sintflut“-Denken auf der einen Seite und einem „ethischen Enthusiasmus“ auf der anderen Seite, aus dem nach einer ersten Interpretation nur der aktuelle Imperativ einer „Ethik der globalen Mäßigung“ folge, eine „Wende zur Bescheidenheit“, also eine ökologische Selbstbegrenzung. Sloterdijk traut dieser Lesart jedoch nicht. Er postuliert: „Auf den zweiten Blick zeigt sich, daß die Forderungen nach einer globalen Ethik der Mäßigung oder gar die Hoffnungen auf einen klimatischen Sozialismus illusorisch sind.“ Wir seien „heute gezwungen, bei allen Prognosen und Projekten für die Welt von morgen davon auszugehen, daß die Menschen in den reichen Nationen ihren Wohlstand und seine technischen Prämissen für Eroberungen halten, die sie nicht mehr aus der Hand geben.“

Sind wir dazu wirklich „gezwungen“? Für meine Freunde und für mich gilt diese Aussage nicht. Uns leitet hier der bekannte Einwand, dass die Menschheit nicht über ihre Verhältnisse leben könne. Wer einen Wohlstand will, der die Ressourcen dieser einen Erde übersteigt, der gleichsam eineinhalb oder zwei oder gar noch mehr Globen braucht, um seine Begehrungen zu befriedigen, gerät unmissverständlich an die Grenzen des Wachstums.

Diesen Einwand lässt Peter Sloterdijk nicht gelten. Er fragt: Haben wir aus der monologischen Deutung der Erde überhaupt die angemessenen Konsequenzen gezogen? Seine Antwort: „Wir wissen noch nicht, welche Entwicklungen möglich werden, wenn Geosphäre und Biosphäre durch eine intelligente Technosphäre und Noosphäre weiterentwickelt werden. Es ist nicht a priori ausgeschlossen, daß hierdurch Effekte auftreten, die einer Multiplikation der Erde gleichkommen.“

Dieses Argument verschiebt die ethischen Höchstleistungen der Achsenzeit und damit auch den Imperativ der ökologischen Selbstbegrenzung auf das Gebiet einer verstandgesteuerten technischen Kreativität (intelligente Technosphäre und Noosphäre).

Mich beschleicht ein Unbehagen. Dieser Appell Sloterdijks an ein Ethos der Kreativität setzt für mich die überlebensnotwendige Ethik der ökologischen Selbstbegrenzung ausser Kraft.[24] Ein riskantes Gedankenexperiment. Und wenn sich dieses Ethos der Kreativität nur an Eliten richtet, wird da nicht leichtfertig der Pfad der Aufklärung verlassen? Sloterdijk in einem Interview: „Die Vision, dass es eine spätere Elite gibt, die ganz bewussten Gebrauch von den Selbststeigerungsmitteln, anthropologischen Selbststeigerungsmitteln macht, scheint mir unabweisbar.“[25] Axel Honneth dürfte ob eines solchen Diktums nur den Kopf schütteln. Er würde daran erinnern, dass auch die „Abgehängten“ Menschen, Mitmenschen sind.

Würde Peter Sloterdijk meine Skizze seiner Gedanken akzeptieren? Würde er meine kritischen Nachfragen bedenkenswert finden? Ich weiss es nicht. Möglicherweise wäre ihm meine ganze Auslegung zu stark auf die Überlebensproblematik konzentriert. Auf jeden Fall dürfte er meine Akzentsetzung auf eine Ethik der globalen Mässigung, auf eine ökologische Selbstbegrenzung, der sich alle auszusetzen haben, kaum akzeptieren.

Sein Buch erzählt im Kontext einer grundlegend neuen Anthropologie von den Übungen überhaupt, die notwendig sind, um ein „Mensch“ zu werden, um ein Mensch zu werden, der über den Menschen hinausgeht, den die Masse heute repräsentiert. Wahrscheinlich  zählt Peter Sloterdijk auch mich zu den „abgehängten Kollegen“. Das dürfte ihm allerdings nur gelingen um den Preis, sich selbst zu widersprechen. Wie dem auch sei. Um mich geht es hier gar nicht, es geht nicht einmal um Peter Sloterdijk. Es steht mehr auf dem Spiel.

Es geht darum, ob wir beim „Selbstauslöschungsprogramm“ mitmachen wollen oder nicht. Wer plötzlich erkennt, dass auch er dabei ist, die eigenen Lebensgrundlagen, und damit letztlich sich selbst, zu zerstören, für den kann es doch nichts Wichtigeres geben, als möglichst schnell alle Lernprozesse zu fördern, die geeignet sind, diese Gefahr abzuwenden.[26]

Welche Lernprozesse stehen zur Verfügung?

Peter Sloterdijk bietet mit der Rilke-Formel eine mögliche Antwort an: „Du musst dein Leben ändern“. In der Sprache der Pädagogik ist das ein Konzept der Individualpädagogik: Jedes einzelne Individuum könne sich  in „selbstformender Selbstverbesserung“  übend so emporbilden, dass es nicht länger Ursprung für individuelle Miseren und kollektive Katastrophen wird.

Das war auch das Programm der traditionellen Pädagogik von der Antike über das Christentum bis hin zum deutschen Idealismus und der spätbürgerlichen Pädagogik. Diese ganze Tradition ist gescheitert; man folgte ihren Imperativen nicht. Sie hat ja das beklagte Selbstauslöschungsprogramm nicht verhindern können. Wenn Sloterdijk dennoch „aufklärungskonservativ“  ein „Bewahrungsinteresse“ an diesen  jahrtausendealte Fäden „menschlichen Übungs- und Beseelungswissens“ hat, dann muss er die Phänomene dieser Tradition umschreiben, dann hat er „die ganze Bühne um 90 Grad zu drehen, bis sich das religiöse, spirituelle und ethische Material unter einem aufschlussgebenden neuen Winkel zeigt.“ Diese neue Individualpädagogik zielt auf eine Neuausrichtung  jedes Einzelnen. Es geht um die immer wieder zu übende Selbstbildung des Humanen durch jeden Einzelnen und in jedem Einzelnen, bis er sich nicht länger am Selbstauslöschungsprogramm der Menschheit beteiligt.

Mit der Wahl des individualpädagogischen Konzeptes wird zugleich jeder Kollektivpädagogik eine Absage erteilt. Die Revolutionen gesellschaftlicher Verhältnisse haben das Selbstauslöschungsprogramm ja ebenfalls nicht verhindern können. Bestenfalls kam es zum Austausch der Machteliten, die dann ihrerseits nur das Programm eines weiterhin krankmachenden Krisenmanagements verfolgten und verfolgen. Sloterdijk unmissverständlich: Jede Staats-Metanoia geht in die Irre.

Und doch: Peter Sloterdijk ist auf der Suche nach „effizienten Ko-Immunitätsstrukturen“, damit aus den übenden Einzelnen Mitglieder einer „Weltgesellschaft“  werden können, die nicht länger nur ihre Partikularinteressen wahrnehmen. Hier verschränkt sich Individualpädagogik mit Kollektivpädagogik. Es geht um eine vernunftgeleitete Solidarität, die aus der Erfahrung der Gefährdung der  „Einen Welt“ und des Einzelnen in ihr gespeist wird.

Nun, einige trauen auch diesem Programm nicht. Wenn die Individualpädagogik bisher aufs Ganze gesehen scheiterte, wenn die Kollektivpädagogik nicht minder versagte, weshalb soll jetzt die Verschränkung der individualpädagogischen Vertikalstreckung nach oben mit der kollektiven Evolution der gesellschaftlichen Verhältnisse im Sinne von Ko-Immunitätsstrukturen gelingen?

Solche Skeptiker ersetzen im Horizont einer neu belebten biozentrischen Sicht auf den Menschen alle Formen von Pädagogik durch „Menschenzucht“. Ihnen geht es um eine biologische Höherzüchtung der menschlichen Gattung, nicht um Erziehung oder gar Bildung.

Wenn Fremderziehung und Selbsterziehung, in welcher Variation auch immer, die „Bestie Mensch“ nicht zähmen konnten, dann setze man doch dort an, wo der Erfolg nicht ausbleiben kann, im anthropo-biologischen Fundament des Menschen, bei seinen Genen.  James Watson, der US-amerikanische Biochemiker und Nobelpreisträger, fragte auf dem Symposium „Engineering The Human Germline“ 1998 in Los Angeles: „Wenn wir bessere Menschen herstellen könnten durch das Hinzufügen von Genen, warum sollten wir das nicht tun?“[27] Und wer hoffte, dass eine Bioethik möglichen Züchtungsmissbrauch in die Schranken weisen könnte, der wurde durch Robert Edwards, den medizinischen Vater des Retortenkindes Louise Brown, belehrt: „Die Ethik muss sich der Wissenschaft anpassen, nicht umgekehrt.“ [28]

Solches Denken kommt an, es macht Schule. Bei Michel Houellebecq kann man in seinem verstörenden Roman „Elementarteilchen“ lesen, dass „die Lösung aller Probleme – einschließlich der psychologischen, soziologischen und gemeinhin menschlichen Probleme – nur technischer Natur sein kann“.[29] In seinem Briefwechsel mit dem Philosophen Bernhard-Henri Lévy bedauert Houellebecq, dass wir noch nicht den Mut haben zu einer „absoluten technischen Kontrolle des Menschen über die Natur (seine eigene biologische Natur inbegriffen).“ Auf diese Weise könne man „eine neue Natur schaffen“. Gentechnik würde dann endlich das leisten, wozu alle Erziehung bisher nicht imstande war: Die Zähmung und Verbesserung der Bestie Mensch.[30]

Inzwischen diskutiert die neue Disziplin Neuroethik die moralischen Fragen der Verbesserung der menschlichen Natur, insbesondere des menschlichen Gehirns. Der Diskussionsstand über Neuro-Enhancement ist hoch kontrovers.[31]

Nun betrete ich wohl vermintes Gelände, wenn ich solche Aussagen mit dem Werk von Peter Sloterdijk in Verbindung bringe. Hatte er nicht mit seinen „Regeln für den Menschenpark“ auch mit dieser Option geliebäugelt? Einige seiner Hörer und Leser hatten ihn so verstanden. Sloterdijks Kritik an seinen Kritikern war harsch. Hier fiel sein Wort von der „schamlosen Strategie der Falschleser“. Er sprach, nun unmissverständlich, von einer „expliziten Aufputschungspublizistik“.

Auch das hier ins Zentrum meiner Überlegungen gestellte Buch „Du mußt dein Leben ändern“, enthält Stolpersteine, die zu Missverständnissen führen können. Schon der Untertitel „Über Anthropotechnik“  kann in die Irre führen, wenn ihm ein instrumenteller Technik-Begriff zugrunde gelegt wird. Wer sorgfältig liest, kann freilich in diese Falle nicht stolpern. Peter Sloterdijk hat sein Verständnis von „Anthropotechnik“  von allen Konnotationen einer „Menschenzucht“ abgegrenzt. Ob es allerdings hilfreich ist, menschliches Lernen und Üben unter dem Stichwort „Technik“ abzuhandeln, sei dahingestellt. Auch hier lauern Missverständnisse. Vielleicht ist es doch nicht zureichend, die Philosophie unserer Zeit in Pointen zu fassen.[32] Jens Bisky hatte gelobt: „Wenn Philosophie ihre Zeit in Pointen erfassen kann, dann ist das hier geglückt.“ Ja, wenn. Bei Hegel hiess es noch, die Aufgabe der Philosophie sei einzig und allein "ihre Zeit in Gedanken zu fassen". Das meinte mehr und anderes als Pointen.

Mehr sprachkritische Klärungen und ein einfacheres Sprechen könnten  Missverstehen vermeiden helfen. Selbstkritisch notiert Peter Sloterdijk in der „Nachbemerkung“ zu seiner „Elmauer Rede“: „…ich hätte mehr an die Möglichkeiten, missverstanden zu werden, denken müssen“.[33]

In einem offenen Brief an Martin Heidegger hat Wilhelm Kamlah einmal gefragt: Warum nicht klar und einfach reden?[34] Nun, es ging wohl nicht, denn Heidegger wollte etwas zur Sprache bringen, was mit der vorgefundenen Sprache eben nicht zu sagen war.

Und Peter Sloterdijk?  Wer „die ganze Bühne um 90 Grad“ drehen muss,  „bis sich das religiöse, spirituelle und ethische Material unter einem aufschlussgebenden neuen Winkel zeigt“, der muss auch neu und anders sprechen. Ob Peter Sloterdijk dafür schon die angemessene Sprache gefunden hat, wird sich zeigen. Der grosse Filmemacher Jean-Luc Godard ist nicht davon überzeugt. Peter Sloterdijk, der Philosoph, so urteilt Godard, schreibe „nicht gut“. „Er kann nicht schreiben, was ihn aber nicht davon abhält, ein Buch nach dem anderen zu publizieren.“[35]

Eine neue, einfache, klare  Sprache zu finden, scheint mir überlebensnotwendig zu sein, damit möglichst Viele verstehen, dass heute alles darauf ankommt, dass jeder Einzelne von uns in seinem Lebenshorizont die Entscheidung singenden Herzens fällen kann: Ich will mein Leben ändern. Nicht: Ich soll!  Nicht: Ich muss! Ich will es! Freiwillig, fröhlich, heiter.

Ein Letztes: Im Gegensatz zu Jean-Luc Godard urteilte  Adam Soboczynski  in der Wochenzeitung DIE ZEIT, dass mit „Du mußt dein Leben ändern“ ein Buch von „seltener sprachlicher Schönheit“ vorläge.[36] Das ist nicht nur der Form nach Thema dieses gedankenprallen  Buches. Es geht auch inhaltlich um die Rolle der Ästhetik bei der „selbstformenden Selbstverbesserung“ durch Übung. War Schönheit für die alten Griechen nicht das Tor zum Guten? Kalokagathia – die Einheit des Schönen und des Guten zugleich. Eine einzige Kunsterfahrung könne ethisches Denken auslösen, denn, so Peter Sloterdijk,  „das seinserfüllte Ding…hört nicht auf,  uns anzusprechen, wenn sein Moment gekommen ist“. Kairos nannten das die alten Griechen. Und Rilke formulierte in der Schlusszeile seines Gedichtes „Archaischer Torso“ aus dem Zyklus „Der neuen Gedichte Anderer Teil“: „…denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern“.

Ja, ethisches Denken kann so evoziert, kann so angeregt werden. Auch sittliches Sich-Bewähren im Tun? Das ist tief umstritten. Bedarf es dazu nicht der realen Begegnung zwischen Menschen, die dann auch achtsam miteinander umgehen? Das zu bedenken und zu klären, erforderte ein anderes Referat.[37]

Peter Kern



[1] Für die kritische Durchsicht des Redemanuskriptes und für die sich anschliessenden schönen Gespräche danke ich herzlich Frau Prof. Dr. Gisela Miller-Kipp.

[2] Vgl. Peter Sloterdijk: Die Revolution der gebenden Hand, in: FAZ, 10.06.2009, S.29; Axel Honneth: Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe, in: DIE ZEIT, 24.09.2009, S.60-61. Vgl. auch Peter Sloterdijk: Die nehmende Hand und die gebende Seite: Beiträge zu einer Debatte über die demokratische Neubegründung von Steuern. Suhrkamp, Berlin 2010

[3] Vgl. Johan Schloemann: Und überhaupt, dieses ganze Milieu. Peter Sloterdijks Revolution und Axel Honneths Generalangriff, in: Süddeutsche Zeitung, 29.09.2009, S.19

[4] Vgl. Peter Sloterdijk: Ach, Professor! In: FAZ, 26.09.2009, S.35. Die online-Fassung vom 27.09.2009 trägt den Titel: „Das elfte Gebot: die progressive Einkommenssteuer“. Vgl. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/sloterdijk-antwortet-das-elfte-gebot-die-progressive-einkommenssteuer-1858539.html

[5] Vgl. Martin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 1963 in 10., unveränderter Auflage

[6] Wer in einer ersten Orientierung sich einen Überblick über die Werke Peter Sloterdijks verschaffen möchte, mag im Internet bei Wikipedia nachschauen: http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Sloterdijk. Vgl. auch die Einführung in das Werk von Peter Sloterdijk durch Hans-Jürgen Heinrichs; Peter Sloterdijk: Die Kunst des Philosophierens, Carl Hanser Verlag, München 2011

[7] Vgl. Jan Rehmann / Thomas Wagner: Sloterdijks Weg vom Zynismus-Kritiker zum Herrschaftszyniker, schnell zugänglich in LINKSNET: http://www.linksnet.de/de/artikel/24497

[8] Vgl. Holger von Dobeneck: Das Sloterdijk-Alphabet. Kritisch-lexikalische Einführung in seinen Ideenkosmos. Würzburg 2002; 2. stark erweiterte Auflage 2006

[9] Vgl. Peter Sloterdijk: Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers  Brief über den Humanismus, Frankfurt/M. 1999

[10] Vgl. inzwischen Peter Sloterdijk: Die nehmende Hand und die gebende Seite: Beiträge zu einer Debatte über die demokratische Neubegründung von Steuern. Suhrkamp, Berlin 2010

[11] Vgl. Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik, Frankfurt/M. 2009, 723 S.

[12] Vgl. Peter Sloterdijk, interviewt von Julia Encke: Uns hilft kein Gott, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.03.2009, S.21

[13] Vgl. Peter Sloterdijk: Wie groß ist groß? In: Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang. Texte von Paul J. Crutzen, Michael D. Mastrandrea und Stephen H. Schneider, Mike Davis und Peter Sloterdijk, Berlin 2011, S.93-110.

[14] Vgl. Josef Weizenbaum: Kurs auf den Eisberg, München/Zürich 1987

[15] Vgl. Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung, Frankfurt/M. 1979; Carl Friedrich von Weizsäcker: Der Garten es Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie, München/Wien 1977

[16] Vgl. Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Frankfurt am Main 1979; S.63ff.

[17] Vgl. Frank-Patrick Steckel: Die neue Gorgone. Formlose Anmerkungen zur Unschuldsmiene unserer Hemisphäre. 2003. http://www.blacktrash.org/texte/dng.html

[18] Übrigens wird die sogenannte „Sloterdijk-Debatte“ um seine „Elmauer Rede“  in Frankreich der „Sloterdijk-Habermas-Skandal“ genannt.

[19] Vgl. Karl Jaspers: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. Erste Auflage München 1949

[20] Der Titel übernimmt die Schlusszeile von Rilkes Gedicht „Archaischer Torso Apollos“ aus dem Zyklus „Der neuen Gedichte Anderer Teil“ von 1908: „Du musst dein Leben ändern.“ Dort auch ohne Ausrufezeichen. Schon in der „Einleitung“ zitiert Sloterdijk davon abweichend mit einem Ausrufezeichen; vgl. S.23.

[21] Jetzt zugänglich in Martin Heidegger: Gesamtausgabe. I. Abteilung, Band 16: Reden und andere Zeugnisse eines Lebensweges, Frankfurt am Main 2000, S.671

[22] Vgl. Wilhelm Kamlah: Philosophische Anthropologie. Sprachkritische Grundlegung und Ethik, Mannheim/Wien/Zürich 1972; zweiter Teil, II. Kapitel: Eudämonistische Ethik (Philosophie als Lebenskunst), S.145ff.

[23] Jens Bisky: Es gibt keine Religion,  in: Süddeutsche Zeitung vom 21.03.2009

[24] Vgl. Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter, 2. erweiterte Auflage 1984; dort Kapitel 4: Schritte zu gewaltfreiem Widerstand und zu ökologischer Selbstbegrenzung, S.75-111.

[25] Peter Sloterdijk im WDR-3-Interview vom 08.04.2009 im Zusammenhang seines Buches „Du mußt dein Leben ändern“.

[26] Vgl. Hans-Georg Wittig: Bildung zur Menschlichkeit inmitten kapitalistischer Globalisierung? In: Bernd Hummel: Die Bedeutung der Seligpreisungen für eine zukunftsfähige Bildung im Zeitalter der Globalisierung. Frankfurt am Main 2004, S.5

[27] vgl. Summary Report. Engineering The Human germline. www.ess.ucla.edu://huge/report.html

[28] zitiert nach Martin Urban, in: Süddeutsche Zeitung vom 27.11.1985, S.4

[29] Vgl. Michel Houellebecq: Elementarteilchen. Köln 1999

[30] Vgl. Michel Houellebecq / Bernard-Henri Lévy: Volksfeinde. Ein Schlagabtausch. Köln  2009

[31] Vgl. u.a. die kritische Position von Roland Kipke: Besser werden. Eine ethische Untersuchung zu Selbstformung und Neuro-Enhancement. Paderborn 2011. Vgl. auch die von der „Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin NEK-CNE“ herausgegebene Stellungnahme Nr.18/2011: „Über die Verbesserung des Menschen mit pharmakologischen Wirkstoffen“.  Vollständige Fassung unter www.saez.ch

[32] Vgl. Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung vom 21.03.2009: "Dieses scharfsinnige Buch ( Du mußt dein Leben ändern) empfiehlt sich als Vademecum für alle, die es leid sind, mit wertkonservativer Propaganda oder linksromantischen Regressionen abgespeist zu werden. ... Wenn Philosophie ihre Zeit in Pointen erfassen kann, dann ist dies hier geglückt."

[33] Peter Sloterdijk: Regeln für den Menschenpark, Frankfurt/M. 1999, S.57

[34] Vgl. Wilhelm Kamlah: Von der Sprache zur Vernunft. Philosophie und Wissenschaft in der neuzeitlichen Profanität, Mannheim/Wien/Zürich 1975. Darin:  „Martin Heidegger und die Technik“. Ein offener Brief (1954)“, S.113ff.

[35] Jean-Luc Godard: „Es kommt mir Obszön vor.“ Katja Nicodemus interviewt Godard, in: DIE ZEIT, Nr.41, 06.10.2011, S.52

[36] Adam Sobroczynski: Üben, üben, üben! Die Katastrophe trifft uns im Zustand der Vollnarkose. Der Philosoph Peter Sloterdijk rät: »Du mußt dein Leben ändern«, in: DIE ZEIT, 07.04.2009

[37] Vgl. Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter, Freiburg i.Br. 1984². Dort: „Lernen für eine befriedete Zukunft: theoretische Ermöglichung und praktische Verwirklichung, S.112-136“. Vgl. auch die Kulturseite von Peter Kern: www.haus-des-verstehens.ch

Nachtrag

2012 veröffentlichte Peter Sloterdijk "Zeilen und Tage. Notizen 2008-2011" Unter dem Datum vom 25. September 2009 findet sich auf Seite 296 dieser Eintrag: "Aus der Redaktion der Zeit kam ein diskreter Hinweis auf einen bevorstehenden Angriff von Axel Honneth auf meinen FAZ-Artikel über die nehmende Hand von Anfang Juni. Wie lange muß er gebrütet haben. Honneths Aufsatz zu lesen erweist sich als mühsame Aufgabe, da sie mit der Zumutung verbunden ist, sich durch zwei endlose Seiten von ansteckender Talentlosigkeit zu schleppen. Um nicht ganz untätig zu bleiben, schreibe ich eine kurze Richtigstellung für die FAZ vom Wochenende, halb ärgerlich, halb beiläufig, eine Antwort, die mir, kaum daß ich sie abgeschickt habe, deplaziert scheint. Wer die Replik aufmerksam liest, muß bemerken, daß mein Kampfgeist vorgetäuscht ist - er hat mehr von einer allergischen Reaktion als von einer sportlichen Riposte. Die launige Bemerkung, der gute Mann habe in bezug auf meine Arbeiten einen Lektüre-Rückstand von 6000 bis 8000 Seiten, wird unweigerlich zu Mißverständnissen führen. Als ob mir daran gelegen wäre, einen Desinteressierten zu bekehren."

Peter Kern

Der obige Beitrag wurde inzwischen von "KRITISCHES-NETZWERK.DE" übernommen.



 


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Sie denken sich mager, und sie amüsieren sich zu Tode. Neil Postman.