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Gesundheitswahn

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Gesundheitswahn

Wir sind nicht gesund. Eine kollektive Krankheit hat uns befallen: Wir leiden am Gesundheitswahn.

Das selbstverständliche Mitgegebensein unseres Körpers ist uns abhandengekommen. Wir leben nicht mehr in einer harmonischen Einheit mit unserem Körper, nein, wir stehen als stets besorgter Beobachter ihm kritisch gegenüber.

Investigativ antizipieren wir sein immer mögliches Versagen. Bevor wir wahrnehmen, dass es uns eigentlich gut geht, hat unser Bewusstsein schon das Netz des Misstrauens ausgeworfen. Der Körper ist für uns kein lebendiger Organismus, dem wir vertrauen, sondern ein Objekt funktionierender Teile. Blutdruck, Herz, Lunge, Leber, Muskeln, Sehnen, Knochen, Kopf und Knie: Ist alles wirklich noch in Ordnung?

Dabei trauen wir unseren Sinnen wenig. Aufgescheucht vom Lärm medialer Gesundheitsapostel, wollen wir Gewissheit. Auf den erfahrenen Blick des alten Arztes in unser Gesicht und auf unsere Haut geben wir nichts mehr, auch nicht auf sein Stethoskop. Diese Abhörerei ist uns zu subjektiv und unverbindlich.  Wir erwarten harte Daten von unserer Körpermaschine. Wir fordern deshalb eine Körperanalyse von mikroskopischer Genauigkeit: Laborwerte, Messwerte, Zahlen, Prozente, Diagramme. Inzwischen sind uns auch diese abstrakten Fakten nicht präzis genug. High-tech-verwöhnt, wie wir heute sind, begehren wir die Genauigkeit einer Magnetresonanztomographie. Ihr blind vertrauend,  begeben wir uns in eine der Kathedralen unserer Zeit, in ein Grossklinikum der Medizinexperten.

Erst nach der selbstauferlegten Qual in der Röhre fühlen wir uns zureichend informiert. Die ausmessbaren Bildserien können doch nur die Wahrheit sagen! Und diese hyperfeine Diagnostik sieht in der Tat viel, zu viel. Sie nimmt uns nicht als einmaliges Individuum, sondern als Objekt, das die statistische Norm verletzt. Schon können wir jede noch so kleine Abweichung von dieser Norm als Chiffre kommenden Unheils lesen. Eine Diagnose ohne Befund hätte uns sehr verstört.

Die sich selbst erfüllende Prophezeiung zeigt ihre Wirkung: Ich wusste es doch, dass ich krank bin, nun wurde auch ich aus dem heilen Bezirk der Gesundheit vertrieben.

Nach der hypochondrischen Fixierung auf den Körper folgt dessen Bestrafung. Pausenlos wird er fortan überwacht, bewacht, tyrannisiert. Er darf nichts mehr, was er, ach so gerne, möchte: lustvoll essen, genüsslich trinken, heiter-entspannt rauchen, kopflos lieben. Alles verboten!

Unser Krankheitsbewusstsein hat uns in die Krankheitsfalle gelockt. Plötzlich sehen wir uns einem Paradox gegenüber. Der Arzt und Historiker Klaus Dörner bringt dieses Gesundheitsdilemma auf den Begriff: Je gesundheitsbewusster wir zu leben versuchen, desto weniger gesund fühlen wir uns. Schon die leiseste Ahnung, wir könnten krank werden, schleudert,  prophylaktisch, jeder Lebenslust das lebensfeindliche „Nein!“ entgegen. Der gesundheitsüberwachte Körper wird mit Lustverlust bestraft noch bevor er überhaupt ernsthafte Symptome einer Krankheit zeigen kann – und wird so erst recht krank.

Wer permanent an seine Gesundheit denkt, der ist bereits krank. Gesund sind wir immer dann, wenn wir nicht an Gesundheit denken, denn Gesundheit ist ein verborgener Zustand. Indem wir vergessen, dass wir gesund sind, sind wir gesund. Denken wir jedoch an Gesundheit, so denken wir notwendigerweise immer auch an Krankheit.

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer formulierte das einmal so: Im „selbstvergessenen Weggegebensein“ an einen Anderen  oder an ein Anderes verlassen wir das körperzentrierte Kreisen um Gesundheit und Krankheit. Gadamer wusste, wovon er sprach. Er wurde über hundert Jahre alt. Am 11. Februar 1900 wurde er in Marburg geboren; am 13. März 2002 starb er in Heidelberg. Sein Diktum vom selbstvergessenen Weggegebensein ignoriert nicht Krankheit als Krankheit. Gadamer war selbst einmal schwer erkrankt und hat dankbar die Hilfe der Ärzte in Anspruch genommen. Was der Philosoph uns zu bedenken geben möchte ist dies: Wer Gesundheit zum zentralen Lebensthema macht, wie das heute üblich geworden ist, der wird Opfer einer Denkstörung, die seine Lebensführung negativ beeinflusst. Das Denken nimmt wahnhafte Züge an, eben die eines Gesundheitswahns. Nur im Überwinden der furchtgetriebenen  Sorge um uns selbst kann der Bann des Gesundheitswahns gebrochen werden.

Das ist keine gute Botschaft für Krankheitserfinder, wohl aber für all jene, die sich der Enteignung ihrer körperlichen Lebenswelt durch den Markt entziehen wollen.

Peter Kern

Dieser Beitrag wurde von KRITISCHES-NETZWERK.DE übernommen.





 


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„Es hilft nichts, wenn es um Lebenseinstellung geht, kann ich nur den Alten vertrauen. Bei den Modernen interessieren mich nur die Überspanntheit, das Komödiantentum, die Kaprizen und ein Hauch von Tragik, dessen sie sich nicht bewusst sind.“ Emile M. Cioran.